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     20. August 2018, 23:58 Uhr
 


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Hirschkäfer im Haus

Ob das nun der gefürchtete Hausbock sei, fragte mich meine Frau, als sie an einem schönen Tag im Mai ein Hirschkäfer-Männchen fand, das vor der Schlafzimmertür geduldig auf Einlass wartete. Sie schloss das auf Grund der stark vergrösserten, kräftigen Vorderkieferzangen, die auf einem breiten Kopf ruhten und auf eine enorme Gefrässigkeit schliessen liessen. Später fanden wir in einem benachbarten Raum auch noch einen etwas zierlicheren Zwerghirschkäfer (Balkenschröter), ein naher Verwandter des Hirschkäfers.

Die Käfer, von denen es auf der Erde 350 000 Arten gibt beziehungsweise gab, sind inzwischen so rar geworden, dass wir nur noch selten die Gelegenheit haben, uns an ihrem Anblick zu erfreuen; wir kennen sie kaum noch mit Namen. Ich nahm die Gelegenheit wahr, in meiner verstaubten Käferliteratur über die Familie Lucanidae, unsere neuen Untermieter, nachzulesen, insbesondere um zu erfahren, was für eine Bewandtnis es mit dem grossen Oberkiefer hat.

Übereinstimmend wird in den Schriften (inkl. in "Brehms Tierleben") angeführt, die geweihartigen Zangen des Hirschkäfers (Feuerschröters) seien im Verlaufe der Evolution für die Nahrungsaufnahme zu gross geworden, und deshalb raspeln die Hirschkäfer nicht etwa unser Bauholz (und sie bringen deshalb auch keine Gebäude zum Einsturz), sondern es sind ausgesprochene Schleckmäuler; zum Lecken dienen ihnen die pinselartig behaarten Laden von Unterkiefer und Unterlippe. Eine beruhigende Erkenntnis. Sie lieben ausfliessenden süssen Baumsaft über alles.

Unser Zuckerahornbaum, den wir vor 20 Jahren in einer Plastikflasche aus New Hampshire (aus Sugar Hill, USA, genau genommen) mitgebracht haben und der aus Begeisterung über die Auswanderung ins kulturbewusste alte Europa inzwischen 10 m hoch geworden ist, dürfte für die Hirschkäfer das Eldorado schlechthin sein. Wahrscheinlich wurden sie von den Pflanzenölen in unser Haus gelockt, mit denen wir unsere Holzgegenstände pflegen, auch Stühle und Tische aus Eichenholz. Wir haben es uns nämlich zur Angewohnheit gemacht, uns nicht selber zu vergiften und ausschliesslich Naturprodukte zu verwenden.

Das Geweih der Hirschkäfer dient demselben Zweck wie jenes der Hirsche – womit auch gleich der Name seine Rechtfertigung gefunden hat: Es ist eine wichtige Waffe, um die Rivalenkämpfe zu bestreiten. Auch wenn es im Rahmen von Futterneid zu Tätlichkeiten kommt, sind die Kiefer nützlich. Ursprünglich sollen sie noch ein Fresswerkzeug gewesen sein. Sie vergrösserten sich aber derart, dass sie das Essen eher behinderten. So dienen sie bloss noch als Waffe. Über deren strategische Einsätze kann man die eindrücklichsten Geschichten lesen, welche Reportagen über Kampfsportarten gleichen, die manchmal ja auch betrieben werden, um dem weiblichen Geschlecht zu imponieren.

Unter dem Hirschkäfervolk wird der Ausscheidungskampf oft auf einem Baumast in luftiger Höhe ausgetragen. Die Käfer gehen in Drohposition aufeinander zu, verkeilen die zu Kneifzangen gewordenen Kiefer ineinander, und dann hebt der stärkere Lucanus servus, wie der wissenschaftliche Name des Hirschkäfers lautet, den anderen in die Höhe, dreht den Körper um 90 Grad, löst die Befestigung, so dass der gedemütigte Gegenspieler auf den Boden hinunterfällt, eine oft stundenlange Prozedur. Aber nicht das Töten, sondern das Siegen stehe im Vordergrund, heisst es zur Betonung der bei Käfern vorhandenen Ethik. So etwas dürfte bei Hirschkäfer-Weibchen den gewünschten Eindruck nicht verfehlen.

Das Lebensrad dreht sich weiter: Aus der Paarung resultiert ein Ei, das ins verrottende Kernholz eines alten Baumes gelegt wird, in unserem Fall wahrscheinlich in einen verrottenden Pergolabalken. Aus dem Ei schlüpft eine Larve, die zu einem plumpen Engerling heranwächst, der sich Zeit lässt und sich erst nach 5 oder 8 Jahren verpuppt. Ein wesentlicher Teil des Larvengewebes löst sich nun auf und wird zu einem Zellbrei; nur wenige innere Organe (Tracheen und Zirkulationssystem) bleiben erhalten. Und dann entsteht ein neues Imagogewebe. Der weiche, helle Wurm verwandelt sich in einen fast schwarzen Käfer, der an einem warmen Tag schlüpft – und dann vielleicht von den ätherischen Ölen in unser Haus gelockt wird.

Ich habe ihm in der Nähe unseres Zuckerahorns (Sugar Maple) die Freiheit geschenkt. Als Dank hat mich das Weibchen zuvor noch zärtlich in die Hand gekniffen.

Walter Hess

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