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Kranke und Labortiere wären dankbar

„Vasella nimmt Anlauf zum Quantensprung“, titelte die Zeitschrift bilanz in ihrer Ausgabe vom April 2004. Mit dem Quantensprung war nicht nur die angestrebte Fusion mit dem französischen Pharmaunternehmen Aventis gemeint (die inzwischen gescheitert ist), sondern auch die Umwandlung einer „vom Marketing geprägten“ in eine „knowledge-driven company“, also in ein Unternehmen, dessen Motor das Wissen und nicht mehr das Marketing sein sollte. Statt wie bisher Massenmedikamente von der Stange zu verkaufen, will Vasella massgeschneiderte Heilmittel entwickeln, die jedem Patienten individuell angepasst sind.

Tatsächlich ein Quantensprung – eine Umkrempelung des gesamten bisherigen Ansatzes der biomedizinischen Forschung, die heute davon ausgeht, Medikamente zu finden, die jeweils zur Behandlung bestimmter Indikationen (pathologische Erscheinungsbilder oder Krankheitsformen, beispielsweise solche des rheumatischen Formenkreises) anwendbar sind. Man dürfe nicht immer Angst vor Veränderungen haben, meinte Novartis-Chef Daniel Vasella, „das Risiko, etwas nicht zu machen“, sei „ oft grösser, als etwas zu tun “. Auch Vasella, laut „ bilanz “ ein „ Vorzeige-Manager “, weiss, dass die Pharmabranche „ im Rennen um neue Medikamente versagt “, wie das Wall Street Journal schon im Jahr 2002 festhielt. Und Vasella habe „ den Warnruf gehört und mit einer Umwälzung des Forschungsansatzes reagiert.“

Nun ist bekanntlich die Aufschlüsselung des menschlichen Genoms, des Bauplans aller menschlichen Gene, die neue Religion der medizinischen Forschung. Und wenn in den Medien über eine Umwälzung des Forschungsansatzes gesprochen bzw. geschrieben wird, so ist damit die Genforschung gemeint, von welcher nun alles neue Heil kommen soll. So behauptet Novartis-Forschungsleiter Mark Fishman in einem bilanz- Interview, „schon in wenigen Jahren“ werde es möglich sein, das Wissen darum, „welche fundamentalen Mechanismen zu welchen Krankheiten führen“, zu verbessern. Nach dem neuen Glauben sollen Krankheitsursachen tief im genetischen Aufbau jedes einzelnen Menschen verborgen sein. Dabei können verschiedene Arten von Zellstörungen dasselbe Erscheinungsbild einer Krankheit hervorrufen.

Das weiss man allerdings nicht erst seit Aufkommen der Genforschung. So ist schon lange bekannt, dass ein im Tierversuch für eine bestimmte Indikation entwickeltes Medikament sich beim Patienten für eine völlig andere Indikation als wirksam erweisen kann. Ein Beispiel: Viagra wurde als Herzmittel entwickelt, erwies sich dann aber in der Praxis beim Menschen als potentes Potenzmittel.

Novartis will dem Ziel näher kommen, „verlässlich und berechenbar“ Medikamente zu erforschen und zu produzieren, wie es Mark Fishman formulierte. Mit anderen Worten soll „die Risikobereitschaft durch die Risikovorbeugung“ abgelöst werden ( Felix Erbacher in der Basler Zeitung vom 9.10.04). Die Risikobereitschaft war bis anhin gross: „Unsere Tierversuche geben immer nur Hinweise für die Wirkung am Menschen, nie die Sicherheit ihrer Übertragbarkeit. Unser Sicherheitsbedürfnis zwingt uns also, Arbeiten durchzuführen, deren Wert wir zugleich in Frage stellen“, bekannte Hoechst-Pharmaleiter Hansgeorg Gareis schon vor Jahren in einem Interview (Ciba-Geigy Magazin 2-1981). Der Schritt von der tierexperimentellen Erforschung und Entwicklung eines neuen Präparates zu dessen erster Anwendung beim Patienten ist also mit einem hohen Risiko belastet.

Wie kann diesem Risiko vorgebeugt werden? Ganz klar: nur mit einer völlig anderen Forschungsstrategie. Auch Mark Fishman wird sich von seinen bisherigen Forschungsinstrumenten, den Zebrafischen, einer anderen Methode, vor allem einem anderen Denken zuwenden müssen.

Wenn ein Pharmaunternehmen wie Novartis sich zu einer „knowledge-driven company“ mausern will, so muss sie ihr Wissen aus anderen Quellen schöpfen als aus dem längst überholten Tierversuch, der noch nie sinnvoll war. Um für jeden einzelnen Patienten massgeschneiderte Heilmittel zu entwickeln, braucht es wirklich einen Quantensprung in der Forschung. Dass dieser durch Aufschlüsselung des menschlichen Genoms vollziehbar ist, stellt vorläufig eine Hypothese dar, die sich wie schon so viele andere Moden und Meinungen in der Medizin als Flop herausstellen kann.

„Hoffnungen und Versprechen, aber keine Heilerfolge – das ist schon bitter“, meinte der Molekularbiologe Richard Strohman, emeritierter Professor der University of California, dessen Projekte während 32 Jahren von der US-Gesundheitsbehörde gefördert worden waren, in einem Gespräch über die Gentechnologie. So sei die gentechnologisch hergestellte Krebsmaus „ein sehr armseliges Modell“ für Krebs beim Menschen. Die Molekulargenetik trage den Keim ihres eigenen Untergangs in sich, prophezeite Strohman schon 1995. Will also Vasella in Zukunft wirklich auf die Patienten massgeschneiderte Heilmittel entwickeln, so wird er dieses hoch gesteckte Ziel mit Tieren – seien sie nun genmanipuliert oder nicht – niemals erreichen.

Der Novartis-Boss möchte die Nase vorn haben im Rennen um den Siegerpokal in der schönen neuen Pharmawelt. Dem ist eigentlich nichts entgegenzuhalten, muss er doch sein 19-Millionen-Jahresgehalt mit einem brillanten Erfolg rechtfertigen. Auf welcher Grundlage der Erfolg – wenn überhaupt – eintreten wird, ist noch völlig offen. So soll sich beispielsweise die Forschung in China, dem gefürchteten Kandidaten für eine künftige globale Wirtschaftsmacht, gelöst haben von der westlichen Grundlagenforschungs-Mentalität. Vielmehr folge sie Inspirationen aus ihrer reichhaltigen Philosophie, schreibt Felix Erbacher in der Basler Zeitung. Das sind ganz neue Töne, die einem Pharmaboss wie Daniel Vasella nicht unbedingt süss in den Ohren klingen dürften.

Sollte es aber Vasella gelingen, den Forschungsansatz in seinem Konzern so zu gestalten, dass in absehbarer Zukunft statt armseliger medikamentöser Krücken patientengerechte Heilmittel zur Verfügung stehen, werden es ihm nicht nur die Kranken, sondern auch die Labortiere danken.

Lislott Pfaff

7. Dezember 2004

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