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BLOG vom 28.10.2012


Das Bijou – Eine „Perplexion“ bis zum letzten Schrei
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
(Diese Geschichte setzt meine „Perplexionen“ fort – siehe Hinweise am Schluss.)
*
 
Sprach eine Schublade in der Kommode zur anderen: „Du hast keine Ahnung, was unter der Wäsche bei mir versteckt ist.“
 
Das entfachte die Neugier der angesprochenen Schublade, und sie liess nicht locker, bis schliesslich die 1. Schublade ihr Geheimnis preisgab: „Das bleibt streng vertraulich! Die Dame hat unter der Leibwäsche ihre Bijouterie (Schmuck) versteckt."
 
Ein gelüftetes Geheimnis ruft nach einem zweiten: „Ich wette, Du hast keine Ahnung, was in meiner Schublade versteckt ist.“ Diesmal plauderte die 2. Schublade ihr Geheimnis aus: „Eine Pistole ist es, unter den Herrenhemden in einem Halfter versteckt!“
 
Der Papagei im Käfig nebenan war äussert klug und gelehrig. Der Hausherr bereicherte dessen Vokabular ständig. Der Papagei sprach beinahe fliessend Amerikanisch, so wie es in Texas gesprochen wird. Zugegeben, er hatte mit dem Wort „Bijouterie“ seine liebe Mühe und konnte nur „Bijou, Bijou“ und nochmals „Bijou“ krächzen.
 
Eines Nachts schlich ein gerissener Dieb ins Haus und verstand augenblicklich, was der Papagei mit seinem 3 Mal wiederholten „Bijou“ meinte. So wurde der Dieb im Nu in der obersten Schublade fündig und sackte die Gold- und Diamantenbroschen und die Perlenkette mitsamt 3 Paar Ohrenanhängseln ein.
 
Einige Wochen später wollte das Ehe- und Besitzerpaar die berühmte Dallas Opera besuchen. Die Dame des Hauses stand schon festlich gekleidet vor dem Spiegel und tupfte Le dernier cri (der letzte Schrei) hinter die Ohren und übers Dekolleté, als eben der Papagei wiederum 3 Mal Bijou krächzte. Die Dame griff in die oberste Schublade und tastete nach der Perlenkette. Vergeblich! Alle Schmuckstücke fehlten.
 
Ihr hysterisches Gezeter alarmierte ihren Gemahl. Er riss alle Schubladen aus der Kommode, und sie durchwühlten den jetzt auf dem Teppich verstreuten Haufen. „Bist Du sicher, dass Du den Schmuck nicht verlegt hast?“ fragte er seine Frau. Das brachte sie erst recht in Rage. Wiederum meldete sich der Papagei. „Bijou, das ist es!“ sprang sie auf. „Der Dreckvogel hat sie gefressen!“ schrie sie den Papagei an.
 
Ihr Mann war froh, dass sie ihren Zorn am Vogel ausliess. „Das lässt sich rasch feststellen“, sagte er, griff nach der Pistole und erschoss den Vogel. „Der hat nichts im Bauch“, stellte er anschliessend fest.
 
„Und jetzt hast Du erst noch mein Kleid verdorben.“ Sie wies auf die Blutspritzer hin, die vom Papagei stammten. Der Texaner griff nach der Pistole, zögerte einen Augenblick, ehe er sie ins Etui schob.
 
Wie leicht man in der Panik doch den falschen Vogel erwischt – so lautete der Nachsatz, den die beiden Schubladen lieferten.
 
 
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