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8. Ausgabe www.textatelier.com 02. 10. 2003


Was ich weiss, macht mir/mich heiss

"Wissen ist Macht", heisst es, oder im lateinischen Originalton: "Scientia potentia est." Schliesslich muss man sein Wissen auch gebührend verkaufen, hinüberbringen, wie man heute sagt (Quelle im vorliegenden Fall: handelsübliches Zitate-Lexikon).

Kinder haben eine angeborene Neugier, wie unser Einstiegsfoto zeigt und beweist. Sie sind zu lernen gezwungen, wobei selbstredend besonders verlockend ist, was aus irgendwelchen Gründen verhüllt wird. Das Thema, auf die Duftebene umgebogen, ist auch in der Literatur anzutreffen, etwa im Roman "Fräulein Stark" von Thomas Hürlimann: Ein 13-jähriger Knabe verbringt einen Sommer bei seinem Onkel, bevor er in eine strenge Klosterschule eintreten muss. Der Onkel ist Prälat und Monsignore. Er leitet als Bibliothekar die im ganzen Abendland berühmte Stiftsbibliothek von St. Gallen (Schweiz). Seine Haushälterin, das katechismusfromme Fräulein Stark, des Lesens und Schreibens nicht sattelfest kundig und damit die Ergebnisse der Pisa-Studie vorwegnehmend, übt mit eisernem Zepter die Oberaufsicht über den Buben aus. Dafür reicht die Bildung noch alleweil.

Der Knabe wird sogleich in den Bibliotheksdienst integriert; heute würde man von Kinderarbeit sprechen. Seine Karriere beginnt er als Pantoffelministrant am Eingang dieser Bücherarche, die alles versammelt, von Aristoteles bis Zyste. Beim Eingang zu diesen heiligen Hallen müssen es sich die Besucher gefallen lassen, ihre Schuhe in Pantoffeln zu stecken, bevor sie das berühmte barocke Parkett betreten dürfen. Während der Ausübung seines Amtes, vor den Füssen der Besucherinnen kniend und ihnen die passenden Pantoffeln überziehend, merkt der wissbegierige und vorlaute Knabe, dass er über eine ausgezeichnete Nase verfügt, über einen eigentlichen Riecher. Dieser ergreift von ihm immer mehr Besitz, und er setzt seine Phantasie, seinen Eros in Gang. Der vorwitzige Naseweis erzählt uns im Roman von diesem denkwürdigen Sommer und damit von seinen in ihm erwachenden Begehrlichkeiten. Aus einer etwas tiefer angelegten Perspektive erlebt der Leser die wehmütig herbeigesehnte, unbekannte Welt, in der es so manches zu entdecken und zu erfahren gilt.

Wissbegierde ist eine fundamentale Eigenschaft, auch aus Gründen der Überlebenstechnik. Das Wissen ist eine Grundlage für richtige beziehungsweise zweckmässige Entscheidungen. Man kennt das etwa von den (illegalen) Insidergeschäften an der Börse. Denn je mehr Fakten und Randbedingungen sowie Zusammenhänge bekannt sind, umso kleiner ist die Gefahr, dass diese Lateiner-Weisheit bestätigt wird: "Errare humanum est" ("Irren ist menschlich").

*

Das Wissen kann, wie alles auf dieser Erde, mit legalen Mitteln erworben werden, zum Beispiel durch die schulische Bildung, durch Lesen, durch eigene Beobachtungen und Erfahrungen. Es kann aber auch zusammengestohlen werden, im grösseren Stil durch Spionage, Hackeraktionen im Computerbereich, Abhören von Telefonen und Kontrolle der elektronischen Kommunikation, wie das die USA möglichst umfassend und weltumspannend tut.

Eine Vorahnung von solchen kriminellen Aktionen hatte der am 25. Juni 1903 geborene und am 21. Januar 1950 an Tuberkulose verstorbene George Orwell, der sich ebenso auf Fragen der Landwirtschaft und des Gemüsebaus verstand und seine entsprechenden Kenntnisse im Roman "Animal Farm"("Die Farm der Tiere"), eine ausgeweitete Fabel, verwertete. Dort stellte er fest, alle Wesen seien gleich, nicht ohne beizufügen zu vergessen, manche seien gleicher als die anderen. Gäbe es diese ungleich gleicheren nicht, wäre der totale Überwachungsstaat obsolet, denn dann würde ja die Überwachung eines einzelnen Individuums vollumfänglich genügen, um verlässliche Rückschlüsse auf die übrigen Seinesgleichen ziehen zu können. Und dann hätte auch der Roman "Nineteen eighty-four" (deutsch: "1984") nicht geschrieben werden können. Er schöpfte aus der eigenen Erfahrung, hatte er doch in seinen Notizbüchern eine Liste von Personen angelegt, die er der Sympathie mit dem Kommunismus verdächtigte, und er spielte diese Liste der britischen Regierung zu. In weiser Vorausahnung beschwor er das "Big Brother"-Gespenst herauf und gab damit ungewollt den Titel für dümmliche TV-Serien, die von den tatsächlich über uns hereingebrochenen Überwachungen nicht nur ablenken, sondern die Überwachung als solche zum voyeuristischen Vergnügen für unbedarfte Schlüssellochgucker hochstilisieren. Man darf jetzt zusehen, wenn sich fremde Menschen duschen.

Die totale Überwachung
Der Terrorismusvorwand, der laufend durch ernste Warnungen aus Geheimdienstkreisen geschürt wird, scheint die Einrichtung von verschärften Kontrollen in allen Lebenslagen zu rechtfertigen. Denn sozusagen jeder Mann und jede Frau wird als potenzieller Terrorist betrachtet, es sei denn, es gelinge der verdächtigten Person, das Gegenteil zu beweisen. Und so werden bald einmal alle Bewegungen der Menschen filmisch festgehalten, der Datenverkehr wird überwacht und bald einmal wird jeder Fussabdruck, den ein Mensch hinterlässt, aufgezeichnet. Selbst die Einkaufsgewohnheiten werden auf Franken und Rappen, Euro und Cent genau von den Registrierkassen registriert; denn die Grossverteiler haben sich ebenfalls das Datensammelhobby zugelegt. Das Bild wird immer schärfer; vermehrte Pixel lassen immer deutlichere Konturen erkennen, wie man aus der modernen Digitalfotografie weiss.

Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür befürchtet aus guten Gründen, dass der Kampf der USA gegen den Terrorismus "langsam zur Gefahr für unseren Rechtsstaat wird". Im Zuge der Terrorismusbekämpfung seien Gesetze erlassen worden, die dem Datenschutz diametral entgegenstünden; die Bush-Administration suche unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung nach Hegemonie auf allen Ebenen, stellte Thür in einem Rückblick Mitte 2003 fest. Als jüngstes Beispiel nannte er die Vorschrift der USA, dass alle Fluggesellschaften Personendaten ihrer Passagiere von der Religion über Essgewohnheiten bis hin zur Kreditkartennummer herausgeben müssen. Mangels eines Abkommens sei die Fluggesellschaft Swiss gezwungen, solche Daten unter Umständen in Verletzung nationalen Rechts weiterzugeben. Dieses Vorgehen sei kein Einzelfall, schrieb Thür im Vorwort seines Jahresberichts. Das an sich fortschrittliche Schweizer Datenschutzgesetz werde laufend durch die USA ausser Kraft gesetzt, ausgerechnet durch ein Land also, das sich beim Datenpersonenschutz "auf dem Niveau eines Entwicklungslandes" bewege.

Die Computertechnik erleichtert das Speichern und das Suchen enorm. Und aus ganz verschiedenen Datenfragmenten lässt sich dann ein recht zuverlässiges Bild vom Denken und Handeln jeder Person gewinnen, die man bei ihren Schwächen packen, verführen und damit nach Belieben leiten kann. Da aber auch Irrende und Irre Daten auszuwerten pflegen, besteht die Gefahr, dass Fehlinterpretationen einzelnen unschuldigen Individuen, die zufällig in einen bestimmten Raster passen, zum Verhängnis werden.

Macht und Machtmissbrauch
Wenn Wissen Macht ist, dann ermöglicht es auch den Machtmissbrauch, was in diesen Zeiten der allmählich legalisierten Präventivkriege (auf Verdacht hin) ungemütlicher wird als es sich Orwell in seinen kühnsten Vorhersagen ausmalen konnte; denn das kann sich auch auf den kriminalistischen Alltag ausweiten. Wenn nicht nur Täter bestraft werden, sondern sogar potenzielle Täter auf Verdacht hin ausgeschaltet und im Prinzip abgeschlachtet werden können, ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Völkerrechtlich stehen diese Tore bereits sperrangelweit offen. Jetzt gilt das Recht des Stärkeren, des Stärksten, dessen Kraft auch zum Teil aus der Informationssammeltätigkeit besteht. Das von den Vereinten Nationen grundsätzlich verhängte Gewaltverbot weicht einer neuen Form von Privatjustiz, die sich aus den Machtinteressen oder materiellen Begehrlichkeiten des Mächtigen ableiten. Das Recht wird anarchisch, und das gesammelte Wissen wird u. a. missbraucht, um Einfluss und Kontrollen über Rohstoffe, Transportrouten usf. zu gewinnen.

Das Motto "Wissen ist Macht" hat unter den neuen Prämissen eine üble Schlagseite bekommen, was eine desinformierte und desorientierte Gesellschaft leider nicht wahrnimmt. Und die Erziehung der Menschen zu kritischen (auch zu selbstkritischen Wesen) wird tunlichst unterbunden, weil denkende Staatsbürger die Mächtigen bei ihrer Machtausübung behindern würden; von einigen Ausnahmen abgesehen, halten sogar die Geistesgrössen ihre Meinung zurück, um nicht in Ungnade zu fallen. Widerspenstige werden mit wirtschaftlichen Strafaktionen gezähmt. Wer dem auf billige Lügen aufgebauten Angriff auf den Irak kritisch oder gar ablehnend gegenüberstand, dem wurde im Rahmen der Handelsbeziehungen die Rechnung aus den USA schon präsentiert. Wer die Vernichtungsfeldzüge und Raubzüge anprangert, wird zu so etwas wie ein Verräter an einer herzensguten Sache gestempelt und muss dafür büssen. Er lebt fortan gefährlich. In Orwell-Manier könnte man bereits von Zuständen wie in den ehemals kommunistischen Machtapparaten schreiben, zum Beispiel unter dem Titel "2014", würde aber ebenfalls Gefahr laufen, eher früher als später von der Realität hoffnungslos überholt zu werden.

Der Blick unter den Rock
Das interessierte Knäblein auf unserem Bild, das wissen möchte, wie es unter dem Rockzipfel weitergeht, verhält sich artgerecht und ist sympathisch. Und auch der Blick unter den Schottenrock ist zu begründen. Denn es ist immer wichtig, Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt wo möglich durch eigene Anschauung zu überprüfen. Da spielt einerseits eine gesunde Portion Wissensdurst und anderseits Skepsis mit. Solche angeborenen Verhaltensweisen werden den Menschen schon in jungen Jahren ausgetrieben, damit sie den auf illegalem Wissen ausgebauten Machtmissbrauch ungestört verüben können. Die Kriminalität, die für die Gesellschaftsentwicklung ins Gewicht fällt, verüben nicht die handwerklich agierenden Einbrecher oder die Trickbetrüger, denen gewiss niemand mit einer ausgesprochenen Sympathie begegnet und die heutzutage zur DNS-Probe geladen werden, sondern jene, die sich selber ein universelles Polizeirecht zusprechen, das auf keiner gesetzlichen Grundlage beruht, und die den selbsternannten Richter spielen, ohne irgendwelche völkerrechtlichen oder gesetzlichen Grundlagen zu beachten und zu befolgen.

Wir müssen lernen, auch in solchen Fällen genauer hin und unter Deckmäntel aller Art zu schauen. Und nötigenfalls rebellieren. Jedenfalls so lange das noch erlaubt ist.

Walter Hess

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