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     18. August 2018, 14:56 Uhr
 


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Staulust gegen Luststau

Die Osterreise am Golf von Neapel und das Ungeheuer

Von unserem Hotel unweit Sorrent (Italien) waren es laut Strassenkarte nur 64 km bis Neapel, davon 25 bis zum Autobahnbeginn bei Castellamare. Diese letztere Strecke mussten wir täglich zweimal passieren, was nicht sonderlich weit erschien; aber auf der engen und kurvenreichen Strasse lauert ein Ungeheuer, das an unseren Nerven frass.

Zwar war es am Golf von Neapel auch zu früheren Zeiten niemals so ganz gemütlich gewesen. Zu Urzeiten hatten die Sirenen mit ihrem Gesang die aufmerksamen Reisenden ins Verderben gelockt. Später sang Kaiser Nero in Bajae und Neapel zur Gitarre, und wer dabei einschlief, war des Todes. Zu guter Letzt brach auch noch der Vesuv aus. Was Touristen sonst noch drohte, lässt Johann Wolfgang von Goethe im "Faust" den Mephisto schildern. Ja, und Hans-Peter warnte uns eindringlich von Taschen- und sonstigen Dieben.

Mit dem Ungeheuer "Stau" aber hatte er nicht gerechnet. Tagtäglich fiel es uns zweimal an, und als wir uns dann am Ostermontag 2002 gleich Tausenden anderer Touristen und Einheimischer in der Gewalt des Untiers Stau fanden, erinnerten wir uns an den listenreichen Odysseus. Er verstopfte seinen Mannen die Ohren vor dem Gesang der Sirenen. Wir, das heisst Ostmark, beschlossen, das Scheusal wissenschaftlich zu bändigen. Dazu liess die abendliche Heimfahrt (Abfahrt in Neapel um 18 Uhr) eine treffliche Gelegenheit erwarten.

Wir entwickelten zunächst mittels diskursiver Methode eine Stau-Klassifikation in 10 Stufen nach der Art der Mercalli-Skala für Erdbeben. Die Skala dieser Staustufen, natürlich nach oben offen, reicht vom Ministau (Stufe 1) bis zum permanenten Universalstau. Dabei mussten wir die oberen Stufen, den ganztägigen Stau (Stufe 8) und den mehrtägigen Stau (Stufe 9) zum Glück nicht beobachten. Staustufe 10 wäre ein Szenario, verbunden mit einem Asche-Ausbruch des Vesuvs. Um die Aufräumung kümmern sich dann die Archäologen nach Jahr und Tag.

Auslöser höherer Staustufen ist der Ministau. Er entsteht bei lavaartig zähem Verkehr durch regionstypische Verhaltensweisen wie unvermutetes Aufreissen der Autotüren, Halten für ein Schwätzchen mit Freunden am Strassenrand, Rechtsüberholen, Parken mit Notlicht in 2. Spur usw. Darin sind im Nu ein Dutzend Autos verwickelt; doch wird dies von den Stauopfern noch mit Geduld ertragen. Bei der Stufe 2, wo das Ende des Staus nicht mehr optisch erkennbar ist, werden bereits Anzeichen psychologischer Geduldsstaus erkennbar. Diese entladen sich aber erst bei Stufe 5 in Hupkonzerten.

Es ist hier unnötig, die Staustufen 3 bis 7 genauer zu beschreiben. Als Ergebnis (um 19.30 Uhr standen wir immer noch auf der Autobahn vor Castellamare) war uns aber klar geworden, dass weitere staulogische Begriffe als Seitwärtsentwicklung nötig wären. So treten vor allem am frühen Nachmittag Einkaufsstaus auf. Die Einheimischen haben nämlich längst erkannt, dass alle Staugrade nur geringfügig angehoben werden, wenn man mit dem Wagen vor den gewünschten Laden fährt, dort im Halteverbot in 2. Spur parkt und seinen Einkauf erledigt. Diese Notwendigkeit haben auch die Polizisten einsehen müssen.

Der Feiertagsstau hat seinen Höhepunkt am Ostermontag. Staubegeisterte Einheimische stürzen sich da hinein und geniessen die vielen Sehenswürdigkeiten im Schritttempo. Ihre Belohnung sind dann die Stauberichte im Fernsehen und in den Zeitungen. Die Stauqualität bemisst sich in der Anzahl der nebeneinander auf den Fahrbahnen stehenden Autokolonnen.

Autobusstaus sind bei solchen Fahrbahnverengungen normal. Dies führt zu retroaktivem Stau, der auch an Kurven vorkommt. Oft müssen bei solchen Kurvenstaus ja die bereits eng aufgeschlossenen Fahrzeuge in waghalsigen Manövern zurücksetzen, so dass sich der Stau nach rückwärts weiter verdichtet.

Mesostaus der Stufen 3 und 4 ähneln dem Modell eines mit Kieseln gefüllten Wasserkrugs, der voll zwar, doch auch noch leer ist, weil sich ja noch Sand und Wasser dazu giessen lassen. Im Stau bewirken dies nach beiden Richtungen die Roller- und Mopedfahrer, die sich zwischen die Autos schieben. Bei Vollstau (Stufe 7) bleibt ihnen dann auch kein Platz mehr, sich durchzuzwängen oder herauszukommen.

Die Hypothese zu den Stauauswirkungen auf italienische Haushalte waren für uns leider nicht überprüfbar. Die Kinderzahlen sind bekanntlich drastisch gesunken. Wir vermuten, dass es zu Lust- und Babystaus bei der jüngeren Bevölkerung gekommen ist. Auch bei Mahlzeiten und in der Küche muss es Auswirkungen geben.

Ärgerlich sind Ordnungsstaus. Versprengte PolizistInnen an Kreuzungen bemühen sich mit aufgestauter Hilfsbereitschaft um die Stauopfer. Dies treibt aber in der Regel nur die Stauintensität um 1 oder 2 Stufen die Skala hinauf. Mit diesen Höhenflügen befassten wir uns zwischen Castellamare und Sorrent (zwischen 20 und 21 Uhr). Es gibt dazu noch den Sorrentiner Stau durch unverständliche Umleitungen im Stadtgebiet zu gewissen Tageszeiten; weil jede der 5 Teilgemeinden ihre eigene Verkehrslenkung hat.

Zwischen Sorrent und unserem Hotel auf den letzten 6 km (21.3o bis 22 Uhr) widmeten wir uns den Stauschimpfwörtern. Freilich war da unsere Kreativität nicht mehr sehr gross. Gewiss, es gibt Stausäue und den Saustau. Das beliebteste Wort der deutschen Umgangssprache wagten wir nicht einzubauen, zu sehr bedrängte uns selber bereits der kreatürliche Bedürfnisstau, der zum Glück zu keinen Staukatastrophen Anlass gab. Das Fachwort dafür wäre "explosive plinianische Eruption"[1]. Hierin ist eine Auswirkung der italienischen Diät zu sehen. Nicht auszudenken, was da in anderen Ländern alles passieren könnte.

Immerhin brachte uns dies noch zur Erkenntnis, dass Staubegriffe wie die obige Stausau durch ihre Umkehr neue Bedeutungen erhalten.

Als harmloses Beispiele seien hier der Freudenstau der Staufreude und der Staulust der Luststau gegenübergestellt.

Spätabends entstauten dann im Hotel die stauerfahrenen Kellner noch aufgestauten Hunger und Durst. Der Weinpreis zeigte allerdings einen deutlichen Stauzuschlag.

Wigand Ritter

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[1] Plinianische Eruption: Fachbegriff für den Typus des Vesuvausbruchs von 79 nach unserer Zeitrechnung, bei welcher der Gasdruck das Magma zu feiner Asche zerstäubt (Quelle: "Bericht des Jüngeren Plinius an Kaiser Titus").

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