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Oman: Traum aus "1001 Nacht" - das war einmal

Ein kommentierter Reisebericht (1992/93) von Walter Hess


Nichts galt als erhaltungswürdig: Der indisch beeinflusste Palast von Sultan Qaboos Bin Said in Muscat

Die kluge Scheherazade hatte ihrem zukünftigen Gatten, dem König von Samarkand, während 1001 Nächten so spannende Geschichten erzählt, dass er seinen Vorsatz, sie töten zu lassen, aufgab. Samarkand liegt in Usbekistan wächst. Aber den Kern der Märchen, Novellen, Fabeln und Legenden, die unter dem Titel "1001 Nacht" zusammengefasst sind, bilden persische Bestandteile mit indischen Einflüssen. Diese Märchenwelt erinnert also an den vorderasiatischen Raum, wie er leibte, liebte und lebte. Das war einmal.

Und märchenhaft war es sicher auch einmal gerade im Oman. Auch dort gab es Geheimnisvolles, Unheimliches, Abenteuerliches, Karawanen, Seefahrer und Seeräuber, Sklavenhändler und Sklaven, Reichtum und Armut. Als man von alledem genug hatte und das Erdöl zu sprudeln begann, wollte Seine Majestät, Sultan Qaboos Bin Said al Said, "einen neuen Morgen anbrechen" lassen. Er hatte gerade seinen konservativen Vater, Sultan Said bin Taymur, entmachtet und bestieg am 19. November 1970 den Thron. Seither wurde im Lande manches neu, leider nach westlichem Vorbild.

Unklarer Grenzverlauf
Das Sultanat Oman nimmt den östlichen Teil der Halbinsel Arabien ein. Über die Grösse des Landes gibt es nur Schätzungen. Sie reichen von 200'000 bis 310'000 km2, also vom Fünf- bis fast Achtfachen der Schweiz (41'285 km2); insbesondere gegen Saudi-Arabien hin sind die Grenzen nicht genau festgelegt. Einen Grenzkrieg gab es zuletzt 1974 mit dem Südjemen. Auch weiss niemand, wie viele Einwohner Oman hat; eine verlässliche Volkszählung gab es noch nie. Wenn man schon die Landesgrenzen nicht im Detail kennt, hätte solch eine Zählung auch keinen Sinn. Die Regierung gibt die Einwohnerzahl grosszügig mit 1,5 Mio. an.


Für die Zukunft ist gesorgt: Artiger Nachwuchs im Wadi al Mih (südlich von Muscat)

Die Bevölkerung besteht aus verschiedenen nigritisierten arabischen Stämmen, und sie ist in jüngster Zeit durch Heerscharen von Gastarbeitern aus Indien (etwa 400'000), Pakistan, Belutschistan, Somalia usf. angereichert worden. In Städten spricht man ein arabisch-asiatisch eingefärbtes Englisch. In der modernen Einkaufsstrasse Ruwi High Street in Muscat (Maskat) fühlt man sich in den wohlhabenden Teil einer indischen Stadt versetzt. Man isst indisch, kleidet sich indisch und hört fast nur indische Wortfetzen. Selbst der ab 1971 erbaute Sultanspalast an der Bucht von Muskat ist vom Baustil der Residenzen indischer Maharadschas geprägt: Einflüsse wie in "1001 Nacht" mit modernistischen Vereinfachungen.


Traditionsbewusst: Verkäuferin in Muskat

Wegen seiner indischen Prägung will der Palast des Sultans nicht so recht zu den benachbarten Hügeln mit den portugiesischen Festungen Jalali und Mirani auf hohen Felsen (1587/88) passen. Der alte Palast des früheren Herrschers und malerische Häuser, die vor allem Indern gehörten, wurden des Neubaus wegen dem Erdboden gleichgemacht. Nichts galt als erhaltenswert, weder der Suk noch die Tempel. Dem kitschigen Prunkbau mit den trichterförmigen Säulen und dem verzierten Flachdachrand wurden 40 % der Altstadt geopfert. Die vertriebenen Liegenschaftseigentümer wurden aus der Kasse des Junggesellen Qaboos (Kabus), der in der englischen Militärakademie Sandhurst erzogen und verwestlicht worden war, immerhin fürstlich entschädigt. Der fortschrittliche Sultan ist im Lande beliebt.

Prunk gibt es auch für die seit einigen Jahren zurückhaltend akzeptierten bis gern gesehenen Touristen in der Nähe von Muscat: Gemeint ist das "Al Bustan"-Palasthotel, ein Riesen-Oktogon in erlesenem orientalischem Stil, dessen Bau 1985 etwa 300 Mio. USD kostete, inbegriffen die Verlegung eines störenden Fischerdorfes. Eine speziell als Hotelzufahrt ins Gebirge gehauene Strasse betont die Bedeutung dieses Hotelreservates. Die gigantische Hotel-Kathedrale (mit 250 Zimmern) hat eine mit verschlungenen geometrischen Formen reich verzierte Empfangshalle aus spiegelglänzendem Marmor mit Spitzbogen. Doch die Zimmerpreise sind im Rahmen; das Doppelzimmer kostet zwischen umgerechnet 160 und 300 SFR pro Nacht (Stand 1993). Delikatessen werden täglich aus Paris eingeflogen. Der 9. Stock ist allein dem Sultan und seinen Gästen vorbehalten.

Ein weiteres Traumschloss für Omanis und ausländische Gäste steht seit 1990 auf einem künstlichen Hügel in der Wüste nahe der Grenze zu Dubai: "Jazira Resort", von dem aus ein mehrere Kilometer langer Kanal zum Meer gebaut wurde. Der Märchenprinz will zahlungskräftige Qualitätsgäste, Fünfsterngäste, die kulturbewusst sind, der islamischen Lebensart mit Respekt begegnen und sich wie die Könige von Samarkand fühlen möchten.

Das neue Muscat
Die so genannte Capital Area (Muscat, Muttrah, Baushar und der Internationale Flughafen Seeb) hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert, bis in die Vorstädte hinaus. Die renovierten, imposanten Stadttore von Muscat, die jeweils um 18 Uhr geschlossen wurden, können offen bleiben; denn die vierspurigen Strassen sind Schneisen, die nicht abzudichten sind. Die schönen Öllämpchen sind elektrifiziert und haben ihren Charme verloren. Die Barastis (Lehmhäuser mit Palmfarndach) sind ebenso verschwunden wie der Sklavenhandel, der neben Elfenbeingeschäften einmal die Haupteinnahmequelle von Muscat war. Die Stadt wuchert ins Land hinaus, und dort gibt es noch jede Menge Platz – vor allem Sand.

Hinter einer bis zu 20 km breiten, sehr fruchtbaren Küstenebene am Golf von Oman (Batinah) erhebt sich ein durchschnittlich 2000 m hohes Bergland (Hajar-Berge). Dieses erreicht mit dem Djebel Akhdar, dem 3108 m hohen Gebirgsstock, der aus dem braunen Faltengebirge herausragt und von auffallend grüner Farbe ist, seinen höchsten Punkt. Südlich des Gebirges mit den tief eingeschnittenen Wadis (Bett eines Wüstenflusses mit sporadischer Wasserführung), das im leichten Dunst eine malerische Kulisse abgibt, befinden sich die unendlichen, dürstenden Landschaften, das Markenzeichen Innerarabiens. Es handelt sich um das nackte, flache Hochplateau, das in die Wüste Rub al-Khali übergeht. Wüsten und menschenleere Wadis machen über 80 % des Landes aus.

Interpretationsfähiger Islam
Beim Djebel Akhdar war es, wo die Imame der omanischen Ibadhiten lebten. Der Imam (weltlicher Titel: Sultan) ist das Oberhaupt der Muslime, und er gilt als Nachfolger des Propheten Mohammed. Am Streit um die Frage der Rechtmässigkeit dieser Imame spaltete sich die muslimische Welt seinerzeit in Sunniten und Schiiten: Die Sunniten, heute etwa 90 % der Muslime, erkennen die Imame als Nachfolger an, auch wenn diese nicht aus Mohammeds Nachkommenschaft stammen, die Schiiten ihrerseits (vor allem im Iran und Irak) haben je nach Sekte die Imame-Zahl begrenzt.

Zu den islamischen Untergruppen gehört das erwähnte Ibadhitentum, das besonders im Oman grosse Verbreitung gefunden hat. Dieses geht auf die Kharijiten zurück, die es in den Kämpfen im 7. Jh. n. u. Z. weder mit Ali noch mit Muawiya halten mochten. Denn höchstens einer von diesen konnte ja der rechtmässige Nachfolger des Propheten sein. Da die beiden einander aber unterstützten, konnte keiner rechtmässig am Ruder sein, ansonsten er den anderen nicht unterstützt hätte. Soweit jedenfalls die messerscharfe Logik der Kharijiten.

Im Volks-Islam fächern sich die Sekten noch mehr auf. Man hatte religiöse Meinungsdifferenzen und damit allen Grund, einander zu verfolgen, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen oder wenigstens mit Verachtung zu strafen. Die spezielle Religionsrichtung der Omanis gilt dementsprechend als eine wichtige Ursache für die Isolierung des Landes, das dadurch seinen urtümlichen Charakter verhältnismässig lang zu bewahren vermochte. Die liebenswürdigen und gastfreundlichen Einwohner Omans betrieben früher in ihrer Einsamkeit Oasen- und Bewässerungsfeldbau. Getreide, Zuckerrohr, Dattelpalmen, Zitrusfrüchte, Granatäpfel und Feigen gedeihen bestens. Sie züchteten Kamele, bauten Schiffe, fingen Fische, oder aber sie trieben Handel; in historischen Zeiten waren die Omanis eine berühmte Seefahrernation. Viel anderes gab es nicht zu tun.

Heute schenkt der wohlhabend gewordene Staat seinen Bürgern stattliche Häuser. Lehmbauten, die in jenem Klima unübertreffliche Eigenschaften haben, werden abgerissen. Sie sind nicht mehr gern gesehen und gelten als rückständig – das bauökologische Verständnis ist also nicht mehr sehr stark entwickelt...

Der Vater des heutigen Sultans, Said bin Taymur, hatte noch darauf geachtet, dass sich im Lande wenig änderte. Es war nach aussen vollständig abgeschlossen. Die Geografie mit der 1700 km langen Küste dem Golf von Oman und dem Arabischen Meer entlang sowie die ausgedehnten Wüstengebiete trugen zur Abschirmung gegen aussen bei. Said hatte sich nach Salalah in den südlichen Landesteil Dhofar (siehe weiter unten) zurückgezogen und gestattete sich nur gerade den Gebrauch des Telefons, um seine Anweisungen in die Hauptstadt Muscat zu übermitteln. In Salalah verbot er, Velo zu fahren und Schuhe zu tragen; das Barfusslaufen ist ja wirklich gesund. Das Autofahren, das im benachbarten Saudi-Arabien den Frauen untersagt ist, musste damals im Oman nicht speziell verboten werden, da es weder befestigte Strassen noch Autos gab, abgesehen von ein paar staatlichen Lastwagen. Die Güter wurden mit Kamel-Karawanen umweltschonend befördert. Minis, Shorts und dergleichen Aufreizendes wie nackte Schultern sind in islamischen Ländern ohnehin undenkbar. Schäferstündchen sind nur unter strengen Vorsichtsmassnahmen möglich; die Nachbarschaft wirkt als strenge Sittenpolizei. Niemand konnte mir sagen, bei welcher Gelegenheit die Omanis für Nachwuchs sorgen. Aber das Kunststück scheint auch dort zu gelingen.

Das Erdöl-Verhängnis
Es ging Said ums lobenswerte und durchaus verständliche Bemühen, seine Landsleute von den Einflüssen der modernen westlich-zivilisierten Welt zu verschonen. Nicht unterbunden hat Said fatalerweise die Suche nach Erdöl, obschon gerade darin der wirkungsvollste Beitrag zur Erhaltung der althergebrachten Werte bestanden hätte. Das flüssige Gold wurde 1963 gefunden, und 4 Jahre später begann der Export. Allzu gross sind die omanischen Erdölreserven zwar nicht; sie betragen etwa 1 % der Welterdölvorräte. Die Tagesproduktion wurde auf 600 000 Fass beschränkt, damit der Glück und Wohlstand verheissende Rohstoff etwa 30 bis 40 Jahre lang sprudle.

Irgendwie musste der hereinbrechende Geldstrom kanalisiert werden. Vater Said wollte Regierungsgebäude und Unterkünfte für ausländische Arbeitskräfte bauen lassen, die dann das Land infrastrukturell besser einrichten sollten. Muscat und die Schwesterstadt Mathrah sollten fliessendes Wasser, Elektrizität und neue Häfen erhalten. Aber die herkömmlichen, für immer unabänderlichen stolzen Bräuche, "die unser Leben beschützen", wollte Said behalten, damit das Volk auch in Zeiten des Umbruchs den Halt nicht verliere; die Überlieferungen betrachtete er als "Ruhm der Vorfahren". Die Modernisierung sollte aufs Nötigste beschränkt werden.

Wie eigentlich jede Religion, so ermöglicht auch der Islam eine konservative und fortschrittliche Interpretation der Gesetze zugleich; jedermann tut es auf seine Weise. Im Oman hat der Fortschrittsglaube eindeutig Oberhand gewonnen, nachdem Saids prowestlicher Sohn Qaboos den Erdöl-Segen auf eigene Initiative hin zu verwalten begann. Der Sturz des Vaters durch den damals 30-jährigen Sohn verlief unblutig, abgesehen von einem Schuss, der Saids Pistole versehentlich entfloh und den Fuss des Besitzers getroffen haben soll. Nach dem Staatsstreich begann im Oman eine neue Zeitrechnung. Und diese wirkte sich auf die überlieferte Kultur verheerend aus.

In Nizwa z. B., einer 160 km südlich von Muscat am Fusse des Djebel Akhdar liegenden Stadt, die seit Jahrhunderten das religiöse und kulturelle Zentrum der Ibadhiten ist, wurde der alte Suk (Suq, Souk = Basar) abgebrochen und durch eine riesige sterile Halle ersetzt, die mit weissen Keramikplättli pflegeleicht ausstaffiert ist. Der Suk von Nizwa war für seinen Silberschmuck berühmt; aber die moderne Metzgerei- bzw. Badezimmer-Atmosphäre vermag die adäquate Stimmung nicht mehr zu vermitteln. Die alten Araber in ihren knöchellangen Wallegewändern scheinen darin etwas verloren zu sein, falls sie überhaupt noch hingehen.

Als frustrierter Besucher flüchtete ich mich auf den grossen runden Festungsturm (35 m Durchmesser, 30 m hoch) mit seinen 7 Toren unter Verteidigungsschächten. Dieser Koloss konnte nie erobert werden, weil er innen ganz mit Lehmziegeln angefüllt ist; nur die Treppe ist ausgespart. Bei meinem Besuch im Januar 1993 war das Fort Nizwa gerade in Renovation begriffen, wie die meisten der übrigen historischen Bauten des Landes auch. Dabei wird sehr gründlich erneuert und die Baugeschichte unter dicken Lehmschichten begraben. Unseren einheimischen Denkmalpflegern mit ihrer Begeisterung für altes Sichtmauerwerk würden alle Haare zu Berge stehen.

Verkehrs-Kult
Im Rausch des goldenen Erdölzeitalters ist vor allem dem anrollenden motorisierten Verkehr gehuldigt worden. In der Umgebung des Hauptstadt-Konglomerates Muscat sind sämtliche Autobahnen nachts auf Hunderten von Kilometern taghell erleuchtet, ein strahlendes Zeichen des Stolzes, im Besitze solch geschniegelter Asphaltpisten zu sein. Das Strassennetz, das inzwischen etwa 20'000 km lang ist, wurde zum Teil von deutschen Baufirmen erstellt. Welch ein Fest nach einer Vergangenheit mit lauter staubigen Naturstrassen – wenn überhaupt Strassen! In ländlichen Gebieten kämpft man auch heute noch gegen Geröll und Schlaglöcher an. Dort haben die übermotorisierten Offroad-Jeeps mit den Suchlampen und Kamel- bzw. Büffelgittern – Büffel sind nur hinter dem Steuer anzutreffen – teilweise ihre Berechtigung. In den labilen Wüstengebieten können die Stollenprofile erheblichen Schaden anrichten; durch jeden Druck wird der Boden verdichtet und der Abfluss beschleunigt. Bei uns benutzt man diese Schaustücke im Safari-Look innerstädtisch für die Fahrt zum Konditor, und die Fracht besteht dann aus Chauffeur/Chauffeuse plus 2 Crèmeschnitten.

In städtischen Bereichen des Oman werden heutzutage dieselben Asphaltorgien zelebriert wie andernorts auch. Besonders die raumgreifenden Strassenkreuzungen, denen sich Strassenbauer in aller Welt mit leidenschaftlicher Hingabe widmen, haben im Oman ein Lunapark-ähnliches Aussehen erhalten. In üppig und knallig bepflanzten Blumenrabatten, die künstlich bewässert werden, stehen Dhau-Schiffe, türmen sich motorisierte Wasserfälle, ragen mit Zinnen bewehrte Türme und überdimensionierte Kaffeekannen mit langem Schnabel im Disney-Stil auf. Und kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Die Zeit ist für die Flucht aus der Wirklichkeit noch nicht ganz reif. Aber das kommt schon noch.

Naturerlebnisse


Wie damals: Bewaffneter Hirte bei Salalah (Dhofar)

Wo sind denn eigentlich die Beduinen geblieben, die sich der Zivilisation entgegenstellen würden? Einen von ihnen, einen kraftvollen, feurigen, dunkelhäutigen, etwa 30-jährigen Mann mit Krummsäbel habe ich in der Nähe der südjemenitischen Grenze im Dhofar, ganz im Süden des Landes, etwa 15 km ausserhalb von Salalah, in der Einsamkeit eines Akazienwaldes getroffen. Ich hatte ihn, einige Ziegen und sein Kamel bei einem einsamen naturkundlichen Spaziergang aus Distanz fotografiert, vielleicht in der Hoffnung, er würde mein unschickliches und schreckliches Tun nicht bemerken, oder aus Gedankenlosigkeit, ich erinnere mich nicht mehr so genau. Doch diese Menschen beobachten exakt. Mein Foto-Vandalismus brachte ihn derart in Rage, dass ich um mein Leben bangen musste. Ich hatte tatsächlich einen schweren Fehler begangen, fühlte mich schuldig, ging zielstrebig auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand, entschuldigte mich in verschiedenen Sprachen, nur nicht in seiner, die ich nicht kannte. Er muss gespürt haben, dass ich volles Verständnis für seine berechtigte Reaktion hatte. Und da diese Naturburschen im Grunde gutmütige Menschen sind, liess er mich zornentbrannt lebendig von dannen ziehen: "Halass!" brüllte er nur noch. Hau ab! Ich hatte gegen ein wichtiges Gesetz verstossen und war dennoch begnadigt. Ich werde es nie wieder tun.

In vielen kaum berührten Teilen des Landes gibt es noch Natur, die den Namen verdient. Aber die Nomaden, die die Natur nutzten, ohne ihr Schaden zuzufügen, sterben aus. Sie gehen in der so genannten Omanisierung auf, eine Erscheinung, die auf den Gastarbeiter-Ersatz hinweist und in der Praxis meistens bedeutet, dass sie als neuerdings geschulte Leute eine Staatsstelle antreten und damit eine gesicherte Existenz haben. Das ist durchaus einer der Aspekte der Landschaftsverarmung.

Dem Sultan Qaboos muss man zugute halten, dass er ein wirklicher Naturfreund ist. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass die Arabische Oryx (Oryx Leucoryx), eine seltene, mittelgrosse Antilopenart, in der freien Natur wieder vorkommt. Je nach Temperatur wechselt ihr Fell die Farbe; im Winter ist es dunkler und im Sommer heller. Diese Oryxantilope kann bis 11 Monate lang ohne Wasseraufnahme überleben. Die 300 bis 500 Angehörigen eines Nomadenstamms, der die Jiddat al Harasi (ein wüstenhaftes, flachwelliges Kalkplateau) bewohnt, wurden zur Hege der Oryxantilopen eingesetzt.

Qaboos hat die Auswüchse der Jagd, die immer häufiger mit weittragenden modernen Waffen hinterhältig auch von Jeeps aus betrieben wurde und wird, so gut als möglich beseitigt; er besitzt also ein Herz für die Artenvielfalt, für die Tiere und die Pflanzen. Er fördert botanisch-zoologische Exkursionen in diesem auch tiergeografischen Schnittpunkt Afrikas, Asiens und Europas. Aber nach wie vor sind motorisierte Jagdsafaris, vor allem von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) aus, die grösste Gefahr für die omanische Säugetierwelt. Der Arabische Leopard (Panther pardus nimr) und der Asiatische Gepard (Acinonyx jubatus venaticus) kommen kaum noch vor.

In einem Zuchtzentrum für Spezies, die vom Aussterben bedroht sind, wird den Tieren in grossen Gehegen das Überleben ermöglicht. Das Zentrum beherbergt u.a. den Arabischen Wolf, den Karakulluchs, die Streifenhyäne und den Honigdachs.

Am Wasser hängt auch hier alles


Für Hitzeperioden eingerichtet: Bizarre Wüstenrose(Adenium obesum) an der omanisch-jemenitischen Grenze

Leben ist in all seinen Ausprägungen nur möglich, wo es auch Wasser gibt. In der Wüste und in der Steppe ist Wasser das Zentrum des menschlichen und tierischen Daseins. Die hier lebenden Menschen führten schon zahllose Kriege des Wassers wegen – und weitere zeichnen sich ab. Die Tiere aber streiten sich nicht um das lebenswichtige Nass. Sie erlaben sich an der Wasserstelle nach Rang: zuerst die grossen und starken, und die kleineren begnüen sich mit dem Rest. Sie trinken ruhig und friedlich, auch wenn sie sich sonst feindlich gesonnen sind.

Dieses Wasser ist im Oman eine Rarität. Die Niederschläge sind gering und unregelmässig (im Durchschnitt der Jahre sind es rund 100 mm; es gibt auch Jahre ohne nennenswerte Niederschläge). Wenn dieses Lebenselement Nummer 1 fehlt, d.h. also wenn auch kein Grundwasser in der Nähe ist, wird es über bis 12 km lange Galerien und eingeschlagene Rinnen unterirdisch – das natürliche Gefälle ausnützend – von Grundwasserzonen im Gebirge zu den Siedlungen geleitet. Dieses Falaj-System ist von den findigen Omanis entwickelt worden und darf als erstaunliche technische Leistung bezeichnet werden. "Falaj" bedeutet, "Wasser, das von den Bergen kommt".

Insbesondere das mit Asphalt-Wüsten und Betonverbauungen übel zugerichtete Hafenstädtchen Sohar in der Batinah ist in viele frühe Falaj-Systeme für die Trink- und Nutzwassernutzung eingebettet; und zudem wurden dort mit dem unter- und oberirdischen Kanalsystem noch Wassermühlen betrieben. Davon funktionieren gerade noch deren zwei. In antiker Zeit war Oman als "das Land der 10’000 Falaj" bekannt gewesen; das vor Verdunstung geschützte und kühle Grundwasser liegt oft in 30 bis 80 m Tiefe. Das rare Wasser wurde mehrmals und höchst effizient verwendet: zuerst für Trinkzwecke, dann für spirituelle Waschungen in den Moscheen, anschliessend als Wasch- und Brauchwasser (auch für die Totenwäsche) und zuletzt zur Bewässerung der Landwirtschaftsflächen. In den Feldern wurde das Wasser in schmalen, offenen Lehmrinnen verteilt. Mit Stoffresten umwickelte, gespaltene Palmholzklötze regelten die ausgeklügelte Zuteilung zu den verschiedenen Ackerflächen.

Wo es nutzbares Grund- oder Oberflächenwasser gab, entstanden Oasen mit ihrer speziellen Landwirtschaftsform, die heute offensichtlich nicht mehr attraktiv ist: ein Kleinbauernsterben gibt es auch hier. Vielfach findet man noch oberirdische Kanäle aus massivem Beton neueren Datums, in denen kein Wasser mehr fliesst. Zahllose Oasen in der Batinah, in den Wadis des Oman-Gebirges und in Buchten veröden. In den Oasen dienen Dattelpalmen als Schattenspender, und sie liefern gleichzeitig das Hauptnahrungsmittel, Bau- und Flechtmaterialien. Palmbast dient auch der Produktion von Seilen und Schnüren. Auf Bodenhöhe werden Getreide wie Weizen, Gerste und Hirse sowie Futtermittel und Gemüse angebaut, und in der Zwischenetage wachsen Zitrusfrüchte, Bananen, Papayas, Mangos und Granatäpfel.


Oase stirbt den Versalzungstod: Folgen der Grundwasser-Übernutzung bei Sohar

In Süd-Dhofar ist die Kokospalme der beherrschende Oasen-Baum. Der Zerfall der Oasen-Landwirtschaft, des Nomadentums und des traditionellen Fischereiwesens – höchst bedauerliche Erscheinungen – ist eine Folge der offenen Grenzen, des Eintritts des jungen Erdölstaates Oman ins arbeitsteilige Weltwirtschaftssystem mit seinen riesigen Transportbedürfnissen also. Billig-Importe lassen den einheimischen Produzenten keine Chance mehr; alle Produkte kommen zollfrei ins Land. Die Vielfalt im einheimischen Anbau verarmt; der ländliche Raum verliert seine Attraktivität. Man setzt nun auf den Bau von Fabriken (Baumaterialien wie Zement, Kunstdünger, Nahrungsindustrie) und züchtet leistungsfähigere, schnellwüchsigere Viehrassen. Die Cattle and Feed Farm Sahanut bei Salalah, wo Versuche mit 800 Kühen gemacht werden, hat alle Attribute modernen Futterbaus und moderner Viehzucht mit dem Einsatz von Medikamenten, wie sie für Hochleistungstiere unerlässlich sind. Dem Futter, vor allem australisches Rhodesgras, muss Selen zugesetzt werden, weil es dort fehlt.

Früher wurde das Wasser von Hand aus den Brunnen gezogen oder durch Tiere gefördert (Zajarah-Brunnen). Dann setzte man Motorpumpen ein. Sie sind erheblich leistungsfähiger; aber das Grundwasser vermehrte sich merkwürdigerweise gleichwohl nicht entsprechend... In der Batinah wirkte sich die maschinelle Entleerung der Grundwasserseen seit den 80er-Jahren so aus, dass salziges Meerwasser unterirdisch bis 8 km landeinwärts vordrang; seit 1990 müssen neue Brunnen (Pumpen) von der Regierung genehmigt werden.

Durch die Kapillarwirkung tritt Grundwasser an die Oberfläche. Ist es salzhaltig, versalzt es die Böden; auch das ist ein Beitrag zum Oasensterben. Die Kunstdüngerwirtschaft stört das Gleichgewicht zusätzlich – das ist schliesslich nicht allein im Oman der Fall. Die Wurzeln der Palmen bilden sich wegen der leicht erreichbaren Nährstoffe ungenügend aus, und beim nächsten grösseren Wind fallen sie um. Der Bewässerung von Landwirtschaftsgebieten dient heute vielerorts Meerwasser, das mit einem enormen Energieaufwand entsalzt worden ist (Kostenpunkt: 10 bis 18 CHF pro m3). Aber man schwelgt ja in Geld und Energie.

In der Nach-Erdölära wird das herkömmliche Wissen über den Umgang mit den knappen Ressourcen unter klimatisch schwierigen Bedingungen ebenso vollständig verloren sein wie die alten, angepassten Nutztierrassen. Auch diesbezüglich dürfte der Artenschutz nicht vernachlässigt werden. Aber da ist die Macht des Zeitgeistes stärker, nicht nur am Horn Arabiens.

Beweihräuchertes Dhofar
Wie am Beispiel der Landwirtschaftlichen Forschungsanstalt in Salalah dargetan, ist auch das traditionsreiche Dhofar im Süden des Landes nicht von den Fortschritts-Folgeerscheinungen verschont geblieben. Im Dhofar-Gebirge gab es früher einen einmalig grossen Bestand von Weihrauch-Bäumen (Boswellia sacra). Das Harz dieser Krüppelbäume machte das Dhofar-Gebiet so sagenhaft reich, dass die Römer der fruchtbaren Südküste den Namen Arabia felix gaben; schliesslich ist das Duftharz eine nicht nur finanziell beglückende Droge.


Allah ist gross: Deutsche Touristin im ehemaligen Religions- und Kulturzentrum Nizwa

An der Küste des Indischen Ozeans geniessen westliche Touristen das Ferienleben. Die jüngeren Moslems benützen ihre geländegängigen Fahrzeuge zu ausgedehnten Strandpromenaden. Der Anblick von Damen im Bikini ist für sie derart sensationell, dass sie auf ihrer Fahrt immer wieder vom Spülsaum des Meeres abkommen und in Sandlöchern stecken bleiben. Das bietet ihnen die Möglichkeit, das Fahrzeug auszugraben und während längerer Zeit dem Anblick von nackter Haut zu frönen, wenn sie vom Muezzin (bzw. vom Lautsprecher ab Tonband) nicht gerade zur Verneigung gen Mekka aufgerufen sind. Wer die islamischen Moralvorschriften kennt, hat für ihr Verhalten doch einiges Verständnis, auch wenn das lockere westliche Leben insgesamt nicht als Höhepunkt der gesellschaftlichen Entwicklung und als Vorbild für alle Nationen zu bezeichnen ist.

Abends trifft man die jungen Einheimischen humpen-stemmend in den Bierlokalen der westlichen Touristenhotels wieder; denn das Verbotene, also auch der Alkohol, locken sehr. Und es gibt ja keine Bedürfnisse, die für gutes Geld nicht irgendwo befriedigt werden könnten. Die von Kulturlosigkeit geprägte westliche Banal- und Kommerzkultur scheint einem weltweit vorhandenen Bedürfnis zu entsprechen.

Na denn: Prost! Für uns verliert das orientalische Märchen dadurch leider immer mehr an Spannung und Atmosphäre.

Fotos: Walter Hess

Anmerkung
Die Reise in den Oman (und in einige Golfstaaten) habe ich um die Jahreswende 1992/93 zusammen mit deutschen, österreichischen und schweizerischen Geografielehrern unternommen (Leitung: Konrad Schliephake von der Universität Würzburg). Die Exkursion des Verbandes Deutscher Schulgeografen war eine lebendige Form von Weiterbildung in Kulturgeographie. Für die vielen informativen Gespräche, Hinweise und Dokumentationen danke ich dem Reiseleiter, aber auch Wigand Ritter, ehemals Lehrer an der Universität Erlangen-Nürnberg, dem Geografen-Ehepaar Ulrike und Peter Meinel-Hünigen, Neu-Ulm, der Berliner Geografin Renate Zylka und all den anderen fachkompetenten, in Orientalistik versierten Teilnehmern.

Verwendete Literatur
Mensching, Horst, und Wirth, Eugen: "Fischer Länderkunde Nordafrika und Vorderasien", Fischer Taschenbuch Verlag GmbH., Frankfurt am Main 1989.
Heck, Gerhard, und Wöbke, Manfred: "Arabische Halbinsel (Saudi-Arabien und Golfstaaten)", DuMont Buchverlag, Köln 1990.
Hottinger, Arnold: "7mal Naher Osten", Piper Verlag, München 1988.
Scholz, Fred: "Die kleinen Golfstaaten (Reichtum und Unterentwicklung - ein Widerspruch)?", Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1985.
Scholz, Fred: "Muscat. Sultanat Oman", Verlag "Das Arabische Buch", Horstweg 2, D-1000 Berlin 19, 1990.
Universität Wien, Geographisches Institut: "Bericht über eine Studienreise in das Sultanat Oman", 1989.
Vardiman, E.E.: "Nomaden (Schöpfer einer neuen Kultur im Vorderen Orient)", Econ Verlag, Düsseldorf 1977.

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