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BLOG vom 14.08.2012


Olympia London: Aderlass der Vernunft. Sport über alles
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Das Nachbeben der Olympischen Spiele in London hält an und dominiert noch immer die Medien. Das Ereignis wird als Erfolg gefeiert. Die Abschlusszeremonie fesselte 80 000 Zuschauer im Stadium und dauerte am Sonntag, dem 12. August 2012, von 9 Uhr abends bis nach Mitternacht. Auch bei uns war der Flimmerkasten eingeschaltet. Lily hatte ihre Freude an diesem grossartig aufgezogen Spektakel. Ich enthielt mich jeder Kritik, um ihre Freude nicht zu beeinträchtigen.
 
Meine eigene Freude begann, als die Riesenfackeln langsam erloschen. Alles ist bestens nach Spielplan abgelaufen. Viele Volontäre haben zum Erfolg beigesteuert. Die vielen leeren Sitzreihen der VIP (very important persons) vorbehaltenen Plätzen wurden von Soldaten belegt …
 
Keine nennenswerte Transportprobleme, entgegen der Vorhersagen, behinderten den Verkehr. Schliesslich ist Ferienzeit, und viele Eltern haben mit ihren Kindern die Metropole verlassen. Wie viele Sportflüchtlinge haben das Weite gesucht? Die Leute mieden weitgehend die Londoner Innenstadt, beklagten die Inhaber von Läden, Restaurants und Theater, und eilten rund um und im Excel-Zentrum an den Geschäften vorbei, einzig darauf bedacht, ihre Sitzplätze zu sichern.
 
Die aktiv beteiligten Mitspieler aus aller Welt haben in diesen Wettkämpfen um Medaillen ihr Bestes geleistet. Ich kann ihre Freude an ihren hart errungenen Siegen mitempfinden. Die Sportarena wird in 2 Wochen von den Teilnehmern der Paraolympics (körperlich Behinderte) benutzt. Ich werde einige ihrer Wettkämpfe verfolgen, denn es braucht dazu ein Durchhaltewille besonderer Art, der Bewunderung ihrer Leistungen auslöst.
 
Welchen Nachlass hinterlässt die Olympiade? In 1. Linie soll die nächste Generation von Sportlern ermutigt und teilweise finanziell unterstützt und trainiert werden. Als Schüler hatten wir 2 oder 3 Turnstunden pro Woche. Ausserhalb der Schule spielten wir Fuss- oder Handball. Auch das Velo hielt uns in Bewegung. Wir unternahmen ausserdem Touren in die Bergwelt, mit Rucksack und guten Schuhen ausgerüstet. Sport schuf Ausgleich, ohne den Schulunterricht zu beschneiden.
 
Immer wieder werden in Grossbritannien die Mängel im Erziehungswesen beklagt. Viele Kinder können kaum mehr lesen, geschweige denn schreiben und rechnen. Das Texten und die Computerspiele ersetzen keineswegs die solide Grundausbildung. Das werden angehende Sportler ebenfalls entdecken, wenn ihre sportlichen Erwartungen unerfüllt bleiben und sie sich nach Arbeit umsehen müssen. Die wachsende Zahl der stellenlosen Jugendlichen belegt diese Misère. „Sport über alles“ ist kein Ausweg.
 
Die Politiker äussern sich sehr positiv und sind überzeugt, dass der kostspielige bauliche Nachlass der Olympiade dazu beiträgt, diesen vernachlässigten Teil von London zu regenerieren. Das Gerangel jedoch um diesen Nachlass hat bereits begonnen – wie immer, von Grosskapitalisten angeführt. Neue Fussballstadien sollen errichtet werden, als ob es ihrer nicht schon genügend gäbe.
 
Nach der olympischen Ekstase folgt unfehlbar die Ernüchterung, sobald die wirtschaftlichen Kalamitäten aufflackern, weitaus stärker als alle olympischen Fackeln zusammen. Der Krieg in Afghanistan dauert an. Erst jetzt erfahren wir über viele neue Todesopfer. Die Erdbeben in Iran wurden kaum erwähnt. Unsere Familie und Bekannten in Teheran informierten uns darüber … Bankskandale werden erneut entflammen und so gut wie möglich vertuscht. Die Teuerungswelle nimmt ihren Fortgang, gekoppelt mit anstehenden Steuerfinten. Das Haushaltbudget vieler Familien ist arg überrissen. Sei doch nicht so negativ, halte ich mir vor. Warte doch, bis die Parlamentarier aus ihren langen Ferienpause zurück sind.
 
Auch die ganze britische Nation hat eine Pause verdient. Das Jubiläum der Königin wurde mit allem Pomp gefeiert. Die vielen Olympiamedaillen haben momentan den Stolz der Nation geschwellt. In wenigen Wochen ist der Aderlass der Vernunft abgeklemmt. Am 13.08.2012 wurde erwähnt, dass die Transportkosten, wie alle Jahre wieder, ab nächstes Jahr massiv erhöht werden. Der Weihnachtsrummel – freut Euch des Lebens – steht an.
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zu London und Olympia von Emil Baschnonga
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