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BLOG vom 15.01.2012


Hinter der Jalousie: Herr Lederer und Sekretärin Isolda
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Die international tätige Stellenvermittlung Top! wurde damit beauftragt, für den Chef der ebenfalls international anerkannten Marke „Clef“ (Schlüssel) eine zuverlässige und hoch qualifizierte Privatsekretärin zu finden. „Clef“ ist ein Hersteller von Lederartikeln wie Hand- und Brieftaschen und Schuhen und hat viele Niederlassungen weltweit.
 
Die 30-jährige Isolda, in New York aufgewachsen, beherrscht viele Sprachen und hatte Stellen in bedeutenden internationalen Handelshäusern bekleidet. Ihre Referenzen waren erstklassig und Top! pries ihre Diskretion. Ihr Renommée liess nichts zu wünschen übrig. So wurde sie angestellt und vom Chef persönlich in ihren Aufgabenkreis eingeführt. Herr Lederer, wiewohl „Lederer“ nicht sein wirklicher Name ist, hat sich im Haus „Clef“ eingebürgert, und er nahm keinen Anstoss daran. Zur „Clef“-Marke gesellte sich „Lederer“, um ihr seinen persönlichen Stempel aufzuprägen. Er legte grossen Wert darauf, die Herstellungsstätten regelmässig zu besuchen. Auch der Einkauf von makellosem Leder war ihm ein besonderes Anliegen. Sein liebenswürdiges Auftreten täuschte nicht darüber hinweg, dass er Inkompetenz schlecht duldete.
 
Nach ihrer Einführungszeit bezog Isolda das Vorzimmer des Büros von Herrn Lederer. Isoldas Schlüsselstellung sicherte ihr viel Macht. Sie hatte ein fein entwickeltes Gespür, zwischen Trivialitäten und unabdingbaren Prioritäten zu unterscheiden. Mit einem Wort: Herr Lederer konnte sich auf sie verlassen. Ausserdem führte sie das Protokoll der Sitzungen, zuerst intern und später vermehrt auch extern. Isolda trug ein geschmackvolles Jackettkleid und schminkte sich diskret und unaufdringlich. Ihr Spesenkonto sicherte ihr alle mit ihrer Position angemessenen Annehmlichkeiten, worunter „Chanel 5“, erlesene Schuhe und Taxiausgaben. Letztere nahm sie nur spärlich in Anspruch, denn sie legte Wert auf ihre Eigenständigkeit. Damit schützte sie ihre Privatsphäre.
 
Sehr kaschiert, wie sie war, plagte sie dennoch insgeheim eine unersättliche Neugier, mehr über das Privatleben ihres Chefs zu erfahren. Herr Lederer war mit einer Dänin verheiratet, und das Paar hatte eine 4-jährige Tochter. Die Familie lebte, wie es sich schickt, in einem geräumigen Haus in Neuilly. Herr Lederer und seine Frau Kirsten nahmen an vielen gesellschaftlichen Anlässen der Prominenz teil, besuchten auch regelmässig das Theater und die Opera. Seine Frau begleitete ihren Gatten immer wieder auch auf seinen Auslandsreisen. Noblesse oblige.
 
Es war Isolda nicht entgangen, welche Schuhe Frau Lederer trug. So kam es, dass sich Isolda mit den Lieblingsschuhen der Frau ihres Chefs eindeckte. Auch ihre Kleidung stimmte sie mehr und mehr auf jene seiner Frau ab. Eines Tages bemerkte Isolda die Halskette Frau Lederers, woran das Firmenemblem „Clef“ aus Gold hing, mit einem grosskarätigen Diamanten beschickt. Billigere Versionen aus vergoldetem Silber erhielten die Damen guter Kunden als Geschenk.
 
Auch Isolda erhielt einen solchen „Clef“, nachdem sie ein Jahr in der Firma gearbeitet hatte. Ein Juwelier fügte einen künstlichen Diamanten in ihren Schlüssel ein und ersetzte die silberne mit einer verlängerten Kette aus Gold. Vom Band zwischen den Kuppen ihres Büstenhalters gesichert, hing ihr Schlüssel tief genug, um nicht irrtümlich entdeckt zu werden. Damit hatte Isolda ihre Diskretion auf die Spitze getrieben – oder in der Tiefe ihre Psyche versenkt.
 
Allem Anschein nach war Herr Lederer glücklich verheiratet. Umsonst suchte Isolda nach einer Schwachstelle in seinem Leben. Isolda hatte einige unbefriedigende Liebschaften hinter sich. Echt verliebt war sie in ihrem Leben nie gewesen und musste sich eingestehen, dass sie in diesem Sinne frigide war.
 
Wie konnte sie Unruhe, gar Unheil stiften? Diese Frage beschäftigte sie. Als Lockvogel, befand sie, konnte sie Herr Lederers Augenmerk kaum ködern. Monate verstrichen und ihr Verkehr mit Herr Lederer blieb aufs Geschäftliche beschränkt. Allerlei Finten stellte sie sich vor, doch verwarf sie allesamt. Nur ein Zufall konnte ihr weiterhelfen.
 
An einem August-Nachmittag feilte Herr Lederer an einem Vortrag, den er in 2 Tagen vor der Handelskammer in Mailand halten musste. Sein Versuch, ihn auf Italienisch zu verfassen, misslang. „Es ist zum Verzweifeln“, wandte er sich an seine Sekretären, „bitte helfen Sie mir aus der Patsche und übersetzen Sie meinen Entwurf“, reichte er ihr verdrossen den Stoss von Papier. Isolda wusste, dass er am Abend nach Mailand abfliegen musste und machte sich sofort an die Arbeit. Zweimal erkundigte er sich ungeduldig, wie weit sie vorangekommen sei. Endlich erschien sie mit dem sauber übersetzten Text, stolperte und fiel über den Teppich. Herr Lederer sprang ihr bei. Ein Fehlgriff bleibt ein Fehlgriff, den seine Entschuldigung nicht ausmerzen konnte. Er hatte sich ihr ausgeliefert und musste sich auf ihre Diskretion verlassen. Darauf war wenig Verlass.
 
Zuerst schwärten Isoldas Rachegelüste lange Zeit, ehe die Beziehung entflammte. Lederer hatte sie respektlos wie eine Puppe geknutscht, als er ihr vom Teppich aufhalf – und damit zutiefst gekränkt. Mit seiner Entschuldigung hatte er ihren Spielplan durchkreuzt. Lederer hatte keine Ahnung, was in ihr vorging. Für ihn nahm der Alltag seinen gewohnten Gang. Kein Mann weiss um die verschlungenen Wege weiblicher List, besonders nicht um jene einer gekränkten Frau. Alle von der Eifersucht vergifteten Pfeile richtete Isolda auf ihre beneidete Nebenbuhlerin.
 
Alles begann recht harmlos. Sie bezirzte einen Kunden, den sie als ihren Begleiter zu Theater- und Opernbesuchen auserwählte. In Paris dienen solche Anlässe zur aufgetakelten Schaustellung, besonders in den Logen und Zwischenpausen in der Bar. Isolda kleidete sich dementsprechend, grosszügig ihren Busen offenbarend. Dank der Agenda wusste Isolda, wann wo das Ehepaar zugegen war und welche Plätze sie einnahmen. Als Privatsekretärin hatte sie die Plätze reserviert. Für ihren 1. Racheakt wählte sie Wagners „Tristan und Isolde“, eine mit Drama und Intrigen gesättigte Oper. Mit ihrem Opernglas gewappnet, behielt sie die vom Ehepaar besetzte Loge im Auge.
 
Die Zwischenpause begann. Beide Paare begegneten sich unausweichlich auf dem Weg zur Bar. „Wer hätte gedacht, Dich hier zu treffen,“ wandte sich Antonio de Picciotto (denn so hiess Herr Lederer offiziell) überrascht an seinen Stammkunden, „und erst noch in der charmanten Begleitung meiner Sekretärin!“
 
Diese Begegnung war für alle Beteiligten, ausser Isolda, peinlich. Auch Renato, der Stammkunde von Antonio, war ebenfalls betroffen, da er verheiratet war. Solche heikle Vorfälle werden am besten überspielt. Mit erzwungener Heiterkeit spendete Antonio eine Runde Champagner. Kirsten bemerkte, dass Isolda ein Paar ihrer Lieblingsschuhe trug, eine Sonderanfertigung, die nicht allgemein im Verkauf auflag … Die Pause dauerte lange, und das Gespräch versandete zum belanglosem Lob der Opernaufführung.
 
„Was wird da gespielt?“ stellte Kirsten ihren Mann stracks zur Rede, kaum hatten sie ihr Haus in Neuilly erreicht. „Welche Rolle spielt deine Sekretärin in diesem ,Lotterbetrieb’? Und sie trägt erst noch ein Paar der speziell für mich gefertigten Schuhe! Nennst du das Diskretion?“ Das war für die sanftmütige Dänin ein ungewohnter Temperamentsausbruch. „Und erst noch so geschmacklos entblösst…wie …wie eine …“, aber sie brachte das Wort nicht über ihre Lippen.
 
Dieser eheliche Sturm dauerte bis in den frühen Morgen an. Antonios mickrige Einwände, dass er nicht für das Privatleben seiner Sekretärin haftbar sei, und dass sie im Geschäft stets adrett nach der Hausregel gekleidet erscheine, prallten wirkungslos an Kirsten ab. Nein, Antonio konnte sich nicht so einfach aus der Schlinge ziehen. Aber konnte Isolda wirklich mit gutem Grund frohlocken? Einerseits hatte Antonio nicht angebissen und war ihr folglich der Happen entschlüpft. Anderseits fehlte Antonio jede Handhabe, um sie fristlos zu entlassen.
 
So blieb Isolda vorderhand auf ihrem Posten. Vorsorglich trennte Herr Lederer seinen persönlichen vom geschäftlichen Terminkalender. Er änderte ihren Titel von „Privatsekretärin“ zu „Direktionssekretärin“. Ausserdem beauftragte er die Top!-Stellenvermittlung, ihm eine zusätzliche Sekretärin zur Entlastung seiner Direktionssekretärin zu finden. Ihr Aufgabenkreis habe sich stark erweitert, erklärte er und versicherte gleichzeitig, dass er mit Isolda zufrieden sei. „Aber ehe Sie mit ihrer Suche beginnen, schicken sie mir Isoldas Unterlagen zusammen mit der Referenzliste an meine Privatadresse“, flocht Herr Lederer absichtsvoll ein. „Es könnte sein, dass sie mit dieser Änderung nicht einverstanden ist.“ Auch die seiner Frau vorbehaltenen Schuhe sicherte er vor ihrem Zugriff ab.
 
Die angeforderten Unterlagen trafen ein. „Unter uns und streng vertraulich,“ richtete Antonio seine telefonische Anfrage an einen ihm bekannten Firmeninhaber, „waren Sie mit Isolada vollkommen zufrieden?“ wollte er wissen. Nach langer Pause und zögernd kam die Antwort: „Ihre geschäftlichen Kompetenzen sind ausgezeichnet, aber ich musste das Luder loswerden. Ich möchte das nicht näher begründen, verstehen Sie. Die Abfindung sicherte meinen Frieden … Kurzum, für mich ist sie eine heimtückische Intrigantin. Sie mischte sich in Dinge ein, die sie nichts angehen.“
*
Kirsten atmete erleichtert auf. Der Hausfrieden war nach diesem Intermezzo wieder gesichert. Wie leicht krankhafte Eifersucht ausarten kann! An und für sich sind Kirsten und Antonio glimpflich davongekommen (verglichen mit den Filmen „Fatal Attraction“ und „Play Misty für mich“).
 
Isolda wird wohl bald wieder ein Tummelfeld finden. Von der Eifersucht besessen, verwandelt sich ihr Leben zum Trümmerhaufen, es sei denn, Einsicht schleiche sich ein. Somit findet diese aus dem Leben gegriffene Geschichte ein Ende.
 
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