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Die Hypertonie-Gesunden

„Stellen Sie sich vor, sie sind gesund…
…und wissen es nicht , schreibt der Biologe, Biochemiker und Spiegel-Medizinredaktor Jörg Blech in seinem Buch Die Krankheitserfinder. So weist er im Kapitel über den Bluthochdruck darauf hin, dass dieser zwar als einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von Arteriosklerose und ihrer Folgen gilt. Jedoch sei es medizinisch umstritten, von welchen Blutdruckwerten an ein Betroffener behandelt werden sollte:

Anfang der 90er-Jahre galten in Deutschland Werte von 160 zu 100 als behandlungsbedürftig. Mithin gab es bundesweit ungefähr 7 Mio. Hypertoniker. Dann wurde von der Deutschen Liga zur Bekämpfung des hohen Blutdruckes, einem 1974 gegründeten Interessenverbund aus Ärzten und Mitarbeitern von Pharmafirmen, ein neuer Grenzwert empfohlen: 140 zu 90 – über Nacht hatte sich die Zahl der Betroffenen verdreifacht. Der Streich eines privaten Vereins verwandelt den Bluthochdruck in eine Volkskrankheit. Als „fördernde Kuratoriumsmitglieder“ dienen der Hochdruckliga 20 Mitglieder, die allesamt Angestellte von (Pharma)firmen sind. Nach Auskunft des Hochdruckliga-Sprechers Eckhart Böttcher-Gühler „kaufen Pharmafirmen von uns Broschüren zum Bluthochdruck und verteilen sie mit ihrem Aussendienst an die Leute.“

Dass Menschen mit mittelschwerer und schwerer Hypertonie mit blutdrucksenkenden Mitteln behandelt werden müssen, sei unter Ärzten unstrittig, schreibt Jörg Blech . Diese echten Hypertoniker seien jedoch nur ein kleiner Teil aller als Hochdruckkranke gebrandmarkten Menschen. Die allermeisten von dieser Diagnose Betroffenen seien also „Hypertonie-Gesunde“. Man misst bei ihnen nur gering erhöhte Werte, ansonsten sind sie gesund. Aber die meisten Ärzte drängen darauf, dass auch diese Menschen Blutdruckmittel schlucken, obwohl es keine wissenschaftlichen Grundlagen für eine solche Therapie gibt. Die von Jörg Blech für Deutschland geschilderte Situation gilt auch für die Schweiz sowie für andere europäische Länder und vor allem für die USA.

Gewinn-Erhöhung dank Drucksenkung
Wie bei anderen medikamentösen Standard-Therapien geht auch die Behandlung des Bluthochdrucks nicht spurlos an der Pharmaindustrie vorüber. So ist das Blutdruckmittel Diovan von Novartis für den Weltkonzern ein echter Renner, welcher dem Umsatz (und dem Gewinn) nachhaltige Impulse beschert. „Schätzungsweise 3 Mio. Patienten mit Bluthochdruck werden weltweit mit Diovan behandelt“ , rühmte die Hauspostille von Novartis im Jahr 2002, der Umsatz des Produkts sei im vorhergehenden Jahr um 58% auf 1,8 Milliarden Franken gestiegen. Schon 2003 schnellt diese Zahl auf rund 3 Milliarden Franken hoch, und die Nachfrage steigt weiter. Die Apparate an den Produktionsstandorten Basel, Schweizerhalle, Stein, Grimsby/GB und Ringaskiddy/Irland seien nonstop in Betrieb, teilte Novartis mit, und im englischen Grimsby würden die Produktionsanlagen (im Frühjahr 2004) erheblich erweitert ( Novartis live April 2002 und Mai 2004) - ein unglaublicher kommerzieller Erfolg. Doch wie viele „Hypertonie-Gesunde“ gibt es wohl unter den Millionen von Diovan schluckenden Patienten in aller Welt?

Eine weitere unbewiesene Theorie sei der Mythos vom bösen Cholesterin, wie ihn Jörg Blech nennt. Die Beschäftigung mit dem Cholesterinwert sei ein weit verbreiteter Zeitvertreib und werde von gewissen Firmen nach Kräften gefördert. Unter anderem betreibe Roche Diagnostics regelmässig „Gesundheitsinitiativen“, um die Leute zu veranlassen, ihren Cholesterinwert messen zu lassen. Das Credo: ein erhöhter Cholesterinspiegel sei „einer der wichtigsten Risikofaktoren“ für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Neue Apotheken Illustrierte bezeichne Cholesterin als „Zeitbombe für die Gesundheit“.

Blech fährt fort: Dabei ist die wachsartige Substanz ein lebenswichtiger Bestandteil des menschlichen Körpers und wird beispielsweise vom Gehirn in grossen Mengen benötigt: Das Denkorgan besteht zu 10–20% aus Cholesterin. Die meisten Körperzellen können es selbst herstellen, wenn es in der Nahrung fehlt. Zum Glück - denn ohne das so verteufelte Molekül würden die Zellen zugrunde gehen.

Tatsächlich vergällt das Wort „Cholesterin“ vielen das weichgesottene Ei und die „Ankeschnitte“ (Butterbrot) zum „Zmorge“ (Frühstück), weil das Resultat ihres Cholesterin-Tests den willkürlich festgelegten Grenzwert von 200 übersteigt. Direkte Nutzniesser dieser Hysterie sind beispielsweise Roche als Herstellerin von Cholesterin-Messgeräten oder Becel als Produzentin der Margarine dieser Marke.

Der US-Konzern Pfizer schliesslich erfreut sich eines weltweiten Milliardengeschäfts mit cholesterinsenkenden Medikamenten. Ein Komitee der amerikanischen Herzgesellschaft empfiehlt Eltern, ihren Sprösslingen eine cholesterinarme Nahrung zu verabreichen, sobald sie feste Nahrung zu sich nehmen können, und ihren Blutdruck vom 3. Geburtstag an zu überwachen.

Dabei ist die Muttermilch eine „wahre Cholesterinbombe“, wie Blech schreibt; denn dieses Cholesterin wird für den Aufbau der Nervenzellen und des Gehirns benötigt. Laut einem deutschen Kardiologen existiert keine einzige kontrollierte Studie, die beweisen würde, dass durch die Senkung von Cholesterin Menschenleben gerettet werden könnten. Hingegen gehe aus verschiedenen Untersuchungen hervor, dass diese Senkung sogar mit höherer Sterblichkeit verbunden sei. Wenn „Risikopatienten“ im hohen Alter auf cholesterinarme Nahrung umstellen, kann das für die Greise gefährlich werden: Sie können plötzlich abmagern und körperlich verfallen, dabei ihre Vitalität verlieren und ihren Tod beschleunigen.

Wir brauchen Cholesterin
Kritiker der etablierten Cholesterintheorie wie der schwedische Arzt Ravnskov verneinen zwar keinesfalls, dass ein Zusammenhang zwischen Blutfetten wie dem Cholesterin und Koronarerkrankungen besteht: Menschen mit familiär bedingter Hypercholesterinämie besitzen nicht genug intakte Cholesterinrezeptoren, so dass dieses Blutfett kaum in die Körperzellen transportiert wird, was zu einem Anstieg des Cholesterinspiegels führt. Die Betroffenen erkranken häufig an einer schweren Form der Arteriosklerose. Aufgrund von Autopsien weiss man aber, dass sich das Cholesterin nicht nur in den Blutgefässen, sondern überall in den Organen ablagert. Deshalb sei es falsch, sagt Ravnskov , den Zusammenhang zwischen Cholesterin und Arteriosklerose auf Menschen zu übertragen, die nicht unter der erwähnten Erbkrankheit leiden.

In Wahrheit brauchen wir Cholesterin vom Säuglings- bis zum Greisenalter. Das passt natürlich den Grosskonzernen der Pharmaindustrie keineswegs. So schüren sie in der Bevölkerung weiterhin die Angst vor dem eigentlich segensreichen Cholesterin, verführen Ärzte dazu, ihren Patienten - neben blutdrucksenkenden - cholesterinsenkende Medikamente zu verschreiben und streichen dafür astronomische Gewinne ein.

Und die Moral von der Geschicht': Verlass dich auf Experten nicht – oder „ämmel“ nicht immer…

Lislott Pfaff

Quelle: Blech, Jörg: „Die Krankheitserfinder“, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main, 2003 (7. Auflage Februar 2004).

Hinweis
Bitte beachten Sie zum Thema Bluthochdruck auch den Artikel „Der Schlag kann jeden treffen“ von Heinz Scholz .

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