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     16. August 2018, 14:21 Uhr
 


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Michelangelos Supraleiter

Die Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle (Cappella Sistina) im Vatikan, die Michelangelo Buonarroti zwischen 1508 und 1512 schuf, sind allgemein bekannt, allen voran das Fresko "Die Erschaffung Adams".

In diese weltberühmte Kapelle, die im Auftrag von Sixtus IV. zwischen 1473 und 1477 erstellt worden ist, sind viele Geheimnisse eingebaut. So entsprechen die Abmessungen exakt jenen des alten salomonischen Tempels in Jerusalem. Diese Hauskapelle konnte nicht nur als sakraler Raum, sondern auch als Festung genutzt werden; der Wohntrakt des Papstes ("piano nobile") befindet sich gleich im Anschluss daran.

Ein weiteres Geheimnis dieses römisch-katholischen Machtzentrums ist vielleicht auch das erwähnte Fresko, dessen Titel nicht zuzutreffen scheint: Es geht offensichtlich nicht um die körperliche Erschaffung Adams, der angeblich durch eine Annäherung der Zeigefingerspitzen vom väterlichen Schöpfer zum Leben erweckt wird, sondern offensichtlich liegt der durchtrainierte Adam mit angespannten Muskeln, aber entspannt wirkender Hand bereits fix und fertig da. Gott und sein athletisches Ebenbild schauen einander tief in die Augen; möglicherweise sprang dabei der zündende Funke wie bei einem Flirt auf höherer Ebene.

Da wurde offenbar der neue Mensch versinnbildlicht, der sich selber als Schöpfer sieht und sogleich die Muskeln spielen lässt. Im Buch "Vernetzte Intelligenz" von Grazyna Fosar und Franz Bludorf (Omega Verlag, 2002) wird zu diesem Gemälde in moderner Sprache die Vermutung geäussert, da werde im Menschen ein "höheres Bewusstsein durch Hyperkommunikation geweckt". Verstehen die erwähnten Autoren darunter das "Anlagern von Kommunikationskanälen an unsere DNA-Moleküle", ist die Hyperkommunikation in den modernen Kommunikationswissenschaften eine gemeinsame Arbeit am vorgegebenen Text oder Informationsnetzwerk.

Überall in der Natur sorgt die besagte Hyperkommunikation im zuerst genannten Sinne für einen geordneten Ablauf des Lebens: Die Organismen werden über geheimnisvolle Kanäle und Verhaltensanweisungen mit Informationen versorgt, die ausserhalb ihres Wissensspektrums liegen – auch das sind geheimnisvolle Vorgänge, die Michelangelo zweifellos erahnt hatte. An seinem Deckengemälde stimmt künstlerisch alles, nur der Titel gibt Rätsel auf. Im Kommunikationszeitalter würde man es wohl eher "Himmlischer Supraleiter" nennen.

Der Quantenphysiker David Bohm (1917–1992) war es, der Analogien zwischen der Supraleitung und der menschlichen Kommunikation bzw. Kooperation gezogen hat: In einer handelsüblichen elektrischen Leitung bewegen sich die Elektronen ungeordnet, prallen zusammen und behindern sich; es entsteht Widerstand. Kühlt man den Leiter tief ab, wird daraus ein Supraleiter; die Elektronen ordnen sich, und der Widerstand verschwindet. Daraus ergibt sich der Bezug zur Kommunikation: Bei abgekühlten Diskussionen ohne Konfrontationen verschwinden Reibungsverluste, das Sinnvolle setzt sich (hoffentlich) durch – und Probleme sind gelöst.

Nur einen ausgewachsenen Adam allerdings kann man in solchen Teamprozessen, bei denen allzu viele Energien verpuffen, nicht erschaffen.

h.

Kommentar

In der Renaissance hat man die Überfigur GOTT in die Niederungen des Menschlichen gezerrt: ein Demokratisierungs-, Egalisierungs- und Fraternisierungsprozess begann. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Kunst, die ja ein Abbild des Zeitgeistes ist, oder sein sollte.

Der bärtige Gott bei Michelangelo ist nur noch leicht erhöht, nahe bei den endlichen Wesen, doch dafür der Aktive, Dynamische, Bestimmende: Wind in den Kopf- und Barthaaren, Kraft in den Armen, Spannung in der Hand, der Körper bedeckt (woher hat er wohl die Kleider?). Adam, der völlige Gegensatz: gänzlich entblösst, melancholischer kindischer Blick, devote Haltung, passive Hand; kein Wunder, hat es die Eva mit diesem Schlaffi nicht lange ausgehalten. Und da wird behauptet, wir Männer sollen von diesem Warmduscher abstammen. Unverschämt!

Alex Bieli, 4800 Zofingen

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