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     17. August 2018, 09:03 Uhr
 


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Mondtore eröffnen neue Ausblicke

Einen ausufernden Garten mit hohen Elementen wie Bäumen, mittelhohen wie Sträuchern, Statuen und einem vielfältigen Parterre mit Blumen, Steinen, Wegen und Wasserflächen erleben wir oft als Chaos. Zu viele Elemente strömen aufs Mal auf den Betrachter ein, ein Vexierbild. Hecken und andere Unterteilungen wie Mauern können einen Garten strukturieren, das heisst aus einem Garten mehrere Gärten machen, von denen ein jeder eine eigene und einzigartige Welt ist.

Nach der chinesischen Auffassung soll ein Garten folgende Grundsätze berücksichtigen: "Versuche bei der Konzeption eines Gartens, von Pavillons, Wegen, kleinen Steinbergen und der Pflanzung von Blumen das Gefühl zu vermitteln, dass im Kleinen das Grosse und im Grossen das Kleine, dass im Realen die Illusion und in der Illusion das Reale liegt. Einige Sachen sollten verborgen, andere offensichtlich, einige prominent, andere nur vage sein. Beim Arrangieren eines rechten Gartens reicht es nicht, gewundene Wege in eine grosse Fläche mit vielen Felsen zu legen. Wer glaubt, damit sei es getan, verschwendet nur seine Zeit und Energie." Das Zitat wird von den Betreuern des sehenswerten Chinagartens an der Bellerivestrasse beim Zürichhorn in Zürich einem Shen Fu ("geistlicher Vater", Priester) zugeschrieben.

In der mythenreichen chinesischen Kultur sind die magischen Durchgänge zwischen den einzelnen Gartenwelten meist quadratisch oder rund. Ich habe aber auch schon oft vasenförmige gesehen; es darf auch ein Torbogen sein. Kreise symbolisieren den Himmel, aber auch Fülle und Harmonie, Quadrate ihrerseits die Erde. Diese Öffnungen bezeichnet man als Mondtore; es sind auch Symbole des Friedens, vom Toleranzgedanken geprägte Übergänge in andere Welten. Sie dienen auch der Strukturierung, der Abgrenzung und gleichzeitig auch der Grenzerweiterung.

Der chinesische Garten ist eine Art Kompromiss zwischen den Ansprüchen der Natur und dem menschlichen Gestaltungswillen. Denn die Landschaft wurde als etwas Naturgegebenes begriffen und stand dementsprechend in Opposition zu alledem, was von Menschenhand geschaffen war. Man sprach beim Anlegen eines Gartens vom Bauen (zao) statt vom Anpflanzen (zai oder zhi), akzeptierte die Naturvorgaben, versuchte aber, die Natur konzentrierter und nach menschlichem Ermessen idealer herzurichten als sie – von Natur aus – war. Die Natur wurde poetisch verklärt. Es ging um die Schaffung von Weite, Stille, kunstvollem Arrangement, Kühle durch Wasser, Ehrwürdigkeit und szenischen Charme. Für den letzteren haben die Mondtore als wesentliche Gestaltungselemente zu sorgen.

Der Bezug zum Mond verweist auf die Astralebene, der nächstgelegenen Zwischenstation zu universellen Dimensionen, zur Unendlichkeit. Zudem beruht die über 5 Jahrtausende chinesische Astrologie auf der exakten Beobachtung von Mond, Sonne und Planeten – sie sind das Grosse, das sich in den kleinen Gärten wieder finden soll.

Das chinesische Horoskop ist ein Lunar-Horoskop, das sich an den Mondwechseln orientiert. Die alten Chinesen hatten schon früh den Einfluss des Mondes auf das irdische Leben (u.a. Gezeiten) erkannt. Der Rhythmus des Horoskops ist exakt auf den Ablauf des Naturgeschehens ausgerichtet, und es ist naheliegend, bei der Gartengestaltung Bezüge dazu herzustellen, bei der Herrichtung eines verkleinerten Kosmos eben. Der Mondkalender ist auch die Basis für zuverlässige Wetterregeln. Die Herrscher über das chinesische Reich waren deshalb immer bestrebt, die besten Astronomen an den Hof zu verpflichten, welche exakt auf den Kalender zu achten hatten. Denn ihr Herrschaftsanspruch stützte sich zu einem wesentlichen Teil auf die Segnungen der richtigen Jahresteilung und Anleitungen, wie sie vom Himmel vorgezeichnet waren und nur noch interpretiert werden mussten.

Tore entfalten in allen Kulturen eine tiefe Symbolik. Auf der Hochzeitsinsel Bermuda stehen viele Mondtore (Moongates) bereit; Ehepaare, die ein solches durchschreiten, erhalten damit die Garantie für eine lange und glückliche Ehe. Tore führen vom Aussen zum Innen – und umgekehrt. Es sind Stellen des Übergangs in neue Welten: offene Grenzen. Sie trennen und verbinden, sind Endstationen und Neuanfänge zugleich. Sie gliedern und ordnen, schaffen neue Landschaftsräume, neue Stimmungen.

Wenn unsere Männerchöre das spätromantische Lied "Am Brunnen vor dem Tore" von Wilhelm Müller (vertont von Franz Schubert) singen, geht es auch dort um einen wehmütigen Abschied und um den Beginn zu einer Wanderung in eine andere Welt, wo kalte Winde blasen – also auch um Wind und Wasser, wie im Feng Shui…

Walter Hess

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