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Sondermülldeponie Kölliken: Das inszenierte Riesendebakel

Walter Hess


Blick ins Innenleben der SMDK: Material für Kriegsbemalung (Oktober 1995) [Fotos: Walter Hess]

Niemand entwickelte ein Katastrophenszenario, als im Februar 1976 im Suhrentaler „Landanzeiger“ gleich unter dem Gesuch für einen Stallanbau das Baugesuch für eine „Kehrichtdeponie“ in Kölliken AG ausgeschrieben wurde. Als Bauherrschaft traten die Tonwerke Keller AG, Frick, auf.

Im Kölliker Gebiet „Teuftal“ hatte das erwähnte Unternehmen zwischen 1823 und anfangs der 1970er-Jahre Lehm abgebaut, aus dem damals Backsteine gebrannt wurden. Die Grube war einigermassen ausgebeutet, und die Nachfrage nach Backsteinen wurde kleiner. Zurückgeblieben war eine gewaltige Einbuchtung im leicht abschüssigen Gelände, eine offene Wunde vor einem friedlichen Einfamilienhausgebiet. Es schien sinnvoll zu sein, durch Auffüllungen mit geeignetem Material die ursprüngliche Geländeform wiederherzustellen. Der Volksmund spricht in solchen Fällen von der Dreifelderwirtschaft : Ausbeuten, Auffüllen und Land verkaufen. Dummerweise wurde bei der Phase 2 das denkbar ungeeignete Material herangekarrt, das sich zunehmend zu einem chemischen Reaktor und zur Zeitbombe entwickelte.

Einige anwohnende Kölliker erhoben Einsprache gegen das Baugesuch, weil sie Lärmimmissionen, Gestank, Mäuse und Ratten befürchteten. Sie konnten damals nicht wissen, dass auch solche an sich robusten Tiere hier den sofortigen Vergiftungstod erleiden würden. Einer der Einsprecher, HM. Plüss , mochte den Behörden nicht so recht trauen, und er vermutete, es werde da bagatellisiert, und die Praxis sehe dann doch ganz anders als die leeren Theorien der Fachleute aus. Zweifellos konnte er trotz aller Weitsicht nicht voraussehen, dass seine allerschlimmsten Befürchtungen um ein Mehrfaches übertroffen werden sollten.

Das ehemalige Amphibienbiotop
Die Verwirrung darüber, was mit der Lehmgrube passieren würde, war gross. Eigentlich war in der altgedienten Grube jetzt alles möglich, auch wenn sie inzwischen zu einem Amphibienbiotop von nationaler Bedeutung und damit schützenswert geworden war. Was sind schon ein paar Amphibien! Das aargauische Baudepartement kümmerte sich in seiner damaligen Zusammensetzung wenig um die friedlich quakenden und kopulierenden Molche, Frösche, Kröten und Konsorten, die ja schliesslich zu Wiederwahlen nichts beizutragen haben. Es entwickelte stattdessen Vorstellungen, wie die Grube mit einem praktisch unbeschränkten Ablagerungssortiment (laut Baubewilligung: Bauschutt, Holz, Wurzeln ... und Sonderabfälle ) zügig wieder aufgefüllt werden könnte. Es wollte bloss die Ablagerungsbewilligungen selber erteilen können, zuständig sein; an den ökologischen Auswirkungen schien der Behörde weniger als am Formellen zu liegen.

Geradezu erpicht auf Giftstoffe schien der damalige Kölliker Gemeinderat zu sein: In die „Kehrichtdeponie“ dürfe kein Hauskehricht eingeführt werden, sondern nur Sondermüll, verfügte er in geradezu masochistischer Art. Dass es sich in diesem speziellen Fall schon eher um eine „Sondermülldeponie“ handelte, schien ihm entgangen zu sein, eine sprachliche Finesse.


Sieht gepflegt aus: Bautafel der Sondermülldeponie Kölliken (Mai 1985)

Dichtkunst für den Abfalleimer
Unter Sondermüll versteht man Abfälle, die eine Giftwirkung entfalten und nach einer entsprechenden Behandlung auf speziell eingerichteten Deponien gelagert werden müssen. Es sind die umweltproblematischsten aller Abfälle [1] überhaupt. Und diese wollte man ausgerechnet im oberen Bereich des grössten Grundwassergebietes (Suhrental/Aaretal) der Schweiz einlagern, direkt über der Grundmoräne, die ein gut durchlässiger Grundwasserleiter ist... weil Ton ja dicht war... Den nahe liegenden Gedanken, dass eine angeblich oder allenfalls gar tatsächlich dichte Tongrube bald einmal mit Regen- bzw. Sickerwasser gefüllt sein und überlaufen würde, mochte man vorerst noch nicht fassen; er war selbst dem Chef des Gewässerschutzamtes, Erwin Märki , fremd.

Dicht ist dicht. Punkt. Dichtkunst. An die ständig sprudelnden Schichtquellen und das Hangwasser, die eine Auffüllung der Grube in kurzer Zeit geradezu garantierten, mochte man überhaupt nicht denken, eine unglaubliche Ignoranz. Und auch davon, dass selbst die Chemikalienbeständigkeit des Lehms ihre Grenzen hat, wollte man nichts wissen. Chemie-Cocktails wirken auf alle Substanzen – inklusive mineralische Strukturen – destabilisierend, ein klarer Fall.

Pflichtenheft für die Katz'
Der erwähnte, besonders hartnäckige Kölliker Einsprecher Plüss hatte die Ausarbeitung eines detaillierten Pflichtenheftes erzwungen, das denn auch verfasst wurde und folgende Beruhigungspille enthielt: „Unzulässig ist die Ablagerung von Stoffen, die wegen ihrer Art oder ihrer Menge toxisch (giftig) wirken und damit geeignet sind, das gesammelte Deponiesickerwasser in übermässiger Weise zu belasten." Das war am 12. Dezember 1976, und damit wäre eigentlich die Sondermüll-Einlagerung vom Tisch gewesen. Lang ists her.

Selbstverständlich dachte bei den Behörden niemand daran, sich auch nur im Entferntesten an dieses Pflichtenheft zu halten. Man schritt sogar gleich zur ersten Verletzung dieses Alibipapiers, indem die Gifte aus der Deponie im aargauischen Birrfeld, die dort das Grundwasser gefährdeten, nach Kölliken führte (August 1977), rund 10 000 m3 , ohne dass die Grube dafür hergerichtet war; noch nicht einmal die offizielle Eröffnung (16. Mai 1978) war gebührend begossen worden. Irgendwie müssen die Substanzen auf dem Transport vom Birrfeld in den oberen Bereich des Grundwassersees auf wundersame Weise ihre Giftwirkung verloren haben – man erinnert sich in solchen Zusammenhängen an die biblischen Wunder, die zu glauben man uns ja schliesslich auch genötigt hat. Diesmal handelte es sich allerdings um keine Weinvermehrung im Interesse einer bereits umnebelten Gesellschaft, sondern eine angebliche Läuterung. Der damalige populäre Baudirektor Jörg Ursprung, ehemaliger Kavallerieoffizier und Oberrichter, formulierte es kraft seines Amtes so: „Nach menschlichem Ermessen ist aufgrund unserer Massnahmen die Gefährdung von Mensch, Tier und Wasser ausgeschlossen." Er setzte damit auf wunderbare Weise sogar Naturgesetze ausser Kraft. Er fiel ohnehin häufig durch unkonventionelle Ideen auf: Bei einer Strasseneinweihung im Raume Baden – Wettingen (Baregg) setzte er sich zu mir in mein Auto. Er machte meinen damaligen alten 2CV („Döschwo“) zur Staatskarosse und liess sich darin herumchauffieren – ein Mann des Volkes. Er war zwischen 1969 und 1983 Baudirektor und starb im März 1997 im Alter von 78 Jahren. Irgendwie mochten wir einander trotz divergierender Ansichten recht gut.

Wer Sympathien hat, kann sich manches erlauben. Doch inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass es mit dem erwähnten „menschlichen Ermessen“ im Allgemeinen nicht allzu weit her ist – eben weil es sich ja um eine Ermessensfrage handelt, die beliebig gebogen, gedehnt und zusammengeschoben werden kann, einer Handorgel nicht unähnlich. Solche beliebigen Einschätzungen halten Rechtsbeugungen bis hin zu Lügen Tür und Tor weit offen. So verneinte der damalige Kölliker Gemeindeammann die Frage eines Stimmbürgers, ob es sich beim Einlagerungsgut um Gifte handle, klar, obschon hier jedes Ermessen längst aufgehört hatte.


Sondermüll in flüssiger Form: Deponiesaft in Kölliken (April 1985)

Kämpferische Damen
Doch die Kölliker Einwohner blieben von Anfang an skeptisch, beobachteten, fragten hartnäckig nach und wurden in ihrem Skeptizismus laufend bestärkt. Eine Frau aus dem Volk, Hertha Schütz-Vogel, sorgte mit fundierten, kritischen Einwänden jahrelang dafür, dass die Diskussionen andauerten und zum Wesentlichen vordrangen. Aber die Verantwortlichen wiesen die Interventionen der unbequemen, aufsässigen Dame, die spürte, dass es da nicht mit rechten Dingen zuging, als unnötig und unbegründet zurück. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass es möglich gewesen wäre, die Deponiegefahren zum Voraus zu erkennen, hätte man die Augen offen behalten statt fest zugedrückt.

Im Aargauer Grossen Rat nahm sich die betagte und unabhängige EVP-Politikerin Gretel Hofmann, Ehe frau des verstorbenen Malers Felix Hofmann, während Jahren der Missstände mit grossem Engagement und sicherem Gespür für Missstände der Tongrube an, obschon damals vieles mit dem besten Willen nur zu erahnen war. Sie hatte gesehen, wie der Deponiesaft anfänglich einfach in den Bach geleitet wurde und trug diese Beobachtung auf die politische Bühne. Sie wurde in den Sektor unqualifizierter, querulierender Grossmütter abgedrängt und belächelt. Wie konnte eine Frau, und zudem eine ehemalige Deutsche, daraus nur ein Politikum machen... Frau Hoffmann erhielt den Eindruck, die Politik handle nach der Devise „Bloss nicht grübeln; es könnte ja etwas zum Vorschein kommen“. In einem persönlichen Gespräch, das ich im Sommer 1999 mit ihr geführt habe, teilte sie mir mit, als sie auf die Möglichkeit plötzlich auftauchender Unglücke aufmerksam gemacht habe, sei sie mit der Existenz von Samaritervereinen vertröstet worden ...

Bei all den Abwiegelungsversuchen, die Vox populi war so deutlich und überzeugend, dass die Behörden nicht umhin kamen, auf die Vorstösse der hartnäckigen Damen und der Presse zu reagieren, wenn auch nicht immer angemessen genug.

Das Auffüllen mit Umweltschutz verwechselt
Der damalige aargauische Baudirektor Jörg Ursprung , als praktizierender Handörgeler ein im Volk beliebter und beleibter Mann, hatte als studierter Jurist von den möglichen Auswirkungen des diffusen Sondermüllgemisches keine blasse Ahnung; Chemie war nicht sein Fach gewesen. Er trug das Gefühl in sich, dass derjenige dem Gewässerschutz und dem Umweltschutz einen Dienst erweise, der mithilft, „ein landschaftlich unschönes Loch in nützlicher Frist zum Verschwinden zu bringen“. Und so wurde denn angestrebt, die Grube innerhalb von 15 Jahren zu füllen; sie bot Platz für 350 000 m 3 Sonderabfälle, und aus dem Zeitrahmen wurde eine „Pflicht“ gemacht.

Der aargauische Regierungsrat schrieb Anfang Februar 1979 in der Antwort auf eine Anfrage des Rudolfstetter CVP-Grossrats Robert Wiederkehr : „Wegen dieser Pflicht zur raschen Auffüllung der Grube ist der Kanton Aargau an weiteren Abfall-Lieferanten interessiert. Zudem wird mit zunehmendem Abfall an Sondermüll der Kubikmeterpreis günstiger. Aus diesen Gründen sollen andere Interessenten nicht ferngehalten werden.“

Ursprung bezog sich auf die Anfrage des Kantons Zürich, der seinen letzten Dreck nach Kölliken bringen wollte, nachdem der Zürcher Kantonsrat Dietikon ZH als Standort für eine Sondermülldeponie wohlweislich gestrichen hatte. Ich kommentierte diesen Aargauer „Edelmut“ im „Aargauer Tagblatt“ vom 7. Februar 1979 unter anderem wie folgt: „Im Vergleich zu den Sicherheitsanforderungen im Kernenergiebereich sind diese im übrigen Abfallwesen rudimentär ( ¼ ) Es ist unwahrscheinlich, dass in 15 Jahren Grubenauffüllungen im unmittelbaren Lebensraum mit giftigen Abfällen aus der industrialisierten Welt nach Kölliker Muster noch denkbar sein werden. Würde derselbe Abfall aus der Kernindustrie stammen, würde man heute schon sagen, man müsse ihn Millionen von Jahre lang oder gar ewig bewachen (Sondermüll hat keine Halbwertszeit).“

Es war also schon damals leicht vorauszusehen, wohin diese Einlagerung am falschen Ort führen würde, wobei diese im Vergleich zur bis dahin üblichen wilden Deponiererei zugegebenermassen noch gewisse Vorteile hatte, indem die Gifte zusammengefasst und lokalisierbaren war. Der Aargau prostituierte sich gerade als Empfänger für die Giftabfälle, hatte aber nicht im Sinn, sich gleichzeitig um Sicherheiten zu kümmern, wie noch darzulegen sein wird. Er wollte am Ende einfach Gras darüber wachsen lassen, dies in der Vermutung, damit sei die Sache dann elegant erledigt.

Zusammen mit den Konsortionalen (Kanton Zürich, Stadt Zürich und den Entsorgungsbetrieben der Basler Chemie) stellte die Aargauer Verwaltung in einem grünen Prospekt grossmaulig fest: „Eine saubere und zuverlässige Beseitigung von Problemabfällen gehört heute zu den selbstverständlichen Aufgaben jeder Industrie und jedes Gewerbebetriebes.“ Aber für Deponiebetreiber galten solche Selbstverständlichkeiten nicht.

Der Prospekttext beweist, dass die damaligen Behörden von Umweltschutz- und Sicherheitsbelangen schon eine gewisse Ahnung hatten, sich aber bewusst darüber hinwegsetzten. Der SMDK-Betriebsleiter Hans Matter , ein ordentlicher einfacher Arbeiter ohne Fachkenntnisse, prüfte die angelieferte Ware stichprobeweise „von Aug“, und wenn sie nicht das beschriebene Aussehen hatte, bewog er den betreffenden Lastwagen zur Umkehr, wie er mir sagte. Er musste auch die Grube einigermassen in Ordnung halten, auch in den Wintermonaten, in denen sein Trax im Morast versank. Er machte seine Arbeit nach bestem Wissen. Aber es missfiel ihm zunehmend, wenn ich häufig in der Grube auftauchte.

In einer gemeinsamen Parforce-Leistung trieben die Kantone Aargau und Zürich (mit je 250 000 Franken) sowie die Stadt Zürich und die Basler Chemie (mit je 50 000 Franken) die Schliessung der Landschaftswunde tatkräftig voran. An toxischen Materialien, die man noch so gern loswurde, und die auch aus Deutschland herangekarrt wurden, bestand keinerlei Mangel; die Deponiegebühren (30 bis 60 CHF pro Kubikmeter) waren lächerlich klein. Und das „Pflichtenheft“ war total vergessen, es war wahrscheinlich versehentlich in die Altpapiersammlung geraten; es hatte heimlich, still und leise das Zeitliche gesegnet. Es ruhte in Frieden.


Tödliche Quelle: Deponiesaftaustritte in Kölliken (April 1985)

Die Leiden der Anwohner
Die Einlagerungen führten zu Gestank und Staubentwicklungen; die Anwohner litten zunehmend unter Kopfschmerzen, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen und Schlafstörungen. Ich machte das in einem ganzseitigen Artikel im „Aargauer Tagblatt“ (AT) vom 3. März 1977 publik, unter anderen am Beispiel einer bescheidenen Frau, die eines der Einfamilienhäuser bewohnte, die sich direkt oberhalb der SMDK befinden:

„Anna Alder, eine friedliche, kleingewachsene Frau in jenem Alter, in dem man allmählich mit der AHV rechnen darf, ist vom Leben abgehärtet; von Mimosenhaftigkeit gibt es bei ihr keine Spur. Und wenn sie bei meinem Besuch beim Anblick der Kölliker Sondermülldeponie feststellte, sie habe früher kaum einmal Kopfweh gehabt, jetzt aber häufig, klang es nicht anklagend, sondern feststellend. Im letzten Sommer habe es manchmal aus der Grube wie nach Mist und Gülle gestunken.“

Der damalige Kantonsarzt Dr. Max Buser verwies die Krankheitserscheinungen bei der Anwohnerschaft in die Abgründe des Psychosomatischen: „Körperschädigungen durch solche giftige Immissionen sind in der SMDK nicht nachweisbar“, zitierte ihn der Regierungsrat; die nach wissenschaftlicher Manier gewonnene Ansicht wurde von weiteren studierten Fachleuten geteilt ... Man hatte sich auch nie um einen Nachweis bemüht. Als ich Buser mit meiner eigenen Beobachtung der rhodanidhaltigen Staubwolken über den Wohnhäusern, in denen sich die Leute erbrachen, konfroniert hatte, erklärte er, nichts davon zu wissen. Es seien keine Giftstoffe von der Grube aus ausgebreitet worden, sondern die Lebensqualität der Anwohner sei nur durch die lästigen Gerüche bedroht gewesen, sagte er. Offenbar war ihm unbekannt, dass es auch gasfömige Gifte gibt, die sich in Gerüchen manifestieren können. Der mit offensichtlich guten Nasen ausgestattete Regierungsrat beschrieb diese wie folgt: „Leicht ätzend, modrig, fäkalienartig, nach Fäulnis oder Düngemitteln riechend.“

Eine verkokste Angelegenheit
Die Sache mit den Rhodaniden: Während eines Gesprächs, das ich zu Recherchezwecken auf dem SMDK-Areal führte, verschob ein Trax in der Grube gerade eine staubartige Gasreinigermasse aus der Gasversorgung der Stadt Zürich, die aus der 1964 beendeten Kohlenentgasungszeit (Verkokung) stammte. Sie enthielt 12 bis 35% Schwefelbestandteile (Eisensulfid und Schwefel in elementarer Form), ferner Berlinerblau, das sich aus gelbem Blutlaugensalz mit hochgiftigen Cyanbestandteilen und Ferrisalzen bildet, sodann wasserlösliche Ammonsalze und ebensolche Rhodanide, welche der Giftklasse 3 angehören (0,35 bis 3,5 g wirken bei einem Menschen tödlich).

Wir wichen den 20 bis 30 m Staubwolken und dem Gestank unwillkürlich aus, soweit das möglich war; doch was können Anwohner bei solchen Einnebelungen tun? Einer von ihnen, Georges Renevay , sagte mir: „Ich werfe den Behörden vor, dass hier unsorgfältig bis fahrlässig gearbeitet wird.“

Bei unserer damaligen Besprechung unter stinkendem Himmel fuhr zufällig das damalige Kölliker Gemeinderatsmitglied Friedrich Hilfiker mit seinem Deutz-Traktor mit Anhänger vor, hielt an: „Händ ihr e Beschprechig?“ (Habt ihr eine Besprechung?). Der am aktuellen Geschehen offensichtlich interessierte, aufrechte Lokalpolitiker bestätigte, dass es schon manchmal aus der Grube „mordiomässig gestunken“ habe. Und für die Ölschlammbecken-Versuchsanlage, mit der man auch die Einlagerung von flüssigem Sondermüll ermöglichen wollte, sei tatsächlich nicht einmal ein Baugesuch eingereicht worden. Entgegen allen Beteuerungen waren zudem nach dem 24. August 1978 versuchsweise auch flüssige Abfälle etwa aus Ölabscheidern entgegengenommen worden.

Ich habe im AT vom 3. März 1979 aus eigenen Anschauungen folgende Feststellungen publiziert:

  • „Es wurden in der Kölliker Sondermülldeponie keine in genügender Weise wirksamen Massnahmen gegen Geruchsimmissionen getroffen. Die Anwohnerschaft hat unter dem Gestank schwer zu leiden.
  • Es werden keine Massnahmen wie Berieselungen gegen die Staubentwicklung getroffen. Der Umgebung wird Staub, der zudem toxische Stoffe enthält, zugemutet. Diese Stoffe lagern sich in einem bewohnten und landwirtschaftlichen Gebiet ab.
  • Durch die Ablagerung von Stoffen, die wasserlösliche Rhodanide enthalten, wird die Sperrliste, die giftige Stoffe ausschliesst, umgangen.“

Diese Anklage in der Gestalt von Feststellungen verfehlte ihre Wirkungen nicht und schloss auch solche politischer Natur ein. SP-Grossrätin Ursula Mauch reichte auf deren Grundlage eine Interpellation ein. Dieses Vorgehen führte immerhin zu verschiedenen Verbesserungsmassnahmen, welche das Konsortium zu finanzieren hatte; die Annahmebedingungen wurden verschärft. Und der Regierungsrat versprach, wenigstens die Gleichgültigkeit im Betriebsablauf abzustellen.

Es dauerte viele weitere Jahre, bis am „Tag der offenen Tür“ vom 29. April 1985 endlich offiziell zugegeben wurde, bis 1% des eingelagerten Materials könne der Giftklasse 1 (gefährlichste Stoffe überhaupt) angehören – bei 300 000 bis 400 000 m3 (oder rund 750 000 t) wären das sage und schreibe rund 3000 m3 – unvorstellbar viel, wenn man weiss, dass solche Substanzen schon im Milligrammbereich ihre Giftwirkung entfalten können. Zudem war diese Angabe eine Einschätzung nach amtlichem Ermessen und somit im untersten Bereich.


Auffangstätte für Deponiesäfte: 150 000-Liter-Tank (Oktober 1995)

Die Rolle der Wissenschaft
Die Wissenschaftler standen wieder einmal nicht auf der Seite der unabhängigen Wissenschaft, zeigten wenig Lust zu unabhängigem Verhalten, sondern vertraten die Interessen der Sonderabfall-Produzenten; neben bestellten Desinformationen war von dieser Seite nichts Kritisches herauszuholen, auch keinerlei Mahnungen zur Vorsicht. Und das Volk der Laien, das sich auf keine Ingenieur- und Doktortitel, sondern bloss auf seinen gesunden Menschenverstand berufen konnte, hatte vor dieser intellektuellen Übermacht gefälligst zu kapitulieren und die Konsequenzen zu tragen.

Die SMDK-Geschichte wurde von Anfang an vom Gutachter- und Ingenieurunternehmen Colombi Schmutz Dorthe AG (CSD) in Bern betreut und liess die schwersten Gifte ohne zusätzliche Abdichtung über dem Molassegestein einlagern. Das Unternehmen erhielt immer neue lukrative Aufträge, verdiente am selbst zubereiteten Schlamassel, das zur grössten Altlast der Schweiz wurde. Es liess zu, dass eindringendes Grundwasser die Gifte permanent auswaschen konnte, und es ist für den Dilettantismus, mit dem es seine Aufgabe offensichtlich wahrgenommen hat, nie zur Rechenschaft gezogen worden. Es lernte allmählich vielleicht, wie man es unter keinen Umständen machen darf ...

Der 1985 ausgearbeitete Bericht von einer Kommission um Prof. Peter Baccini von der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG) in Dübendorf enthielt bemerkenswert ehrliche Feststellungen hinsichtlich des tatsächlich vorhandenen, längerfristigen Gefährdungspotenzials. Darin wurde eingeräumt, dass noch sehr viele Kenntnislücken über Geologie und Hydrologie in der Umgebung der Grube bestünden. Die Grube wurde zu Recht als „offenes System“ bezeichnet, was zwar allerdings jedermann ohne weiteres und auch ohne geologische Vorbildung von Anfang an hatte feststellen können, besonders die von Immissionen betroffenen Anwohner.

Die Behörden machten diesen unliebsamen Bericht der Bevölkerung nur auf Druck hin endlich einigermassen zugänglich. Er wurde den Interessierten nicht abgegeben. In der Gemeindekanzlei Kölliken lagen 3 Exemplare auf, die mit Stahldrähten an ein Holzbrett angenagelt waren, und der Bericht musste im Stehen gelesen werden – bis Frau Schütz im Interesse der Interessierten erfolgreich einen Stuhl erzwang ...

Es ist ja häufig die Wissenschaft, die neben manchmal Nützlichem auch Voraussetzungen für Katastrophen schafft (Chemiegiftproduktion, Gentechnologie, lebensbedrohende Strahlungen usf.) und die sich anderseits erstaunlich kraftlos der Erhaltung von Naturwerten annimmt. Diese scheinen nicht ihre Sache zu sein. Eine Katastrophenverhinderung kann von dieser Seite jedenfalls nicht erwartet werden. Zumindest werde ich dieses Gefühl nicht los. Es verstärkt sich bei längerer Beobachtung des Geschehens eindeutig, vor allem auch im Rahmen der überbordeten Innovationsmanie, der alle grundlegenden Werte geopfert werden, ohne dass die Zerschlagung herkömmlicher Werte von den gebührenden Warnungen begleitet werden.

In Kölliken schien mit wissenschaftlicher Unterstützung sogar ein Kolumbus-Ei gefunden worden zu sein (Landschaftsschutz dank Sondermüllentsorgung), das noch zusätzlich aufpoliert wurde: Um die Sache zu beschleunigen, wurde im Sinne einer Kompetenzen-(Kon-)Fusion der Chef der Aargauer Abteilung Gewässerschutz, Dr. Erwin Märki („Vater der Deponie“), gleich auch zum Präsidenten des Sondermüll-Konsortiums gewählt. Er hielt alle Fäden in der Hand. Das Konsortium verschmolz mit der eigenen Aufsichtskommission immer intensiver; denn es ist eine Art von Idealzustand, wenn man sich selber beaufsichtigen kann...

Von konzentrierten Kompetenzen, Deponie- und Rebensaft
Zur glanzvollen Eröffnungsfeier der Sondermülldeponie Kölliken (SMDK) vom 16. Mai 1978 war ich als damaliger „AT“- Wissenschaftsredaktor freundlicherweise als Berichterstatter eingeladen worden. Im Vorfeld dieses Anlasses war im unteren Teil der Grube noch schnell so etwas wie eine künstliche Entwässerung zwecks Abfuhr der Sickerwässer installiert worden.

Wenn ich mich richtig erinnere, wurde den Gästen kein völlig harmloser Deponiesaft, sondern Rebensaft kredenzt. Jedenfalls formulierte ich im „Aargauer Tagblatt“ unter dem Eindruck der mit einem süssen Dessert abgeschlossenen Feierstunde über das Aussehen der SMDK: „Im Plan sieht sie aus wie das Diagramm einer Schwarzwäldertorte, in der Landschaft wie eine klaffende Wunde mit freigelegten Gedärmen: die Sondermülldeponie Kölliken, die am Dienstag mit dem Einbringen von Destillationsrückständen aus der Schweizerischen Sprengstofffabrik Dottikon AG, in rostende Fässer vorläufig verpackt, eröffnet worden ist.“

Bei der Deponie tranken wir Wein, um die Stimmung etwas aufzuhellen. Der Deponiesaft seinerseits aber wurde weiter talabwärts in verdünnter Form unfreiwillig getrunken. Zuerst floss er in die kommunale Kläranlage Kölliken, die ausschliesslich für häusliches Abwasser konzipiert war, und dann als so genanntes „Sauberwasser“ in den Dorfbach und in die Uerke. Der mit allen Deponiewässern gewaschene Ingenieur C. Colombi , Liebefeld, attestierte dem Deponiesaft eine ähnliche Zusammensetzung wie häusliches Abwasser – man hatte das einfach zu glauben. Aber nicht nur diese Gewässer, in denen die letzten Fische das Neuzeitliche gesegnet hatten, sondern auch ein kleiner See, der sich in der dichten Grube gebildet hatte, begann übermässig zu stinken. Lastwagen lieferten tonnagenweise alles Mögliche an, auch stiebendes, ätzendes, moderiges, faulendes Material. Und von einer fachkompetenten Kontrolle konnte weiterhin keine Rede sein. Die Anwohner kotzten, litten weiterhin unter Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen. Die nun amtierende Kantonsärztin hütete sich wohlweislich, an Versammlungen aufzutreten.


„Endlager“ auf befristete Zeit: Deponieöffnung (Oktober 1985)

Reinger hielt die Umwelt rein
Ein Sondermüll-Grosslieferant war der süddeutsche Sondermüllhändler Walter Reinger , ein wortkarger Mensch, der lastwagenweise Gifte in die Schweiz importierte und in Kölliken praktisch deklarationsfrei mit dem amtlichen Segen Märkis ablagerte. So halten es sonst nur Industrieländer mit der so genannten „Dritten Welt“, etwa mit dem noch „unterverschmutzten Afrika“: Giftexport für kleine Gebühren. Unter der Deklarationsnummer „DL 122“ konnte Reinger im Prinzip anliefern, was immer er wollte. Firmenwerbung: „Reinger hält die Umwelt rein.“ Das tönte gut, vor Reinheit triefend. Reinger war ein glücklicher, erfolgreicher Unternehmer; die Geschäfte florierten und rentierten; er tat nichts Verbotenes. Aus vollkommen unerklärlichen Gründen gerieten seine Büro-, Labor- und Lagerräume in Horheim bei Waldshut D Anfang Dezember 1986 in Brand, und ausgerechnet die Unterlagen über sein Giftlager wurden ein Opfer der Flammen. Schicksal, wie es eben manchmal so zuschlägt.

Aluminium- und Kosmetikschlacken, die sich in der Kölliker Deponie gefunden und vereinigt hatten, begannen am 18.10.1982 ebenfalls Feuer zu fangen. Aber dafür hat man ja die Feuerwehren.

Lastwagenfuhre um Fuhre wurde in Kölliken angeliefert; die Chauffeure hatten ein paar Papiere abzugeben, und eine eigentliche Annahme-Kontrolle gab es noch immer nicht. Als der Kölliker Bezirkslehrer Peter Diem sinngemäss einmal sagte, „s'längt nöd, wemmer eifach echli as Fass ane pöpperlet, um z'wüsse, was dinne isch“ [2], wurde er von Erwin Märki übel abgekanzelt. Doch bleibt unbestritten, dass die visuelle Eingangskontrolle mit den gelegentlichen Probeentnahmen eine Scheinkontrolle war. Nachts wurde unkontrolliert angeliefert; darauf kam es auch nicht mehr an. Jedenfalls sind heute Analysenprotokolle unauffindbar. Auskunft erteilt jetzt ausschliesslich der Deponiesaft. Er spricht Klartext.

In der Grube, die zwar von einem Pseudo-Koordinatennetz überzogen war, herrschten vollkommen chaotische Zustände. Sonst wüsste man heute ja, wo was abgelagert ist. Selbstredend ist die Grube, die man noch mit einer Plastikfolie behelfsmässig abdeckte, zu einem chemischen und biologischen Reaktor geworden. Es kommt zu einer verstärkten Bildung und Mobilisierung schädlicher Substanzen und zu Gasbildungen (Methanphase) im Deponiekörper. Organische Säuren können sogar Schwermetalle in Lösung bringen. Da nützen auch alte Protokolle, wenn sie überhaupt irgendwelche Aussagekraft hatten, wenig. Neue Vermischungen, durch Gase und eindringendes Wasser beschleunigt, haben aus der Grube im Zeichen des Fässerdurchrostens einen abenteuerlich bestückten Chemikalien-Reaktor gemacht, dem nur noch durch Abbau und sichere Deponierung an einem geeigneten Ort einigermassen beizukommen ist.

Abgelenkte Diskussion
Irgendwie fühlte man geradezu körperlich, dass die Giftschwaden und -fässer zurücklassende Industrie, wie sie sich im 20. Jahrhundert ausbreitete, in dieser Form keine Zukunft haben würde; so konnte es nicht weitergehen. Die Umweltschützer waren von den radioaktiven Abfällen magisch angezogen und absorbiert, und die KKW-Harrisburg-Schlampereien (USA) lieferten ihnen beste Argumente. Aber der übrige Sondermüll war den breiten Diskussionen praktisch entzogen. Die Basler Chemische unterstützte den Anti-KKW-Kampf tatkräftig, und so konnte sie von ihren eigenen Abgängen geschickt ablenken. Die meisten Aktivisten fielen darauf herein. Die chemische Verseuchung war kein Thema. Das hat man jetzt auszufressen.

Die Sondermülldeponie Kölliken war da, und sie bedeutete aus damaliger Betrachtung die Beherrschung der Gifte, die überall anfielen, auf überschaubarem Areal. Man hatte einen adäquaten Friedhof für all den Sondermüll, wie es schien. Das Gift sollte in Frieden ruhen. Doch je mehr Sondermüll aller Gattungen, Konsistenzen und Farben eingefüllt wurde, um so würziger wurde der Deponiesaft . Die Deponie übergab sich gewissermassen nach aussen.

Schauen, wies drinnen aussieht
Als Berichterstatter wohnte ich einer Deponieöffnung am 3. Oktober 1985 stundenlang bei. Es stank „gottvergessen“, wie der Ciba-Fachmann Roland Studer sagte. Er japste bei der Probeentnahme immer wieder nach Luft, obschon ihn im Allgemeinen nur wenig erschüttern konnte. Aus einer Seitenwand der Grube tropfte ein weisser Saft. Als ein Bagger auf blaues Pulver stiess, erkannte es die Journalistin Eva Caflish als Lidschatten... Später kamen noch weitere Farben zum Vorschein, mit denen man ganze Urvölker mit Kriegsbemalungen hätte versehen können – doch wir wollen die edlen Wilden, die weniger Schabernack anrichten, ja nicht umbringen.

Zur gleichen Zeit serbelten die Kühe des Breitenloohofs neben der 1973 in Betrieb genommenen Kehrichtverbrennungsanlage Buchs-Suhr , die damals nach ähnlichen Prinzipien wie die SMDK (bei ähnlichen Zuständigkeiten) betrieben wurde; die Wissenschaft wusch auch dort ihre Hände in Unwissen. Die Kühe verloren an Gewicht, gaben kaum noch Milch und mussten geschlachtet werden. Man schob dem Bauern die Schuld zu – denn er wollte nach biologischen Grundsätzen wirtschaften… Inzwischen sind in die KVA Filter eingebaut worden, die einen grossen Teil der Umwandlungsprodukte abfangen, und es gibt keine Klagen mehr. Doch dies nur nebenbei.


Deponie-Archäologie: Probe aus der Deponie (mit Walter Reinger und C. Colombi)

Am Anfang war das Ammonium
Die Behörden kaprizierten sich in Kölliken bei ihren Untersuchungen vorerst auf das Ammonium (NH 4 ), das nach den üblichen Feldmethoden bestimmt wurde. Es gilt einer der Parameter für die Abwasserbeurteilung, allerdings vor allem im Umfeld der üblichen Kläranlagen, welche die Aufgabe haben, häusliches Abwasser zu verdauen. Genau dort fällt Ammonium (Abbauprodukt von Harnstoff) an, das ja nicht so schlimm sein kann, zumal es auch ein Bestandteil des Kunstdüngers ist. Das Ammonium wandelt sich in giftiges Ammoniakgas um, wenn der pH-Wert des Abwassers grösser als 7 ist, also im alkalischen Bereich liegt. Wenn genug Sauerstoff vorhanden ist, wird es durch Nitrisomas-Bakterien zu Nitrit abgebaut. Die bescheidene Kläranlage Kölliken war für die biologische Nitrifizierung allerdings nicht eingerichtet, und so flossen u.a. auch die anorganischen Ammoniumfrachten unbehelligt den schnurbegradigten Köllikerbach, in die Uerke und hinunter Richtung Aare – neben all dem anderen Zeug immer übers Grundwassergebiet oder in dieses hinein. Nicht einmal der Regen, der immer saurer wurde, vermochte die Alkalität auch nur im Entferntesten zu neutralisieren. Ich war voller Bewunderung für die Robustheit des Lebendigen, als ich mit eigenen Augen eine Stockente im Köllikerbach baden sah – unterhalb der Kläranlage. Ich weiss nicht, wie lange sie noch überlebt hat.

Das Getue ums Ammonium war ein Ablenkmanöver, man wandte sich einem in diesem Zusammenhang relativ harmlosen Stoff zu. Als Journalist, der einige Jahr in der chemischen Forschung tätig gewesen war, interessierten mich selbstverständlich toxischere Komponenten. Und ich fragte nach Zink, aromatischen Kohlenwasserstoffen wie Phenolen und dergleichen nach. So benötigt beispielsweise die metallverarbeitende Industrie absolut fettfreie Oberflächen. Diese wurden mit tetrachlorethenhaltigen Lösungsmitteln erzielt, und Rückstände dieses chlorierten Kohlenwasserstoffs waren wahrscheinlich auch in ihren Abfällen enthalten; sie erhöhten das Gefährdungspotenzial von Ablagerungsstätten im Allgemeinen erheblich.

Das aargauische Baudepartement liess mich bei Anfragen abblitzen, gab Untersuchungsresultate nicht bekannt. Immerhin waren selbst die Kantonsbehörden allmählich beunruhigt, und sie ordneten im April 1985 an, der schmackhafte Deponiesaft, der durch seine aggressive Ätzwirkungen die Leitungen zerfrass, sei in Zisternenwagen zu pumpen und der Kläranlage der Ciba-Geigy in Kaisten AG zuzuführen. Ein 150 000-Liter-Tank diente in der Grube als Zwischenlager. Und eine inzwischen installierte Abfackelungsanlage setzte wenigstens die brennbaren der ausströmenden explosiven Giftgase (Baudepartement-Jargon: „geruchsbeladene Luft“ ) mit Hilfe von zugeführtem Propangas in andere Bestandteile um, eine Erinnerung an die Irrlichter im Moor; der Vergleich ist ausgezeichnet. Und es wurde das Anpflanzen einer Gebüsch- und Strauchhecke ins tränende Auge gefasst, ein Beispiel tatkräftigen Umweltschutzes. Insekten- und Rattenplagen gab es tatsächlich nie, der einzige Trost.

Man sieht: die Sache eskalierte. Und immer wieder wurde mit einem Notbehelf versucht, feuerwehrmässig auftretende Schäden in Schranken zu weisen, Gefahren herunterzuspielen. Und der damalige Chef der Aargauer Abteilung Gewässer machte uns Presseleute als Überbringer schlechter Botschaften für den ganzen kostspieligen Wirbel verantwortlich; in Tat und Wahrheit sei „nichts Schwerwiegendes passiert“ (so an einer öffentlichen Versammlung am 9. Juni 1985). Ich bin dankbar, nicht amtlich geköpft worden zu sein.

Am trauten Kölliker Beispiel kann die Diskrepanz zwischen Politiker- und Volksverhalten wunderschön dargelegt werden.

Dank an die Phenole
Vor der Bevölkerung dieser Gemeinde habe ich in all den Jahren, in denen ich das zunehmende Debakel publizistisch begleitete, Hochachtung gewonnen. Viele Einwohner kämpften von Anfang an fair, kompetent und mit Engagement, ohne sich beirren und verschaukeln zu lassen, trotz mangelhafter Informationslage demokratischen Stil und Reife beweisend. Hier, wie schon oft, scheint es mir, dass im „gewöhnlichen Volk“ die besten kritischen Kräfte zu finden sind, dass der gesunde Menschenverstand genau dort anzutreffen ist, dem Desinformations-Bombardement zum Trotze. Das ist einer der wenigen Troste.

Das passende Beispiel: Ich habe damals die rechtschaffene Familie Willi Bossard besucht, bei der es aus einem Schacht im Hause jämmerlich stank, und musste darum bitten, meine Beobachtungen auch publizieren zu dürfen. Die netten, einfachen Leute waren nicht auf Publizität aus, sondern wollten schlicht und einfach in zumutbaren Verhältnissen leben können. Die Behörden wollten den Ball zurückgeben: Der Hausanschluss sei nicht fachgerecht hergerichtet, eine unglaubliche Umkehrung der Schuldenlast. Später mussten die Behörden einen Überbrückungsschacht erstellen, als der Gestank aus Kanalisationsschächten auch in den Häusern der weiteren Umgebung wahrzunehmen war und für die Bewohner unerträglich wurde.

Die Behörden reagierten, wenn es die Bevölkerung nicht mehr aushielt, wenn Gesundheitsschäden erwartet werden mussten. Und da der Cocktail in der Grube und damit auch der Deponiesaft täglich abenteuerlichere Dimensionen annahm, wuchs die Verunsicherung auf allen Seiten. Es war unmöglich, sich einen Überblick zu verschaffen, sondern man konnte sich nur einzelnen auffälligen Komponenten zuwenden, etwa den Phenolen (Carbolsäure) . Sie kommen zwar auch in der Natur und sogar in den Beerenhäuten der Trauben und somit im Wein vor, und sie gelten als effektive Antioxidantien. Einzelne Pflanzenarten können in ihren Organen bis zu 100 verschiedene phenolische Strukturen akkumulieren; diese spielen in der Zellbiologie eine Rolle. Das Thymian-Aroma stammt im Wesentlichen vom Phenol Thymol, und Phenole sind somit auch in tieri­schen und menschlichen Organismen anzutreffen. In Kiefern und im Steinkohlenteer sind Phenole ebenfalls enthalten.

Aber Phenole und Phenolderivate sind in höherer Konzentration auch Nervengifte. Und je nach Beschaffenheit variiert die Giftwirkung: Die 3 Nitrophenole (2-Nitrophenol, 3-N. und 4-N.) sind giftig, wenn sie durch Einatmung oder Hautkontakt in den Körper gelangen. Chlorphenole sind in ihrer krebserzeugenden (kanzerogenen) Wirkung nicht so stark wie Phenol als solches, aber biologisch schlecht abbaubar. Ein starkes Gift aber ist für alle Lebewesen, besonders für Mikroorganismen, Pflanzen, Weichtiere usf.) das PCP.

Industriell werden die Phenole zu Kunstharzen, Lacken, Schaumstoffen, Farbstoffen, Arzneimitteln, Weichmachern und Gerbstoffen verarbeitet. Sie waren wegen ihres Geruches ein auffälliger Teil der abgelagerten Industriechemikalien und wurden denn auch in der Ciba-Geigy-Kläranlage festgestellt; das Aargauer Labor mochte darüber nicht sprechen. Ich publizierte das auf der Frontseite des damaligen „Aargauer Tagblatts“ am 17.4.1985 („ Sondermüll­deponiesaft: Jetzt noch die Phenole“ ) und befürchtete eine Grundwasser­vergiftung. Der Phenolgehalt war um Grössenordnungen (etwa ums 20fache) zu hoch. Später war noch zu erfahren, dass auch Stoffe mit der höchsten Giftklasse 1 wie komplexe Cyanide angenommen worden sind.

Nur einen Tag nach dem Erscheinen meines AT-Artikels hat der Gemeinderat Kölliken einen „vorübergehenden Deponiestopp“ auf den 25. April 1985 angeordnet, um Verbesserungen zu erzwingen. Der Stopp sollte andauern „bis die Schwierigkeiten mit dem Abwasser, der Lufthygiene und der Staubentwicklung zuverlässig beseitigt sind und die Verantwortlichen die Situation wieder im Griff haben“. Selbstverständlich war es nicht mehr möglich, die Deponie in den Griff zu bekommen. Der Kölliker Gemeindeschreiber Fritz Werren sagte mir, der Gemeinderat kenne den Phenolgehalt auch nicht – er sei „in keinem ausreichenden Mass informiert“. Nicht einmal ein Baugesuch für den 150 000-Liter-Tank sei bei ihm eingetroffen, was die Behörde ebenfalls stutzig gemacht habe.

Das löchrige Gesetz
Es leuchtet jedermann ein, dass die Situation ausser Kontrolle war – und so blieb die Deponie für immer geschlossen. Die Behörden mussten gemäss einer rechtskräftigen Sanierungsverfügung vom März 1992 deren Totalrückbau (das Ausräumen) vorbereiten, wenn ein gigantisches Grundwasserdebakel verhindert werden soll; das schien allmählich die günstigere Lösung als ständige Überwachungen und Sanierungen über viele Generationen hinaus. Das wird rund 540 Mio. CHF, wie einer Botschaft des aargauischen Regierungsrates an den Grossen Rat vom 8. September 2004 zu entnehmen ist. Der Bau wurde am 14. Juni 2004 bewilligt. Die Kosten sind von den Kantonen Aargau und Zürich (je 41 2/3 %) sowie der Stadt Zürich und der Basler Chemie (je 8 1/3 %) aufzubringen Der gesamte Deponierkörper soll abtransportiert und anderweitig entsorgt werden. Wie man den Rückbau genau vornehmen soll, um eine zusätzliche Umweltkatastrophe zu verhindern, weiss man zurzeit (Sommer 2004) noch nicht genau. Nach dem Jahr 2015 sollen keine weiteren Beobachtungs- und Sanierungsmassnahmen mehr nötig sein

Die kostbare Kölliker Deponie hatte immerhin eine wichtige Mission: Vor ihrer Eröffnung war der industriell erzeugte Chemieabfall in Nacht-und-Nebel-Aktionen irgendwo verscharrt worden. Und jetzt hatte man die Sache wenigstens auf einem riesigen Haufen, auch wenn dieser ausgerechnet am falschen Ort (oberhalb des grössten nationalen Grundwassergebiets) war und Sicherheitsanforderungen, die diesen Namen verdienten, fehlten. Aus dieser Situation heraus publizierte ich im AT vom 20.4.1985 folgenden Kommentar: „Beim radioaktiven Material verlangt man zu Recht keine Spur von Beeinträchtigung der Biosphäre, bei den Chemiegiften aber genügt im Prinzip eine Plastikfolie (zur Abdichtung). Wenn etwas heraus­läuft, lässt mans durch eine für Haushaltzwecke konzipierte Kläranlage laufen. Und der Klärschlamm wird im Grundwassergebiet landwirtschaftlich verwertet. Die Zeit ist für die Forderung reif, dass jede Chemikalienproduktion von Entsorgungskonzepten begleitet sein muss.“

Die Forderung gilt heute noch unverändert; denn bei den Produzenten ist das beste Wissen darüber vorhanden, wie ihre industriellen Exkremente beseitigt werden können. Dementsprechend ist das Verursacherprinzip ein zentrales Ereignis im Umweltschutzgesetz der Schweiz aus dem Jahr 1983: Wer eine Verschmutzung auslöst, muss grundsätzlich für ihre Beseitigung aufkommen. Weitere Eckpfeiler sind das Selbstverantwortungsprinzip (z.B. die Deklarationspflicht beim Umgang mit Sonderabfällen) und das Kooperationsprinzip, das allerdings nach dem Kölliker Muster aussieht: Zusammenarbeit zwischen Gesuchsteller und Ansprechpartnern in der betreffenden Behörde.

Inzwischen gab es einige Änderungen bei Verordnungen, etwa beim Verkehr mit Sonderabfällen; hier ging es um eine Anpassung ans internationale und EU-Recht, was ja auch nicht gerade sehr zuversichtlich stimmt, wie die Erfahrungen mit den Vollzugsdefiziten lehren. Die EU ist keine Umweltorganisation, und die EU-Staaten vollziehen die Umweltvorschriften praktisch nur zu einem kleinen Teil.

Seit dem 1. November 1998 ist in der Schweiz eine Altlasten-Finanzierungs-Verordnung in Kraft, eine aus der Not heraus geborene Neuschöpfung, die eine wesentliche Umweltschutzgesetz-Bestimmung elegant aufhebt (Artikel 16, Sanierungspflicht: „Anlagen, die den Vorschriften dieses Gesetzes oder den Umweltvorschriften anderer Bundes­gesetze nicht genügen, müssen saniert werden“ ). Um die Sanierungspflicht abzuschwächen, verpflichtet die erwähnte Verordnung die Kantone, einen Altlastenkataster zu führen und öffentlich zugänglich zu halten, was die Situation im Felde allerdings keineswegs verbessert. Er ist dazu angetan, das Altlastenproblem auf seltsam simple Weise zu lösen: Eine einfache Abklärung und Durchsicht der historischen Informationen (soweit sie nicht verbrannt oder vom Chemienebel aufgelöst sind) sowie „gezielten“ Boden- oder Grundwasser­proben, allenfalls Bodengasmessungen, kann bereits eine Löschung aus dem Altlastenkataster bewirken.

Bei dieser Löschung handelt es sich um eine sensationell günstige Bewältigung des Altlastenproblems auf nationaler Ebene, wenigstens in Amtsstuben. Nur wenn dieser Trick selbst die Behörden erschauern lässt, muss ein kostenlimitierendes, pragmatisches Vorgehen angestrebt werden. Damit eine Totalsanierung umgangen werden kann, ist oft eine reine Sicherung oder Nutzungseinschränkung eines Standortes zulässig. Schwermetallverseuchte Zielhänge von Schiessanlagen brauchen bloss umzäunt zu werden, und manchmal genügt eine Versiegelung von Grundstücken. Der Rest ist das Vertrauen auf die Selbstreinigungskräfte der Natur, die immer dort im grössten Massstab gebraucht werden, wo der Naturschutz kapituliert hat und niemand mehr weiter weiss.

Ein wirklich offenes System
Aber in Kölliken genügen keine Katastertricks mehr, und dort reichen auch gigantische Naturkräfte nicht aus, um das Debakel aus der Welt zu schaffen. Denn zu all dem Elend ist die Grube undicht geworden; Lehm hält auch nicht alles aus. Es musste für 45 Mio. CHF eine Drainage eingebaut werden – ein neues Pflästerli.

Die heutigen Betreiber der SMDK beziffern laut einer Buwal-Meldung den täglichen Verlust an festem Deponiegut auf 500 bis 1000 Kilogramm – davon verschwinden jedoch nur wenige Prozent unkontrolliert im Untergrund. Die Freisetzungen in gasförmiger oder wasserlöslicher Form betreffen vor allem die Schadstoffe Chlorid, Bromid, Schwefel, Ammonium, Mangan sowie die mobilen, giftigen halogenierten Kohlenwasserstoffe. Da sich nichts in Nichts auflöst, bedeutet dies, dass die Gifte in riesigen Mengen ins (Grund-)Wasser, ins Erdreich oder in die Atmosphäre abwandern

Das Buwal: „Unter den gegenwärtigen Bedingungen würde der vollständige Abbau dieser Substanzen auf ein tolerierbares Mass einige hundert Jahre dauern. Solange müsste man folglich auch das belastete Sickerwasser und die Deponiegase der persistenten (lang andauernden) Altlast reinigen.“

In Kölliken ists angerichtet. Dort nützen hohle Umweltschutzgesetz-Vorschriften wie diese (Art. 26) nichts: „Stoffe dürfen nicht für Verwendungen in Verkehr gebracht werden, bei denen sie, ihre Folgeprodukte oder Abfälle bei vorschriftsgemässem Umgang die Umwelt oder mittelbar den Menschen gefährden können.“ Die Umweltkatastrophe ist angerichtet; sie wurde mit amtlichem Segen zugelassen, ja amtlich gefördert. Tatbestände. Und die Verantwortlichen sind aus Amt und Würden geschieden oder bereits gestorben. Die Amtsnachfolger und nachfolgenden Generationen, unbescholten und unschuldig, haben sich der Altlasten anzunehmen, die Suppe auszulöffeln, die tödliche Gifte enthält, und die Finanzen dafür aufzubringen.

So ist es auch im Falle SMDK. Aber unverständlich ist, wenn bei zunehmendem Deponiesaft- der Informationsfluss eingeschränkt wird ( "Aargauer Zeitung" vom 31. Oktober 1997: „Gedrosselter Info-Fluss aus der SMDK: Geschäftsstellen­sitzungen ohne Gemeindevertreter“ ). Das sind wahrhaftig keine vertrauensbildenden Massnahmen und gegenüber einer Gemeinde, die sich höchst tolerant verhalten hat, ein schäbiges Verhalten. Es ist unverständlich, dass die Vorgänger reingewaschen werden, wenn niemand Verantwortungen für sein Handeln tragen muss; auch der Staat Aargau mochte nicht gegen sich selber ermitteln. Man schliesst daraus, dass es auch mit Bezug auf aktuelle Fehlentscheide nicht anders sein wird, und muss sich hüten, darob in Resignation zu geraten, ein anspruchsvolles Bemühen.

Symptombekämpfungen
Wie im Schulmedizinsektor, so wurde auch in der SMDK jedes neue Symptom mit einer anderen Massnahme unterdrückt. Der spätere Baudirektor Thomas Pfisterer , der das Ticken der Zeitbombe nicht verschuldet hat, sagte am 30.März 1999 im Grossen Rat, es sei nicht einfach, Kölliker und Aargauer zu sein. Wenn jemand eine Lösung wisse, so möge er sie doch bitte auf den Tisch legen. Ein internationaler Ideenwettbewerb soll Lösungen aufzeigen - diese „Lösung“ war das Eingeständnis der totalen Ratlosigkeit, wie sie damals herrschte. Es gingen 63 Anmeldungen aus 7 Nationen ein. Darauf wurde im Oktober 2002 einer schweizerisch-deutschen Gesamtplanergemeinschaft der Auftrag erteilt, innert Jahresfrist ein Sanierungsprojekt in Form eines kompletten Rückbaus in einer mit der Abbaufront von Ost nach West wandernden Abbauhalle, in der ständig Unterdruck herrschen muss, um die Umgebung vor dem Gestank zu verschonen. Solch ein Projekt wurde innerhalb eines bewohnten Gebietes noch nie verwirklicht.

Die Zeit drängte: Vor allem im Bereich des Molasseriegels südlich des Deponiekörpers gibt es Stellen, an denen giftige Deponiesäfte ins Grundwasser der so genannten „Kölliker Rinne“ übertreten und Richtung Aarau und von dort das Aaretal hinunter fliessen können. Deshalb wurde 1993 eine so genannte Interventionsbrunnenreihe eingebaut, eine wichtige Sicherungsmassnahme, auch während der Sanierungsarbeiten. Die grosse Schmutzfracht aus den durchgerosteten oder durchrostenden Fässern dringt kontinuierlich in diese Richtung vor, angeblich etwa 20 m pro Jahr; 4 km unterhalb der SMDK ist die erste Grundwasserfassung. Aber auch Beton- und Kunststoffabdichtungen hätten hier wohl kein langes Leben. Deshalb kam man zum Schluss, die ganze Deponie zu entfernen, die Gifte in High-Tech-Öfen zu verbrennen (was rund 10 Jahre in Anspruch nehmen wird) und den Rest nach den neuen umwelttechnischen Deponiekünsten zu deponieren. Die Frage ist nur, wie man die reaktionsfreudigen flüssigen und festen Giftgemische überhaupt trennen will: Ein Ding der Unmöglichkeit. Doch der aargauische Regierungsrat sieht keine Probleme: „Für die Entsorgung im Inland ist kein entsorgungstechnisches Risiko auszumachen. Es steht für entsprechend zugelassene Inhaltsstoffe der Deponie mehr als genügend Kapazität für Bodenwäsche, Ablagerung in Reststoff- und Inertstoffdeponien oder für die Entsorgung in der Zementindustrie zur Verfügung.“ Allerdings wäre der Rückbau ohne Sonderabfallexport in ausländische Anlagen unmöglich (Sonderabfallverbrennung, thermische Bodenbehandlung und Untertageeinlagerung).

Jahrhundert der Altlasten
Vor rund 40 Jahren hat ein naturverbundener Lehrer in Rohr im Grundwassergebiet ein Weiherchen anlegen wollen. Er wurde gezwungen, den Boden zu betonieren. Ein Biologe dazu: „Den Brunz von ein paar Molchen mochte es nicht leiden. Man stand umweltpolitisch komplett neben den Schuhen.“

Die Geschichte von der SMDK gehört zur Geschichte des 20. Jahrhunderts: Man stand allenthalben neben den Schuhen. Die SMDK ist nicht die einzige Altlast, die wir hinterlassen haben; über dem gleichen Aaretal-Grundwasserstrom wurde noch die Deponie „Bärengraben“ in Würenlingen AG eingerichtet, eine der grössten Ablagerungsstätten im Aargau. Diese Deponie wird seit Mitte der 1960er-Jahre betrieben. Um 1985 wurde festgestellt , dass verschmutztes Sickerwasser aus der Deponie ins Grundwasser fliesst: Sanierungsbedarf in der Grössenordnung von 30 Mio. CHF auch hier; der Aargau ist mit etwa 11,3 Mio. CHF solidarisch haftbar. Das Volk zahlt, die ehemaligen Verantwortlichen kommen ungeschoren davon.

Mutwillige Zerstörungen
Als ich Mitte April 1999 an diesem Bericht schrieb, bombardierten die Amerikaner (Nato) gerade Erdölvorräte, chemische Fabriken an der Donau und unter anderem auch Flüchtlingskonvois in Serbien – im Krieg scheint der grenz­überschreitende Naturschutz überhaupt keine Rolle zu spielen. Und die „Aargauer Zeitung“ AZ berichtete (am 14.4.99) gerade von der grössten Quecksilberverschmut­zung im Untergrund der Elektrochemie Turgi in Untersiggenthal AG - man sprach von gut 2 Tonnen Quecksilber, wovon ein Teil bereits ins Grundwasser gelangt war. Das Quecksilber wurde zur Produktion von Chlorchemikalien verwendet. Und wieder meldeten die Behörden, es bestehe weder für Menschen noch die Umwelt eine Gefahr - genau wie es viele Zahnärzte bezüglich des Zahnkitts Amalgam behauptet hatten und sich nicht scheuten, diesen Sondermüll in die Gebisse ihrer Klientel einzubauen, auch nachdem die Gesundheitsschäden längst bekannt waren. Wie bei den gigantischen Altlastensanierungen müssen nun Quecksilberausbauten und -ausleitungen aus dem Körper durchgeführt werden.

Andere Länder, andere Entsorgungssitten: In Deutschland werden etwa 30 stillgelegte Salz-, Erz- und Kohlebergwerke als unterirdische Müllhalden genutzt. Auch in vielen anderen europäischen Ländern wird der so genannte Bergversatz mit der „Beseitigung von Abfällen“ gleichgesetzt, was in Tat und Wahrheit nicht der Fall ist. Das ist nur billiger als die Verbrennung in Spezialöfen. Peter Küppers vom deutschen Öko-Institut sprach einmal von einem „Öko-Dumping in seiner schlimmsten Form“ - und weiter: „Umweltverträglichkeitsprüfungen sind ebenso Fehlanzeige wie öffentliche Genehmigungsverfahren.“ Es bestehe eine Abfallanarchie... Im holländi­schen Lekkerkek mussten 877 Personen ihre Wohnsiedlung verlassen, die auf einer ver­gessenen Giftdeponie erstellt worden war. Allein die Niederlande zählen 4300 potenziell verseuchte Deponien. In Dänemark wurden 1980 schon 3115 Chemiemüll-Deponien gezählt. Und in Deutschland gehen die sanierungsbedürftigen Deponien in die Zehntausende. Deponien gibt es in allen fortschrittlichen Industrieländern in grösster Zahl.

In den USA, wo hinsichtlich Abfallproduktion Rekordleistungen vollbracht werden, kippt man Abfälle gern in Wälder, die günstigste Primitivform der Entsorgung. Und zahlreiche Sondermülldeponien sind dort mit Vorliebe in afroamerikanischen Gemeinden errichtet worden... etwa in der Umgebung von Memphis („Umweltrassismus“). Die Jahresproduktion an Gift- und Sondermüll in den USA: Rund 180 Mio. Tonnen. Damit könnten etwa 350 Sondermülldeponien nach Kölliker Format gefüllt werden. Eine üble Methode ist auch die Verkappung von Giftstoffen und Abfällen aller Art in den Meeren, die noch heute in den USA, Russland, Frankreich, Grossbritannien, Deutschland, Schweden, Norwegen usf. üblich ist („Brent Spar“- Modellfall); so hat sich besonders Grossbritannien gegen verschärfte Versenkungsverbote gewehrt. Radioaktive Abfälle wollen viele Nationen in Kapseln im freien Fall im Meeresboden versenken.

Die Bedeutung der Natur – und die Mensch-Natur-Interaktion überhaupt – ist in der sich rasch industrialisierenden Wirtschaft unterbewertet worden. Zuerst geht es um die Output-Steigerung, und erst zweitrangig werden Belange wie Effizienz und Schadstoffvermeidung behandelt, wiewohl ja meistens in der globalisierten Wirtschaft - von löblichen Ausnahmen abgesehen - die Nachhaltigkeit ohnehin nichts mehr gilt. Das impliziert verheerende Langzeitfolgen. Wenn überhaupt etwas gedacht wird, denkt man, nachfolgende Generationen würden die Probleme schon bewältigen - mit immer neuen und besseren Technologien, und man frönt weiter einer reinen Wachstumssucht, wahre Werte vergessend. Jetzt, in den ersten Jahren des 3. Jahrtausends unserer Zeitrechnung, ist gerade der Naturschutz in einem Rückbau begriffen.

Metapher
Wer will, kann diesen Ablauf der Geschehnisse rund um die SMDK, der hier nur spotlichtartig dargelegt werden konnte, tatsächlich als Metapher für die auf unserem Planeten Erde im grössten Stil stattfindenden ökologischen Vorgänge betrachten: Die Menschheit zerstört ganze Landschaften, Flüsse, Seen, ja sogar die Weltmeere, neuerdings auch noch die Atmosphäre und damit das Klima ( 1/4 der klimawirksamen Emissionen produzieren allein die USA, welche Klimaänderungen erst im August 2004 erstmals anerkannten). Man klebt dort ein Pflästerchen drauf, verfasst ein Protokoll, unterschreibt oder auch nicht und fährt im alten Stil weiter. Wenn Not aufkommt, wird heruntergespielt, lokal geholfen und das als Umweltschutz verkauft.

Das Gefühl, dass wir alles im Griff haben, darf nie verletzt werden. Auf jede Katastrophe sind wir mit einer kostspieligen Rettungsaktion parat. Doch es ist wie bei der Feuerwehr: Nicht selten vergrössert das Löschwasser den Schaden. Doch was soll eine Feuerwehr anderes tun als Wasser ins brennende Haus zu spritzen, wenn die Flammen lichterloh lodern?

Das alte Feuerwehr-Motto gilt nach wie vor: Helft Brände verhüten! Aber vor lauter Löschen kommt man kaum noch dazu.

Hinweis
Dokumentarische Dias aus der Geschichte der Sondermülldeponie Kölliken können beim Textatelier bestellt werden ( Kontakte ).

 

 

[1] In der Schweiz gelten folgende Abfälle als Sondermüll : Anorganische Abfälle mit gelösten Metallen; Lösungsmittel und lösungsmittelhaltige Abfälle; flüssige, ölige Abfälle; Mal-, Lack-, Kleb-, Kitt- und Druckabfälle; Abfälle und Schlämme aus der Herstellung, Zubereitung und Bearbeitung von Materialien wie Metallen und Glas; Abfälle von mechanischen oder thermischen Bearbeitungen oder Behandlungen; Siede-, Schmelz- und Verbrennungsrückstände; Abfälle aus der organischen und anorganischen Chemie; Abfälle aus Wasserreinigungsanlagen und aus der Wasseraufbereitung; verunreinigte Materialien und Geräte; Ausschuss­waren; Rückstände aus dem Strassenunterhalt.

[2] „Es reicht nicht, einfach ans Fass zu klopfen, um festzustellen, was darin ist.“

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