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     17. August 2018, 23:04 Uhr
 


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Lohnt es sich, nach Mallorca zu reisen?

Ein Kapitel Massentourismus-Geschichte von Walter Hess


Die Sonne, sozusagen garantiert: Urlaubsstimmung in S’Illot [Fotos: Walter Hess]

Das Reisen ist eine Frage der Fortbewegungsmöglichkeiten: Mehr Mobilität bringt mehr Tourismus, mehr Umweltbelastung. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Fliegen eine Sache von wenigen Privilegierten. Eine Flugreise war für die meisten Leute unerschwinglich. Ferienreisen machte man damals noch mit dem Zug, vielleicht mit dem Autocar oder mit dem Schiff, wenn man dem Zauber einer nicht zu entfernten Insel erlegen war. Vor allem der Süden von Europa, wo die Sonne gewissermassen garantiert war, lockte. Und das tut er noch heute.

„Sie ziehen hinab zum Adriatischen Meer, das so grün ist wie die Weiden in den Bergen", berichtete der Dichter Gabriele d'Annunzio (1863-1938), wobei er allerdings von den Hirten des adriatischen Hinterlandes sprach. Aber seine Feststellung blieb heute wahr: Nach den Hirten kamen Millionen von Touristen an die Adria, für die Cesenatico, Rimini, Riccione, Cattolica, Ancona, Pescara und Gargano an Europas grösstem Badestrand zu faszinierenden Wörtern wurden. Die Ortsnamen waren Synonyme für Nichtstun, Sonne, Sand, Wasser, Bekanntschaften am meerbusenartigen Teil des Mittelmeeres. Die angrenzende wilde Bergwelt der Abruzzen blieb weitgehend unbeachtet, verschont. Man reist nicht der Berge wegen nach Italien.

Wenn Millionen von Menschen über ein Paradies herfallen, wird es zerstört. Der Tourismus prägt mit seiner Infrastruktur, vor allem seinen kolossalen Bauwerken, die Szenerie, auch in den Alpen, wo Magerwiesen und Felsregionen planiert wurden, um die Skifahrer auf hügelfreien Pisten, Intensivkulturen gleich, zu versammeln. Die Freizeit wird nicht mehr gestaltet; sie wird konsumiert. Es ging abwärts. Am Schluss landet alles ganz unten. Das ist nicht allein beim Herdentourismus so, sondern auch beim Abwasser. Man weiss das von der Nordsee her, dieser untenliegenden Endstation der Exkremente konsumverrückter Nationen. Weiter südlich sieht es ähnlich aus: Wenn die Abwässer die Adria überdüngen und sich die Algen bei dieser Eutrophierung fröhlich vermehren (Die italienische Zeitung „La Repubblica“ im Sommer 1989: „Die Algen erdrosseln uns“), gibt es „offensichtliche Unannehmlichkeiten für das Baden im Meer“. So drückten sich die Behörden der Region Emilia-Romagna Mitte Juni 1989 angesichts des mindestens 4500 Quadratkilometer grossen, grünlich-weissen Schaum- und Schleimteppichs in vornehmer diplomatischer Untertreibung aus. Der Po hatte, neben dem bisschen Touristenbrühe, seinen wesentlichen Beitrag dazu geleistet.


Gut beschützt: Touristen-Ghetto Sant Jordi (1989)

Der Po: Mailand (rund 2,7 Mio. Einwohner) und die lombardische Umgebung mit den vielen chemischen und anderen Industrien waren es, die diesen Fluss zum Abwasserkanal degradierten. Diese norditalienische Metropole und Region hat noch heute keine Kläranlage, Brüssel, von wo alle EU-Direktiven kommen, übrigens auch nicht [1] . Zusammen mit dem sauberen Wasser ging im Adriastrand-Ferienparadies auch die Ruhe verloren. Sie wurde in diesem überlaufenen Gebiet ebenso wie in unseren Wohnagglomerationen vom allgegenwärtigen Lärm der Motoren und Lautsprecher abgelöst.

Sehnsucht nach der Insel, nach der Ruhe
Was lag da näher, als Mallorca zu entdecken, eine Mittelmeerinsel, die den Ehrennamen „isla de la calma“ (Insel der Stille) trägt? Die Zeit war reif, reif für die Insel. Dort gibt es (neben unkontrollieten Schuttablagerungen und zahlreichen anderen Umweltschutz-Defiziten) immerhin noch einigermassen sauberes, kristallklares Wasser, dessen Anblick heutzutage ein geradezu sensationelles Erlebnis ist. Dank flächendeckendem Kläranlagenbau hat dies die Schweiz auch geschafft, ohne auf den Verdünnungseffekt eines Meeres angewiesen zu sein. Das sind Qualitäten, die heute zählen.

Die voll ausgelasteten Charterflugzeuge führten in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts gegenüber den Linienflügen zu einer wesentlichen Verbilligung der Flugpreise, und so wurde Mallorca touristisch erschlossen und für immer breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich. Wenn alles programmgemäss verläuft, die Lotsen zufällig nicht streiken und der Luftraum nicht verstopft ist, genügt eine gute Flugstunde, vielleicht etwas mehr, wenn man weiter im Norden wohnt, um nach Palma de Mallorca zu gelangen. Dort ist sie, die Sonne, die allein die Auf- und Abtritte der bleichen Gestressten aus dem kühleren Norden diktiert, obschon sie wegen des Ozonlochs inzwischen aggressiver geworden ist. Man braucht keine wissenschaftlichen Messungen, um das zu spüren.


Ehrengeleit für Touristen: Schifffahrt im Vogelparadies der Cabrera-Inselgruppe

An etwa 100 der 500 km langen mallorquinischen Inselküste wurde, ähnlich wie an der Adria, eine perfektionierte, künstliche Ferienwelt mit Ferienhaussiedlungen, kolossalen Hotelkästen, Bars, Discos, anderen Vergnügungsstätten und Souvenirläden aufgebaut. Viele Naturstrände, ein fundamentales Kapital, wurden geopfert, kilometerweise. Die Urlaubsmaschinerie, die gegenüber der Natur brutal ist, nahm unterwürfig auf die nationalen Eigenheiten der Gäste Rücksicht. Sie sollten sich wie daheim fühlen, auch hier die international verbreiteten Betonburgen wiederfinden - und dazu Pubs für die Engländer, Wurst- und Bierquellen und ein „Kölsches Eck“ für die Deutschen, ein „Schwyzerhüsli“ mit Rösti und Bratwurst für die Schweizer. In einer anheimelnden Atmosphäre und gleichwohl in sicherer Distanz zu seinem üblichen Lebensbereich darf hier auch einmal etwas getan werden, wozu man sich zu Hause nicht getraut, und wenn es nur ein kleiner Flirt ist. Das ist dann das Besondere daran.

Mallorca hätte allerdings ruhig auf dem eigenen reichen kulturellen Erbe, das von Römern, Arabern und Katalanen geprägt ist, aufbauen dürfen. Im 14. Jahrhundert war diese Insel eine Drehscheibe des Handels im westlichen Mittelmeer, und La Ciutat (= Stadt bzw. Palma) war ein Welthafen. Das Selbstbewusstsein ging im weltgeschichtlichen Verlauf offenbar unter. In der Neuzeit gibt man sich alle erdenkliche Mühe, es den heute jährlich rund 12 Millionen Urlaubern recht zu machen (1950 waren es erst ihrer 100 000 gewesen). Sie sollen es so gut haben wie daheim; solche Ansprüche waren in der "touristischen Steinzeit", die noch nicht in jedem Fall überwunden ist, nun einmal vorhanden.

Von Touristen überrollt
Einer der Pioniere der touristischen Mallorca-Erschliessung, der Schweizer Alfred Erhart (1918-1998), Gründer und Chef der Universal-Flugreisen AG, Vaduz (Fürstentum Liechtenstein), schrieb in seinem Buch „Wunder dauern etwas länger“, wie man sich zu Beginn der 60er-Jahre auf dieser Sonneninsel aus dem Schmutz zur touristischen Hochburg emporzuarbeiten hatte: „Man begriff zwar, dass Spanien ein armes Land war, das sich noch nicht voll von den Schrecken des schon vor 20 Jahren beendeten Bürgerkrieges erholt hatte. Man wäre auch mit einfacher Kost und Unterkunft zufrieden gewesen. Was aber nicht akzeptiert wurde, war, dass die Hotels schmutzig waren, die Toiletten stanken, die Betten bis zum Boden durchhingen und die Wasser- und Stromversorgung nur äusserst mangelhaft funktionierten. Mallorca war einfach vom Tourismus überrannt worden, ohne dafür bereit zu sein.“

Da Erhart zufriedene Kunden wollte und auch bekam, baute er dann etwa ein Dutzend eigene Hotels mit strammen Matratzen in sauberen Zimmern an die schönsten Plätze am Mittelmeer, und viele, allzu viele andere Unternehmer taten es ihm gleich.

Die Strände sind jetzt weniger schön, gleichwohl aber belebter denn je. Vielen Urlaubern und Pensionisten, die dem kühleren Norden entflohen sind, gefällt das offenbar. Wie viele Hotels Erhart gebaut hat, habe ich nicht exakt herausgefunden.

Als ich bei meinen Recherchen in seiner Begleitung im Frühjahr 1989 auf einem Boot von der weitgehend unverdorbenen, durch das spanische Infanterie-Regiment Nr. 47 und vielen Gelb- und Schwarzschnabelsturmtauchern, Silber- und Korallenmöwen sowie Kormoranen bewohnten, im Übrigen verschlafenen und urtümlichen Vogelinsel Cabrera (wörtlich: Ziegeninsel) zur Colonia de Sant Jordi zurückfuhr, machte er mit offensichtlichem Besitzerstolz an diesem Strand immerhin 2 seiner Hotels aus: „Marquis de Palmer“ und „Romantica“. Er erzählte mir mit gerechtfertigtem Stolz, wie er an jedem Wochenende ein paar Jumbo-Jets voll Sonnenhungrige nach Mallorca verfrachte, wobei er manchmal Mühe habe, genügend Flugzeuge aufzutreiben. Ganz im Neckermann-Stil.


Er sättigte die Sonnenhungrigen: Alfred Erhart vor einer Auswahl seiner Hotels (Colonia de Sant Jordi)

Den Gästen wurden damals auf Mallorca zu einem verhältnismässig günstigen Pauschalpreis Unterkünfte sowie wohl 15 Meter lange kalte und warme Buffets angeboten, welche normalen Ferienansprüchen durchaus genügen. Sogar Mallorca-Spezialitäten waren manchmal dabei: Die rot gefärbte Schweinswurst (Sobrasada) und die geräucherte Blutwurst (Butifarra). An Tintenfischen, in Ringe geschnitten und schwimmend gebacken (Calamares a la romana), bestand kein Mangel.

Im Übrigen braucht man angesichts der Spezialitäten aus dem internationalen Standard der typischen mallorquinischen Küche nicht nachzutrauern, wenn man der Schriftstellerin und Geniesserin George Sand Glauben schenken darf: „Die Grundlage der mallorquinischen Küche ist ohne Zweifel das Schwein, in allen Arten und Anblicken. Hier passt der Satz vom kleinen Savoyarden, der, seine Speisekammer lobend, zu seinen Zuhörern sagte, dass sie 5 Sorten Fleisch essen könnten: Schwein, Sau, Schweineschmalz, Schinken und Speck. Ich bin sicher, dass auf Mallorca mehr als 2000 Schweinegerichte hergestellt werden und wenigstens 200 Wurstsorten, aromatisiert mit so viel Knoblauch, Pfeffer, Paprika und anderen scharfen Gewürzen aller Art, dass es ausreichte, bei jedem Biss das Leben in Gefahr zu stellen.“

„Bon profit“ wünschen sich die geschäftstüchtigen Mallorquiner, die diese Küche überlebt haben, wenn sie sich zu ihrem währschaften Essen niederlassen. Erhard spasste dazu: „Das Essen ist eine reine Willenssache.“

Die überladenen Touristenbuffets atmen noch den Schweinefleisch-Duft von damals. Ihre festliche Präsentation ist daran schuld, dass die Hotels innen meist besser als aussen aussehen. Draussen wendet man sich gescheiter dem unendlichen Meer zu.

Die Frage nach den Umweltauswirkungen
Wenn Erhart auf die Umweltproblematik seines landschaftsgestalterischen Tuns an Mallorcas Küsten angesprochen wurde, war unmissverständlich herauszuspüren, dass es ihm vor allem ein Bedürfnis war, den naturentfremdeten und oft in noch rücksichtsloser verwüsteten Städten wohnenden Menschen zu einer Flucht in eine bessere Welt mit Meersicht zu verhelfen. Und dazu gehören gerade auch Leute mit bescheidenen Einkommensverhältnissen. Sie sind die dankbarsten Gäste. Gewisse Opfer, die Landschaftsschützer auf die Uferverbauungen treiben, müssen darob eben in Kauf genommen werden.

Immer, wenn er wieder etwas Geld verdient hatte, baute Erhart weiter, sein Strandhotel-Imperium ausweitend. Noch im Alter von 71 Jahren stellte er über 1000 Betten mit Bungalows darum herum auf die Karibikinsel Antigua. Und dazu ein Hotel „unter Palmenhöhe", wie er sagt. Er konnte nicht mehr anders als bauen. Wenn nötig wurden Sümpfe trockengelegt. Die Leute wollen ja ohnehin keine Mücken...


Insel mit faszinierendem „Innenleben“: Mandelbaum vor der Einsiedelei Bonany

Der Urlaubsbetrieb weitete sich, wie man sieht, zusammen mit der Freizeitgesellschaft weltweit ständig aus, mit all den bekannten Folgen. Alternatives Gedankengut von sich gebend, raten umweltbewusste Menschen und Medien den Leuten, sie sollen doch bitte zu Hause Urlaub machen. Die Leute sollen die eigene Umgebung auskundschaften. Doch was nützen ökologisch abgestützte Theorien der rechtschaffenen Putzfrau aus der industriereichen Stadtagglomeration Duisburg, die in einer kleinen Wohnung an einer lärmigen Strasse wohnt und nur einmal im Jahr hinaus, weg muss und kann? Dafür hat sie eine beschränkte Anzahl Tage zur Verfügung, und während dieser Zeit muss die Sonne garantiert sein. Ich gönne es ihr von Herzen, wenn sie es sich leisten kann, nach Süden zu fliegen, genau wie andere Leute in besser bezahlten Positionen und aus luxuriöseren Unterkünften auch.
Wegen der touristischen Verbilligungsaktionen, die wegen des Verdrängungskampfes in der Luft bis heute angehalten haben, sind immer neue Schichten in den Genuss des Reisens, auch wenn er wegen der zunehmenden Sicherheitsmassnahmen manchmal ein zweifelhafter ist, gekommen. Und so haben selbst bis zum Überdruss verbrauchte Reiseziele wie Mallorca nach wie vor Hochbetrieb.

Was aus Mallorca geworden ist
Was ist dabei aus diesem 3640 Quadratkilometer grossen Paradies im Mittelmeer geworden, das sich mit Leib und Seele dem Tourismus verschrieben hat? Ist diese abgedroschene Insel verschandelt, reif dafür, dass man grosse Bögen um sie macht? Sind Bemerkungen wie „Teutonengrill“, was sich insbesondere auf einen 7 km langen Küstenstreifen zwischen Can Pastilla und El Arenal mit seinen rund 250 Hotels in der Bucht von Palma bezieht und der klischeehafte Vorstellungen von verdorbenen Stränden nährt, gerechtfertigt? Lohnt es sich bei dem schnell wachsenden, weltweiten Reiseangebot überhaupt noch, nach Mallorca zu reisen?

Bei der Behandlung von solchen Fragen reizt es den Journalisten, einen Verriss zu schreiben, von den Batteriehaltungen in Hotels mit chlorgeschwängerten Schwimmbädern und eingehagtem Touristenbereich, damit sich niemand in die Natur hinaus verirre, zu erzählen, und Wörter wie Ferienghetto zu gebrauchen. Das Übliche.

Weil mich die touristische Infrastruktur noch nie sonderlich fasziniert hat und ich normalerweise bei allen meinen Reisen den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung suchte, machte ich genau das, was die Einheimischen, die nicht in mallorquinischen Festungsstädten lebten, schon immer getan hatten: Rückzug ins Innere der Insel, in die Landeinsamkeit. Die Mallorquiner mussten sich vor den Überfällen fremder Völker und Piraten in Sicherheit bringen; der Urlauber kann sich mit derselben Massnahme vor seinesgleichen retten. Zum Glück tun das nur Wenige. Die allermeisten von ihnen bleiben im Hotelrayon oder besuchen bestenfalls eine der 3 grossen Buchten mit ihren Sandstränden, die Bahias von Palma, Pollensa und Alcudia, oder aber sie wagen sich in die enge, romantische, an einen Fjord erinnernde Fischerbucht von Cala Figuera an der Ostküste vor. Sie haben den Küstenring rund um die Insel erobert und fest in ihrer Hand. Es würde sie allerdings niemand daran hindern, sich landeinwärts zu bewegen, falls sie das wollten.


Auf Wesen aus einer anderen Welt eingestellt: Mallorquinerin in Porreres

Auch im Landesinnern stört sich an den Ausländern kein Mensch; die vereinzelten, dort auftauchenden Exemplare gehören zum Alltag, und das Sozialgefüge hat sich auf solche Erscheinungen aus einer anderen Welt längst eingestellt. Grosse Gespräche kann man ohnehin nicht führen, da dort viele Leute ausschliesslich Mallorquin, einen Dialekt der katalanischen Sprache, sprechen (im touristischen Aussenring kommt man selbstverständlich mit Spanisch, Deutsch und Englisch ohne weiteres durch). Es ist immer reizvoll, sich mit einem Lächeln und Zuwinken zu verständigen.

Elias Canetti schrieb (in „Die Stimme von Marrakesch“ ) zum Verständigungsproblem in fremden Ländern: „Ich habe während der Wochen, die ich in Marokko verbrachte, weder Arabisch noch eine der Berbersprachen zu lernen versucht. Ich wollte nichts von der Kraft der fremdartigen Rufe verlieren. Ich wollte von den Lauten so betroffen werden, wie es an ihnen selber liegt, und nichts durch unzulängliches und künstliches Wissen abschwächen.“

Die Anziehungskraft von Begegnungen mit fremden Menschen, Kulturen und Landschaften ist meistens stärker als die von der Vernunft diktierte Erkenntnis, das Reisen aus Gründen der Energieeinsparung und des Landschaftsverbrauches tunlichst zu unterlassen. Und Mallorca besitzt eine der eindrücklichsten Landschaften der mediterranen Welt. Parallel zur Nordwestküste verläuft die Sierra del Norte. Dabei handelt es sich um ein terrassiertes, häufig mit knorrigen Olivenbäumen bewachsenes, steil zum Meer abfallendes Karstgebirge, an dessen Steilhängen der Stechginster in flammendem Gelb leuchtet. Dieser Kalkwall mit dem 1445 Meter hohen Puig Mayor schützt die Insel vor dem kalten Nordwind, der Tramontana. Dahinter breitet sich fruchtbares Kulturland aus, auf dem die Bauern sogar wild wachsende Beikräuter, im naturfeindlichen Jargon „Unkräuter“ genannt, dulden. Das verleiht dem landwirtschaftlich genutzten Land mit seinen kleinen Hügelrücken und den Tausenden von Mandel- und immergrünen Johannisbrotbäumen sowie Affrodill und Zistrosen in den Wiesen einen unglaublichen Reiz. Die Zitronenbäume haben hier kaum Zeit zum Blühen - ihre wesentliche Tätigkeit besteht darin, in einer noch weitgehend intakten Kulturlandschaft im Jahr dreimal Früchte zu tragen, auch während der Blüte.

Im Inselinnern gibt es auch Dörfer, denen die Gäste aus aller Welt nichts anhaben konnten und in denen Menschen vom alten Schlag leben. Von damals sind auch die Hunderten von alten Windmühlen oder Kreiselpumpen, teilweise zerfallende Zeugen von einem herkömmlichen Bewässerungssystem. Schön, dass man auch ihre Zerfallsphase miterleben darf und die Trümmer nicht sogleich beseitigt werden.

Auf Mallorca kann man sich zu Fuss, mit gemieteten Velos, Bussen, Mietautos oder aber mit der Bahn bewegen; der Wandertourismus wird gefördert. Es dürfte wenig bekannt sein, dass es auf dieser Insel noch 2 Eisenbahnlinien gibt, die sich in Palma treffen: Die eine fährt nach Inca und La Puebla (47 km), die andere stellt die Verbindung mit Sóller her (28 km) und bewältigt dank 13 Tunnels das Bergmassiv des Coll de Sóller. Während die erstgenannte Bahn staatlich betrieben wird, ist die zweitgenannte im Privatbesitz; sie wird von der Ferrocarril Elétrico de Sóller betrieben. Sie stammt aus einer Zeit, wo man auf die Elektrifizierung noch stolz war. Die Bahn hat Charme. Sie hält sich weniger an einen festen Fahrplan als vielmehr an die Kapazität des Getränkeverkäufers. In Son Sardina wurde erst abgefahren, als dieser seine Runden hinter sich gebracht und seine Geschäfte gemacht hatte.

Die Wagen und die Sitze sind aus währschaftem Holz, die Handläufe aus handgeschmiedetem Eisen. Weil man die etwas aus dem Lot geratenen Schmalspurschienen und Räder körperlich spüren darf, kommt man zu einem kompletten Bahnreise-Erlebnis bei etwa 30 Stundenkilometer Geschwindigkeit, der berühmte Triumph der Langsamkeit. Dieses Tempo, das der südlichen Lebensart durchaus angepasst ist, ermöglicht auf der Süd- bzw. Palma-Seite die Betrachtung der Olivenhaine. Nach einem Halt auf dem höchsten Punkt, beim Mirador del Pujol d'en Banya, wo ich dem Juwel einer Spiegel-Ragwurz begegnet bin, prägen auf der Sóller-Seite Mandel-, Feigen- und Orangenbäume das Landschaftsbild. Überwinterer, vor allem Rentner aus Deutschland, kommen im Januar bis Februar, je nach Wetterlage, in den Genuss der Mandelblüte: Die weissen bis rosafarbenen Blüten an den phantasievoll geformten, knorrigen Bäumen, die es tausendfach auf Mallorca gibt, sind ein akzeptabler Ersatz für den Schnee, der nur in seltenen Fällen auf die Insel fällt.

Wer schwärmend von all den Schönheiten im Inneren der Insel berichtet, wie das soeben geschehen ist, leistet seinen Beitrag an die touristische Eroberung des Kerns. Wenn dies eines Tages geschehen sein sollte, wäre der Zauber Mallorcas verloren. Und dennoch kommt man nicht darum herum, wenn man ehrlich bleiben und Wesentliches nicht unterschlagen will. Dabei besteht die Hoffnung, dass allfällige Einwirkungen in kleinen Schritten erfolgen, damit Regulationsprozesse wirksam werden können.

Im Moment (2004) stimmt die Lage wenig zuversichtlich. Die rot-grüne Regierung, welche eine Ökosteuer eingeführt, den Tourismus qualitativ verbessern statt quantitativ ausweiten und Naturreservate wiederherstellen wollte, wurde abgewählt. Die neue Regierung schaffte als erstes die Ökosteuer ab, und sie verkleinerte Nationalparks um bis zu 90 % der Fläche. Sie plante sofort einige neue Autobahnen. Um das Baugewerbe zu befruchten, macht die EU bei solchem Nonsens jeweils gern mit.

Etwas Geschichte
Es hat schon immer Menschen gegeben, die von Mallorca fasziniert waren –aber vielleicht gibt es demnächst immer weniger Gründe dafür. Schauen wir also rückwärts: Die bekanntesten davon sind das Liebespaar George San d und der gesundheitlich angeschlagene Komponist Frédéric Chopin sowie der Erzherzog Ludwig Salvator von Österreich , die als Wegbereiter des Mallorca-Tourismus bezeichnet werden. Im Tagebuch „Un Hiver à Majorque“ („Ein Winter auf Mallorca“") hat George Sand die Landschaft überschwänglich gelobt, aber an den Insulanern von 1838/39 keinen guten Faden gelassen. Das mag an den Wirren des spanischen Bürgerkrieges gelegen haben. Sie wirkten sich zu jener Zeit auch auf die Insel aus, wobei alle Einwohner der Autorität des Militärs unterworfen wurden. Da blieb wohl nur noch wenig Musse für Freundlichkeiten.


Hat es sich gelohnt? Saison-Ende auf Mallorca

Das Paar Sand/Chopin lebte in einem typischen Bergdorf und ehemaligem maurischen Landsitz, Valldemosa, mit Terrassengärten, romantischen Gassen, schlanken Zypressen, ein früheres Refugium des Kartäuserordens. „Alles, von dem ein Maler und Poet nur träumen kann, hat die Natur hier geschaffen“ , schwärmte die Romanschriftstellerin Sand .

Erzherzog Salvator kam 1860 auf die Insel, die ihn gleich festhielt. Er liess mehrere Häuser bauen und hatte mehr Glück mit den Einheimischen: Er verschrieb sein Herz einer einfachen Mallorquinerin. Anfang des 20. Jahrhunderts suchten und fanden dann britische Pensionäre hier Sonne, und es folgten Besucher aus weiteren Nationen, vor allem Franzosen und Deutsche, bis in den 60er-Jahren der Massen- und Billigtourismus begann, der immer weitere Bevölkerungskreise erfasste und dessen Wachstum mit dem so genannten Küstengesetz ("Ley de Costas") unterbunden werden musste: Bis 100 Meter hinter dem Strand, zu dem auch weit ins Landesinnere reichende Dünen und Feuchtgebiete gehören, und einen Kilometer von Flussmündungen entfernt durfte ab zirka 1988 nicht mehr gebaut werden. Deshalb war als torschluss-panische Reaktion in den vorangegangenen Jahren noch schnell eine Überkapazität von etwa 35 000 Betten hingeknallt worden.

Bis dahin hatten uralte, unklare Gesetze und Bauverordnungen aus dem 19. Jahrhundert oder ein Küstengesetz aus der Franco-Ära gegolten. In diesem rechtsfreien Raum machte jeder, was er wollte. Die Bürgermeister drückten alle Augen zu, weil der Tourismus viel Geld ins Land spülte, das auch an ihnen nicht vorbeiging. Diese Zustände scheinen nach erwähnten Wahlen 2004 wieder zurückzukehren.

Durch Raubbau an der Natur, einen naturfeindlichen, überbordeten Ordnungssinn mit dem Höhepunkt des Kunstrasens, Begradigungen und phantasielose Architektur neben Asphaltorgien im Abluftnebel haben wir unseren eigenen Lebensraum unwohnlich gemacht. Da hält man es auf die Dauer nicht mehr aus. Deshalb erliegt man jedes Jahr aufs Neue der Scheinwelt der Reiseveranstalter-Farbkataloge, flüchtet in andere Regionen. Man muss fort, um im Vergleich zu entdecken, wie gut man es daheim eigentlich gleichwohl noch hat beziehungsweise gehabt hätte: Zum Beispiel nach Mallorca, in ein kleines Hotelzimmer mit eingeschränkter Meersicht. Dort ist für jedermann ein Plätzchen frei.

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George Sand fand die Erklärung für unseren inneren Zwang, zu reisen: „Es geht nicht so sehr darum, zu reisen, als abzureisen. Wer von uns hätte nicht irgendeinen Schmerz zu überwinden oder irgendein Joch abzuschütteln?"

Nach 2 oder 3 Wochen kommt man in seine Heimat zurück und nimmt das Joch wieder auf sich. Hat es sich gelohnt, nach Mallorca zu fliegen? Vielen blieb nicht viel anderes übrig.

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[1] Neben den Städten Brüssel und Mailand als besonders abschreckende Beispiele sind auch London, Paris, Athen und Dublin zu nennen, welche über nur unzureichende Abwasserreinigungsanlagen verfügen. Im EU-Bereich gibts noch vieles auszumisten.

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