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Schnee, Seebeben und Vögel füttern

Liestal, den 26. Dezember 2004.

Schnee! Und es schneit immer noch heute um 10 Uhr, offenbar schon seit frühmorgens. Denn als ich um 8 Uhr aufstand, lag der Schnee als schwerer weisser Saum auf den nackten Ästen und Zweigen der Bäume und Sträucher. Schwer fällt sie, die weisse Pracht, fast wie weisser Regen.

Aus dem Radio höre ich vom Seebeben im Indischen Ozean mit Tsunamiwellen, die grosse Teile von Südostasien überrollt haben. Man spricht von der grössten Naturkatastrophe seit Menschengedenken. Über 100 000 Todesopfer sind zu beklagen, das Elend der einheimischen Bevölkerung ist unvorstellbar.

Derweilen sitze ich in meiner gut geheizten Wohnung am Küchentisch und beobachte die Vögel, die das Futterhäuschen und den Meisenknödel entdeckt haben, die ich im alten Birnbaum aufgehängt habe. Eine biedermeierliche Beschäftigung, während auf der anderen Seite der Weltkugel das Grauen regiert…

Da der Schnee nicht nur manches Unerfreuliche zudeckt, sondern den Vögeln auch den Zugang zu Insekten, Larven usw. unter der Rinde der Bäume und Sträucher oder am Boden verwehrt, wollte ich dem Federvolk mit Körnerfutter unter die Arme bzw. unter das Gefieder greifen. Die Spatzen sind die ersten, die ihr Winterglück entdecken; dann kommen auch die Kohlmeisen angeflogen, etwa ein Grünfink und hie und da ein Vogel, den ich wegen meiner spärlichen Kenntnisse in der Fauna der gefiederten Welt nicht benennen kann. Die Spatzen setzen sich auf einen Aststummel unterhalb des Meisenknödels und verschaffen sich so ihre lukrativen Mahlzeiten, während die Meisen sich zum Picken mit ihren Füsschen – oft kopfüber – am feinmaschigen Netz festkrallen, das den begehrten „Bollen“ aus Körnern und Fett umspannt. Einer der Spatzen, offenbar ein sehr gelehriger Vogel, hat es den Meisen abgeschaut und hält sich ebenfalls mit den Füsschen am Knödel fest, scheint den Leckerbissen in dieser Stellung sehr zu geniessen. Artenübergreifende Esskultur oder Multikulti in der Vogelwelt…

Der Inhalt des zweiten Knödels, den ich dem Federvolk offeriere, ist von den Meisen und Spatzen erst wenig angepickt, als eine Elster im eleganten schwarzen Frack auf weisser Hemdbrust angeflogen kommt und sich im Birnbaum in der Nähe des Meisenknödels niederlässt. Das kleine Gefieder verschwindet respektvoll. – Und schwupp, hast du nicht gesehen, hängt das gelbe Kunststoff-Netz samt Inhalt im Schnabel der diebischen Elster, die mit ihrem goldgelb leuchtenden Schatz triumphierend davonfliegt. Ein Goldraub par excellence!

Könnte man doch das Nationalbankgold auch so mir nichts dir nichts entführen und den gebeutelten Ländern im Indischen Ozean zukommen lassen!

Lislott Pfaff

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