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     16. August 2018, 14:21 Uhr
 


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Gelenkschutz und Hilfen für den Alltag

Autor: Heinz Scholz

Unsere Gelenke brauchen Bewegung und Belastung. Sie dürfen jedoch nicht über- oder fehlbelastet werden. Um Funktionsverlusten vorzubeugen, sind etliche Regeln einzuhalten. Diese Regeln sollten nicht nur Gesunde, sondern im besonderen Masse Patienten, die unter einer Arthrose oder Polyarthritis leiden, beherzigen. Dabei ist es wichtig, dass Alltagshilfen und orthopädische Hilfsmittel zur Anwendung kommen. Viele verzichten aus falschem Stolz oder Scham auf diese Mittel, obwohl diese das Alltagsleben erheblich erleichtern können. Denken Sie daran: Gelenkschutz ist wichtig und falscher Stolz fehl am Platze.

Stöcke zur Entlastung
„Stöcke benutze ich nicht!“ Diesen Ausspruch höre ich immer wieder bei Wanderungen. Es gibt nämlich Leute, ich eingeschlossen, die lange Zeit ohne solche Hilfsmittel auskommen möchten. Sie wollen nicht wahrhaben, dass sie nicht mehr so jung sind. Dies ist eine falsche Einstellung. Bei längeren Abstiegen auf unebenen Wegen können sich unweigerlich das Kniegelenk, der Meniskus und das Sprunggelenk bemerkbar machen. Es ist deshalb ratsam, dass auch Gesunde Stöcke benutzen. Denn durch den Einsatz dieser Hilfsmittel werden die Gelenke bis zu 30 % entlastet. Auch die Bewegungsart ist entscheidend. So werden beim Joggen die Gelenke mit dem bis zu 3,5-fachen Körpergewicht belastet, beim Walking, also dem forcierten Gehen, liegt nur eine 1,25-fache Belastung vor. Es ist richtig, wenn jetzt immer mehr jüngere Leute − nicht nur beim Nordic-Walking − Stöcke benutzen.

Es ist also oft falscher Stolz, wenn Hilfsmittel nicht benutzt werden. Dazu ein Beispiel: Anlässlich der Recherchen zu meinem Rheumabuch lernte ich eine Rheumatikerin kennen. Selbstbewusst berichtete sie mir, dass sie im Alltagsleben noch keine Hilfsmittel benötige, obwohl sie unter arthrotisch veränderten Hand- und Kniegelenken leidet. „Ich versuche, so lange wie möglich ohne diese Geräte klarzukommen. Wenn die Gelenkbeschwerden eines Tages schlimmer werden, dann nehme ich die Mittel. Gerne tue ich dies nicht. Ich bin ein Mensch, der möglichst lange ohne dieses Zeug meine Arbeiten im Haus erledigen möchte.“

Andere Rheumatiker warten jedoch nicht bis sich die Beschwerden weiter verschlimmern, sondern nützen die im Handel angebotenen Hilfen frühzeitig. Das ist wichtig, da dadurch ein wirksamer Gelenkschutz erreicht wird. Falscher Stolz ist hier fehl am Platze. „Keine falsche Scham! Nutzen Sie rechtzeitig Hilfsmittel und warten Sie nicht, bis die Deformierung der Gelenke schon da ist!“ Diesen Leitspruch der Deutschen Rheumaliga sollte jeder beherzigen.

Gelenkschutz ist wichtig
Überlegen wir uns einmal, warum der Gelenkschutz so wichtig ist. Ein Gelenkschutz wird erreicht durch gelenkschonende Tätigkeiten, kraftsparenden Gebrauch der Gelenke und den gezielten Einsatz von Alltagshilfen. Als Grundregeln gelten: Gelenke nicht einseitig belasten, Belastungen und Gewicht auf möglichst viele Gelenke verteilen, Ruhepausen einlegen. Das gilt nicht nur für Rheumatiker, sondern auch für den Gesunden. So kann jedermann im Alltagsleben viel für die Schonung seiner Gelenke tun. Praktisches Zubehör für den Gelenkschutz gibt es für Beruf, Haushalt, Freizeit, Körperpflege und Ankleiden.

Die Schweizerische und die Deutsche Rheumaliga empfehlen unter anderem Folgendes:

  • Pultaufsatz für rückengerechte und bequeme Haltung benutzen,
  • Gewicht beim Tragen immer auf beide Arme und Hände verteilen,
  • körpernahes Tragen auch von kleinen Gegenständen,
  • Gelenke bei Tätigkeiten in Mittelstellung bringen (Bandagen wirken hier unterstützend),
  • geeignete Stühle oder Stehhilfen verwenden,
  • Hebelwirkungen einsetzen, um Kraft zu sparen,
  • Arbeitshaltung öfter wechseln, sich öfter bewegen und Ruhepausen einlegen,
  • starken Druck und Erschütterungen auf Gelenke vermeiden (dadurch kann die Entzündungsbereitschaft der Gelenke reduziert werden),
  • Gegenstände mit verdickten Griffen anfassen (bessere Anfassung, Verminderung des Druckes auf die kleinen Fingergelenke),
  • Wer die Regeln des Gelenkschutzes einhält, kann Schmerzen reduzieren, Beweglichkeit und Kraft erhalten, Gelenkfehlstellungen vermeiden, Ruhe und Belastung im Gleichgewicht halten.

Wichtige Ergotherapie
Das Ziel der Ergotherapie ist es, dem Rheumatiker einen Weg zu zeigen, seine behinderten Bewegungsabläufe auszugleichen. Dies geschieht durch das richtige Ausführen täglicher Arbeiten und die Wiedererlangung verloren gegangener Funktionen. Wenn ein Rheumatiker zu einem Ergotherapeuten kommt, erstellt dieser zunächst eine Befundanalyse. Daraus ersieht er, wie stark die Bewegung der Gelenke eingeschränkt ist, welche Bewegungen mit Schmerzen verbunden sind und welche Alltagshilfen benötigt werden. Auf Wunsch kommt der Therapeut auch in die Wohnung, um eine Anpassung der Einrichtung vorzuschlagen. Des Weiteren vermittelt er ein Haushaltstraining und eine Arbeitsplatzberatung – Massnahmen, die ein selbstständiges Arbeiten ermöglichen und fördern können.

„Schreibvogel“ und Garneinfädler
Auch orthopädische Hilfsmittel können Schmerzen vorbeugen und die Beweglichkeit verbessern. So kommen beispielsweise bei einer Arthrose die folgenden in Betracht: Gehhilfen, orthopädische Schuhzurichtungen und entlastende, gelenkführende, gelenkstabilisierende und immobilisierende Orthesen (Hilfen, die einen Körperteil in Form und Funktion unterstützen). Wie „Medizininfo“ im Internet berichtet, werden die sichtbaren Hilfsmittel von den Betroffenen nicht gerne genutzt, weil sie dies als Makel oder Ausdruck von Schwäche empfinden. Wie unsinnig eine solche Einstellung ist, zeigt die Erfahrung: Der Gebrauch der Hilfsmittel ist eine wirkungsvolle Entlastung geschädigter Gelenke.

Wer kennt dies nicht: Beim Öffnen von Flaschen, Schraubverschlüssen oder Dosen, aber auch bei allen möglichen anderen Verpackungen, hat auch der Gesunde Schwierigkeiten. Nur mit einer gehörigen Kraftanstrengung ist es möglich, den verdammten Verschluss zu öffnen. Wie schwer tut sich dann erst ein Rheumatiker! Hier und bei vielen anderen Tätigkeiten können Hilfsmittel eingesetzt werden. Beispiele für Gelenkschutz für die Hände sind:

  • Ein Schlüssel lässt sich besser umdrehen, wenn er auf einem dicken Stück Holz befestigt ist oder einen Universalhandgriff aufweist.
  • Das Öffnen von diversen Behältern wird kinderleicht, wenn man einen speziellen Handdosenöffner, einen Schraubkapsel- und Kronkorkenöffner, Schraubverschlussöffner und einen Flaschen- und Getränkedosenöffner benützt.
  • Benutzt man einen Handfeger und Schaufeln mit langem Griff, braucht man sich nicht zu bücken.
  • Der Handel bietet ferner Brot- und Gemüsemesser mit rechtwinkeligem Griff, griffiges Besteck, Allzweckscheren, Garneinfädler, Spezialbürsten für die Ganzkörperpflege, Fuss- und Zehenwascher, Anziehhilfen und viele andere Geräte an (siehe Tabelle).
  • Auch für das gelenkschonende Schreiben wurden Hilfen entwickelt. Der „Schreibvogel“ (das Schreibgerät wird durch ein Kunststoffteil gehalten) ist besonders geeignet für Personen mit einer eingeschränkten Handfunktion oder schwacher Handmuskulatur.

Igelbälle und Qigong-Kugeln
Der Igelball eignet sich für die Teil- und Ganzkörpermassage und bringt ein wohliges Gefühl für den Körper. Die Igelball-Massage fördert die Blutzirkulation im Bindegewebe und in der Muskulatur. Die Qigong-Kugeln fördern nicht nur die Beweglichkeit der Finger, sondern lindern auch Krankheiten und Schmerzen durch stimulierende Wirkung auf Nerven und Blutzirkulation. Das Kneten mit einer therapeutischen Knetmasse eignet sich zur Rehabilitation und zum Erhalt der Beweglichkeit der Finger und Hände. Eine Förderung der Fingerbeweglichkeit wird auch erreicht durch das Aufnehmen und Ablegen einzelner Schaumstoffwürfelchen.

Wer seine heissen Finger- oder Zehengelenke kühlen möchte, kann diese in Linsen stecken und in diesen Hülsenfrüchten wühlen.

Eine Bekannte von mir leidet schon seit Jahren unter einer Fingerpolyarthrose. Sie bevorzugt ein warmes „Kiesbad“. Sie nimmt gewöhnlichen Aquariumkies aus dem Zoohandel und erwärmt diesen auf 40 °C im Ofen auf. Sie schätzt die schmerzlindernde und durchblutungsfördernde Wirkung.

Preiswerte und effektive Hilfen
Blicken wir einmal in den Haushalt einer Polyarthrotikerin. Da die Frau aus finanziellen Gründen keine teuren Geräte kaufen kann, sprang ihr Sohn hilfreich ein. Er besorgte sich in einem Baumarkt Moosgummischläuche (diese sind auch in Sanitär- und Sanitätsgeschäften zu bekommen) und verdickte damit die Griffe. Durch diese Massnahme verbesserte sich die Greiffunktion und der Faustschluss seiner Mutter. Ein weiteres Plus der verdickten Griffe: Es wird ein Abgleiten der Fingergrundgelenke verhindert.

Ihr Sohn hat auch bestimmte Haushaltsgegenstände zu Greif- und Anziehhilfen umfunktioniert. So dient ein Teigschaber als Eincremehilfe, eine Grillzange musste als Greif- und Anziehhilfe herhalten. Da die Mutter vorher die Fenster und Balkontüren nicht gut mit der Hand öffnen konnte, benutzt sie jetzt ein Installationsrohr als Hebel. Für das Haarekämmen oder -bürsten hat ihr Sohn einfache Geräte konstruiert. Er befestigte die Bürste und den Kamm jeweils an ein Kunststoffrohr, das am oberen Ende gebogen ist. Nun kann sie besser ihre Haare kämmen und bürsten. Auch das Abtrocknen nach dem Duschen fiel ihr schwer. Da kam sie auf die Idee, den Bademantel als Trockenhilfe zu gebrauchen. Nach dem Duschen oder Baden schlüpft sie in den Mantel und wartet bis sie trocken ist. In der Küche benutzt sie Töpfe mit einem zusätzlichen Griff. Durch die 2 Griffe wurde ihr das Tragen erleichtert, da das Gewicht jetzt auf zwei Hände verteilt ist.

Eine andere Rheumatikerin, die unter Bewegungseinschränkungen im Handgelenk leidet, hilft sich beim Autofahren so: Sie legte eine Handgelenks-Bandage an. Durch diese Stütze kann sie problemlos Auto- und Fahrradfahren. Sie fühlt sich sicherer und kann auch kräftiger zupacken.

Ein Computerspezialist, der unter einer Handgelenks-Arthrose leidet, benutzt eine ergonomisch geformte Tastatur. Dadurch wird ein Abwinkeln der Handgelenke nach aussen verhindert. Treten trotzdem Schmerzen in den Handgelenken auf, dann benutzt er eine Handgelenks-Bandage.

Hinweis: Wer orthopädische Hilfsmittel benötigt, der sollte sich bei seiner Krankenkasse erkundigen, ob die Kosten erstattet werden oder nicht. Bei Nichterstattung bietet sich in bestimmten Fällen als Alternative ein Leihgerät an.

Bewegungsübungen sind wichtig
Die Alltagsverrichtungen sollten nicht mit den notwendigen Bewegungsübungen verwechselt werden. Sie sollten, wie Susanne Bitzer-Munoz in der Broschüre „Mobil trotz Rheuma“ berichtet, auf keinen Fall als Ersatz für tägliche, gezielte Bewegungsübungen angesehen werden. Denn gerade beim Rheumatiker gilt des kluge Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ im besonderen Masse. Eine gezielte Bewegungstherapie ist für den Rheumapatienten unerlässlich. Dabei fällt es nicht so sehr ins Gewicht, ob der Rheumatiker zu Hause Übungen nach einer vorherigen Anleitung, Übungen in der Gruppe, gezielte krankengymnastische Übungen oder Bewegungsübungen im Wasser durchführt. Wichtig ist, die gelernten Übungen zu Hause ein- oder mehrmals am Tag auszuführen.

Orthopädische und spezielle Hilfsmittel zum Gelenkschutz

Entlastende Gehhilfen

Handstock, Unterarmgehstütze, Achselstütze, Rollgestell mit Ablage- und Sitzmöglichkeit, Gartenrollsitz, Zubehör: Anti-Rutsch-Kralle, Gleitschutz für Schnee und Eis, Gehstockhalter.

Schuhzurichtungen, orthopädischer Massschuh

Schuhe mit Zehen-, Ballen- oder Mittelfussrolle, Erhöhung des Schuhaussen- oder Schuhinnenrands, Einlagen, Pufferabsatz, orthopädische Massschuhe.

Orthesen

Dienen zur Stabilisierung, Entlastung, Ruhigstellung, Führung oder Korrektur. Sie nehmen Einfluss auf die Fussstatik und damit auf die Schrittabwicklung.

Spezielle Hilfsmittel

Athrodesenkissen, Athrodesenstuhl, Toilettensitzerhöhung, Duschrollstuhl, Badewannenlifter, Anziehhilfen (Anziehen von Socken und Strumpfhosen, Knopfschliesser, Schuhlöffel extralang), Greifhilfen (Greifboy, Garten-Set), Griffadaptionen (Griffverdickung, dreieckige Stiftverstärker, Drehhilfen, Drehgriffe, Schlüsselhalter, Schlüsseldrehhilfe, griffiges Besteck, Messer mit rechtwinkeligem Griff, Schraubkapsel- und Kronkorkenöffner, Schraubverschlussöffner, Flaschen- und Getränkedosenöffner, Schere mit federnder Schlaufe, Fusspflegeschere mit extralangem Griff, Badewannengriff, Tubenleerer, Garneinfädler, „dritte Hand“: gebogene Spezialbürste, Tablettenausdrücker, Tablettenteiler).

Quellen:„Arthrosen – Basiswissen zu Klinik, Diagnostik und Therapie“ von Prof. Dr. med. Matthias H. Hackenbroch, Thieme Verlag, Stuttgart 2002; „A. Vogel – Aktiv gegen Rheuma“ von Heinz Scholz, Verlag A. Vogel, Teufen 2003.

Was Gelenkschutzregeln und orthopädische Hilfsmittel bewirken

  • Reduzierung von Schmerzen
  • Vorbeugung von Funktionsverlusten in den Gelenken
  • Erhaltung der Beweglichkeit und Kraft
  • Vermeidung von Gelenkfehlstellungen
  • Vermeidung von übermässiger Beanspruchung oder Überbelastung
  • Stabilisierung des Gehens (besonders wichtig bei ängstlichen und gehunsicheren Patienten)
  • Gleichgewichthalten zwischen Ruhe und Belastung

Buchtipp
Heinz Scholz: „A. Vogel – Aktiv gegen Rheuma“ (Strategien für eine ganzheitliche Behandlung, Tipps zur Vorsorge und Selbsthilfe), Verlag A. Vogel AG, Teufen (Schweiz), 2. Auflage 2006.

Informationmen
Deutsche Rheuma-Liga
Bundesverband e.V.
Maximilianstrasse 14
D-53111 Bonn
Tel.: 0228 7667080
Fax: 0228 7660620
Internet: www.rheuma-liga.de

Schweizerische Rheumaliga
Renggerstrasse 71
CH-8038 Zürich
Tel.: 01 487 40 00
Fax: 01 487 4019
Internet: www.rheumaliga.ch

Österreichische Rheumaliga
Donaufelderstrasse 186/10
A-1220 Wien
Tel.: 01 2036201
Internet: www.rheumaliga.at

Anmerkung: Diese Arbeit erschien im „Kneipp-Journal“, Heft 11, 2005.

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