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Wüsten – Reduktion auf das Wesentliche

Bericht über einen Augenschein in der Sahara (1996) und anderen Wüsten von Walter Hess


Die Erosion ist ein Dauerprozess: Versteinerte Dünen bei den Nefzaou-Oasen in Tunesien

Der biologischen Vielfalt, wie sie etwa in Naturwiesen oder -wäldern, Sumpfgebieten und ebenfalls feuchtigkeitsschwangeren Regenwäldern anzutreffen ist, steht auf der entgegengesetzten Seite die Vegetationslosigkeit oder -armut der lebensfeindlichen Wüsten gegenüber. Das hat auch in die Sprache Eingang gefunden: Das Zerstören setzt man sprachlich oft mit dem Verwüsten gleich: man versetzt etwas in einen "wüsten" Zustand.

Wüste ist gewissermassen das, was bleibt, wenn alle Bäume und Sträucher abgeholzt sind und die übrige Vegetation zum Verschwinden gebracht worden ist. Die Erdbewohner haben offensichtlich eine besondere Zuneigung zu kahlgeschorenen Gebieten: Weltweit ist ein Drittel der Landoberfläche in Gefahr, Wüste zu werden (laut Umweltexperten einer Uno-Konferenz in Lissabon, Juni 1996), bei rapide wachsender Tendenz. In Südeuropa ist das bereits zu erkennen. Vor allem die ursprünglichen, ohne menschliches Zutun entstandenen Wüsten aber faszinieren gewaltig, die Wärme- wie die Kältewüsten (letztere werden hier nicht behandelt). Es ist die Reduktion auf das archaisch Urtümliche.

Die Wüste relativiert
Das Leben, das dort eher ein Überleben ist, Zähigkeit und Ausdauer verlangt und zu einer behutsamen Ressourcenbewirtschaftung zwingt, verändert die Werte und schafft neue Massstäbe. In der grandiosen Eintönigkeit tritt jedes Objekt deutlich zutage: In der Stille ist jedes Geräusch ein Ereignis. In der Einöde sind jede Pflanze und jedes Tier eine Sensation. Nichts ist getarnt, nichts kann in einem Chaos untergehen, weil es keinen Brei aus akustischen und visuellen Eindrücken gibt, wie er uns sonst überall begleitet. Das Verlangen nach Ruhe, Weite und Ungebundenheit wird vollumfänglich gestillt. Die Rastlosigkeit ist überwunden.

Im Sommer 1996, zur heissesten Zeit, habe ich mich zur Vorbereitung auf das Schreiben dieses Berichtes für einen neuerlichen praktischen Lehrgang wieder einmal in die Sahara (sprechen Sie: Sah'ra) begeben, um am eigenen Leib zu erfahren, was Staub, Hitze und Durst bedeuten. Die fahlrote Sahara gilt als "grösste, schönste und vollkommenste Wüste der Welt" (Théodore Monod); sie ist das Paradebeispiel. Die Wirkungen der prägenden, extremen Faktoren mit ihren reliefformenden Erosionskräften werden wie in einem Bilderbuch präsentiert: Wüstengebirge, Stufenlandschaften, Senken, unendliche Ebenen, Sandmeere, Dünenfelder (Erg), Salzpfannen und -sümpfe (Chott, Schott, Sebka). Winde sorgen für die Ausdehnung der Wüsten – mit Riesenkräften, vor denen nur die Vegetation, und sei sie noch so schütter, ein bisschen schützen kann. Gewaltige Sandmengen werden fortbewegt und abgesetzt. Was der Sand zugedeckt hat, bewahrt er. Künstliche Massnahmen zur Dünenbefestigung wie Sandfangzäune haben minime Wirkungen; sie muten wie Spielzeuge vor einer Dampfwalze an. Die effektivste Methode ist die Bepflanzung – falls sie durch Wasser ermöglicht wird. Weidgang, so weit möglich, und vor allem die Überweidung bewirken gerade das Gegenteil: sie führen zur Degradierung der empfindlichen Böden und zur Wüstenbildung oder -ausdehnung.

Sand und Staub
Das Relief der Wüste wird durch die Prozesse der Verwitterung, der Erosion und der Ablagerung bestimmt und durch Temperaturunterschiede, Wind und Wasser modelliert. Diese Kräfte wirken unablässig weiter, so dass die ästhetische Erhabenheit der Naturszenerien laufend retouchiert wird. Deshalb darf die Wüste weitgehend als natürliches Ökosystem bezeichnet werden.


Lebensraum in der Sahara: Tamarisken und Palmen (Oase Ksar Gilane)

Die Sahara war allerdings nicht immer eine Wüste. Wie geologische und prähistorische Studien belegen, herrschte im Verlaufe der letzten 2 Mio. Jahre ein Wandel von arid über semi-arid bis zu einem sub-humiden, also einem sehr feuchten Klima. Vor 10'000 bis 5'000 Jahren wurde der Raum der Sahara allmählich feucht. Es entstanden Flüsse und Seen, die ein vielfältiges Leben ermöglichten. Es kam zur Grundwasserbildung, ein Prozess, der einen hohen Jahresniederschlag erfordert. Zeugnisse von menschlichem Leben wie 8'000 Jahre alte Felsmalereien (Elefanten, Nashörner und Antilopen darstellend), Fischereiausrüstungen und Jagdgegenstände gibt es in Mengen. Auch Überreste von grossen Wassertieren sind häufig.

Als Folge der damals nicht vom Menschen beeinflussten klimatischen Veränderungen kam es allmählich zur Savannen- und dann zur Wüstenbildung. Wo das Wasser als nicht austrocknender Fluss die Klimaveränderung überdauert hat – ausschliesslich an Sahara-Rändern –, erinnert ein üppig grüner Streifen an ein unbändiges Wachstum, so etwa das Niltal. Die Sahara erstreckt sich tatsächlich bis ins Wüstengebiet Ägyptens, das eigentlich eine Flussoase ist; denn 96% des Landes Ägypten bestehen aus Wüste. Diese Wüste beherrscht auch den landschaftlichen Grossraum am oberen Nil im Sudan, und zwar bis zum Zusammenfluss des Weissen und des Blauen Nils. Auf der anderen Seite, im Westen, findet sich im Miniaturformat ein fruchtbarer Streifen z.B. im kleinen Tal des Draa, das sich durch das südmarokkanische Wüstenland zieht, streckenweise nur noch als Trockental vorhanden ist und beim Kap Draa an der Küste des Atlantischen Ozeans endet. Dieses Tal war bis 1958 die Südgrenze Marokkos, und jenseits davon begann das Gebiet der Spanischen Sahara.

Nach der Eiszeit wurde es allmählich wärmer, und das Eis wich zurück. Die Sonne brannte unbarmherzig auf den Boden Nordafrikas, der vielerorts nackt dalag. Unter den grossen Temperaturschwankungen zerbröckelte der Fels zu Geröll, zu scharfkantigen Quarzkörnchen und bis zu feinem Sand. Körnchen wirkten und wirken, von Winden oft kräftig getrieben, wie ein Sandstrahlgebläse; sie schmirgeln, und die Erosion wird zum Dauerprozess. Nach schweren Sandstürmen in der Sahara sind oft weite Landstriche bei uns nördlich der Alpen mit einem hauchfeinen, gelb-rötlichen Staubmantel bedeckt. "Handelswinde" (Trade winds), wie sie von alten Seefahrern genannt worden sind, verfrachten die Staublast in riesigen Bögen und verursachen den "roten Regen". Nordost-Passatwinde bringen den Staub u.a. auch nach Amazonien, wo er die tropischen Wälder, so weit es sie noch gibt, mit Spurenelementen anreichert. Experten haben errechnet, dass etwa 13 Mio. t des Wüstenstaubes den Wäldern Amazoniens zugute kommen.

Bei Wüstenexkursionen ist der feine, allgegenwärtige Staub ein enormes Problem beim Fotografieren, besonders beim Filmwechseln dringt er in die Kamera ein. Ich habe immer Angst vor zerkratzten Fotos, bin aber diesmal noch glimpflich davongekommen.

Hitze
In der Sahara ist der Himmel meistens wolkenlos. Die Tagestemperaturen können bis auf 50 bis 55°C steigen. Die Nächte aber können eisig kalt werden (bis -10°C), besonders in der Wüste Gobi (bis -20°C), und im Winter fällt in der Gobi manchmal Schnee. Extreme tägliche Temperaturschwankungen betragen dort bis zu 70°C. Durch diese extremen Temperaturunterschiede kommt es zu einer mechanischen Zerkleinerung des Gesteins, zu einer "Sprengung". Bekannt sind die unter lautem Knall wahrnehmbaren Kernsprünge von Felsblöcken. Auch die Wasseraufnahme und abgabe in salzhaltigen Gesteinen führt durch den Hydrationsdruck zu Sprengungen und zum Gesteinszerfall. Oft "ertrinken" Berge förmlich in ihrem eigenen Schutt, nachdem sich Felsplatte um Felsplatte abgeschuppt hat.

Regenfälle ereignen sich hier nur episodisch, können jedoch ausserordentlich heftig sein, so dass Schichtfluten eintreten und sich die trockenen Flussbetten (Wadis, Oueds) für Stunden mit Wassermassen füllen; um so länger sind anschliessend die Trockenperioden. Vielleicht stimmt die Aussage sogar, dass in der Wüste mehr Menschen ertrinken als verdursten – wer weiss das schon genau? In der letzten Zeit des Klimawandels soll der Niederschlag in der Sahara etwas intensiver geworden sein, und Satellitenbilder sollen 2002 mehr Bäume als vor 15 Jahren gezeigt haben. Anderseits sind 45% der Landfläche Afrikas laut dem Uno-Umweltprogramm von einer Desertifikation bedroht. Insgesamt geht die Verwüstung im eigentlichen Sinne des Wortes weiter.

Die klimatischen Eigenarten sind nur im Rahmen der grösseren Windsysteme der Erde zu verstehen. Der trockene Nordostpassat, ein trockener Landwind, ist in der Sahara anhaltend wirksam. Feuchtigkeitsbeladene atlantische Tiefdruckgebiete können nur selten nach Nordafrika vordringen, zumal auch noch die hohen Atlasketten die Regenwolken abhalten. Die jährlichen Regenmengen liegen meistens unter 100 mm, und regenlose Jahre sind nicht selten.


Wertvolle Früchte: Granatapfelbaum in der Oase Zaarane (Nähe Ouoz)

Es gibt allerdings auf der Erde praktisch keinen Ort, an dem es überhaupt nie regnet. Die Ausnahme, welche diese Regel zu bestätigen scheint, ist die Hochbeckenzone der nordchilenischen Atacama-Wüste, wo es seit Menschengedenken nicht mehr geregnet haben soll. In ihrem Kerngebiet werden Temperaturen von über 50°C erreicht. Dieser Wüstenteil liegt im Regenschatten benachbarter Gebirge.

Durst
Bei Temperaturen um 50°C verliert der Mensch pro Stunde etwa 1l Wasser in Form von Schweiss. Hat er einmal 5% seines Körpergewichtes (bei 80 kg also 4 Liter) abgegeben, ist seine Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigt. Und bei 12% trifft ihn der Hitzschlag. Landarbeiter, die bei einer derartigen Hitze im Freien tätig sind, müssen täglich bis 15 Liter Flüssigkeit zu sich nehmen. Die Luft der Sahara enthält praktisch keine Feuchtigkeit. Einmal hatte sich mein mitgeführtes Wasser, das in der farblosen Plastikflasche eine Zeitlang der Sahara-Sonne ausgesetzt war, auf wohl über 70 °C erhitzt, so dass ich mir beinahe die Lippen verbrannte. Barfuss zu gehen erwies sich tagsüber als undenkbar, da sich Sand (Gesteinsbruchstücke der Grösse 0,2 bis 2 mm) und Steine noch stärker als die Luft aufheizen. Kamele (inbegriffen Dromedare) haben zu diesem Zwecke an Füssen und Gelenken Hornschwielen ausgebildet, damit die Tiere im heissen Sand schmerzlos stehen, gehen und liegen können.

Während der fast unerträglichen Mittagshitze beging ich das erste- und letztemal die Dummheit, in einem Wüstencafé im Erg Oriental (Tunesien) gierig eiskaltes Mineralwasser zu trinken, das in der Wüstenglut fabelhaft schmeckte und mich herrlich erfrischte. Offenbar hatte mein Hirn eine leichte Hitzeschädigung... Das Eiswasser löste Durchfall aus und führte somit zu einer zusätzlichen Entwässerung. Es war mir anschliessend kaum noch möglich, den Durst zu stillen. Zum Glück hatte ich noch das Beutelchen mit dem Salz aus dem Flugzeugmenü bei mir. Man kann nicht nur Wasser trinken, wenn man stark geschwitzt hat; der Mineralienhaushalt geriete dabei aus den Fugen. Kaum hatte ich getrunken, war mein Mund wieder ausgetrocknet; da hatte ich mein Dursterlebnis. Ich erhielt, als mein Wasser ausgetrunken war, eine blasse Ahnung davon, was es heissen könnte, mit oder ohne Fata Morgana vor Augen zu verdursten.

In solchen Fällen wäre Wasser "sein Gewicht in Gold wert", wie Antoine de Saint-Exupéry in "Dans le Désert" schreibt. Auch für die Natur: "Der kleinste Tropfen lockt aus dem Sand den grünen Funken eines Grashalms. Wenn es irgendwo geregnet hat, belebt eine wahre Völkerwanderung die Sahara. Die Stämme ziehen 300 km weit, um zur Stelle zu sein, wenn Gras wächst."

Wüstenpflanzen und -wildtiere
Es gibt überall Lebewesen, die sich als Lebens- und Überlebenskünstler profilieren. "Es ist bewegend und erregend, zu beobachten, wie die Erde in ihrem unbeirrbaren Drang selbst dort etwas Lebendiges hervorzubringen trachtet, wo scheinbar nichts mehr gedeihen kann", hat Walt Disney zu Beginn seines Films "Die Wüste lebt" festgestellt. Worin liegt der Sinn dieses Kampfes auf Leben und Tod? Nach menschlichem Verständnis gibt es keinen. Aber diese Beurteilung muss falsch sein. Der Sinn liegt im Vollzug des Lebens als solchem, und das genügt doch wohl vollauf. Somit erübrigt sich die Suchaktion nach weiteren Antworten auf die Sinnfrage, die bei unseren eingeschränkten Erkenntnismöglichkeiten ohnehin nur aus Narreteien bestehen könnte.

Je ausgeprägter, heisser und trockener das Wüstenklima ist, desto spärlicher ist die Pflanzenwelt. Aber selbst nackte Wüstenböden sind nicht pflanzenfrei. Hier können Moose, Algen und Flechten vorhanden sein und auf Sanden und anderen feinkörnigen Böden eine stabilisierende Kruste bilden. Ein riesiges Flechtenfeld (Teloschistes capensis), orangefarbig und fast buschig, habe ich im Nebel der namibischen Skelettküste bei Wlotzbasken auf dem gipshaltigen Boden angetroffen; es soll sich um das weltweit grösste handeln. Flechten, eine Symbiose zwischen Algen und Pilzen, ernähren sich ausschliesslich aus Luft und Wasser, und dementsprechend reagieren sie auf Luftverschmutzungen sehr empfindlich, ebenso auf mechanische Einwirkungen. Es braucht Jahrzehnte, bis sie sich von mechanischen Schäden erholen. Sie gehören zu den ältesten Lebewesen. Oft haben in ariden Zonen auch Blaualgen als Stickstoffbinder eine Bedeutung. Im Übrigen können in solchen Gebieten fast nur Xerophyten[1] bestehen.

Weit verbreitet sind in den Trockengebieten grüne Hadbüschel (Cornulaca), die als Dromedarfutter unentbehrlich sind, sodann Dornbüsche wie Zilla spinosa, Salzsträucher wie Saxaul, Hartgräser (Halfagräser, Grundstoff für die Zellulosegewinnung und Flechtarbeiten), Artemisien (Beifussgewächse), Akazien (Kameldornbäume), Tamarisken, Agaven und Kakteen – Dornen schützen vor Verbiss nur teilweise. Dem Dromedar mit seiner gespaltenen Oberlippe machen sie nichts aus. Die sukkulenten Lebensformen, für die sich Kakteen und Agaven entschlossen haben, sind besonders in der mexikanischen und in der neotropischen Region[2] ausgeprägt; einige Arten dieses Typs dehnen sich bis in die Buschwüsten von Arizona und Kalifornien aus. In den heissen Wüsten im Nordwesten Nordamerikas dominiert der Kreosotbusch (Larrea). In anderen Wüsten und Savannen trifft man manchmal auf Affenbrotbäume und Kümmerformen von Zypressen und Myrten.


Nach der Verdunstung bleibt das Salz zurück: Grosser Salzsee (Chott el Djerid), der im Werk von Karl May erwähnt ist

Viele Wüstenpflanzen können in ein Ruhestadium eintreten, ohne abzusterben, wenn kein Wasser vorhanden ist. Und die meisten Wüstenpflanzen besitzen einen Schutzmechanismus, der ein vorzeitiges Auskeimen bei leichten, vorübergehenden Regenfällen verhindert. Zuerst müssen Hemmstoffe aus der Samenschale ausgewaschen werden. Wenn das gelungen ist, besteht Gewähr, dass genügend Wasser nicht allein fürs Auskeimen, sondern auch für das Blühen und Hervorbringen von Samen verfügbar ist.

In den stufig angebauten, smaragdgrünen Oasen gibt es Fluss-, Quell- oder Grundwasser, oder das Wasser wird aus grundwasserführenden Schichten über Leitungen zugeführt, wie beim Foggara-Oasen-Typ. An Nutzpflanzen trifft man in der Regel die eingewanderte Dattelpalme (Phoenix dactylifera, berühmteste Sorte: "Deglet en nour", die auch in Kalifornien angebaut wird, weshalb immer die Herkunftsbezeichnung beachtet werden muss. Die Dattelpalmen bilden geschlossene Haine und sind als Lieferanten des wichtigsten Grundnahrungsmittels zu den Lebensbäumen der Wüste geworden.

Es soll ein Lied geben, in dem mit 360 Strophen 360 Möglichkeiten, aus einer Palme Nutzen zu ziehen, besungen werden – bis hin zum Palmwein, der ohnehin zum Singen anregt. Ein Gemisch aus zerstossenem Fruchtfleisch und Ziegenbutter dient als Haarpomade. Das Lutschen eines Dattelsteins schützt vor austrocknendem Mund. Die auch optisch vorherrschende Dattelpalme hat eine enorme Anpassungsfähigkeit an extreme Standorte entwickelt. Sie kann dem Boden den letzten Tropfen Feuchtigkeit entziehen, Unter-Null-Temperaturen ertragen und sogar mit Salzwasser vorlieb nehmen. Ihr Holz kann für Zwischenböden verwendet werden, wie das in den Natursteinbauten sesshafter Berber gemacht wird. Unter den Palmen wachsen in den Oasen Feigen, Bananen, Zitrusfrüchte, Granatäpfel, Äpfel, Birnen, Getreide, Tomaten, Gurken, Gewürze, Baumwolle, die ägyptische Färbepflanze Henna[3] (Lawsonia inermis) und sogar Rosen, Nelken und Narzissen.

Bereits das Wort "Oase" hat einen belebenden, fast poetischen Klang – eine grüne Insel in der Einöde, ein romantischer Ort der Gastlichkeit, lebensnotwendige Stationen und Umschlagplätze in der Öde. Eine der schönsten Oasen, die ich besucht habe, ist die Gebirgsoase Tamerza in den kargen Hängen des Djebel Onk an der tunesisch-algerischen Grenze; in diesem Idyll gibt es sogar kleine Bäche und Wasserfälle.

Viele Oasen, naturferne, vom Menschen begründete, mehr oder weniger gepflegte und pflegebedürftige Ökosysteme, sind heute im Zerfall begriffen. Oft sind die Böden versalzt und unfruchtbar geworden. Die Versalzung infolge landwirtschaftlicher Bewässerungen ist eines der gravierendsten Probleme in ariden Gebieten. Oder: wegen den neben Oasen wachsenden Siedlungen und Hotelbauten ist das Grundwasser übernutzt. Der Spiegel sinkt; es gibt heute Bohrungen bis 2'000 m Tiefe. Die auf Wasser angewiesenen Palmenhaine verdorren, zuerst die höher gelegenen, wie ich das in Tunesien z.B. in Nefta, der westlichsten der Djerid-Oasen, gesehen habe. Die grosse, trichterartige Senke, "Korb von Nefta" genannt, wurde durch die Grundwasserübernutzung im oberen Bereich förmlich ausgetrocknet und damit degradiert. Viele der früher insgesamt 150 warmen und kalten Quellen sind versiegt. Pumpanlagen müssen in immer tiefere Schichten vordringen – das Wasser wird dadurch nicht wunderbar vermehrt. In der nahen Touristenstadt Tozeur benötigen die Hotels mehr als 1 Mio. Liter Wasser pro Tag – für Duschen, Schwimmbäder, Bewässerung der Gärten, Waschen usf. Für Palmenbewässerungen ist das Wasserangebot sehr eingeschränkt.

Grössere Wildtiere können nur an den Wüstenrändern leben, wo das Futterangebot gross genug ist; sie sind aber seit der Einführung von Schusswaffen, einem ehemals beliebten und lukrativen Handelsartikel von Missionsgesellschaften, selten geworden. Wüstenraubtiere kommen im Allgemeinen mit der Körperflüssigkeit ihrer Beutetiere aus. Kleinere Tiere wie Insekten, Reptilien und Nager sind nachtaktiv und verbringen die Tage geschützt tief unter der Bodenoberfläche. Eidechsen und Skinke machen sich nicht die Mühe, Gänge oder Baue anzulegen. Sie haben eine keilförmige Schnauze, transparente Schuppen über den Augen und weiche Körperschuppen. Sie "schwimmen" mit dieser Ausrüstung mühelos durch den Sand, fangen Käfer und Insekten und werden manchmal als "Sandfische" bezeichnet (vor allem der Apothekerskink).

Wie für menschliche Wüstenbewohner und -touristen ist für alle auf dem Festland lebenden Organismen eines der Hauptprobleme, im Körper das richtige wässrige Milieu aufrechtzuerhalten, beispielsweise durch eine dicke Haut. Käfer und Skorpione haben eine harte Körperbedeckung, die vor Verdunstung schützt. Dass in der Wüste auch Amphibien anzutreffen sind, erklärt sich daraus, dass viele von ihnen die Körpertemperatur und die Verdunstung regulieren und Feuchtigkeit aus allen möglichen Quellen über die Haut aufnehmen können.

Nach unserer Wegfahrt von Bir Soltane im Erg Oriental, einem durch 4 Wände und Dach geschützten tiefen Brunnen, hat unser Chauffeur in einem flachen, steinigen Gelände einen Wüstenwaran (Varanus griseus) aufgestöbert. Es handelt sich um eine der grössten Echsen der Trockenzone, ein seltenes und scheues Reptil, das Schlangen und andere Kleintiere erbeutet. Mit seiner gespaltenen Zunge nimmt dieser Waran Duftwitterungen auf. In seiner Umgebung musste es also Nahrung, d.h. Kleintiere geben. Wir hoben einige Steine an – Skorpione verbergen sich tagsüber unter Steinen oder in Spalten – und fanden tatsächlich einen Wüstenskorpion, der sogleich in die Verteidigungsstellung ging und Giftstachel und Scheren zur Schau stellte. Diese Tiere können ein ganzes Jahr lang fasten. Es handelte sich um den feingliedrigen, hellbraunen bis strohgelben Skorpion der Gattung Buthus, dessen Stich unter Umständen tödlich sein kann.

Skorpione verkriechen sich gern in Betten und abgestellten Schuhen; man sollte diese bei Wüstenreisen deshalb immer zuerst ausklopfen. Mit Geräuschen und Erschütterungen können gleichzeitig auch Schlangen vertrieben werden, falls sie unerwünscht sein sollten.

Wüsten- und Reise-Arten
Die Sahara ist der grösste Wüstenraum der Erde; sie belegt fast 1/16 der gesamten Landoberfläche der Erde. Sie war während Jahrhunderten eine fast unüberwindliche Barriere zwischen Europa und Schwarzafrika. 2'000 km sind es von Norden nach Süden, 5'000 bis 6'000 km vom Atlantik bis zum Roten Meer, wobei niemand weiss, wo genau die Grenzen der Sahara (= Sandwüste) sind, und die Flächenangaben schwanken (8 bis 9 Mio km2). Sie besteht aus der gefalteten Mittelsahara-Schwelle mit den isolierten vulkanischen Bergketten Hoggar (Ahaggar) und Tibesti, die eine Höhe bis etwa 3'000 m erreichen. Im Süden sind die Bergländer des Adrar des Iforas, Aïr und Ennedi vorgelagert. Die Schwelle ist von einem Tafelland aus Sandsteinschichten umgeben, welches den grössten Teil der Sahara einnimmt und durch Schichtstufen, Schwellen, Becken und Depressionen gegliedert ist. Tiefster Punkt ist mit -137 m die Qattarasenke (Kattarasenke) im Nordwesten Ägyptens. Mit fliessenden Grenzen geht diese Riesenwüste im Süden in den Savannengürtel der Sahelzone über, bis dann nach Dorn-, Trocken- und Feuchtsavannen weiter im Süden der tropische Regenwald folgt.

Zum Vergleich: Die Wüste Gobi, diese trockene Beckenlandschaft in Zentralasien auf rund 1'000 m Höhe (Gebiet der Mongolei), ist etwa 1'500 km lang (WSW-ONO) und bis 250 km breit. Vegetationsgeografisch handelt es sich um einen Wüstensteppen-Typ mit extrem kontinentalem Klima. Die Gobi ist in mehrere unterschiedlich ausgestaltete Senken gegliedert, die häufig durch die Schuttmassen zerfallener Restkämme getrennt sind. Der Boden ist wechselnd mit Schutt, Geröll oder Lösstonen bedeckt sowie besonders im Süden und Südwesten mit Treibsand. Stellenweise gibt es grosse Seen, Salzpfannen und -seen. Der Anteil der Sandfläche ist kleiner als man früher angenommen hat. Dort ist übrigens Mitte 1996 das mongolische Wildpferd (Przewalskipferd), das ausgerottet war, aus Schweizer Tierparkbeständen wieder angesiedelt worden.

Im Süden des russischen Kernlandes gibt es 2 weniger bekannte Wüsten, die Karakum- und die Kysylkum-Wüste, die "graue" und die "rote" Wüste. Diese beiden Sandwüsten nehmen einen Grossteil der Turan-Senke östlich (Kasachstan) und südlich (Uzbekistan) des bald austrocknenden Aralsees ein; das Flusswasser wird für umfangreiche Bewässerungen benützt. In den hellen Sandebenen liegen dunklere Dünen aus Lehm.

Die 650'000 km2 grosse Rub Al Khali, die mehr als die Hälfte der südlichen Arabischen Halbinsel einnimmt, "könnte nur ein Luftschiff überqueren", wie T.E. Lawrence (in "Lawrence von Arabien") Anfang der 30er-Jahre schrieb, weil es in dem schwer zugänglichen Gebiet nur wenige Wasserstellen gibt und die Bewohner eine fremdenfeindliche Gesinnung hatten. Mit Geländefahrzeugen sind Strecken von 600 km von einer Wasserstelle zur anderen auf einem teilweise guten Strassennetz heutzutage kein Problem mehr. Die 1'023 km lange Strecke von Muscat nach Salalah im Sultanat Oman, im östlichen Randgebiet der Rub Al Khali, bewältigt man in einem öffentlichen Bus dösend und philosophierend in einem Tag zwischen 8 und 20 Uhr. Aus dem ockerbraunen Sand grüssen einige Akazien, Gräser und Abfackelungsanlagen.

Wer einen alten Landrover mit Vierradantrieb und Differentialsperre oder einen der modernen geländegängigen Wagen zur Verfügung hat, kann auch unter widerwärtigen äusseren Umständen recht komfortabel reisen und auch entlegene Wasserstellen, Restaurants (Karawansereien) an den Strassen und Oasen erreichen; es sind fundamentale Zufluchtsorte. Die Ausmasse der Abenteuer und der Risiken werden eingeschränkt, Distanzen werden als kürzer empfunden; wenn Motor und Pneus durchhalten, kann nicht viel passieren. Aber dennoch scheint die Sahara unendlich zu sein, und es kann einem leicht passieren, dass sich die Strasse plötzlich ins Nichts auflöst, man den Weg und die Orientierung verliert, wie mir das 1988 in Südmarokko passiert ist, weil starke Regenfälle grossräumige Umfahrungen erforderten. Oder welche Route soll man bei nicht ausgeschilderten Abzweigungen wählen, und soll man überhaupt weiterfahren, wenn keine Strasse mehr zu erkennen ist und einfach überall Steine, Geröll und Sand herumliegen?

Ein totales Wüsten-Erlebnis stellt sich nur während Wanderungen ein. Das beschwerliche Gehen im weichen, nachgiebigen Sand, besonders in einem der eher raren Dünenmeere, vermittelt Eindrücke verschiedenster Art: solche im Sand und nachhaltigere im Bewusstsein. Die Monotonie der Bewegung und des Blicks hinterlassen ihre Spuren. Erwandert man etwa eine der grossen Wanderdünen des Sossusvlei bei Sesriem in Namibia, rutscht bei jedem Auftreten der Dünenkamm auf beide Seiten weg, und es stellen sich auf dem Sandgebirge sofort neue Gleichgewichte ein. In den Steilbereichen, die je nach Sandkörnung einen bestimmten Winkel nicht überschreiten können, hat man trotz Gehbewegungen das Gefühl, an Ort und Stelle zu verharren; es ist, als ob die Füsse leer durchdrehen würden. Bei den geringen eigenen Kräften scheinen die Sandmassen übermächtig, unbezwingbar zu sein, und die Spuren, die man hinterlässt, sind kurze Zeit später wieder verweht, ein Lebenssinnbild.

Die Strapazen der Karawanen in den lebensfeindlichen Gebieten nötigen Respekt ab; sie stehen für Ausdauer und Beständigkeit. Sie richten sich nach der Sonne und den Sternen sowie den Geländeformen und in Sandwüsten nach den wenigen Orientierungspunkten, die der wandernde Sand übrig gelassen hat. Ab dem 15. Jahrhundert wurden neben Waren wie Kleidern, Teppichen, Elfenbein, Metallgegenständen, Schusswaffen, Schiesspulver, Gewürzen und Duftstoffen auch Sklaven transportiert, so von Timbuktu (Mali) nach Fez (Marokko), Tunis und Kairo, unglaubliche Distanzen, unerhörte Strapazen. Karawanen bewegen sich gewöhnlich mit etwa 4 km/h über steinige Böden und Sand und bringen pro Tag 20 bis 30 km hinter sich. Sie sind oft geplündert worden.


Vorratslager halbnomadisierender Tuaregs: Ghorfas (Getreidespeicher) in Medenine (Tunesien)

Die Tuareg, von denen es heute noch etwa 1 Mio. geben soll, stellten den Reisegesellschaften und Handelsgruppen bewaffnete Eskorten zur Verfügung. Wurden diese nicht angenommen und nicht angemessen bezahlt, wurden die Karawanen geplündert und die Reisenden manchmal getötet; oft diente der islamische Glaube als Vorwand dazu. Karawanen sind im Zeitalter der Motorisierung selten geworden. Die Lastwagentransporte sind schneller und billiger, wo es einigermassen unterhaltene Strassennetze gibt.

Im Süden von Tunesien bin ich einige Stunden auf einem Dromedar (einhöckriges Kamel, ein nordafrikanisches Mehari[4]) durch den Sand geritten und habe von dem Tier, das an heisse Trockengebiete angepasst ist, vieles über den sparsamen Umgang mit Kräften gelernt. In Abhängen bremste das Tier die Beschleunigung möglichst wenig ab, und es verwendete die Bewegungsenergie für den Aufstieg auf die nächste Düne. In ebenen Gebieten hatte es seinen gleichmässigen, langsamen Tramp, der mit ein paar Schnalzlauten nur ein bisschen angespornt werden konnte. Die Füsse, die wie ein Kissen ausgebildet sind und schwielige, hitzeresistente Sohlen aufweisen, senken sich behutsam auf den Sand ab und sinken nur wenig ein.

In allen Situationen bewahrt das Tier seine majestätische Haltung. Es lebt von Steppenpflanzen und Gestrüpp, vor allem von Salzpflanzen und kann wochenlang ohne Wasserzufuhr überleben. Von den Treibern wurden die Dromedare allerdings miserabel behandelt. Sie hatten den für Karawanen eingesetzten, oft angriffslustigen Hengsten Ringe durch die Nasenflügel gebohrt und durch diese einen Draht gezogen. Wenn die Treiber daran ziehen, können sie den Tieren heftige Schmerzen bereiten und sie dadurch gefügig machen. Ein Nasenflügel, der zum Schutz gegen den Sandstaub das schlitzförmig verengte Nasenloch abschliesst, war sogar aufgerissen und eiterte.

Meinen Protest gegen diese Tierquälerei wollten die Männer nicht verstehen. Die genügsamen Tiere, die ihnen so viele gute Dienste leisten, unentbehrliche Helfer sind und das Bewohnen von Wüstengebieten überhaupt erst ermöglichten, bekommen keine Zuneigung und keine Wertschätzung, es sei denn auf Märkten. Die Nordafrikaner scheinen mit dem Zoologen Alfred Brehm (1829 – 1884) darin übereinzustimmen, dass das Kamel "das unliebenswürdigste, dümmste, störrischste und ungemütlichste Geschöpf (ist), welches man sich denken kann". Meinen eigenen Beobachtungen zufolge trifft diese blödsinnig-verächtliche Beurteilung aber nicht auf diese Tiere, sondern ausschliesslich auf die Dromedartreiber zu, denen ich begegnet bin. Schon Brehm wusste, dass das Herz dieser Peiniger "härter als Stein" ist, obschon Mensch und Tier gerade in Hirtenkulturen eine enge Schicksalsgemeinschaft bilden.

In der arabischen Sprache ist das Wort Kamel = al gamal ein Synonym für Schönheit, Zuneigung, Verehrung und Bewunderung - auch hier gilt das Prinzip der Umkehrung der Tatbestände, wie häufig in der Werbung. Oder ein beschönigendes Wort (Euphemismus) entspricht einem Kompensationsbedürfnis. Das Dromedar ist im letzten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung mit den arabischen Viehhirten aus dem Osten in die Sahara gebracht worden.

Menschen in der Wüste
Es ist eigentlich undenkbar, dass in der Wüste, diesem Extrem-Biotop, Menschen überleben können. Die hier gefragte Lebenskunst hat einmal ein Tuareg wie folgt beschrieben: "Du musst leben wie ein Stein und darauf achten, bewegungslos zu verharren. Auch nachts musst du dich mit Bedacht bewegen, langsam wie ein Chamäleon. Du musst dir vorstellen, einen Körper ohne Bedürfnisse zu haben. Du darfst nur noch Geist sein. Hitze und Durst musst du aus deinem Bewusstsein verbannen, auch die Angst. Nur wenn du das beherrschst und in dir die grosse Ruhe einkehrt, dann vielleicht hast du eine kleine Chance, im Erg zu überleben."


Sinn für Schmuck als Wertanlage: Berberfrau im Grand Oriental

Es gibt keine Wüste, worin nicht Menschen zu existieren verstehen, obschon sie die am schlechtesten angepassten Lebewesen sind: die Mongolen in der Wüste Gobi, die Beduinen in der Arabischen Wüste, die Tuareg in der Sahara, die Himbas am Rande der Namib, die aussterbenden Buschmänner in der Kalahari, die Bindibu in der Victoriawüste oder die Indianer im Monument Valley. Sie alle, meistens Nomaden, sind von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Sie ernähren sich, je nach Region, von Schaf-, Ziegen- und Kamelmilch, Schafkäse, Datteln und anderen Früchten, Couscous, Brot und Suppe; Fleisch gibt es selten, meist nur dann, wenn ein verunfalltes Tier getötet wird. Auch Nomaden sind gelegentlich auf Oasen angewiesen.

Die Tuareg, die sich selber Imoukhar (= die Noblen) oder Imusar (= freie Männer) nennen, sind die bekanntesten Sahara-Bewohner. Sie verteilen sich auf 5 Länder (Niger, Mali, Algerien, Libyen und Burkina Faso, vormals Obervolta) und sind ebenso kriegerisch wie gutmütig, betreiben Kamelzucht und Karawanenhandel. Sie erkannten früh ihre Existenzbedrohung durch eine europäische Herrschaft und begegneten Fremden verständlicherweise ablehnend. Doch die Einflüsse von aussen wurden gleichwohl übermächtig.

Das oben erwähnte Geschäft im Zusammenhang mit den grossen Karawanentransporten war vor der Motorisierung eine Domäne der Nomadenstämme gewesen; inzwischen ist es in Verfall geraten. Strukturauflösungen und Traditionsverlust haben in den vergangenen Jahren zu Unruhen und Rebellionen geführt, vor allem in Niger und Mali. Dort führen Tuaregkämpfer einen Guerillakrieg gegen die Regierungen derjenigen Länder, deren Staatsgrenzen über die historischen Tuareggebiete hinweggehen. 1984/85 kam in der Sahelzone eine verheerende Dürrekatastrophe dazu. Nomaden, staatlich schwer kontrollierbar, sind ohnehin jeder Regierung suspekt, und ihr Leben wird von jener Seite eher erschwert als erleichtert; man hätte sie lieber in sesshafter Form und mit festem Platz im Wirtschaftssystem. Bei uns ging es den Zigeunern ähnlich.

Die Tuareg ("Saharaberber") sind berberischen Ursprungs, wie angenommen wird. Die Berber (das Wort "Barbaren" steht damit im Zusammenhang) bewohnen vor allem die Atlasländer von Marokko über Algerien bis Tunesien; damit wird ein ganzer Komplex von Völkergruppen zusammengefasst. Das Erkennungsmerkmal der Männer ist der Baumwollschleier, der so um den Kopf gewickelt wird, dass nur die Augen frei bleiben. Dieses Kopftuch ist ein ausgezeichneter Schutz gegen Sand, Austrocknung und Atemnot. Der Schmuck der Berberfrauen dient nicht nur der Zierde, sondern ist auch eine Wertanlage, die in Notzeiten veräussert werden kann. Allerdings ist im Rahmen der Islamisierung eine regional unterschiedliche Arabisierung erfolgt, die es erschwert, die Völkergruppen zu erkennen; der Islam ist ein Kind der Wüste. Auch Wanderbewegungen haben zur Vermischung beigetragen. Das Nomadenleben wurde aufgegeben. Die formschönen Häuser der sesshaft gewordenen Berber haben meistens als Dach ein Tonnengewölbe; die in ihren Traditionen verhafteten Angehörigen dieses Volkes aber fühlen sich nach wie vor in offenen, schattenspendenden Zelten wohl.

Rohstoffe
Als Rohstoff ist Wüstensand wenig gefragt, wenngleich die Baustoffherstellung (Kalk, Kreide, Gips, Splitt, Bausand) in Wüsten einen beträchtlichen Umfang erreicht hat. Wo es Erdöl- und Erdgasvorkommen gibt, wie rund um den Persischen Golf und im Gebiet der einst blühenden Sahara, werden materielle Interessen wach. Auseinandersetzungen mit Waffengewalt sind programmiert, wie immer, wenn Habgier nach US-Muster das Zepter schwingt und die menschliche Herrschaft über die Natur ausgedehnt wird. Die in der Sahara gefundenen Energieträger sind in den 50er-Jahren von Frankreich erschlossen worden. Von Bedeutung sind diesbezüglich zahlreiche Erzvorkommen und mineralische Salze. In Tunesien (Gebiet Metlaoui, Moulares und Redeyef) und in Marokko (Khouribga/Oued Zem bei Youssouffia) werden Phosphate abgebaut, Grundstoffe für Kunstdünger, Waschmittel und chemische Produkte. Die Nutzung solcher Rohstoffe hat das Leben der Nomaden grundlegend verändert; sie wurden als ungelernte Arbeiter angeheuert.

Im Allgemeinen ist das spärlich vorhandene Wasser der wichtigste Rohstoff der Wüste. Mit modernen Bohr-, Pump- und Verteilungssystemen kann Grundwasser selbst aus Tiefen von 500 m geholt werden. Die Wassermenge allerdings wird dadurch nicht vermehrt, sondern die Grundwasserspiegel werden einfach zum Absinken gebracht, bis sie aufgezehrt sind, wie bereits erwähnt. Das "Meer unter der Wüste" ist eine Erfindung von phantasiebegabten Autoren. Aber immerhin gibt es fossiles Grundwasser, das seit 1960 bereits erschlossen wird: etwa in Libyen (Kufra Oase) und in Ägypten (New Valley, westlich des Nils).

Bei Flügen über die Sahara sieht man im Wüstensand oft grüne Kreise (Vegetationsscheiben), so beispielsweise in der libyschen Sahara. Das aus dem Boden gepumpte Wasser wird wie mit einem Uhrzeiger (einem rotierenden Rohrarm) langsam im Kreis verteilt, wobei die Rotationsgeschwindigkeit dem Bedarf entsprechend reguliert werden kann.

In Wüsten sind oft auch rare Bodenschätze zu finden – von Diamanten wie im Hinterland von Lüderitz (Kolmanskuppe), die Tausende von Suchern anlockten, bis zu Uran wie in der Namibwüste in Südwestafrika.

Verwüstungen durch Menschen
Solange die Zahl nomadisierender Menschen noch beschränkt war, richteten diese wenig Schaden an; die Pflanzen konnten wieder nachwachsen. Als dann grössere Siedlungen entstanden und Ziegen und Schafe domestiziert wurden, kam es zu bleibenden Beeinträchtigungen. Brenn- und Bauholz (für Häuser und Schiffe) wurden in grösseren Mengen geschlagen; die Metallverarbeitung erforderte riesige Energiemengen. Die Entwaldung breitete sich unablässig aus. Die auf den Rodungsflächen allzu intensiv betriebene Landwirtschaft trägt die Humusschicht ab oder schafft die Voraussetzungen, dass diese weggeschwemmt werden kann; die nachfolgenden unnatürlichen Anbaumethoden ruinieren die Böden, wo immer sie angewandt werden. Zur Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit trägt auch die Versalzung bei, wie sie etwa seit dem Bau des Assuan-Staudamms in Ägypten festzustellen ist. Der Grundwasserspiegel wurde durch den geregelten Nilwasserabfluss angehoben, und durch die Kapillarwirkung werden Salze an die Oberfläche getragen. Wie ich im Oman und anderen Ländern des Mittleren Ostens beobachten konnte, infiltriert in Küstenbereichen Salzwasser infolge der Grundwasserübernutzung tief ins Land hinein, und aus fruchtbaren Böden werden zunehmend salzhaltige Böden, eigentlich Halbwüsten.

Bodenzerstörungen können auch durch wirtschaftspolitische Massnahmen eingeleitet werden. Das Welthandelsabkommen der WTO, das den einzelnen Ländern die Beschränkung der Einfuhr landwirtschaftlicher Güter verbietet, vernichtet indirekt kleinbäuerliche Strukturen. Denn die qualitativ hochwertigen Angebote von Kleinbauern unterliegen gegen importierte Billigware aus der (manchmal subventionierten) Massenproduktion, und die arbeitslos gewordenen Bauern und Landarbeitskräfte werden in die Slums der Grossstädte vertrieben. Wälder mit ihrer Bodenschutzfunktion, welche durch Verdunstung (Evaporation und Transpiration) Feuchtigkeit an die Atmosphäre abgeben und ein fruchtbares Klima erzeugen, werden für die rationalisierte Landwirtschaftsproduktion weiterhin abgeholzt; unersetzliche, artenreiche tropische Regenwälder werden in Rinderweiden umgewandelt. Abholzungen stören den Wasserkreislauf, führen zu Überschwemmungen und Trockenperioden. Sie fördern zudem die Erosion – hin zur Wüstenbildung. Auch der Treibhauseffekt der Atmosphäre wird durch die Vernichtung von Wäldern verstärkt.

In den über 4 Jahrzehnten, in denen ich solche Vorgänge in aller Welt bewusst kritisch verfolgen konnte, hat sich nicht nur nichts zum Guten gewendet, sondern die Zerstörungen oder zumindest die Voraussetzungen für noch weitergehende Eingriffe sind ausgebaut worden, vor allem durch die zentralistischen wirtschaftsbürokratischen Organisationen wie WTO, EU und dergleichen, die zunehmend auch politischen Einfluss gewonnen haben. Wie im kommunistischen System, dessen ökologische Auswirkungen besonders abschreckend und erschreckend sind, hat sich auch die westliche Zivilisation noch nie durch ein naturgerechtes Verhalten ausgezeichnet. Zwar dürfen Diskussionen geführt und Forderungen gestellt werden; doch das ökologische Wissen ist minimal. Eine unbeschreibliche Unwissenheit, Ignoranz und Verblendung treibt die fehlorientierten Völker fortwährend zu weiteren, sich beschleunigenden Verwüstungen an. Es ist bezeichnend, dass die Wüste immer wieder als Sinnbild und Projektionsfläche von Seelenlandschaften benützt wird.


Gut getarnte Fauna: Wüstenwaran (im Grand Erg Oriental)

Desertifikation: Die Wüste ist meistens die letzte Konsequenz menschlichen Wirtschaftens, direkt und indirekt. Erst in Ansätzen wird uns bewusst, dass Eingriffe ins Klima Einflussfaktoren mit gigantischen Wirkungen sind. Die jahrelange Dürre im Süden Spaniens mit der Vernichtung von umfangreichen Feuchtgebieten (wie der Nationalpark Coto de Doñana) und die katastrophale Dürre in den südwestlichen US-Bundesstaaten dürften nur ein Anfang gewesen sein. Im Sommer 1996 brannten Rancher in Texas mit Flammenwerfern die Stacheln von Kakteen ab, damit ihre Hormonrinder diese saftigen Pflanzen fressen konnten, weil die übrige Vegetation verdorrt war. So wird als Folge des unbekümmerten, rücksichtslosen wirtschaftlichen "Anything goes"-Prinzips nach "The winner takes all society"-Manier (dem Gewinner gehört alles) der Wüstenausdehnung laufend Vorschub geleistet – und so bleiben nur Verlierer zurück. Wenn umgekehrt in Wüstengebieten mehr Regen fällt, ist dies nur ein bescheidener Ersatz und vielleicht nicht von Dauer.

Geht es zurück zur Urwüste, wie es das Festland der Erde während mehr als 3 Milliarden Jahren war – laut Bibel (Altes Testament, Jesaja 6, 9-11) und Koran (15. Sure) die Strafe für Menschen, die vom rechten Weg abgekommen sind? Wir arbeiten zielstrebig auf urbane Wüstenbildungen hin, diesen deprimierenden Endzustand aller irdischen Landschaften, inbegriffen Landwirtschaftsgebiete. Übernutzung und beschleunigte Erosion degradieren die Natur in dramatischem Tempo. Weitere Wüsten kommen bestimmt. Die Wüste war die erste, und sie wird auch die letzte Landschaft der Erde sein.

Und so wird es in Zukunft nicht an Gelegenheiten mangeln, in die Wüste zu gehen. Wer dies tut und von ihr erfasst wird, bleibt nicht derselbe, der er vorher war, sagt ein arabisches Sprichwort. Dort versanden alle schönen Worte und alle falschen Werte.

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[1] Xerophyten sind Pflanzen mit Schutzeinrichtungen gegen lang anhaltende Trockenheiten. Sie können die Wasserabgabe durch die Transpiration vorübergehend oder sogar dauernd (z.B. durch Verkleinerung der transpirierenden Oberflächen, etwa durch Blattabwurf) einschränken, und sie verfügen oft über Wachs- oder Harzüberzüge. Sie besitzen zur Gewährleistung einer möglichst guten Wasseraufnahme meist ein ausgedehntes Wurzelsystem.

[2] Als Neotropische Region bezeichnet man das pflanzen- und tiergeographische Gebiet, das Süd- und Mittelamerika umfasst, ausgenommen die zentralen Hochflächen. Dort kommen viele endemische Gruppen und eine reiche Vogelwelt vor.

[3] Aus den fermentierten Blättern des ligusterähnlichen Hennastrauches (Weiderichgewächs) lässt sich ein roter Farbstoff gewinnen, der als Schmuckfarbe für Haare, Hände und Gesicht verwendet werden kann.

[4] In Afrika und Arabien existieren verschiedene Domestikationsrassen des Dromedars (Camelus dromedarius L.). Das Mehari ist ein langbeiniges Reitdromedar, das als besonders edel betrachtet wird; die Bischarin-Nomaden haben eine spezielle Rasse gezüchtet. Es gibt auch ausgesprochene massige Lastdromedare. Zwischen diesen ist ein ähnlicher Unterschied wie zwischen einem Renn- und einem Arbeitspferd. Das Dromedar (Camelus dromedarius), der Djemmel der Araber, gehört zu den Grosskamelen. Der Höcker dieses Wiederkäuers dient vor allem als Fettreserve. Je reichlicher das Nahrungsangebot ist, umso mehr erhebt er sich. Durch Verbrennung des wasserstoffhaltigen Fettes kann das brave Tier bei Sauerstoffzufuhr Wasser gewinnen – aus einem 40 kg schweren Fetthöcker etwa 40 Liter. Dromedare können in der Hitze der Wüsten bis zu 25% ihres Körpergewichts durch Dursten verlieren, ohne Schaden zu nehmen. Zudem senken Dromedare die Körpertemperatur in der kalten Nacht um bis 6 °C ab, und deshalb beginnt das Schwitzen bei Tage zu einem späteren Zeitpunkt.

Wüste ist nicht gleich Wüste
Wüsten- und Halbwüstenregionen gibt es in Amerika (West- und Zentralmexiko), an der Westküste von Südamerika und im Osten von Brasilien), in Afrika (Sahara, Sudan und Südwestafrika), in Asien (Zentrale Teile von Indien, Mongolei, Arabische Halbinsel) sowie in Zentralaustralien. Wüsten sind nur selten einfach endlose Sandmeere mit faszinierenden, vom Wind geformten und bewegten Wellenmustern, Rippeln, die quer zur Windrichtung angelegt sind, und Dünen, die etwa 20% der gesamten Wüstenflächen der Erde bedecken. Bekannt sind die bis 300 m hohen roten Dünen im Sossusvlei in Namibia, ein einmaliges Landschaftserlebnis, jene des Grand Erg Occidental und Grand Erg Oriental in Algerien, jene in der Sandwüste Takla Makan im zentralen Bereich des chinesischen Tarimbeckens sowie der Wüste Gobi.

Die Landschaften der Wüsten sind vielgestaltig. Sie bestehen aus Sand, Kies, Felsen mit vereinzelt isolierten Bergen (Inselbergen), ohne oder nur mit spärlicher Vegetation. Es gibt keinen schützenden Mutterboden, sondern das Werk der unablässig landschaftsformenden Kräfte liegt offen zutage, und vielleicht haben deshalb Wüstenvölker einen solch patriarchalischen Charakter.

In wissenschaftlichen Definitionen des Begriffes "Wüste" spielt die Wassermenge immer eine grössere Rolle als die Temperatur. Die bekannteste und heute häufig gebrauchte Klassifizierung stammt von Peveril Meigs (1953). Sie bilanziert Wasser von Niederschlägen und verdunstetes sowie von Pflanzenblättern dampfförmig abgegebenes Wasser. Danach unterscheidet man hyperaride, aride und semiaride Wüsten. Hyperaride Zonen entsprechen Gebieten mit Niederschlägen unter 25 mm im Jahresmittel; in ariden liegen sie unter 200 mm und in semiariden unter 600 mm. Ist der Niederschlag höher (bis etwa 750 mm) und einigermassen gleichmässig verteilt, entwickeln sich bereits Grasland, Savannen oder offenes Waldland. Allerdings ist die biotische Situation nicht allein durch den Regen bestimmt, sondern durch die Bilanz aus Regen und möglicher Verdunstung.

Nach Lage und Klima unterscheidet man 3 grosse Typen von Wüsten:
Warmwüsten: Sie befinden sich in den niederen Breiten, wo über das ganze Jahr hohe Temperaturen herrschen.
Kalte Winterwüsten: Es gibt sie in den mittleren Breiten, wo die Temperaturen im Winter oft bis zum Gefrierpunkt absinken.
Küstennahe Wüsten: Wegen ihrer Nähe zum Wasser ist die Luft dieser Gebiete feucht; in einigen Gebieten verstärken allerdings Kaltwasserströmungen die Trockenheit. Die Temperaturen fallen sowohl im Winter als auch im Sommer recht mild aus. Es kommt häufig zur Wolken- und Nebelbildung.

Wer von Trockenwüsten – ein klimabezogener Begriff – spricht, bezieht sich vor allem auf die Zone der subtropischen Hochdruckgebiete. Die Sahara, die arabisch-iranischen Wüsten, Kalahari und Gobi gehören ebenso dazu wie die Wüsten an Meeresküsten mit kaltem Auftriebswasser aus der Antarktis (die Namib am Benguelastrom und die Atacama in Chile und Peru am Humboldtstrom) und in abgeschlossenen Gebirgsbecken (Grosses Becken der USA). Klimatische Kennzeichen sind geringe Niederschläge und grosse tägliche Temperaturschwankungen. Nach der jeweils vorherrschenden Bodenbeschaffenheit kann man unter den Trockenwüsten noch Stein-, Fels- (Hamada), Schutt-, Kies- (Serir), Lehm- und Salzwüsten unterscheiden.

Salztonebenen oder Salzpfannen sind ein besonders reizvolles Phänomen. Es sind Überreste grosser, oft vollständig verdunsteter Wasserkörper, also grossräumige Bodensenken, in welchen Salzkrusten aus verdunstendem Regen- oder Grundwasser ausgeschieden worden sind; stellenweise sind es auch die Reste ausgetrockneter Binnenseen ohne Abfluss. Dazu gehören das Sossusvlei und die Etoscha-Pfanne (4'590 km2) neben weiteren (bei Torra Bay) in Namibia.

Der Chott el Djerid in Tunesien ist mit 7'700 km2 das grösste Salzgebiet der Sahara. Es liegt unter dem Meeresspiegel. Dieser riesige, brüchige und gefährliche, abflusslose Salzsee, in dem schon ganze Karawanen verschwunden sein sollen, ist heute mit einer Dammstrasse versehen. Karl May hat sie mit seinem Kinderbuch "Durch die Wüste" treffend beschrieben und berühmt gemacht. Er übernahm die Beschreibung arabischer Schriftsteller und Reisender, die sie als "Kampferteppich", "Kristalldecke", "Silberplatte" bezeichneten oder mit der Oberfläche von geschmolzenem Metall verglichen. Zu erwähnen ist ferner der grosse Salzsee in den bolivianischen Anden, für den vor wenigen Jahren ein zerstörerischer Ausbeutungsvertrag mit den USA abgeschlossen worden ist. Viele Salzpfannen sind nicht ganz ausgetrocknet. Eine Salzschicht kann die vollständige Verdunstung verhindern, so dass es unter der Kruste sumpfig sein kann, und die Begehung oder das Befahren von Salzseen ist dementsprechend gefährlich. Hier lebt die Wüste ausnahmsweise nicht mehr, vielleicht abgesehen von Plankton und einigen Grünalgen.

Playas (in Südafrika und Australien als Pfanne, in Arabisch sprechenden Ländern als Sebkha bezeichnet) bilden die zentralen Drainagesysteme in Regionen, die keinen Abfluss ins Meer besitzen. Sie befinden sich an den niedrigsten Punkten der Landschaft, wo sich feinkörnige Sedimente und Mineralien ansammeln, die aus dem verdunstenden Wasser ausgefällt werden (in Becken- und Gebirgsregionen der USA, Australiens, Südafrikas und Zentralasiens (Iran und China).

Eine bekannte Sand- und Steinwüste ist der Negev. Die Halbinsel Sinai ihrerseits, dieses etwa 61'000 km2 grosse, keilförmige Verbindungsglied zwischen Afrika und Asien ist ein stark zertaltes Wüstenplateau mit gewaltigen Talsystemen. Das Klima ist subtropisch mit trockener, warmer, beinahe regungsloser Luft. Dort blüht zur grössten Trockenzeit das dornenlose Salzkraut. Selbst mittelalterliche Pilger, die gewiss keiner Naturverehrung verdächtig sind, waren von der Schönheit der Sinailandschaft überwältigt.

Die indische Thar-Wüste (Tharr = Sanddünen) im Grenzgebiet von Rajasthan zu Pakistan ist rund 448'000 km2 (Kerngebiet: 250'000 km2) gross und eigentlich eine Wüstensteppe (jährliche Regenmenge: 100 bis 500 mm). Sie besteht aus mehreren Rumpfebenen, einem wandernden Meer von Sanddünen sowie permanenten Dünen, zwischen denen man Playas und tiefe fruchtbare Täler findet. Das Grundwasser liegt sehr tief und ist als Trinkwasser wegen des hohen Salzgehaltes meist unbrauchbar. Seit 1986 sind einige Bewässerungsprojekte verwirklicht worden.

Spezialfall Namib: Nebelwüste
Die südwestafrikanische Namib-Wüste hat als Küsten- oder Nebelwüste ihre besonderen Merkmale. Sie ist zirka 1'300 km lang und 30 bis 100 km breit. Obschon sie an den Atlantik angrenzt, gehört sie doch zu den regenärmsten Regionen der Erde. Der Benguela-Strom transportiert kaltes Wasser aus der Antarktis äquatorwärts. An der Küste sind die Temperaturen durch die Temperaturumkehr, welche durch das Kaltwasseraufdriftsystem des Benguelastroms erzeugt werden, mild und kühl. Dieser Abkühlungseffekt führt in einem viele Kilometer breiten Streifen zu einer hohen Luftfeuchtigkeit, zu Nebelbildung (etwa 250 Nebeltage pro Jahr) oder zur Bildung von Stratuswolken.

Mit dem Nebel als Feuchtigkeitsspender müssen die wüstenbewohnenden Tiere und Pflanzen in den Dünentälern im Wesentlichen auskommen; er ist ihre wichtigste Lebensgrundlage. In der Namib-Wüste vergehen oft viele Jahre ohne messbare Niederschläge; es wurden schon ununterbrochene Trockenzeiten von 10 Jahren registriert. Selbst an der Küste sind die Niederschläge gering (maximal 8 mm/Jahr). Landeinwärts nehmen sie bis 100 mm/Jahr zu. Im Norden treten die Niederschläge im Sommer, südlich von Lüderitz im Winter auf.

Köcherbäume (Aloe dichotoma) können in ihren grosszelligen Stämmen grosse Wassermengen speichern. Und die bizarre, nur hier vorkommende Welwitschia mirabilis mit ihren zähen, lederartigen, ausgefransten Blättern lebt ebenfalls vorwiegend vom Nebel. Mit ihrer rübenähnlichen Pfahlwurzel holt sie zusätzlich noch Wasser aus der Tiefe. Sie kann bis 1'500 Jahre alt werden – ein geheimnisvolles Fossil, wie der Name sagt.

Refugium für Buschmänner Die Kalahari auf der Ostseite Namibias, die tief nach Botswana und Zimbabwe hineinreicht (rund 450'000 km2) und sich immer weiter ausbreitet, vermittelt den Eindruck von Eintönigkeit. Man spricht auch von einem Kalahari-Hochbecken. Es ist eine relativ ebene, ausgesprochen trockene Landschaft mit Pfannen; lediglich im Osten gibt es Reliefunterschiede. Ihre endlosen Weiten, in denen es kaum Orientierungspunkte, aber überraschend viel Wild gibt, sind der Hintergrund für einen Spannungsroman von Henry Kolarz ("Kalahari"), der sich um Diamantentransporte dreht.

Die Kalahari ist ein Hort des ungebundenen Lebens und damit der Freiheit. Hier lebten einst die Buschmänner, und später wanderten Bantugruppen (Tswana) in dieses unwirtliche Gebiet ein. Die Urbevölkerung wurde in der berüchtigten Waterberg-Schlacht von der deutschen "Schutztruppe" weitgehend ausgerottet. Niederschlagsmässig wird die Kalahari höchstens zu den Halbwüsten gezählt (250 bis 500 mm pro Jahr); da das Regenwasser im durchlässigen Boden schnell versickert, sind doch alle Voraussetzungen für einen ausgesprochenen Wüstencharakter gegeben.

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Dank
Für kritische Anregungen bei der Manuskript-Durchsicht, für weiterführende Impulse und Literaturhinweise danke ich der Geologin Dr. Renate Zylka, Berlin, herzlich.

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