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BLOG vom 06.11.2013


Zwangsstörung (OCD, obsessive compulsive disorder)
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Zwänge und Ängste können Menschen beherrschen und zur Manie ausarten. Ich sehe davon ab, zwanghafte Handlungen, die zum Ritual festgefroren sind, in diesem Text zu berücksichtigen (Reinlichkeits- und Kontrollzwänge unter einer Vielfalt von anderen Störungen des Verhaltens).
 
Stattdessen möchte ich vorerst einige zwanghafte Handlungen aus dem Alltagsleben aufgreifen, die uns dann und wann vorübergehend packen und plagen, ohne auszuarten. Jemand verlässt das Haus und kehrt plötzlich nach 20 Schritten ins Haus zurück: Das ist wohl ein bekanntes Beispiel, das wir alle hin und wieder erfahren. Haben wir die Türe verriegelt? Den Schlüssel im Schloss stecken gelassen? Sind die Fenster geschlossen? Haben wir die elektrischen Geräte ausgeschaltet?
 
Besorgnisse können Zweifel wecken, die in uns Ängste auslösen. Als Kind, erinnere ich mich, war ich vielen Zweifeln ausgesetzt. Hatte ich die Schulaufgaben, besonders die bis zum letzten Augenblick aufgeschobenen, richtig verstanden? Diese Frage drängte sich mir öfters auf. Solchen Zweifeln entwächst man allmählich, weil sich unsere eigene Urteilskraft bildet und stärkt. Das Kind ist stark von den Eltern abhängig und ängstigt sich jedes Mal, wenn ein Elternteil länger als erwartet ausbleibt. Ist der Vater verunfallt oder die Mutter erkrankt? Andere gerechtfertigte Zweifel fliegen uns immer wieder zu, die uns als Schutzmantel dienlich sind. Wir bezweifeln vielversprechend Anzeigen und lassen uns nicht ködern. Eine gesunde Dosis Skepsis ist in vielen Lebensbelangen angebracht.
 
Phobien (worunter die weitverbreitete Angst vor Spinnen) steigern sich bis zu krankhaften Ängsten und Ekelgefühlen. Die Vernunft kann uns von vielen Phobien befreien: „Die Blindschleiche ist keine Schlange, sondern eine Echsenart.“ Viele Phobien lassen sie sich umgehen oder ausweichen: Wer Angst vor der Liftfahrt hat, kann die Treppen hoch- und tief gehen, was erst noch gesund ist.
 
Auch der Aberglaube verleitet uns zu sinnlosen Handlungen, zum Beispiel angesichts einer schwarzen Katze, die unseren Weg kreuzt, oder eine schräg an die Hauswand gestellte Leiter, unter der wir nicht gehen wollen: Ein Ziegel könnte uns auf den Kopf fallen. Langen Eiszapfen, die an der Dachkante hängen, sollte man ausweichen. Auch in diesem Zusammenhang herrsche die Vernunft vor.
 
Schwerwiegender sind Süchte aller Art, die uns bedrängen und in eine ausweglose Sackkasse treiben. Die Spielsucht treibt viele Leute in die Armut, von der Aussicht auf Gewinn bezirzt. In Läden bemerke ich immer wieder arme Schlucker, die eine Summe, die sie sich vom Essen absparen, im Lotto verjubeln. Die Gewinnchancen sind verschwindend gering. Besonders in ärmlichen Londoner Quartieren nisten sich mehr und mehr Lokale für Wetten (Betting Shops) ein. Solchen Fallen geht man ebenfalls am besten aus dem Weg.
 
Wer spätabends durch Strassen geht, derweil sich die Pubs entleeren, muss hemmungslos Betrunkenen ausweichen, worunter torkelnde und grölende Jugendliche ausser Rand und Band. Die Polizeistreifen lesen sie von der Strasse auf. Wo Alkohol nicht ausreicht, springen die Drogenhändler ein. Solches OCD ist schwer heilbar.
 
In einer Strasse in Paris beobachtete ich einst einen Mann – und folgte ihm neugierig –, der nach rund 20 Schritten eine Münze fallen liess und wieder aufhob. Ihm ging es wohl um „Kopf oder Zahl“, womit er sich eine Wunscherfüllung erzwingen wollte. Krampfhaft wiederholte er sein Spiel ums Glück. Schliesslich gab er auf und verschwand in ein Hotel. Wollte er eine Frau von der Strasse aufgabeln? ging mir durch den Sinn und folgerte: Im Leben lässt sich das Glück nicht erzwingen und gewiss nicht von der Strasse auflesen!
 
Neue Übel gesellen sich zu den alten, die uns in selbst auferlegte Zwänge einbinden. Computerspiele, das fortwährend beinahe krankhafte Nachschlagen im E-Mail und Facebook sind Zeitfresser, die uns vom wirklichen Leben – echten Erleben – ablenken.
 
Nun gibt es auch bekömmliche Rituale, die wir zwangsläufig befolgen. Dazu gehören Arbeitsvorbereitungen mannigfaltiger Art. Der Werkzeugkasten, gleich welcher Art, muss griffbereit aufliegen.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Ängste und Zwänge
14.07.2005: Verwöhnte Kids unter Konsumzwang: „Let’s have chips!“
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