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     18. August 2018, 14:56 Uhr
 


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Nachhaltigkeit: Missbrauchter Begriff

Der Begriff Nachhaltigkeit tauchte zuerst im Forstwesen auf. Mit ihm stemmte man sich gegen eine übermässige Ausbeutung des Waldes, gegen Abholzungen, Kahlschläge. Es sollte nur noch so viel Holz geschlagen werden, wie nachwachsen konnte, ein rein quantitatives Manöver. Der forstliche Begriff wird auf den sächsischen Berghauptmann Hanns von Carlowitz zurückgeführt, der das Wort nachhaltend 1713 erstmals verwendet haben soll. Er wollte eine "continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung" sicherstellen. Es ging also schon damals weniger um die Erhaltung von Naturwerten an sich, sondern vielmehr um die Sicherstellung des wirtschaftlichen Ertrages.

Das Wort ging dann 1780 in ein Wörterbuch ein, und zwar in die "Onomatologia forestalis-piscatoria-venetoriae Supplement oder Beiträge und Verbesserung des Vollständigen Forst-Fisch- und Jagd-Lexicon". Und im 19. Jahrhundert setzte sich der Begriff dann auf breiterer Front durch; die Art des Waldbaus sollte den "grössten (wirtschaftlichen) Nutzen nachhaltig gewähren". Im Prinzip wurde daran bis heute nichts geändert. Die Philosophie, die hinter dem Begriff versteckt ist, kann mit der Pflege einer Milchkuh verglichen werden: Der mehr wirtschaftlich statt ethisch orientierte Bauer gibt sich Mühe, das Tier produktionsfähig zu erhalten und einigermassen bei Laune zu halten, damit es noch lange viel, viel Milch gibt – und nicht etwa aus Tierliebe als solcher. Es gibt auch andere Bauern.

In den Wäldern hatte die nachhaltige Wirtschaftsweise keine ökologisch vielfältigeren Bestände zur Folge. Im Gegenteil: Es breiteten sich zunehmend schnellwüchsige Monokulturen aus – dem Begriff wurde dennoch treu nachgelebt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatten die zunehmenden "Verfichtungen" (Rottannen-Monokulturen) gerade mit der Holzproduktionsbeschleunigung zu Nachhaltigkeitszwecken zu tun. Fichten (Rottannen) sind die Milchkühe der Förster.

Nach dem heutigen Sprachverständnis bedeutet Nachhaltigkeit eine längere Zeit anhaltende Wirkung. Der Begriff breitete sich auf den landwirtschaftlichen Bereich aus und wird seit Mitte der 80er-Jahre auch für ökologische Belange angewandt, insbesondere von Uno-Konferenzen für "Umwelt und Entwicklung" (wie 1992 in Rio de Janeiro und auf den Nachfolgekonferenzen 1994 in Oslo und 1997 in Kyoto); hier wird dann von sustained (anhaltend) oder sustainability gesprochen. Dabei wird unter einer "nachhaltigen Entwicklung" die vorsorgende wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Entwicklung als partnerschaftlicher Prozess und als innere Einheit verstanden. Die Bilanz ist inzwischen bekannt: Unerledigte Hausaufgaben.

Der Umgang mit dem Wort Nachhaltigkeit hat sich wenig verändert, wie man sieht. Wiederum geht es nicht um eine Bewahrung und Gesunderhaltung eines vielfältigen Lebensraumes als alleinigem Nachhaltigkeitsgaranten, sondern der Ökologie sind (wohl mindestens gleichberechtigt) die Ökonomie und die sozialen Aspekte gegenübergestellt. In der Praxis bedeutet das, dass ökologische Schäden im Interesse von Wirtschaftserfolgen in Kauf genommen werden können bzw. müssen, und am Ende dominiert dann (nach US-Vorgaben) die Wirtschaft alles (siehe Globalisierung). Die Wirtschaftserfordernisse erlauben sogar die Zerstörung des Weltklimas mit den bereits im Ansatz erkennbaren Folgen.

So ist Nachhaltigkeit zu einem hohlen bis täuschenden Modewort verkommen, mit dem politische Instanzen und Unternehmen gern Verantwortungsbewusstsein vorschützen, etwa nach dem Motto: "Ohne wirtschaftliches Wachstum gibt es keine Nachhaltigkeit". Das schöne Wort ist damit zum Vehikel der Ökonomisierung (statt der Ökologisierung) aller Lebensbereiche geworden. Das Leben auf Kosten der Substanz (statt von den Zinsen) kann nun schöngeredet werden, was zum kurzfristigen und kurzsichtigen heutigen Leben passt. Und wir haben wieder einen Euphemismus mehr, ein schönfärberisches Wort, das es ermöglicht, besorgte Menschen ruhig zu stellen, allerdings nicht sehr nachhaltig.

Das nachhaltige Debakel zeichnet sich nämlich ohnehin schon ab.

Walter Hess

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