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     16. August 2018, 14:20 Uhr
 


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Wann man sich einwickeln lassen sollte

Das moderne Leben innerhalb der Konsumgesellschaft führt dazu, dass man sich oft einwickeln lässt. Aber wenn dann ein Einwickeln beziehungsweise ein Wickel tatsächlich nötig wäre, wie etwa bei einer Erkältungskrankheit, denken wir kaum an dieses einfache, wirkungsvolle und seit Jahrhunderten bewährte Heilverfahren. Es gehörte noch zum Standard-Repertoire unserer Grosseltern und verdient es, neu belebt zu werden.

Ein Wickel ist ein feuchter, warmer oder kalter Umschlag, angepasst ans Leiden, das behandelt werden soll. Ein kalter Wickel kann bei akuten Entzündungen, Erkältungen, Fieber, Grippe, Verstauchungen, Quetschungen, Verbrennungen usw. angewandt werden; der warme Wickel aber verbessert die Durchblutung, lindert beispielsweise Verspannungen, Nervosität und Magen-Darm-Krämpfe (bei rheumatischen Beschwerden reichen 37°C aus). Auch bei Bronchitis kommt die warme Variante zum Einsatz, weil hier ebenfalls eine verbesserte Durchblutung der Blutgefässe der Bronchien angestrebt wird; dann verflüssigt sich der zähe Schleim, und er kann abgehustet werden. Insgesamt sind Wickel eine ausgezeichnete Massnahme zur Linderung von Schmerzen, Verspannungen, Stresssymptomen und der Äusserungen von infektiösen Erkrankungen. Sie machen oft Medikamente überflüssig.

Noch bis in die 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts gehörten solche sanften Naturheilverfahren zum Krankenhausalltag. Ein mit Bedacht angewandter Wickel bewirkt oft dasselbe wie die so genannten „chemischen Keulen“ und befolgt zudem das Prinzip des Nichtschadens. Dafür verlangt der Wickel nach einem kleinen Aufwand, der sich in einer einfühlsamen Zuwendung zum Patienten äussert. Zudem ist dafür ein gewisser Zeitaufwand nötig, was bedeutet, dass die erkrankte Person zu Ruhe und Entspannung kommt, die ihrerseits zusätzliche Heilfaktoren sind, besonders in der heutigen Zeit. Das bedingt selbstverständlich, dass Radio und Fernsehgeräte auszuschalten sind und das Telefon im Erholungsraum überhaupt nichts zu suchen hat.

Das Wickel-Verfahren ist von verblüffender Einfachheit und kann von jedermann angewandt werden: Der Körperteil, der einer Behandlung bedarf, wird von einem warmen oder kalten Wickel umhüllt; es sollten sich keine Luftblasen bilden. Man verwendet üblicherweise Lein- oder Wolltücher, notfalls geht es auch mit Frottee- oder Geschirrtüchern, die mit elastischen Binden, Heftpflaster und/oder Sicherheitsnadeln befestigt werden.

Der Wickel wirkt einerseits über die Temperatur, die etwas auf das individuelle Empfinden des Patienten abgestimmt werden kann und die als intensiv, aber noch erträglich empfunden werden soll, und anderseits durch die Substanzen , mit denen er allenfalls getränkt ist. So verbessern warme Wickel die Durchblutung, und dies wiederum hat zur Folge, dass mehr Nähr- sowie Aufbaustoffe in die Zellen gelangen und die Sauerstoffaufnahme zunimmt. Der Energiefluss wird verstärkt. Man spürt darin einen Anklang an die altchinesische Medizin, die im Wesentlichen auf eine Regulierung der Energieflüsse abzielt, das heisst, der Wickel bestätigt die Erkenntnisse aus der traditionellen chinesischen Medizin – und umgekehrt.

Bisher haben wir uns sozusagen mit dem neutralen Wickel (Wasseranwendungen) im Sinne der Kneippschen Anwendungen befasst. Es können aber auch verschiedene Zutaten beigefügt werden, welche den Heilungsprozess zusätzlich fördern. Zur Berühmtheit hat es diesbezüglich die gewöhnliche Kartoffel in gekochter Form gebracht, die im Rahmen der warmen Wickelanwendungen eine hervorragende Wärmespeicherin und unter anderem eine Wohltat für verspannte Nacken ist: „Gschwellti“ als Heilmittel! Und auch Zwiebelfreunde oder solche, die es werden wollen, kommen auf ihre Rechnung: Warme Zwiebelwickel sorgen für eine bessere Durchblutung; sie desinfizieren und lindern Schmerzen.

Bei den kalten Wickeln ist der rohe Kohl beliebt: Grünkohl (insbesondere innere, frische Blätter) haben eine keimtötende Wirkung; der grüne Kohl ist in der Naturheilkunde sehr geschätzt. Bei entzündlichen Prozessen entzieht er dem Körper Giftstoffe und Schlacken. Kohlwickel kommen u.a. bei Gürtelrose, Insektenstichen, Verbrennungen und Röteln zum Einsatz. Das ausserordentlich wertvolle, vielseitig wirksame Gemüse verspricht auch Linderungen bei Hals- und Gelenkschmerzen, Gicht und Rheumatismus. Man lässt es oft bis zu 12 Stunden lang einwirken, im Allgemeinen einfach so lang, wie der Wickel als angenehm empfunden wird. Sobald er unangenehm in Erscheinung tritt, sollte er entfernt werden.

Auch der Obstessig hat es in kalten Anwendungen zu einem hohen Ansehen gebracht. Dieser Essig stabilisiert zum Beispiel den Säureschutzmantel der Haut. Und mit Essig getränkte Socken vermögen oft eine aufziehende Grippe noch rechtzeitig abzuwenden. Sodann wirken kalte Quarkwickel schmerzlindernd, wärmeziehend, entzündungshemmend und schleimlösend; man entfernt sie meistens bereits nach einer Viertelstunde wieder. Es gibt auch Tee-, Heublumen-, Lehm- und Heilerdewickel. Lehm wirkt entfettend und austrocknend; Lehmwadenwickel kommen manchmal am frühen Morgen gegen Krampfadern zum Einsatz.

Werden die feuchten Tücher mit einigen Tropfen ätherischem Öl beträufelt, ergibt sich eine zusätzliche beruhigende Wirkung. Und dem Gesundwerden steht damit nichts mehr im Wege.

Walter Hess

 

* * *

Die „feuchten Packungen“ von damals

„Die Lehre von den Packungen ist einer der wichtigsten Teile der Wasserheilkunde“, liest man auf Seite 1502 des Wälzers „Die natürliche Heilweise“ von Dr. med. C. Sturm, einem qualifizierten „Ratgeber für gesunde und kranke Menschen“, der 1901 in der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart und Leipzig, erschienen ist. Wir zitieren daraus einige Angaben über das praktische Vorgehen beim Einpacken von Erkrankten beziehungsweise erkrankter Körperteile:

„Man legt eine grosse wollene Decke über das Bett, nimmt ein grosses leinenes Tuch, ringt dasselbe in kaltem Wasser aus und legt es über die wollene Decke. Dann wird der Körper des Kranken mit Wasser benetzt, der Kranke auf das Bett gelegt und der Umschlag in der Weise umgelegt, dass das grosse leinene Tuch um den Körper glatt anliegt und das wollene Tuch des leinene Tuch vollkommen bedeckt. Das ist die sogenannte feuchte Einpackung oder Ganzpackung.

Wie wirkt nun die feuchte Einpackung?

Wir wollen zunächst noch bemerken, dass bei einer richtig angelegten Einpackung der Körper vom Hals bis zu den Zehen eingepackt sein muss und die ganze Einpackung in möglichst grosser Eile geschehen soll.

Die Wirkung ist dann eine sehr starke. Zunächst staut sich das Blut zurück, weil die Gefässe der Haut durch die Gefässe zusammengezogen werden, nach einiger Zeit aber fliesst das Blut in die sich erweiternden Gefässe wieder zurück, und der Kranke hat ein angenehmes Wärmegefühl. Das Wasser verdunstet jetzt, und auf der ganzen Körperoberfläche tritt nun die Reaktion ein, in der Weise, dass der Patient zu schwitzen anfängt.

Der Puls wird schneller, die Atmung vermehrt sich, und infolge der völligen, gleichmässigen Wärme tritt Ruhe, Mangel jeden Reizes, und Beruhigung des Nervensystems ein. Es wird also die Folge der Packung beruhigender Schlaf sein.

Die eigentliche Schweisswirkung tritt erst nach längerer Zeit ein und wird sehr stark sein, wenn man je nach dem, was man mit der Packung erreichen will, dieselbe längere oder kürzere Zeit liegen lässt. Wenn man die Einpackung kürzere Zeit liegen lässt und öfters wechselt, kann man dem Körper viel Wärme entziehen. In dieser Weise wird man sie besonders bei fieberhaften Leiden anwenden. Lässt man die Packung lange liegen, ¾ bis 1 ½ Stunden, dann treten die beruhigenden Wirkungen in den Vordergrund.

Wozu man also die Packungen benutzt, ergiebt sich aus dem Gesagten von selbst. Bei fieberhaften Zuständen wird man die Einpackung nur kurze Zeit liegen lassen und häufig wechseln; bei nervösen Überreizungen lässt man sie länger liegen.

Man darf sie nicht anwenden, wenn Herzkrankheiten bestehen oder wenn man befürchten muss, dass das Gefässsystem den starken Druckwechsel nicht verträgt.

(…) Umschläge werden in der Weise angelegt, dass man ein mehrfach zusammengelegtes Tuch aus Leinwand nimmt und dieses in Wasser von gewünschter Temperatur taucht, es ausringt und um die betreffenden Körperteile herumlegt.“

Es folgen dann Beschreibungen von verschiedenen Umschlägen, die hier zusammengefasst wiedergegebenen werden:

  • Die meist kalten oder kühlen Kopfumschläge sind bei Kopfschmerzen und Reizzuständen der Kopfnerven angezeigt. Nach Abnahme des Umschlages muss der Kopf gut trocken gerieben werden, da sonst ein Reissen und ähnliche Beschwerden zurückbleiben können.
  • Halsumschläge kommen bei Halskrankheiten verschiedenster Art zur Anwendung, meistens kalte, um die Entzündung zu bekämpfen.
  • Die meistens kalten und kühlen Brustumschläge kommen bei verschiedenen Krankheiten zum Einsatz, bei Lungenkrankheiten, Rippenfellentzündung, besonders nach Lungenblutung. Über die auf die Brust gelegten Tücher wird meist eine Wolldecke gelegt. Bauch/Brust-Wickel sind nur für Kinder bis etwa 12 Jahre geeignet.
  • Der Leibumschlag (Leibbinde) bedeckt den Unterleib und reicht von der Herzgrube bis zur Schambeinfuge. Dieser Umschlag wird gewöhnlich abends angelegt und bleibt über Nacht liegen. Man wendet ihn bei allen Krankheiten des Darmkanals und der Geschlechtsorgane an; er darf jedoch bei Reizzuständen dieser Organe nicht angewandt werden.
  • Wadenbinden und Wadenpackungen werden als erregende Umschläge um die Waden angelegt. Sobald eine Erwärmung eintritt, erzeugen sie einen Zufluss zu den Füssen und leiten ab. Sie sind besonders bei Patienten, die zu einer Blutanfüllung des Kopfes neigen, anwendbar. Statt der Wadenbinden kann man auch nasse Strümpfe benützen, über die dicke wollene Strümpfe gezogen werden.

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