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     16. August 2018, 14:22 Uhr
 


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Anleitung für Schatzsucher: Die Kunst, fündig zu werden

Eines schönen Tages bildete sich im Untergeschoss unseres Hauses mitten an einer verputzten und mit Sumpfkalk weiss getünchten Innenwand ein feuchter Fleck heraus, auf dem sich ein grau-schwarzes Schimmelpilz-Biotop bildete, das immer weitere Kreise zog. Von Tag zu Tag breiteten sich Fleck und Schimmelspuren langsam aus. 26 Jahre lang war die Stelle trocken gewesen – und jetzt plötzlich das! Ich kam ins Grübeln. War eine Wasserleitung in der Mauer, oder floss das Wasser von irgendwo heran? Ich konnte ja nicht das ganze Haus abreissen, um das Rätsel zu lösen.

Mit einem Metalldetektor sollte es möglich sein, festzustellen, ob eine Wasserleitung in der feuchten Wand war. Ich suchte das Internet nach dem Stichwort "Metalldetektor"[1] ab und fand dazu Tausende von Artikeln und hinreichend Bezugsquellen. Es wurde mir beim Surfen noch deutlicher bewusst, dass das Suchen offenbar eine wichtige menschliche Tätigkeit ist, nicht allein im Bereich der Metallortung (Leitungen, Armierungen). Denn Suchende gibt es überall. Vor allem geht es um die Sinn-Suche, die nicht immer von einem Erfolgserlebnis gekrönt wird.

Mit Metalldetektoren aber sucht man vor allem Metall; der Name sagt es. Es gibt solche Geräte, mit denen Taucher unter Wasser nach Eisenteilen fahnden können. Ein Schatzsucher wäre ohne eine derartige Suchhilfe zum Scheitern verurteilt. Schätze sind oft im Bereich gesunkener Schiffe zu finden. Fidel Castro hat Experten zur Schatzsuche vor den kubanischen Küsten aufgeboten. Er hoffte, die marode Staatskasse seines seit Jahrzehnten mit US-Strafaktionen belegten Inselreiches mit Hilfe des auf dem Meeresgrund lagernden Goldes und den Edelsteinen ins Lot bringen zu können. Vor Jahrhunderten war es im Einzugsgebiet der "Westindischen Inseln" nämlich oft gelungen, die Schiffe der plündernden Europäer zu versenken, oder sie fuhren ohne fremdes Zutun auf Korallenriffen fest und waren verloren.

Auch für die Schatzsuche an Land gibt es Detektoren – oder für die Minensuche. Die Geräte sind meistens von Batterien gespeist und geben Piepstöne von sich, wenn auf dem oder im Boden etwas Metallisches vorhanden ist, ähnlich wie die Ortungs- und Messgeräte für die Radioaktivität, mit denen man beispielsweise feststellen kann, wo die Amerikaner ihren radioaktiven Abfall in Form von Uranmunition weit abseits vom eigenen Land verschossen und verstreut haben.

Die grösste Konjunktur erleben Detektoren neben den ehemaligen Kriegsschauplätzen im Zivilbereich bei Leibesvisitationen. Man kennt sie insbesondere von Sicherheitskontrollen auf Flughäfen, wo sie in Türrahmen eingebaut sind und oft schon wegen der metallenen Gürtelschnalle, die ein Passagier vielleicht vor dem Bauch hat, Alarm schlagen. Es gibt auch Handgeräte, mit denen wehrlose Passagiere auf Pistolen und andere Waffen abgesucht werden. Mein Schweizer Militärtaschenmesser versorge ich deshalb vor jedem Hin- und Rückflug jeweils im Koffer. Eine Sicherheitskontrolle gleicher Art habe ich 1998 auf dem Bahnhof Xian in China und auch vor dem Betreten des Fernseh-Aussichtsturms in Schanghai über mich ergehen lassen müssen. Wahrscheinlich werden solche Massnahmen allmählich auch im Eingangsbereich unserer Schulhäuser nötig werden. Vielleicht werden wir demnächst auch am Eingang von Warenhäusern abgesucht, je nach dem Ausmass der Entwicklung der Kriminalität. Elektronische Lügendetektoren[2] gibt es ebenfalls schon lange, zweifelhafte Geräte zum Aufdecken der Wahrheit, beziehungsweise für die Suche nach Lügen.

Detektoren werden auch industriell angewandt, z.B. beim Sortieren von Kehricht – und auch handwerklich: Beim Feststellen von Leitungen vor dem Bohren oder eben bei Wasserleitungslecks, womit der rote Faden wieder aufgenommen wäre. Ein Mach-es-selber-Zentrum bot für 17 CHF einen Metalldetektor feil, der bestens funktioniert. Mit diesem pistolenförmigen Gerät habe ich die eingangs erwähnte feuchte Wandstelle abgesucht, aufgrund der Piepstöne den Leitungsverlauf auf der Mauer nachgezeichnet und an der feuchtesten Stelle aufgespitzt. Ein leckes T-Stück einer kupfernen Heisswasserleitung, dessen einer Teil für einen späteren Anschluss vorgesehen ist und der nur zusammengeklemmt und flüchtig gelötet war, war undicht geworden – ein ehemaliger Handwerkerpfusch, der nun leicht zu beheben war.

Soweit die Geschichte, an der philosophierend beliebig lang herumgenagt werden könnte. Sie lehrt vor allem eines: Gut und mit kriminalistischem Gespür gesucht, ist halb gefunden.

Suchaktionen im Internet erinnern an die Müllmenschen in Kairo oder Mexico City, die mit einer Holzstange in den Abfällen herumstochern, immer in der Hoffnung, etwas Brauchbares zu finden – ähnlich der Nadel im Heuhaufen. Sie haben ein Gefühl für wertvolle Fundstücke. Internet-Suchmaschinen machen das um Grössenordnungen besser, schneller.

Mit einer ziellosen Suchaktion wäre bei grösseren Dimensionen des Abfalls meistens wenig auszurichten; so fände man nicht aus der Verwirrung heraus. Deshalb grenzen fortgeschrittene Suchtalente den Suchbereich oder das gesuchte Thema wohlüberlegt ein. Bei Forschungsaktionen im Internet verlangt man von der Suchmaschine, dass mehrere einschlägige Begriffe vorhanden sein müssen, im vorgegebenen Fall etwa "+Metalldetektor +Sanitär +Schweiz" (heute kann man meist auf die +-Zeichen verzichten). Das heisst, es müssen alle 3 Begriffe in einem Artikel vorkommen; mit dem Minuszeichen könnten unerwünschte Wörter ausgeschlossen werden. Damit wird das Angebot kleiner, konzentrierter, einigermassen auf die spezielle Interessenlage beschränkt.

Das Durchstöbern einer Buchhandlung, einer Bibliothek oder der jeweils im Herbst stattfindenden Frankfurter Buchmesse an Ort und Stelle ist weit beschwerlicher. Karl Kraus (1874 bis 1936) stiess dazu folgenden Notschrei aus: "Woher nehme ich die Zeit, all das Zeug nicht zu lesen?" Wer kein hastiges Leben führt, dem genügt es, zu warten, bis einem das Ersehnte oder Benötigte von selbst zufliegt. Mit kleinen Bemühungen kann dem Glück, wenn immer nötig, ein bisschen nachgeholfen werden.

Für jeden Menschen bedeutet der Inbegriff der Glückseligkeit etwas anderes, jeder sucht als Grundlage seines Glückes Spezielles. Die individuellen Bedürfnisse ergeben sich aus dem speziellen Umfeld, auch aus der Art der Betrachtungsweise. Balthasar Gracian[3], ein streitbarer scharfsinniger Denker und Moralist aus dem 17. Jahrhundert, stellte fest: "Über viele Dinge hat man sich schon betrübt, über welche man sich gefreut haben würde, hätte man ihre Vorteile betrachtet. In allem liegt Günstiges und Ungünstiges; die Geschicklichkeit besteht im Herausfinden des Vorteilhaften."

Das Bedürfnis nach dem Auffinden des Vorteilhaften, etwa nach sofortigem Zugang zu historischen oder wichtigen Dokumenten beziehungsweise andersartigen Drucksachen oder Informationen, ist durch moderne Kommunikationsmittel leicht zu erfüllen. Die Medien schütten aus ihrem Füllhorn jede Menge von Informationen, Pseudoinformationen und Unterhaltung aus, die ihrer Ansicht nach Absatz garantieren. Alle Informationsanbieter buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Wir werden von ihnen förmlich angeschrieen. Man fühlt sich wie auf einem Jahrmarkt-Rummelplatz mit seinen Lautsprechern, Sirenen, den wandernden Schriften und nervösen Lichterschnüren, den wirren Bewegungen, den Lärmquellen, die sich beliebig vermischen, überlagern sowie die Anwesenden erschlagen. Und man kommt ob all des Tingeltangels kaum noch dazu, einen vernünftigen eigenen Gedanken zu fassen. Dabei wären solche Gedanken für ein individuelles, zielstrebiges Vorgehen zwingend; denn je nach Tradition, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen bringen ein und dieselben Massnahmen oder Verhaltensweisen eben unterschiedliche Wirkungen hervor. Die Vielfalt ist ein wichtiges Lebensprinzip.

Zu den wichtigsten Dingen, die verloren gegangen und schwierig wiederzufinden sind, gehört die Individualität. Man sollte nach ihr suchen. In den USA spricht man von der so genannten 80:20-Regel. Ihr zufolge hat der Durchschnitts-Amerikaner mit allen anderen Bewohnern des Landes bereits einen gemeinsamen Hintergrund von Erfahrungen, Kultur und Erwartungen. Diese gemeinsamen Elemente sollen 80% des Individuums ausmachen. Die verbleibenden 20% sind das, was die einzelnen Leute voneinander unterscheidet: Herkunft, Bildung, Besitz, persönliche Erlebnisse, körperliche Verfassung usf.

Sollte das einigermassen stimmen, wenigstens was die Grössenordnung anbelangt, würde das bedeuten, dass die Gleichschaltung dort bereits weit fortgeschritten ist. In anderen Gegenden der Erde ist die Uniformität zweifellos weniger weit gediehen, und zudem gibt es ja die unterschiedlichsten Kulturen. So wage ich, aus dem Ärmel heraus die Behauptung in die Welt zu setzen, in unseren Breitengraden bestehe immerhin noch die 40:60-Regel. Tragen wir zu ihr Sorge und streben wir eine weitere Individualisierung an!

Aus diesen Gedanken und Erkenntnissen ist leicht abzuleiten, dass eine Bildung, die das Zurechtfinden des Individuums innerhalb der Wirrnisse unserer modernen gesellschaftlichen Verhältnisse ermöglicht, nicht in einer Aufhäufung von auswendig gelerntem Wissen bestehen kann. Vielmehr müssen die Fähigkeiten im Hinblick auf das Auffinden und kritische Bewerten von nützlichen Informationen aus dem Datenmüll und von essentiellen Ereignissen trainiert werden. Es geht um die Lehre vom bewertenden Umgang mit herumschwirrenden Informationen, die uns überhäufen und uns oft fast unter sich begraben. Zudem ist die Fähigkeit der gezielten Wissensbeschaffung überlebenswichtig.

Am Beispiel der Chemie als Wissenschaftsbereich kann das einfach dargestellt werden: Sie ist ein Versuch, einen kleinen Teil der wahrnehmbaren Welt zu verstehen, ein derart ausuferndes Gebiet, dass man bestenfalls nur einige Basis-Erkenntnisse gewinnen kann und dazu eben das Talent, zu wissen, wo sich im entscheidenden Moment das Nachschlagen lohnt. Keinem Menschen kann es nur annähernd gelingen, sich auch nur mit 1% der ständig erscheinenden chemischen Literatur eingehend zu befassen – er müsste täglich x-mal 24 Stunden lesen und käme dann überhaupt nicht mehr dazu, ein wenig von seinen Erkenntnissen anzuwenden. Zudem besteht das Leben nicht nur aus Chemie.

Also auch hier: Man muss sich einen Überblick über die Fachliteratur verschaffen und diese gezielt zu nutzen verstehen. So muss sich jedermann in die Lage versetzen, sich seine persönlichen, auf seine spezifischen Bedürfnisse zugeschnittenen Suchmethoden anzueignen und sein persönliches Informationswesen aufzubauen – unter Zuhilfenahme aller Medien, öffentlichen Bibliotheken, persönlichen Kontakten usf.

Bibliotheken üben eine unbeschreibliche Faszination auf mich aus – und ebenso auch die Zusammenführung des überall gespeicherten Wissens via Internet mit den blitzartig und zuverlässig arbeitenden Suchmaschinen. Wegen ihres Tempos vermisst man die sinnliche Erfahrung weniger, die das Gewicht eines Buches in den eigenen Händen vermitteln würde. Die Quellen sind unerschöpflich; man braucht sie nur anzuzapfen. Wer detailliert zu fragen versteht, zuhören oder lesen kann, erhält viele massgeschneiderte Tips.

Die Recherchierarbeiten fördern neben dem Weizen ganz nebenbei vielfach unverhofft neue Erkenntnisse zutage, ein Zusatznutzen wie im Falle der Spreu, was sehr wertvoll sein kann. Wichtig ist bloss die Fähigkeit des Erkennens von Trouvaillen.

Walter Hess

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[1] Ein Detektor ("Offenbarer") ist ein Gerät zum Nachweis oder Anzeigen nicht unmittelbar zugänglicher Stoffe oder Vorgänge.
[2] Ein Lügendetektor ist, technisch betrachtet, ein Polygraph. Er zeichnet während einer Befragung unwillkürlich eintretende Körperreaktionen der befragten Person auf. Die Methode basiert auf dem Umstand, dass sich beim Auftreten einer Bedrohungslage sofort Blutdruck, Puls, Atemtätigkeit und Schweissabsonderung verändern. Die Schwäche der Methodik liegt darin, dass auch ein Unschuldiger in Erregung geraten kann, wenn er mit belastenden Fragen konfrontiert wird. Die Methode ist unzuverlässig. 1983 verbot das Bundesgericht den behördlichen Einsatz von Polygraphen, weil die damit vorgenommenen Tests einen Eingriff "in den Kerngehalt der persönlichen Freiheit" darstellen.
[3] Balthasar Gracian und Werner Richner (Fotos): "Das Glück liegt in dir", Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 1993.

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