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     17. August 2018, 09:03 Uhr
 


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Die Evolution der Mäuse

Mit Mäusen arbeiten wir alle, im Idealfall seit über 20 Jahren. Die mausführende Hand des Menschen hat sich schon weitgehend an die ergonomischen Formen der Logitech-Mäusefamilie angepasst; sie ist zu einem maus-umhüllenden Organ geworden: Das fängt rund um die Mini Wheel Mouse schon bei Kinderhänden an. Die Evolution hört nimmer auf, wie man sieht.

Im höheren Überlebensinteresse haben wir schnell herausgefunden, wo wir die Maus akupressur-ähnlich drücken und streicheln müssen, damit sich der Läufer (Cursor) auf dem Screen an die richtige Stelle setzt, er am gewünschten Ort klickt, Texte anknabbert, Dateien öffnet oder sogar zeichnet und modelliert. Die Computermaus (Mouse bzw. Cursor Control Device) ist ein Bestandteil unseres easy living geworden. Womit unsere English-Kenntnisse ausreichend unter Beweis gestellt wären, so dass hier und jetzt getrost mehr oder weniger zur deutschen Sprache zurückgekehrt werden kann.

Auf die Gefahr hin, einen Aufschrei des Erstaunens zu provozieren, es muss gesagt sein – auch die heranwachsende Generation hat schliesslich ein Anrecht auf die volle Wahrheit: Es gibt auch so genannte Echte Mäuse (Muridae)! Sie sind uns ähnlicher noch als die Computermäuse, die zu den Nacktmäusen gehören. Das Biotech-Unternehmen Celera Genomics hat herausgefunden, dass rund 98% der Gene von Mensch und Echtmaus "vermutlich identisch" sind.

Trotz der verblüffenden Chromosomen-Identität sind uns Echtmäuse weit weniger bekannt und weniger beliebt (weil weniger nützlich) als die vertrauteren Computermäuse. Das liegt am unflätigen Benehmen dieser Echten, die gelegentlich Computerkabel anknabbern; denn insbesondere die Hausmaus (Mus musculus) ist eine Allesfresserin. Und was bleibt ihr anderes übrig, wenn es in vielen Büros fast nur noch Kabelsalat gibt! Ob das ein Grund für die Konstruktion kabelloser bzw. schwanzloser Mäuse (Cordless Mouse) war, weiss ich nicht; jedenfalls wäre es nützlicher gewesen, statt des Schwanzes die messerscharfen Nagezähne wegzuzüchten (Toothless Mouse), die bei vielen Arten zusammen mit den Backenzähnen ständig nachwachsen und Prothesen überflüssig machen.

Die Echtmäuse waren die Vorreiter der Computermäuse; sie inspirierten zu weit mehr als nur zum Namen. Sie lieferten alle nötigen Inspirationen für die Maustechnologien: Die Echten Wühlmäuse (Microtus), die mit 98 Arten das Hauptkontingent der Familie stellen, sind ideal zum Durchwühlen der www-Welt. Vermutungen gehen dahin, dass sich die geheimnisumwitterten Suchmaschinen von solchen Nutztieren, wahrscheinlich Kleinwühlmäusen (Pitymys subterraneus) und Rennmäusen (Gerbillidae), unterstützen lassen könnten. Die Crawler-Betreiber verhalten sich allerdings mäuschenstill, wenn man sie nach ihren Geheimnissen befragt.

Die Feldmäuse (Microtus arvalis), die umfangreiche unterirdische Gangsysteme anlegen, sind Vorbilder für die Internetabteilungen von CIA und anderen Geheimdiensten, weshalb an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen werden darf. Die Sumpfmäuse (Microtus ratticeps) ihrerseits sind für allerhand Dubioses aus dem Untergrund verantwortlich, das sich selbst im Internetz verfangen hat. Auch die Erdmaus (Microtus agrestis) bevorzugt feuchte Orte wie Waldränder und Lichtungen. Weil sie das Bodenständige verkörpert, vermutet man bei ihr Kontakte zu rechtsorientierten Parteien; sie wird jetzt überwacht (woher der Name Monitor kommt). Weniger verdächtig ist die Schneemaus (Microtus nivalis), und so sind denn auch noch keine Bestrebungen auszumachen, sie mit den im gesamten Alpenraum vorsorglich installierten Schneekanonen abzuschiessen. Auch Mausfallen kommen hier nicht in Frage, denen Agatha Christie mit dem Bühnenstück ("The Mousetrap": In einer Pension geht ein Mörder um) ein Denkmal gesetzt hat. Auch bei Mausfallen ertönt manchmal ein Klick.

In unseren Breitengraden sind die Schermäuse (Arvicola terrestris) gefürchtet, weil sie auf der Suche nach Pflanzenwurzeln unter dem Erdboden wühlen und dabei viel Schaden anrichten. Im Zeitalter des Computers haben sie wieder mehr Wertschätzung erhalten, weil man sie zum Ausscheiden von Datei-Fragmenten benützen kann, ein virtueller Scherenersatz also.

In Asien gibt es die Reismaus (Ricemouse), welche die Reisfelder auflockert und belebt. Diese und auch Ratten, die ebenfalls zu den Echtmäusen gezählt werden, bietet ein spezielles Restaurant in Kanton (Guangzhou) namens "Jialu" ("Besser als Reh") als Delikatessen an, weil man in jener südchinesischen Stadt überhaupt alles isst, was sich einmal bewegt hat und sogar auch, was sich immer noch bewegt. In dieser überreichen kulinarischen Tradition gibt es 30 verschiedene Maus- und Rattengerichte (wie Rattenschultern mit schwarzem Pfeffer, eine Rattensuppe mit delikaten Rattenfleischstreifen sowie dünn geschnittenen Kartoffeln und Zwiebeln, ferner Ratten-Kebab, Rattenfilets an Spiesschen vom Kohlengrill, garniert mit Zwiebelstreifen, Pilzen und grünem Pfeffer, auf einem heissen Stein serviert). Ratten (Rattus) enthalten angeblich 17 verschiedene Eiweisse, ebenso Vitamin E und Kalzium, was den Haarwuchs und die Potenz verbessert, Stress abbaut, den Hustenauswurf reduziert und gerade auch noch vorzeitige Senilität heilt. Die Ratten gelten als naturheilkundliche Wundermittel, wie auch Computermäuse, welch letztere sich zwar nicht zum Verzehr eignen, aber durchaus bei jedem Wehwehchen zur www-Heilkunde hinführen können.

Mäuse sind ausserordentlich vermehrungsfreudig (siehe Logitech Serial Mouse) und somit Garanten für Umsatz, was sich auf den Kurs der Logitech-Aktien beflügelnd auswirkt. In der nämlichen Richtung wirkt die Mauser, womit, diesmal in der Vogel- statt Mäusewelt, der ständige Wechsel des Federkleides angesprochen ist. Das hat in der Mäuseproduktion zum artgerechten ununterbrochenen Modellwechsel geführt. Freaks und Aktionäre wissen Innovationen gleichermassen zu schätzen, weil die Kursgrafiken dann weniger an die Hüpfmäuse aus der Unterordnung der Mäuseartigen (Myomorpha) erinnern, sondern vor allem noch aufwärts zeigen – zum Mäusehimmel.

Summa summarum: In der Mäusewelt liegt ein enormes, noch kaum erkanntes Potenzial. Seien Sie nett zu diesen Tieren und verurteilen Sie diese nicht einfach als Schädlinge! Wenn Sie hin und wieder Weisse Mäuse sehen sollten, braucht das nichts mit einer Wahnvorstellung zu tun zu haben. Es könnte einfach ein gewöhnlicher Gruss aus der virtuellen Mäusewelt sein, etwa von der WingMan-Force-Feedback-Mouse, übertragen mit digitaler Hochfrequenz-Funktechnologie.

Walter Hess

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