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     16. August 2018, 14:20 Uhr
 


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Allerlei Lärm um sonderbare Laute

Lange und wohlweislich hatten viele verschwiegen, dass sie ein rätselhafter „Ruf“, dessen Herkunft keiner natürlichen Deutung zugänglich ist, erreicht habe. Wer wagte schon anderen einzugestehen, sonderbare Laute oder Stimmen vernommen zu haben – wie leicht wird so etwas missdeutet! Einer würde es dem anderen zuraunen: „Ihn hats gepackt, er ist übergeschnappt.“ Besser überhört man das Unerklärbare, mimt den Ahnungslosen, anstatt sich Spott und Hohn auszusetzen.

So konnte sich das achtsam Verschwiegene wie ein trockener Schwamm im Wasserbecken riesig aufbauschen. Als es einfach nicht mehr länger anging, den schauerlichen Spuk zu verleugnen, da hat man endlich die Wissenschaft bemüht. Die drückt jetzt den Schwamm aus. Von allerorten strömten plötzlich Zeugnisse und Berichte ins eiligst errichtete Forschungszentrum, „Mirakel “ genannt – Geständnisse, die zum Teil bis 15 Jahre zurückreichen. In diesem Institut werden sie sortiert und ausgewertet. Neben stark angefochtenen Thesen enthält das monatlich veröffentlichte Bulletin die einzigen bisher stichhaltigen Angaben von Ohrenzeugen.

Jeder Laut aus Menschenmund, so wollten es die neu gegründeten Sekten und Religionsgemeinschaften ausgelegt wissen, werde auf ein himmlisches Tonband aufgenommen, um dereinst am Jüngsten Tag als gewichtige Zeugen über Verdammnis oder Heil zu richten. Wer diesen Fingerzeig des Allmächtigen nicht achte und sich nicht zum neuen Glauben bekenne, der sei verloren.

Noch hat sich die Wissenschaft auf keine Ansicht versteift, sondern lässt allen Deutungsversuchen ein Hintertürchen oder auch deren 2 offen. Eines jedoch steht fest: Entgegen aller Annahmen verebben die Schallwellen nicht, sondern klettern, nein, schrauben sich ins All hinauf, wo sie weiterwellen, bis sie auf andere Schallwellen prallen, abbröckeln und in andere Bahnen geworfen weiterfliegen in dem, was die Menschen zuvor gottesfürchtig und vage als Himmel und Ungläubige als Nichts bezeichneten und was, wer weiss, in künftigen Zeiten gar ein Kinderspielplatz sein kann.

Doch seit sich das Menschengeschlecht den Raum, eben das Nichts, den Himmel oder das All, zueigen gemacht hat und auf Erden keine Wirrnis mehr stiften kann, ohne die Geschichte tausendfach zu wiederholen, hat es sich diesen Raum auserkoren, um auch dort in den Gewalten zu pfuschen. Welch ein weites Feld, worin der Mensch die verhängnisvolle Pflugschar seiner Unglücksnatur ansetzen kann! Raketen, Satelliten und Raumstationen, Mond und Marskolonien haben das dicht gezogene Netz der unüberhörbar gewordenen Schallwellen in Aufruhr gebracht. Dem dort waltenden Gesetz zufolge scheint alles, was auf einen Körper stösst, wieder auf einen Körper, im weitesten Sinne Materie, zurückfallen zu müssen.

Unweigerlich vom Erdkern angezogen, sausen Bruchstücke aus Reden, vor Urzeiten vergrollter Donner, kurz, alles was je Laut angenommen hat, wieder auf die Erde zurück: verhallt in seiner ursprünglichen Lautstärke entweder ungehört in Wäldern, Fluren, Meeren, oder wird von der Ohrmuschel eines verstörten Bürgers aufgefangen.

Die oft belächelten Spuk- und Geistergeschichten alter Zeiten sind nur ausnahmsweise zusammengefabelt worden, wusste Professor Strahlich kürzlich einleuchtend darzulegen. Die Meteoriten, Sendboten bislang fremder Sterne, hatten früher schon dieses oder jenes Schallfragment mit sich gerissen. Dann hörte eines Nachts der vor Entsetzen Erblasste wuchtige Stimmen, ein Frauengeschrei, Geflüster in unbekannter Zunge; Laute, die er Elfen, Kobolden oder verwunschenen Seelen zuschrieb. Vielleicht holte er anderntags den Priester, damit dieser den Spuk banne, was meistens auch gelang und das Ansehen der Kirche noch mehr sicherte. Und so ist eine neue Mär im Volksmund entstanden, die da und dort einen Abglanz des prickelnden Schauers um die bange Seele gelegt hat.“ Könnten nicht auch eines Tages, dank neu gewonnener Erkenntnisse, Visionen und Erscheinungen, ihres mystischen Schleiers beraubt werden?“ beschloss Strahlich gewagt spekulierend seinen Vortrag.

Noch fanden Spassvögel Mut zum Scherz. Ein Studentenulk verursachte ernst gemeinte Schlagzeilen. Einem Gelehrten, der sich gerne als Sprecher seiner Profession ausgab, wurde eine versiegelte Tonbandspuhle zugeschickt. Im Begleitbrief stand: „Ich muss wohl des grossen Julius Cäsars letzte Worte aufgenommen haben.“ Und tatsächlich, der Gelehrte konnte die im Todeskampf geächzten Worte „et tu Brute“ deutlich vernehmen. Den vermeintlichen historischen Beweis hatte der Leichtgläubige der Allgemeinheit keine 24 Stunden vorenthalten, die mit ihrem Spott 12 Stunden später ebenso wenig geizte. Historiker und Sprachforscher allein gebärdeten sich ob diesem Wunder entzückt.

Welche Worte hat Menschenmund am meisten ausgestossen? Die Neugier hatte rasch eine Statistik herausgearbeitet, die niemand sonders überraschte, denn am meisten wurden Flüche und Verwünschungen laut, die selbst der Laie leicht aus ihm unbekannten Sprachen heraushört, denn in allen klatschen sie saftig genug ...

Dessen ungeachtet wuchs die Besorgnis ob der sich seuchenartig ausbreitenden Heimsuchung. Eine Konferenz der Nationen wurde einberufen, um die Einschränkung von Raumkörpern zu verfügen und die Anzahl der Raumstationen abzubauen. Miteinander zerstritten verliessen die Abgeordneten nach hitziger Schlussdebatte den Saal – wieder einmal wurde nichts erreicht. Indessen schwoll der Lärm täglich an. Granaten aus vergangenen Kriegen explodierten zum 2. Mal, Sturmglocken läuteten plötzlich in der Nacht und schreckten die Leute auf, blutlüsterne Geräusche reissender Tiere wurden vernommen, wilde Befehle liessen einen Deutschen im Schlaf flach strammstehen (er ist daran gestorben), ein gemartertes Opfer kreischte, „Grillengezirp und Kuhglocken im Hinterhof“ hiess eine Meldung. Keine Nacht- noch Tageszeit ist mehr gegen zumeist schauerliche Geräusche gefeit. Wachspfropfen, in die Ohren gestopft, hindern die Verständigung. Alle erklügelten Abwehrmassnahmen blieben wirkungslos. Der Wind mag noch so scharf um die Ecken pfeifen, deshalb rollt noch kein Hut davon. Alle werden ständig gefährlich genarrt. Wo es wirklich kracht und splittert, kann es geschehen, dass niemand darauf achtet.

Wie Hiebe prasselt wirrer Lärm vom Himmel, trifft Mensch und Tier gleich verheerend. Fluchtartig verlassen gegenwärtig mehr und mehr Menschen ihre Heimstätten, fliehen auf der Suche nach einem lärmfreien Winkel. Vom Hunger getrieben ziehen sie raubend durchs Land, wo der Bauer nichts mehr pflanzt, wo die Haustiere entweder geschlachtet oder verwildert sind – und die Sintflut wird nicht nachlassen, bis der letzte Mensch um seinen Verstand gekommen ist ...

Emil Baschnonga
(5. Februar 1965)

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