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     16. August 2018, 14:20 Uhr
 


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Von der grossen Bedeutung des Affenhirns

Ehrfürchtig gedämpftes Murmeln. Im grossen Auditorium der bekannten amerikanischen Universität schreitet der weltberühmte Hirnforscher zum Rednerpult. „Ladies and gentlemen...“ Mit einem Schlag verstummt das Murmeln. Und der weltberühmte Hirnforscher referiert über seine Untersuchungen der visuellen Nervenbahnen beim Saimiri sciureus. Die aus allen Weltteilen herbeigeströmten Wissenschafter hängen an den Lippen des Referenten, der von Schaltstellen und von Kommunikationswegen im Affenhirn spricht. Man sieht förmlich, wie es in den akademisch geschulten Gehirnen der Zuhörer kommuniziert, schaltet und waltet...

Währenddessen hockt ein Totenkopfäffchen – so heisst der Saimiri sciureus zu Deutsch – in stumpfer Verlassenheit in einem Käfig des Forschungsinstituts, das von dem weltberühmten Hirnforscher geleitet wird. Es blickt ins Leere, denn es hat keine Augen mehr. Die wurden ihm vor drei Tagen herausoperiert. Damit der weltberühmte Hirnforscher, wenn er zurückkommt, seine Studien fortsetzen kann. Über die primären und sekundären subkortikalen Projektionen des visuellen Systems beim geblendeten, im Vergleich zum gesunden Affen. Vielleicht denkt das Totenkopfäffchen an die grünen Baumwipfel, die einmal seine Heimat waren. Vielleicht aber kennt es auch nur die Laborwelt, weil es speziell dafür gezüchtet wurde. Traurig baumelt sein Schwanz von der Sitzstange herab und wird nass vom Urin, der sich auf dem Käfigboden angesammelt hat, weil der Laborgehilfe wieder einmal vergass, die knapp bemessenen Gehäuse – denn auch der Platz ist ein Kostenpunkt - zu reinigen.

„Diese Befunde“, doziert der weltberühmte Hirnforscher mit rhetorischer Brillanz, „diese Befunde sind allerdings nicht mit Sicherheit auf die anatomischen Verhältnisse beim Menschen übertragbar. Indessen ist dies ein zweitrangiger Faktor angesichts der Erstmaligkeit meiner am Hirn des Saimiri sciureus ermittelten Resultate.“ Während der Donner des Applauses aufrauscht, begibt sich der weltberühmte Hirnforscher mit einem selbstzufriedenen Lächeln an seinen Platz.

Lislott Pfaff

Mit freundlicher Erlaubnis der Autorin dem Büchlein „Deine Technik geschehe…“ (Eigenverlag, 1990) entnommen.

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