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BLOG vom 11.11.2015


“Der Untergang des Abendlandes”

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Das Schicksal ist undurchsichtig. Ich bedaure den Untergang alter Kulturen. Ihre Überreste sind in Form von Artefakten in Museen aufbewahrt, die Hieroglyphen der Alten Ägypter sind entziffert, der schriftliche Nachlass alter Zivilisationen ist bis heute eine Schatzgrube, von der wir bis auf den heutigen Tag zehren. Das Wissen aus dem Altertum der Römer, Griechen und aus dem Morgenland beschäftigt Gelehrte. Dank ihnen gewann ich erleichterten Zugang zu Meisterwerken aus der entfernten Vergangenheit. Dieses Wissen ist unser kollektives Erbe von unermesslichem Wert.

Nach diesem Vorwort versuche ich, einige der wechselhaften Übergänge in unserem Leben aufzuspüren. Das kann ich nur aus meiner persönlichen Sicht tun, auf eigene Erfahrungen und Beobachtungen abgestützt.

Unsere Geburt wird mit einem Geburtseintrag bescheinigt. Der Ort unserer Geburt ist vermerkt, mitsamt dem Land, also Basel in der Schweiz in meinem Fall. Wir tragen den Namen unserer Familie mit eigenem Vornamen versehen.

Der Gang vom Kind zum Erwachsenen ist entweder geradlinig vorbestimmt und absehbar, oder verläuft kapriziös bis mysteriös, von besonderen Umständen getrieben und ausgelöst. Die meisten meiner Schulgenossen sind ihrer heimatlichen Scholle treu geblieben. Sie leben zufrieden innerhalb ihresgleichen in der vertrauten Umwelt. Dem Zufälligen in meinem Leben messe ich besondere Bedeutung zu, von meiner Neugier getrieben. Ich musste meine eigenen Wege finden und gehen.

Meine flämische Mutter war meine Wegbereiterin zur Literatur. Die stillen Abendstunden mit einem Buch in der Hand sind mir in Erinnerung geblieben. Sie ersparte das Geld für meinen Violinunterricht an der Musikschule und sicherte mir zuletzt eine gute Geige.

Dies waren die ersten Vorstufen zu meinen sukzessiven Übergängen. Dem folgte ein Welschlandjahr, gefolgt von meinem ersten Aufenthalt in London. Stichwortartig seien noch einige für mich wesentliche Übergänge gestreift: Rückkehr in die Schweiz, Heirat mit meiner persischen Lebensgefährtin in Zürich, Rückkehr wiederum nach England, dank einer Stelle im SRI (Stanford Research Institute). Immer wieder finde ich mich zwischen Heimweh und Fernweh hin- und hergerissen.

Andere Menschen – andere Übergänge im weitverzweigten Netz der Umstände.

Man bedenke der gegenwärtigen Flüchtlingsströme voller Tragik aus Syrien und anderen Ländern im Umfeld des kriegerischen Machtgerangels, das Menschen entwurzelt und in den Tod treibt. Die “gnadenbringend Weihnachtszeit” steht an. Obdachlose finden für einige Tage Essen und Unterkunft, bevor sie wieder auf Strassen entlassen werden. Unsere sogenannte Kultur ist erbarmungslos und hat nichts von der Menschheitsgeschichte gelernt. Wer sich dann in den kommerziellen Weihnachtsrummel stürzt, sei – mir fehlt das treffende Wort ...

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* Der Buchtitel “Der Untergang des Abendlandes” (1919 veröffentlicht) stammt von Oswald Spengler. Ich konnte mich nicht in diesem Werk einfinden. Ich entgleiste schon im ersten Abschnitt der Einleitung: “In diesem Buche wird zum ersten Mal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen. Es handelt sich darum, das Schicksal einer Kultur, zwar der einzigen, die heute auf der Erde in Vollendung begriffen ist, derjenigen Westeuropas, die noch nicht abgelaufenen Stadien zu verfolgen.”

Meine Zuversicht für eine bessere Welt ist gebrochen. Ich suche da und dort Trost im Erbgut der Kultur.

 


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