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     20. August 2018, 23:55 Uhr
 


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Der Kult des Zähneputzens und die Folgen

Noch nie habe ich ein Kamel oder auf freier Wildbahn irgendein anderes Tier angetroffen, das sich mit Bürste und Zahnpasta die Zähne geputzt hätte oder auch nur solche Materialien mit sich herumschleppen würde. Diese Beobachtung hat mir sehr zu denken gegeben.

Das Zähneputzen, das im Rahmen des menschlichen Zivilisationsfortschreitens beinahe auf den Rang eines Schulfaches angehoben worden ist, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer kultischen Handlung entwickelt, zu einem Ritual, das bis zu fünfmal pro Tag ausgeübt wird. Die Reinigungswerkzeuge wurden ursprünglich mit Leibeskräften, heute vor allem elektrisch, angetrieben. Die Zähne sind etwas heller und wesentlich dünner geworden; die Zahnhälse, durch falsches Putzen freigelegt, sind teilweise oder bereits durchgeschmirgelt, obschon der Zahnschmelz an Härte alle übrigen Materialien, aus denen die Menschen gefügt sind, übertrifft. Aber Säuren in Verbindung mit mechanischen Einwirkungen werden auch damit spielend fertig.

Es versteht sich, dass das Putzen schon richtig instruiert wird: Bürste im Winkel von 45 Grad ansetzen und von "rot" nach "weiss" drehen. Mit rüttelnden Bewegungen einen Zahn nach dem anderen reinigen, zuerst die Innen-, dann die Aussenseiten, zuletzt die Kauflächen von hinten nach vorne, bitte immer mit geringem Druck. Streng untersagt sind schwungvolle Reinigungsaktionen in der Horizontalen; die Zahnbürstenbewegungen dürfen also ausgerechnet nicht so verlaufen, wie die 2 Zahnreihen ausgerichtet sind. Und oft packt es einen halt doch, mit ein paar kräftigen Bürstenstrichen in der Waagrechten das Ritual schnell hinter sich zu bringen, wenn es gerade wieder einmal pressiert.

Die Erfindung des Zähneputzens stammt aus der Hochblüte der Jagdzeit auf die Bakterien, von denen es allein in der Mundhöhle rund 300 verschiedene Arten gibt. Seit einigen Jahren wird zum Halali gegen Viren geblasen, entsprechend den Fortschritten in der Technik des Mikroskopierens und der Analytik, durch die immer neue Mikroben zutage gefördert werden. Mit Schreckensmeldungen wie der folgenden wurden ganze Völkerstämme zu leidenschaftlichen Zahnbürstern umerzogen: "Zuckerhaltige Speisereste, die an den Zähnen haften, geben den Bakterien reichlich Nahrung. Bereits kurze Zeit nach dem Verzehr von Süssigkeiten herrscht an den Zähnen ein schädliches, saures Milieu. Besonders in den Zahnzwischenräumen und spaltenförmigen Einziehungen der Backen- und Mahlzähne lagert sich Plaque ab. Ohne ihren schützenden Zahnschmelz beginnen die Zähne zu faulen (Karies); sogar der Nerv in der Zahnwurzel kann angegriffen werden. Bildet sich am Zahnfleischsaum Zahnstein, können Zahnfleischbluten, vereiterte Zahnfleischtaschen, Rückgang des Zahnfleisches und sogar Lockerung und Ausfall der Zähne die Folgen sein." Und dann der Reklamespot: "Auf jeden Fall sollte mindestens zweimal pro Jahr eine Kontrolle der Zähne durch den Zahnarzt erfolgen." So bringen Zahnärzte ihre Kunden in eine lebenslängliche Abhängigkeit; aus der Behebung von Putzschäden ergeben sich ebenfalls ergiebige Verdienstmöglichkeiten.

In einzelnen Praxen kann dann die Zahnreinigungswut geradezu chirurgische Dimensionen annehmen. Im "Brückenbauer" 34-1993 habe ich dazu was folgt gelesen: "Ist der sichtbare Teil des Zahnes geputzt, müssen auch die Wurzeln und die Taschen bis in die kleinsten Ecken von jeglichen Bakterien befreit werden. Sind die Taschen nicht tiefer als 5 bis 6 mm, lässt sich dies mit speziellen, feinen Instrumenten bewerkstelligen. Sind die Taschen aber tiefer, oder haben die Wurzeln besonders komplizierte Formen, ist ein kleiner chirurgischer Eingriff notwendig. Das Zahnfleisch muss lappenartig aufgeschnitten werden, um auch die letzten Winkel reinigen zu können." Soweit das Zitat. Bei der "Zahnpflege" werden sogar manchmal Antibiotika und Antiseptika als Bakterientöter ungeachtet der Nebenwirkungen verwendet, obschon die desinfizierende Wirkung des Speichels vollkommen genügen würde.

Da fragt man sich nur, wie der Zahnarzt verhindern will, dass sich bald wieder neue Bakterienheere in die Schlitze verirren... Laut Prof. Ketterl aus Mainz vegetieren in einer gesunden Mundhöhle 1014 Keime. Ich werde den Verdacht nicht los, dass das Herumschneiden am Zahnfleisch den abgescheuerten Zahnstummeln noch den Rest geben könnte, besonders wenn sie wegen Parodontosis (Folge von Fehlernährung bzw. Mangel an Durchblutung wegen überflüssig gewordener Kautätigkeit) wackelig geworden sind.

Begreiflicherweise möchte niemand faule und ausfallende Zähne haben. Die Zahnärzte waren die ersten, die den Gedanken an eine Gesundheitspflege ins Bewusstsein brachten, eine grundsätzlich verdienstvolle Prävention. Und so begann dann eben das grosse, endlose Schmirgeln. Eine Industrie blühte auf: Zahnbürsten-, Zwischenraumbürsten-, Zahnseide-, Zahnpasten- und Mundwässerproduzenten hatten keine Löcher in den Kassen, sondern strahlende Bilanzen. Die Forstwirtschaft konnte Zahnhölzer liefern. Dabei wäre das Putzen mit gewöhnlichem Wasser, eventuell etwas Kochsalz (ohne Fluor und Jod), eine vernünftige Lösung, zahnfleischstärkend und zahnsteinverhindernd obendrein.

Werbebüros suggerierten, die Gesundheitsvorsorge fange bei der Zahn- und Mundpflege an, und viele Allgemeinerkrankungen hätten ebenfalls dort ihren Ausgangspunkt. Das stimmt zwar im Prinzip schon, aber nicht in erster Linie wegen des unterlassenen Herumlaborierens mit Zahnbürsten, sondern wegen dem, was man sich so in den Mund hineinschiebt.

Das Verheerendste ist der überall versteckte Zucker, welchen Bakterien in ätzende Säure umwandeln. Auch Säuren in der Nahrung (im Extremfall Rhabarber, aber auch Ananas, Äpfel, Bananen usf. enthalten Säuren) greifen den Zahnschmelz leicht an; er erholt sich aber mit der Zeit wieder vollständig. Bürstet man aber gleich nach dem Essen, wenn möglich noch mit einer sauren Zahnpasta, züchtet man eindrückliche Schadenbilder mutwillig heran.

Die Zahngesundheit hat weniger mit Zahnbürstenakrobatik und dem unkontrollierten Abtöten von erwünschten und weniger erwünschten Mundbakterien als vielmehr mit der Ernährung zu tun. Wild lebende Tiere verhalten sich intelligenter. Sie verzehren und zermalmen Rohkost in Mengen, kauen ausgiebig, wie es das Bild mit den Kamelen zeigt, und der dabei reichlich fliessende Speichel zersetzt allfällige Speiseresten zwischen den Zähnen. Die Zähne sind kerngesund. Die trainierten Kieferknochen und -muskeln bleiben kräftig. Sie bilden sich nicht wie bei vielen Menschen zurück; wenn das geschieht, bleibt für Zähne immer weniger Platz, und sie verschieben sich zum Teil hintereinander. Durch kräftiges Kauen aber würde das Zahnfleisch durchblutet und stabil.

Es wäre ein Unding, wollte man jemandem einreden, er solle Kartoffelstock oder weich gesottene Eiernudeln 60x kauen. Man kaut zwar auch den Wein, um ihn im Munde etwas zu erwärmen und seine Geschmackskomponenten zu entfalten. Das Kauen macht im Übrigen eigentlich nur dann einen Sinn, wenn auch harte Lebensmittel mit vielen Faserstoffen zerkleinert werden müssen: altbackenes Brot, Äpfel, Rüebli (Karotten) und andere Lebensmittel. Bei der heutigen Herunterschlingerei von weichem Retortenfutter wird bestenfalls noch auf das "schöne Knaxen" geachtet; das Zartschmelzende rutscht dann ohne grossen Kau-Aufwand durch die Speiseröhre.

Wegen des enormen Sättigungswertes des Zuckers und der in Industriekost häufig versteckten Fette kann keine Lust auf ein Stück Vollkornbrot oder einen Apfel entstehen. Falls noch Restbestände solcher Tendenzen bestehen sollten, gibt ihnen die ETH-Forschung noch den Rest. Der Vorsteher des Institutes für Lebensmittelwissenschaft, Felix Escher, erklärte laut "NZZ" vom 12.1.1995: "Es wäre falsch zu meinen, unsere Grosseltern hätten grundsätzlich besser gegessen als wir; es gab auch Fehlernährungen, Vitaminmangel und Krankheiten selbst bei den naturnah lebenden Bauern (...) Vorgebackene Pommes frites aus dem Schnellimbisslokal sind ganz gesund und enthalten viel Vitamin C. Zusammen mit einem vernünftig gebratenen Hamburger ergeben sie eine ernährungswissenschaftlich taugliche Nahrung." – Vielleicht hat die Schnellimbissindustrie diese sagenhafte Erkenntnis, in welcher die gravierende Zunahme der Zivilisations(kost)-Krankheiten schlicht und einfach ausgeklammert ist, gesponsert; unentgeltlich würde wohl niemand so etwas von sich geben. Der Erfahrungs spricht eine andere Sprache: Die Schweizer Volksgesundheit war nie so gut wie während der kargen Jahre des 2. Weltkrieges und noch nie so schlecht wie heute (siehe Krankheitskosten, unbelastbare Jugendliche usf.).

Der Gehalt an lebenserhaltenden Inhaltsstoffen ist beim modernen, zurechtgestylten Futter aus der Industrie bescheiden geworden. So zerfallen neben der Gesundheit im Allgemeinen Skelett und Gebiss sozusagen von innen heraus. Und je brutaler man mit Bürsten und unter Einsatz von Abrasiva (Putzkörpern aus der Zahnpasta) auf den Zähnen herumkratzt, um so grösser sind die Schäden. Zum Gesundheitszerfall tragen selbstredend auch die in Zahnpasten enthaltenen Desinfektionsmittel, Tenside (waschaktive Substanzen) und Schäumer bei, die zusammen mit den unsinnigen und offenbar noch immer propagierten Fluorzusätzen unter die Zellgifte einzuordnen sind; durch sie werden die schützenden Schleimhautdeckzellen abgetötet. Das in der Natur stark verbreitete Fluor ist ohne weiteres künstliches Zutun in unserer abgasgeschwängerten Biosphäre überall in genügendem Mass vorhanden. Das Natriumlaurylsulfat (NLS), ein Schaumbildner, seinerseits gehört zu den übelsten hautquellenden- und schleimhautreizenden Tensiden.

Durch solche Einflüsse und Störungen der Mundökologie (auch durch Mundwässer) kann es zudem zu Enzym-Blockaden und damit zur folgenschweren Ausschaltung von wichtigen Stoffwechselvorgängen kommen. Man könnte zwar sagen, nach all den Amalgam-Orgien und -Schäden komme es darauf auch nicht mehr an. Aber die Attacken auf die Gesundheit summieren sich dramatisch. Der Münchner Soziologe U. Beck hat in seinem Buch "Risikogesellschaft" (schon 1986) dasselbe mit anderen Worten festgestellt: "Die Unbedenklichkeiten summieren sich bedenklich."

Heute bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass es der Volksgesundheit zuträglicher gewesen wäre, wenn das Zähneputzen nie erfunden worden wäre. Denn es wird doch suggeriert, dass jeder, der diese Tätigkeit des Schrubbens gewissenhaft, häufig genug und gründlich nach Vorschrift ausführt und brav Fluoride schluckt, essen kann, was ihm beliebt. Man kann ein Pfund Zucker aufs Mal essen, muss sich aber nur gleich nachher die Zähne putzen... Die Nahrungsmittelindustrie braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr zu entwickeln, wenn sie ihre Zuckertonnagen und Lebensmittelchemikalien versteckt. Die Leute haben ja gelernt, auf eine einwandfreie Mundhygiene zu achten... Da kann ja wirklich nichts mehr schief gehen.

Der unsinnigen Folgen war erfahrungsgemäss kein Ende: Drinnen im Schulhaus üben die Kinder den Kult des Zähnebürstens, und neben dem Schulhaus oder im Schwimmbad steht ein Kiosk mit all dem gezuckerten und gefärbten Schleckzeug. Wenn es noch ein Kind geben sollte, das gern ein Vollkornbrötli und einen Apfel hätte, würde es solche wertvolle Lebensmittel nicht finden – dieses mangelhafte Angebot kann man mit ETH-Erkenntnissen begründen und man ist fein raus...

Nach seinem Gebiss ist der Mensch ein Früchte-Esser, und das Essen dient der Erhaltung des Lebens. Heute dient es einem irritierten Genuss-Bedürfnis und häufig genug der Zerstörung der Gesundheit. Die meisten Zivilisationskrankheiten sind wegen der Fehlernährung entstanden. Diese finden vielleicht eine ihrer Ursachen im Zähneputzen: Wäre dieses nicht erfunden worden, müsste man auf die Vollwertigkeit und Qualität der Nahrung achten, wollte man sich ein unbeschädigtes Gebiss erhalten. Im neuen Buch "Krank im Schlaraffenland" (1994 im Kösel-Verlag, München, erschienen), schreibt Thomas Weiss zutreffend: "Durch eine harte, faserreiche Kost werden die Zähne wie mit einer Zahnbürste gebürstet, wobei Bakterien und Speisereste aus den Zahntaschen und den Zahnzwischenräumen herausgewischt werden."

Genau deshalb gibt es keine Tiere, die sich die Zähne putzen. Der Grund dafür liegt nicht etwa darin, dass sie den 45 -Winkel nicht kennen. Sondern sie verhalten sich derart intelligent, dass dafür schlicht und einfach kein Anlass besteht. Wir sollten ihr Verhalten zum Anlass nehmen, die Vorgänge rund um unseren Mund wenigstens kritisch zu überdenken.

Walter Hess

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