Textatelier
BLOG vom: 31.10.2015

Die Medien und die Realität

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Wir hören seit Wochen schlimme Dinge über die Ostukraine. Sie sind wahr, aber sie sind nur ein Teil der Wirklichkeit.

Ich bin momentan in Charkiw (oft auch Kharkiv geschrieben), einer Millionenstadt im Nordosten der Ukraine. Die Stadt ist ein wenig vergleichbar mit Warschau oder Bukarest, eben eine Stadt, die jahrzehntelang unter kommunistischer Herrschaft war, die ein Teil ihres Aussehens mit den Bauwerken usw. geprägt hat.

Die Stadt liegt nicht weit von der russischen Grenze entfernt. Der Anteil russischstämmiger Bewohner der Stadt ist recht hoch:

„Der jüngsten Volkszählung zufolge betrachtet fast die Hälfte der Einwohner der Stadt Charkiw und des Gebiets Charkiw die russische Sprache als Muttersprache. Sechs von sieben Menschen sprechen Russisch fliessend. Dabei betrachten sich 70 Prozent von den fast 3 Millionen Einwohnern dieses Gebiets als Ukrainer, und lediglich 25 Prozent als Russen. Das bedeutet aber nicht, dass es in der Region zwischennationale Spannungen bzw. Konflikte gibt. Im Gegenteil: Die Ukrainer, geschweige denn die Russen, sehen Russland als zuverlässigen Partner an und pflegen feste menschliche und wirtschaftliche Beziehungen zu den Grenzgebieten Russlands. Anders als im Westen der Ukraine empfinden die Einwohner Charkiws keinen Hass gegenüber Russland und den Russen. Diese Menschen denken konstruktiv und haben keine radikalnationalistischen Ansichten.“

Ich übe für 3 Wochen eine beratende Tätigkeit in einem Verlag aus. Auf meine Reise habe ich mich so vorbereitet, dass ich ein paar Worte ukrainisch verstehe und auch sprechen kann.

Zu meinem grössten Erstaunen musste ich feststellen, dass meine Gesprächspartner in der Firma nicht ukrainisch, sondern russisch sprechen! Sie verstehen zwar alle ukrainisch, aber es ist nicht ihre Umgangssprache.

Der Verlag hat Zweigstellen in Russland und in Moldawien, auch dort wird russisch gesprochen, und ein Teil der Bücher und der anderen Verlagserzeugnisse erscheinen in russischer Sprache.

Wenn wir im Westen Europas die Medien verfolgen, bekommen wir ein ganz anderes Bild von der Ostukraine. Die Menschen sind freundlich und zuvorkommend. Ob man aus Russland oder aus irgendeinem anderen Land der früheren Sowjetrepubliken kommt oder aus dem Westen, hier hegt man keinen Argwohn gegenüber den Gesprächspartnern.

Im Hotel habe ich beim Frühstück Gesprächspartner aus unterschiedlichen Ländern. Die Männer machen hier Geschäfte, entwickeln Software usw. Sie kommen aus der Westukraine, aus Moskau oder sonst wo her.

Sie sehen die Probleme in erster Linie nicht bei den gewöhnlichen Menschen, sondern bei den Politikern und verstehen die Separatisten nicht. Ukrainer lieben ihr Land.

Im Verlag haben sie die „so genannte Maidan-Revolution“ begrüsst, weil sie ihnen mehr Möglichkeiten beschert als die vorherige Regierung und eine enge, ausschliessliche Bindung an Russland. Aber das hindert sie nicht daran, mit dem Nachbarn jenseits der Grenze Beziehungen aller Art zu pflegen.

Wenn man den Medien glaubt, wird man meine Erkenntnisse ungläubig kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Von „Kriegsgebiet“ ist hier, 150 km nördlich des Donetsk-Beckens, nichts zu spüren, hier gibt es ein friedliches Neben- und Miteinander zwischen Ukrainern und Russen. Dass dies der Fall ist und sein kann, kann man den Medien nicht entnehmen.

Die Welt ist eben vielfältiger als das, was uns suggeriert wird. Und das gilt nicht nur für die Ukraine, sondern für viele andere Gegenden auch!

Weiterlesen: http://de.sputniknews.com/german.ruvr.ru/2014_04_11/Unterschiede-zwischen-dem-Gebiet-Charkiw-und-dem-Westen-der-Ukraine-9068/
 


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