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BLOG vom 07.04.2016


Wann, wo und wie oft langweilen wir uns?

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Kinder langweilen sich weniger als Erwachsene. Das stimmt nicht. Ich erinnere mich, wie ich mich am Sonntagmorgen in der Kirche langweilte. Es gelang mir, heimlich langatmigen Predigten zu entrinnen. Im Botanischen Garten kam keine Langeweile auf.

Der Sonntagsspaziergang in die Stadt langweilte mich. Die Stadt war wie ausgestorben. Die wenigen Cafés hingegen waren überfüllt. Die Patisserie linderte meine Langeweile keineswegs. Meine Spielgefährten fehlten mir.

Auch in der Primarschule kam oft Langeweile auf. Hinter der Hand verfolgte ich dann den Flug der Schwalben. “Träumst schon wieder?” rügte mich der Lehrer. Ich beneidete die frei segelnden Schwalben.

Beim Bachgraben gab es einen alten ausgehöhlten Riesenbaum. Ich konnte in seiner Innenseite mit einem Buch hochklettern und auf meiner bevorzugten Astgabel mit der Lektüre beginnen. Ich wurde zur Leseratte – bis auf den heutigen Tag.

Langweiler meide ich tunlichst. Erwischt mich einer, unterdrücke ich das Gähnen und erfinde flugs eine Ausflucht, um ihm so rasch als möglich den Rücken zu kehren. Langweiler sprechen immerfort über sich selbst. Sie lassen kein Gespräch aufkommen.

Ein grundsätzlich ungeduldiger Mensch wie ich, wird zappelig im Verkehrsstau. Das Auto wird zur Gefängniszelle – mit oder ohne musikalische Berieselung. Das Schlimmste, was einem widerfahren kann: Der überfüllte Lift stockt zwischen Stockwerken.

Allein gelassen, langweile ich mich sehr selten. Wie eben jetzt, wie ich an einem Text über die Langeweile schustere, ist alle Langeweile ausgeblasen. Sie kann nicht aufkommen. Wer sich beschäftigt, entspannt sich, von seinem Selbst losgelöst.

In guter Gesellschaft langweilt man sich nicht. Der Freundeskreis sorgt für Unterhaltung. Das Gute an der Langeweile ist: man kann ihr entkommen. Ich habe hier die vielfältige Langeweile in acht Dreizeilern untergebracht, hoffentlich ohne die Leser zu langweilen.

 


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