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BLOG vom 16.08.2015


Wer schreibt heute noch handschriftlich?

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Heute wird vorwiegend übers Handy in abgehackter Sprache getextet. Der Briefwechsel ist inzwischen beinahe ausgestorben, ebenso handschriftlich geschriebene Texte.

Als Erstklässler mussten wir auf der Schiefertafel Reihen von Gross- und Kleinbuchstaben (Druck- oder Grundschrift) erlernen. Später wurde uns beigebracht, die Buchstaben in linierten Heften miteinander zu verbinden. Wir tunkten dabei die Schreibfeder in den vom Abwart nachgefüllten Tintenbehälter aus Blei, der im Pult eingelassen war. Erwischte die Feder ein Haar, war die Arbeit verpfuscht … Tauchten wir die Feder zu tief in die Tinte, gab es viele “Tolken” (Kleckse). Es wurde uns nicht erlaubt, Kugelschreiber zu benutzen. Erleichterung brachte uns später die Füllfeder.

Dass man das Schriftgerät schreibgerecht halten sollte, wird, besonders in England, übersehen. Der Zeigefinger ist verkrampft seitlich gewinkelt. Das sieht so aus, als ob der Schreiber eine Wurst hält. Das Schriftbild ist arg verzerrt und schlecht leserlich.

Ich habe meinen Leitfaden der Stenografie (Stolze-Schrey System) längst verloren. Jahrelang konnte ich, dank Stolze-Schrey, einen Vortrag weitgehend festhalten, falls der Redner langsam sprach und Sprechpausen einfügte. Im London College of Secretaries (von unartigen Jünglingen auch “College of Sex” genannt) hatte Lily die Pitman-Stenografie erlernt, die sie bis auf den heutigen Tag benutzt.

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Eine Handschrift entwickelt sich im Verlauf der Jahre, von der Individualität geprägt und bereichert. Ich erinnere mich, dass einem Bewerbungsschreiben jeweils eine Schriftprobe beigegeben werden musste. Diese wurde dann für graphologische Gutachten benutzt oder missbraucht (siehe: 13.01.2013 Graphologie: Ein verdorrter Zweig der Psychologie).

Seit langem, d.h. seit ich “digital” meine Texte direkt in den PC eingebe, beschränke ich meine Handschrift auf Notizen und Kalendereinträge. Diese sind hastig gesudelt, mit einer einzigen Ausnahme: Meine Aphorismen schreibe ich säuberlich auf ein Blatt Papier. Lange ist es her, seit ich Briefe mit der Hand geschrieben habe.

Als Sammelgebiet fesseln mich nach wie vor die Kaligraphie und Bücher mit Widmungen der Autoren oder mit “ex libris” auf der inneren Deckelseite geklebt.

In den meisten Elementarschulen wurde und wird weiterhin die Handschrift aus dem Pensum gestrichen. Das ist beklagenswert, aber lässt sich kaum mehr ändern. Man ist gezwungen, mit der Zeit Schritt zu halten.

 

 


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