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     20. August 2018, 23:58 Uhr
 


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Schwitzen zulassen, Poren offen lassen

Von Walter Hess

“Jeder organische Teil des lebenden Körpers hat seine eigene Art zu sein, zu wirken und zu riechen [...]. Ausserdem verbreitet jedes Organ in seiner Umgebung, in seiner Atmosphäre unverwechselbare Ausdünstungen, Geruchsschwaden, die seine Eigenschaften und Merkmale übernommen hat”. Einfacher gesagt: Mensch und Atmosphäre werden Eins.

Das hat der französische Anatom Theophil de Bordeu (1722−1776) festgestellt, lange bevor der Schweiss gesellschaftlich geächtet und den Körperausdünstungen mit deodorierenden Chemikalien der gnadenlose Kampf angesagt wurde. Wäre es deshalb vielleicht nicht gescheiter, das Schwitzen eher zu fördern und sich am Schweiss zu erfreuen als gesundheitsschädigende Abwehrstrategien zu entwickeln? Es dürfte angezeigt sein, einmal über Sinn und Unsinn der Schweisshemmungs-Aktivitäten im erweiterten gesundheitlichen Zusammenhang kritisch nachzudenken.

Dienst an Wärmeregulation und Stoffwechsel
Wer sich im Schweisse seines Angesichts anschickt, dem Schweiss-Phänomen auf den Grund zu gehen, findet bald einmal heraus, dass Schweiss nicht gleich Schweiss ist. Die meisten wässrigen Absonderungen werden freundlicherweise durch die ekkrinen Drüsen (Schweissdrüsen) produziert, die ihren Zellinhalt durch kleine Bläschen durch die Zellwand hindurch absondern. Ihre Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, den überhitzten Körper abzukühlen, das heisst sie dienen der Wärmeregulation. Auch die in der Haut befindlichen Kapillaren werden abgekühlt, was zur Temperatursenkung im gesamten Organismus beiträgt.

Die kleinen Schweissdrüsen befinden sich insbesondere auf dem Rücken, der Brust, der Stirn, auf den Handflächen und auf den Fusssohlen, im Prinzip fast überall auf der Hautoberfläche, d.h. zwischen Haut und Unterhautgewebe (nur Lippen und Eichel sind frei davon). Sie geben mit diversen Salzen, Mineralien und Aminosäuren angereichertes, geruchsneutrales und saures Wasser ab, das dann verdunstet und dadurch dem Körper Wärme entzieht. Dadurch bildet sich auf der Haut gleichzeitig ein Säureschutzmantel, der auch vor Krankheitserregern schützt.

Kühler nicht zukleben
Solche Abkühlungsmassnahmen können bei starken Anstrengungen, Krankheiten oder psychischen Belastungen erwünscht sein; zudem werden dabei die Poren gesäubert. Die Schweissdrüsen haben dieselbe Aufgabe wie der Kühler des Automobils, dem wir allerdings mit mehr Verständnis begegnen und dessen Kühllamellen, die von Luft umströmt werden, von uns in der Regel nicht zugeklebt (das übernehmen höchstens die Mücken) oder auch nicht mit Plastiküberzügen abgedichtet werden. Im Klartext: Die Bekleidung sollte das Schwitzen und die Atmung der Haut insgesamt ermöglichen und die Flüssigkeit aufnehmen sowie abgeben, ohne sich nass anzufühlen – nach dem Vorbild Wolle und anderer hochwertiger Naturmaterialien wie Seide. Noch in den 50er-Jahren hat meine Mutter jeweils Schweissblätter in den Achselbereich der von ihr angefertigten Kleider eingenäht. Sie hatten die Flüssigkeit aufzusaugen und wurden mit dem Kleid gewaschen, eine sinnreiche Massnahme.

Andere Aufgaben als die erwähnten ekkrinen haben die apokrinen (ausscheidenden) Drüsen, die man auch Duftdrüsen nennt. Sie geben vor allem dickflüssige Fette und Eiweisse ab, sind besonders eng mit dem Stoffwechsel und dem Nervensystem verbunden und reagieren auch auf Stress oder sexuelle Erregung. Sie befinden sich am Haarschopf, in den Achsel- und im Schambereich, an den Brustwarzen, um den After herum, am Nabel und bei Männern an der behaarten Brust – sie stehen meistens in einer Beziehung zu den Haarwurzelscheiden. Direkt nach der Sekretion riecht der von ihnen produzierte Schweiss nicht. Doch sogleich fallen Bakterien (wie Staphylococcus epidermis oder Corynebakterien) über diese Delikatesse her. Sie zersetzen den Schweiss und bringen Abbauprodukte hervor, welche individuelle Gerüche entstehen lassen.

Der säuerlich-milchige Geruch von Säuglingen, die strenge, triebhaft-animalische Aura seminalis („Samenluft“) des jungen Mannes oder der sanfte Moschus- und Sandelholzduft der Geliebten können ja angenehm sein; aber nicht jedes der sich ständig ändernden Geruchsbilder der Menschen löst Begeisterung aus. Ein starker Schweissgeruch, wie er Menschen begleitet, die an Hyper- oder gar Bromhidroseis (= stinkendem Schweiss) leiden, kann die Betroffenen in die soziale Isolation treiben; daran sind auch schon ganze Ehen zerbrochen. Da hilft nur häufiges Waschen mit Wasser und Seife, wenn überhaupt. Deodorant-Konstrukteure entwickelten Trägermoleküle mit chemisch gebundenen Parfümen, die beim bakteriellen Abbau freigesetzt werden. Es fragt sich dann, welches am Ende der sympathischere Geruch ist …

Die 3. Niere
Die Haut ist ein Ausscheidungsorgan wie die Nieren, und hier wie dort dient Wasser als Transportmittel. Man spürt das am deutlichsten nach dem Verzehr von Spargeln, Knoblauch oder aber wenn Stoffwechselprozesse abnormal ablaufen. Die Entschlackung und Entsäuerung von Geweben, Gelenken und Gefässen vollzieht sich im Wesentlichen zum Darm hin. Doch sind unterstützend auch die Nieren daran beteiligt, worauf ein dunkler, trüber und würzig duftender Urin hinweisen kann, aber auch die Schleimhäute (Mundgeruch und Zungenbelag), die Bronchien (Schleime) und bei Frauen die Scheidenschleimhaut – und bei beiden Geschlechtern auch die Haut, die manchmal als „3. Niere“ bezeichnet wird. Da spielt alles zusammen, und alles sollte man gewähren lassen, um eine möglichst gute, komplette Entschlackung zu ermöglichen. Die normale Reinigungsaktivität als natürlicher Vorgang sollte ja wohl nicht unterdrückt werden, wenn es nicht zu innerlichen Vergiftungserscheinungen kommen soll. Es kommt ja schliesslich auch niemandem in den Sinn, ein Kanalisationsrohr zu verstopfen, damit es durch die Abgänge nicht verschmutzt wird.

Dennoch haben findige Menschen mit ihrem eingeschränkten Kombinationstalent die Antitraspirantien erfunden, meistens Zinkverbindungen, die später noch mit Aluminiumsalzen ergänzt wurden. Das erste Präparat war „Mum“ (das englische Wort kann gleichzeitig nicht weitersagen und Mama bedeuten). Es wurde 1888 in den USA auf den Markt geworfen und dessen Kauf soll damals noch eine peinliche Sache gewesen sein, wie man liest. Dieses Mittel hatte zum Ziel, die Schweissdrüsengänge zu verengen oder wo möglich zu verschliessen. Es ist, als ob man den Darmausgang mit einem Zapfen verschliessen würde, um von der lästigen Stuhlentleerung befreit zu sein … Das System erinnert auch daran, dass früher einzelne besonders findige Mütter den Kleinkindern fast nichts mehr zu trinken gaben, wenn diese an der Lust des Windelnässens festhielten … Motto: Lieber ausgetrocknete Kinder als feuchte Windeln. Es lebe die Zivilisation!

Heute sind neben solchen Mitteln auch Deokristalle in Gebrauch, bei denen es sich um Alaun[1] (in natürlicher Form: Alunit) handelt. Ob diese Deokristalle die Poren ganz oder teilweise verschliessen, bleibe dahingestellt; jedenfalls werden sie von allen Anwendern gelobt. Sie wirken also. Auch die meisten Deodorants enthalten Aluminiumverbindungen, oft verbunden mit Bakterien killenden Chemikalien.

Allein schon der Alaun-Bestandteil Aluminium, das zwar für verschiedene technische Anwendungen, etwa im Bauwesen, hervorragende Eigenschaften hat, gibt zu allerhand Spekulationen Anlass, wenn es im menschlichen Körper seine Runden dreht; gelegentlich wird es sogar mit der Alzheimerschen Krankheit in Zusammenhang gebracht. Man sollte ihm eher aus dem Wege gehen. Die Aluminiumfolien-Kultur bringt auch unsere Nahrung zu sehr in die Nähe mit einem Element, das für unseren Körper giftig ist.

Abschied von der Natur
Fasst man unser Verhalten gegenüber der Naturerscheinung des Schwitzens zusammen, lässt sich ein kräftiges Kopfschütteln nicht unterdrücken. Dieses Schütteln ist als gymnastische Übung die diesbezüglich einzig positive Massnahme.

Am Thema Schweiss kann unsere Naturentfremdung einmal mehr dramatisch aufgezeigt werden. Wahrscheinlich würden wir uns sämtliche Schweissdrüsen auf Krankenkastenkosten operativ entfernen lassen, wenn dies chirurgisch machbar wäre. Aber sie sind nun einmal da und scheinen noch zu funktionieren. Und dann rückt man ihnen eben mit chemischen Keulen zu Leibe, wie auch in der Schädlingsbekämpfung üblich. Die entsprechenden Schäden werden toleriert, hingenommen oder geflissentlich übersehen.

Das Ganze spielt sich innerhalb eines geschlossenen Teufelskreises ab: Die meisten Menschen haben sich für Kleider entschieden, die sich zwar auf bequeme Weise waschen lassen und vor Bügelfreiheit nur so strotzen, die jedoch ihren wichtigsten Dienst als 2. Haut nicht mehr vernünftig versehen können. Sie dichten ab, provozieren Ausdünstungen und werden mit diesen nicht fertig, wenn sie anfallen, ein Biotop für Bakterien und Pilze, die sich darüber sozusagen mikroorganistisch freuen. Das wiederum macht Schweissunterbindungsmassnahmen nötig. Die Chemie wirkt dabei frohen Herzens mit, ausschliesslich auf das Wohlbefinden der Menschheit bedacht … Wenn es anschliessend zu Hautreizungen und Allergien kommt, bietet ein ausgedehntes dermatologisches Gewerbe seine hilfreichenDienste an. Es tut sein Bestes, nötigenfalls in Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie. Und wenn dann ob all der Zusatzbelastungen die Nieren ihren Dienst einzustellen drohen, wird es Zeit, einen Urologen aufzusuchen. Dummerweise sind die Ersatznieren etwas rar geworden. Aber auch dieses Randproblem werden wir mit xenotransponierenden Massnahmen selbstverständlich locker lösen.

Pardon, da habe ich mich vom Hauptproblem des freudvollen Schwitzens etwas entfernt, obschon einem der kalte Schweiss über den Rücken läuft, wenn man unseren modernen Lebensstil kritisch zu hinterfragen beginnt. Dabei ist dieses Thema ergiebig genug: Im Rahmen eines geradezu spätmittelalterlich anmutenden Hygienewahns wird der menschliche Körper, der sich mit allen Mitteln ununterbrochen von Giften befreien muss (heute mehr als je in der Geschichte der Menschheit), bei dieser Tätigkeit bekämpft, weil die Ausscheidungen noch immer als verwerflich gelten.

Die Illusion vom vollkommenen Duft
In Patrick Süskinds Roman „Das Parfüm“ (1985) wird von einem Mann namens Jean-Baptiste Grenouille erzählt, der die Welt vor allem mit seinem Geruchssinn wahrnimmt und auf der Suche nach dem vollkommenen Duft 26 Jungfrauen ermordet. Die heutigen Parfümeure suchen dasselbe wie der Herr Grenouille, allerdings ohne dabei kriminell und wohl auch ohne fündig zu werden. Denn der menschliche Geruchssinn wird vom Gefühl geleitet und ist dementsprechend variabel. Und wo immer Gefühle irritiert sind oder werden, kommen auch Düfte nicht mehr richtig an, wie immer sie auch beschaffen oder manipuliert sein mögen.

[1] Einige Aluminiumverbindungen wie das Kaliumalaun, das einfach Alaun genannt wird, wirken adstringierend (zusammenziehend), weshalb sie früher auch bei der Blutstillung (als Rasiersteine) und als mineralisches Gerbmittel verwendet wurden. Chemisch handelt es sich um ein Doppelsalz aus Kalium- und Aluminiumsulfat mit der Formel: KAl(SO4)2∙12 H2O.

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