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BLOG vom 05.10.2009


Sherlock Holmes: Meiringen, wo Fiktionen lebendig werden
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
„Am 3. Mai erreichten wir das Dorf Meiringen, wo wir im Englischen Hof abstiegen. Der Wirt, Peter Steiler der Ältere, war ein verständiger Mann, der auch vortrefflich Englisch sprach. Auf seinen Rat hin brachen wir am 4. zusammen auf, um über die Höhen zum Weiler Rosenlaui zu gehen, wo wir übernachten wollten. Er hatte uns übrigens strengstens eingeschärft, hierbei den erforderlichen kleinen Umweg nicht zu scheuen, um die auf halber Höhe liegenden Reichenbachfälle zu besichtigen. Diese machen mit ihrer Umgebung einen wirklich grauenerregenden Eindruck. Der Bach, durch die schmelzenden Schneemassen geschwellt, stürzt in einen furchtbaren Abgrund, aus dem der Schaum empor wirbelt, wie der Rauch aus einem brennenden Hause.
 
Die ungeheure, von glänzenden, kohlschwarzen Felsen umsäumte Kluft, in welche die Wasser hinabstürzten, verengt sich schliesslich zu einem brodelnden Kessel von unberechenbarer Tiefe, über dessen gezackten Rand der Strom dann weiter zu Tale schiesst. Man wird schwindelig von dem unablässigen Donnergetöse der riesigen weissen Wassersäule und von der ewigen Wirbelbewegung des aufspritzenden, flackernden Gischts, der sich gleich einem dichten Vorhang aus der Tiefe emporzieht. Ganz aussen am Rand schauten wir den Wassern zu, wie sie sich in sprühendem Glanze tief unten an den schwarzen Felsen brachen, und lauschten den Tönen, die – einem menschlichen Jauchzen vergleichbar – mit dem aufspritzenden Gischt aus der Schlucht herauf schallten.“
 
Das hat Sir Arthur Conan Doyle (1858‒1930) in seiner Serie über die Abenteuer des Meisterdetektivs Sherlock Holmes fürs „Strand-Magazine“ geschrieben, als er gerade im Begriff war, die Folge mit dem Kapitel „Das letzte Problem“ („The Final Problem“) zu beenden. Dazu diente das spektakuläre Zusammentreffen von Holmes mit seinem Todfeind, Professor Moriarty, bei den Reichenbachfällen im Haslital, wo es zu einem Zweikampf kam und wo beide im Strudel des Geschehens in der zerklüfteten Landschaft spurlos verschwanden ... bis dann Holmes in einer nachfolgenden Erzählung („Im leeren Hause“) auf wunderbare Weise wieder auftauchte, nachdem die Fangemeinde den Tod nicht zugelassen und Trauer getragen hatte.
 
Gehobener Denksport
Ich glaube nicht, dass diese beiden finalen Schilderungen der Höhepunkt der Holmes-Reihe sind, die ich in meinen jungen Jahren Wort für Wort gelesen habe. Sie wirken etwas geklittert; der Rest ist konziser. Die Serie umfasst total 60 Kriminalfälle, wovon 4 Romane. Das Faszinierende liegt für mich in der grandiosen Beobachtungs- und Interpretationsgabe, mit welcher der schottische Arzt und Schriftsteller Doyle seinen Helden ausstattete und die mich lehrten, alles um mich herum detaillierter wahrzunehmen, besser zu beobachten, Veränderungen zu registrieren und zu deuten, ohne dass ich es je auch nur annähernd auf das Holmes-Niveau bringen konnte. Holmes erkannte einen Weber an seinen Zähnen und einen Schriftsetzer am linken Daumen.
 
Der Denksport, der viel Kombinationstalent abverlangt, gefiel mir, und auch in meinen alten Tagen habe ich wieder mit Vergnügen zu Holmes’ Kriminalfällen gegriffen, zu den Beschreibungen exklusiver, besonders anspruchsvoller Vorkommnisse, vor denen die landesübliche Kriminalistik versagt. Denn es gehört zur Heldenverehrung, dass sich der Meisterdetektiv in den höchsten Sphären bewegt, zur Entspannung Geige spielt, Präzisionsschiessübungen macht und die Kunst des Pfeiferauchens versteht, worauf noch zurückzukommen sein wird. Auch das Rauchen gehört schliesslich zur legendären Kopfarbeit.
 
Das Urbild von Sherlock Holmes war der Medizinprofessor Dr. Joseph Bell, dessen Schüler Doyle gewesen ist; über ihn sind verschiedene englischsprachige Bücher geschrieben worden, etwa „Dr. Joe Bell: Model for Sherlock Holmes“ von Ely Liebow. Bell hatte erkannt, dass Menschen zwar Augen haben, aber nicht beobachten können. Er war die Ausnahme, stellte sein Talent in den Dienst der Medizin und half bei der Aufklärung vieler Kriminalfälle. Also: Sherlock Holmes lebte tatsächlich! Und so treffen denn noch heute Briefe an Holmes’ Adresse an der Londoner Bakerstreet 221B ein – dort befindet sich ein Sherlock-Holmes-Museum.
 
Es gab und gibt noch heute Ärzte, die gewissermassen mit einem Röntgenblick sofort erkennen, was mit einem Gegenüber los ist, wie der Erkrankte lebt und welche Beschwerden ihn plagen. Dabei kommt es nur auf die wesentlichen Indizien an. Hausarztbesuche lieferten besonders viele Hinweise. Dank dieser Kunst wäre die Diagnostik nicht nur preisgünstiger, sondern auch frei von Nebenwirkungen. Aber auch Schriftsteller und Journalisten, die ihr Metier mit Leidenschaft betreiben, müssen sich im Beobachten üben, denn es sind oft unauffällige Einzelheiten, die das Gesamtbild vervollständigen und verständlich machen.
 
Umgekehrt ermöglichen die Holmes-Romane, aus zahllosen Versatzstücken Rückschlüsse auf den Helden und seinen Freund und Begleiter, den Arzt Dr. John H. Watson, zu ziehen, die sich als Persönlichkeiten immer deutlicher herausschälen und für den Leser bald einmal Realität werden.
 
Der Ehrenbürger von Meiringen
Realität ist Sherlock Holmes auch für Meiringen im Berner Oberland, wo ich kürzlich einige Exkursionen unternommen habe (Giessbachfälle, Axalp, Ballenberg, Rosenlaui usf.). Holmes wird dort als Ehrenbürger verehrt. Mitten im Dorf ist eine mehr als lebensgrosse Bronzestatue anzutreffen, die vom britischen Maler und Bildhauer John Doubleday 1988 erschaffen worden ist. Holmes sitzt vor dem finalen Zusammentreffen am 04.05.1891 mit Moriarty, dem „Napoleon des Verbrechens“ nachdenklich da, die gebogene Pfeife zwischen den Lippen und mit der linken Hand umfassend, den Deerstalker (die berühmte Mütze mit den Vordächern vorne und hinten, eine Jagdkappe) auf dem Kopf sowie den Iverness-Mantel umgehängt– der typische britische Gentleman. Jede Einzelheit ist genau herausgearbeitet; viele versteckte Symbole können hier von analytischen Genies problemlos gefunden werden.
 
Gleich daneben, in der Englischen Kirche, ist seit dem 05.05.1991 das Sherlock-Holmes-Museum (www.sherlockholmes.ch) einquartiert, aus Anlass des 100. Todestags des fiktiven Meisters geschaffen. Das Kirchlein ist viel älter. Mit dessen Bau wurde 1876 begonnen; es überstand den 1. Meiringer Dorfbrand (1879), nicht aber den 2. (1891), und es wurde mit wenigen Änderungen wieder aufgebaut. 1937 kam das neugotische Haus mit den Rundbogenfenstern und den spitzigen Giebeln auf allen Seiten in den Besitz der Parkhotels du Sauvage, das darin leere Flaschen lagerte, und während des 2. Weltkriegs diente es als Suppenküche.
 
Bei unserem Besuch vom 22.09.2009 stellte die Schule für Holzbildhauerei Brienz im Parterre originelle Holzarbeiten aus. Ein Stockwerk weiter unten wird ein Einblick in die Welt des Sherlock Holmes aus den 1890er-Jahren gewährt – Karo, Pfeife, Lupe und Schreibgeräte sind dabei. Eine fixe Installation. Man erhält von der freundlichen Kassiererin eine Art Handy in der Form eines Telefonhörers mit eingebautem Tonband, von dem aus die Ausstellung angenehm erläutert wird. Ausführlich beschrieben wird insbesondere das überladene Wohnzimmer Holmes’, in dem viele herumliegende Gegenstände wie Zeitungen, Bilder, Fotos, Briefe und schmutziges Teegeschirr beweisen, dass er das Haus schnell verlassen musste. Der Aufsatzsekretär aus der Zeit von King George aus dem 18. Jahrhundert ist noch offen. Andere Attribute wie die Bibliothek weisen auf Holmes’ Belesenheit, die Stradivari-Geige auf sein Musiktalent und die Laborecke auf seine gründliche, wissenschaftliche Arbeitsweise hin, und manches wurde von der Besitzerin des Londoner Appartments, Mrs. Hudson, beeinflusst. Zum Innenleben gehört auch ein verschliessbarer Spirituosenständer mit 3 Kristallkaraffen, der verhinderte, dass Bedienstete an den Whisky heran kamen. Neben dem Kamin hängt ein persischer Pantoffel, in dem Holmes seinen Tabak aufbewahrte. Das Wohnzimmer ist im Roman „Study in Scarlet“ („Studie in Scharlachrot“) beschrieben.
 
Meinem Tonbandgerät, das mir die Frau an der Kasse ausgehändigt hatte und das ans Ohr zu halten war, entstieg ein starker Duft nach abgestandenem Tabakrauch, was zur Authentizität der Atmosphäre beitrug. Selbst das Aufschlagen von Pferdehufen auf dem Londoner Pflaster ist zu vernehmen. Die aus zahlreichen Leihgaben zusammengefügte Ausstellung umfasst auch Einbruchswerkzeug aus dem 19. Jahrhundert.
 
Die Reichenbachfälle und die Bahn
Wie im vorangegangenen Blog über unseren Besuch im Berner Oberland beschrieben, machten auch wir von Meiringen aus einen Besuch auf der Rosenlaui. Im unteren (nicht im mittleren) Teil der Strecke kommt man an den Reichenbachfällen vorbei, die wir auf dem Rückweg um die Mittagszeit besuchten. Wir stellten den Prius oberhalb von diesem Naturschauspiel beim Gasthaus Zwirgi ab, wo auch das Gerät für „Monster-Trotti-Abfahrten“ nach Meiringen aufgereiht war. Wir wählten den Weg hinunter zur Bergstation der Reichenbachfallbahn. Dieses seit 1899 bestehende, nostalgische und geländegängige Verkehrsmittel bietet eine gute Sicht zum 120 m hohen Wasserfall. Dieser musste wegen des trockenen, sommerlich-warmen Wetters vor allem mit Gletscherwasser aus dem Rosenlaui-Gebiet vorlieb nehmen; an Regenwasser mangelte es dem Reichenbach offensichtlich. Nach der Besichtigung der Giessbachfälle und der Rosenlaui-Schlucht überwältigte uns dieses Wasserschauspiel nicht mehr besonders – wir waren diesbezüglich etwas verwöhnt. In einer Felswand neben dem Wasserfall ist ein fünfstrahliger Stern angebracht, der den Ort des Zweikampfs Holmes/Moriarty markiert.
 
Der Abstieg zur oberen Bahnstation, der in etwa 20 Minuten über einen treppenartigen Waldweg leicht hinter sich zu bringen ist, hat durchaus seinen Reiz. Bäume krallen sich an Felsbrocken fest. Der Reichenbach hat das Gestein fantasievoll geformt, besonders auch die Felsen, vor denen das Wasser hinabstürzt. Es verschwindet, kommt aus einem röhrenartigen Loch wieder zum Vorschein, dreht sich, korrigiert die Richtung, springt und stiebt. Bäume und Sträucher erlaben sich an der Feuchtigkeit, die sie als Nebel erreicht.
 
Im Gebäude der Bergstation sind alle Angaben über die Bahn und die Seilbahntechnik, aber auch über Besuche der Sherlock-Holmes-Society und Illustrationen über den nachgestellten finalen Kampf Holmes-Moriarty zu sehen.
 
Die Seilbahn – 2 Wagen bewegen sich in entgegengesetzter Richtung und kreuzen sich in der Mitte auf einem doppelten Spurkranz – ist eine technische Meisterleistung, vor allem, was das Zangenbremssystem anbelangt: Im Moment, wo der Seilzug vom Wagenseilvergusskopf abfällt, weil das Seil gerissen oder schlaff geworden ist, schaltet ein mit einem Gewicht bestückter Hebel ein Zahnrad an die Wagenachse. Am talwärts rollenden Wagen dreht die rotierende Wagenachse eine Schraubenspindel so, dass sich Bremszangen am Schienenkopf festpressen und den Wagen bald zum Stillstand bringen. Diese geniale Lösung war 1893 erstmals bei der Stanserhorn-Drahtseilbahn angewandt worden. Die Bahn in Meiringen wird von einem Elektromotor angetrieben.
 
Ausserhalb des oberen Stationsgebäudes steht Sherlock Holmes als bemalte Holzfassade mit ausgeschnittenem Gesicht – eine Vorlage für touristische Erinnerungsfotos. Ich hatte eine von meinen beiden Sherlock-Holmes-Tabakpfeifen mit Silberreif aus dem irischen Hause Peterson und den Tabak „Optimum Special“ von Bonds of Oxford Street in London bei mir, schmauchte genüsslich und steckte den Kopf durch die Fotovorlage. Die Reichenbachfälle bilden den Hintergrund, und Eva fotografierte diese Vorlage schmunzelnd, wobei diese Arbeit durch das Gegenlicht erschwert wurde.
 
In der Nähe stand ein gross gewachsener Mann, eine Mischung zwischen Sherlock Holmes und wetterfestem Älpler mit kritischem Blick, eine Holmes-Pfeife zwischen den Lippen. „Sie wissen, was sich hier gehört“, sprach ich ihn an, und wir führten in der Folge ein längeres Gespräch über Peterson-Pfeifen – er besitze die ganze Holmes-Serie, sagte er. Es stellte sich heraus, dass Peter Frei aus Baden AG früher Tabakpfeifen en gros importiert hatte und also ein Kenner der Materie ist. Mit ihm und seiner netten Frau stiegen wir zum Gasthaus Zwirgi empor, tauschten Gedanken und Erfahrungen aus. Wir zogen genüsslich an unseren Pfeifen, Dampflokomotiven-Stimmung verbreitend. Es ist besonders angenehm, sich in dieser Zeit der kulturlosen Antiraucher-Kampagnen als Exzentriker aufzuführen.
 
Süsser Abschluss
Dann kehrten Eva und ich nach Meiringen zurück, um uns vor der Heimfahrt noch mit Meringues einzudecken, die genau hier um 1600 von einem Konditor namens Gasparini erfunden wurden. Sie hiessen zuerst Meiring, der verkürzte Ortsname wurde alsbald „französisiert“, wie es in einer Beschreibung heisst, die ich in der Bäckerei Andreas Frutiger erhalten habe. Meringues sind dort in verschiedenen Ausführungen und Grössen zu haben, auch als Ringe. Ich entschied mich für die Weltrekord-Meringue, also die grösste, ein luftiger Berg aus Eiweiss und Zucker. Natürlich war das nur eine Miniausgabe der tatsächlichen Weltrekord-Meringue, die 2,4 m lang, 1,5 m breit und 1 m hoch war und 62 kg auf die Waage brachte und in einer Sauna-Kabine gebacken wurde ...
 
... möglicherweise zum Meringues-Song des Quartetts „Geschwister Biberstein“, den die 4 munteren Damen zu ihrem 20-Jahre-Jubiläum 1995 komponiert haben. Mit dem Biberstein AG, zu dem wir zurückfuhren, haben die Sängerinnen nur den Namen gemein. Aber dem Süssen sind offenbar auch sie zugetan, ansonsten sie nicht auch das Weihnachtslied „Süsser die Glocken nie klingen“ intonieren würden.
 
Zum Schluss ein Gratistip für Sünder: Zu einem englischen Tee und einigen Zügen aus der Sherlock-Holmes-Pfeife aus erlesenem Bruyèreholz macht sich eine Meringue mit Schlagrahm sehr gut. Wer in Freuden zu geniessen versteht, muss nicht gleich nach Dr. Watson rufen.
 
Quelle
Doyle, Arthur Conan: „Das grosse Sherlock-Holmes-Buch“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009.
 
Hinweise auf weitere Blogs übers Berner Oberland
03.04.2005: Ursula und Fernand Rausser: Die Lust am Unangepassten
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