Textatelier
BLOG vom: 26.05.2015

Lügengeschichten: Angeber Herbert und seine Karpfen

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
 
Im Allschwiler Teich (im Schweizer Kanton Basel-Landschaft), nächst dem Restaurant Mühle, angelte Herbert gern abends. Er war auf Karpfen erpicht.
 
„Was hast du heute erbeutet”, neckten ihn seine Zechkollegen in der Beiz.
„Ihr werdet es mir nicht glauben”; dabei streckte er seine Arme aus.
„Den musst du uns zeigen, damit wir dir glauben”, forderten sie ihn auf.
„Ich habe ihn heimgeschleppt und in die Badewanne gelegt”, sagte Herbert.
„Dann kannst du uns alle zum Silvesterschmaus einladen”, schlug Erich vor.
„Das geht leider nicht. Ich habe diesen Karpfen dem Fischhändler versprochen, aber ich erkundige mich bei meiner Frau.” Zum Schein telefonierte er ihr.
„Er hat ihn schon abgeholt, damit er frisch bleibt”, gab er Bescheid.
„Das kostet dir die nächste Runde.”
 
Jeder Sportangler weiss, dass es schwierig – beinahe unmöglich – ist, einen solchen Riesenkarpfen aus dem Teich zu ziehen. Er verkriecht sich unterm Treibholz oder Geröll, worin sich die Leine verwickelt.
*
Herbert übertrieb gern – foppte zum Spass. Seine Geschichten sind nicht auf den Wahrgehalt angewiesen und nicht auf Karpfen beschränkt. Das bewahrheite sich auch in dieser Geschichte, die er zum Besten gab:
 
„Eben, als ich die Strasse überqueren wollte, sah ich etwas unterm Dohlendeckel glitzern. Wie es kam, dass ich diesen Fund mit ausgestrecktem Arm hoch fischen konnte, das weiss ich nicht mehr. Stellt euch vor: Es war eine Rolex! Hier ist sie.“ Er zog seinen Ärmel hoch.
 
Wiederum meldete sich Erich: „Du musst sie auf dem Polizeiposten abliefern.”
“Du hast Recht”, nickte Herbert. Jetzt aber schuldet ihr mir eine Runde”, bestand Herbert. Niemand wusste, dass diese Rolex von seinem Vater selig seit Jahrzehnten in seiner Nachttischschublade ruhte. Nach der Pintenkehr versorgte er sein Erbstück wieder in der Schublade und band seine billige Rosskopfuhr ans Handgelenk.
 
Ein halbes Jahr war vergangen und niemand hatte die verlorene Rolex abgeholt. „Seht, jetzt gehört sie rechtens mir! Ich bin nicht länger auf meine alte Billiguhr angewiesen.”
*
Herberts 3. Lügengeschichte begann als Auto-Rallye im Jura. Er sass neben dem tolldreisten Lenker, der hart aufs Gas drückte. „Wie entkommt man einer lebensgefährlichen Fahrt?”, richtete er die Frage an seine Kumpane.
„Inbrünstig beten”, schlug einer vor.
„Dazu fehlt mir das Gottvertrauen”, winkte Herbert ab.
„Bei einer Wiese aus dem Auto springen”, meinte ein anderer.
 
Auch diesen Vorschlag schlug Herbert aus, mit dem Hinweis: „Das bedingt bestenfalls einen kurzen oder längeren Spitalaufenthalt.”
„Kräftig die Handbremse neben dem Fahrer ziehen?”
„Das hält keine Bremse aus”, schüttelte Herbert den Kopf.
„Heraus mit der Sprache!” wurde er schliesslich aufgefordert.
„Das verrate ich euch erst, wenn ihr mir auf Vorschuss einen Humpen Bier spendiert.”
Herbert nahm einen tüchtigen Schluck. „Ich bin aus diesem schaurigen Traum zutiefst erschrocken aufgewacht...”
*
Herbert entnahm seiner Brusttasche eine nigelnagelneue 100-Frankennote und schwenkte sie kurz vor den Nasen seine Zechgenossen, die am Stammtisch sassen. „Wieviel werdet ihr mir für diese Note in Franken bieten?” wollte Herbert wissen. „Das höchste Angebot gewinnt.”
 
Der Einsatz kletterte auf 80 Franken hoch. Der Wirt kam und verteilte die Humpen. „Die Nettodifferenz von 20 Franken gehört dir”, wandte sich Herbert an den Gewinner.
 
„Aber meine Herrschaften, hier treiben wir keinen Kuhhandel”, sprach der Wirt. „Diese Runde bezahlt Herbert, wie versprochen. Die 20 Franken erhält Tony als Gewinner von mir.“ Tony offerierte die letzte Runde an diesem Abend. Alle schieden im besten Einvernehmen.
 
Umsatz über alles. Der Wirt war der Gewinner.
 
 
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