Textatelier
BLOG vom: 20.04.2016

Adonis, der Schürzenjäger – mit Aperitif und Digestif

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Der gut gedrechselte Adonis hat leichtes Spiel mit Frauen, die ihn anhimmeln und verwöhnen. Tadellos geschniegelt, wechselt er die Frauen nach Lust und Laune. Guy de Maupassant hat diesen Geck als “Bel Ami” in seinem gleichnamigen Roman verewigt. Adonis verkehrt in besten Kreisen. Ich bin einem solchen Adonis begegnet und habe ihn flüchtig beobachtet. Er empfängt viele “billet-doux”, verbunden mit Einladungen. Adonis ist ein Schürzenjäger 'par excellence'.

In einer Hotelbar kam ich mit ihm bei der Theke ins Gespräch. “Frauen brauchen lange bis sie ihre Toilette gemacht haben”, sagte er leichthin und schaute wiederholt auf seine Markenuhr aus Gold. Nach einem geraumen Weilchen erschien das weibliche Wesen luxuriös gekleidet. Galant umarmte er sie. Sie war bildhübsch und trug eine halbdurchsichtige seidene Chemisierbluse. Ihr Parfüm duftete wellig. Adonis geleitete sie in den Esssaal. Der Kellner wies sie an diesem linden Abend an einen Tisch beim Fenster mit Ausblick auf das Meer und entfaltete die Menükarte, nachdem er den Aperitif aufgetischt hatte. Wie es einem Luxushotel geziemt, fehlten die Preise auf der Speisekarte.

Ich teilte meinen Tisch mit einem wichtigen und gewichtigen Kunden. Die mehrgängige Mahlzeit nahm ihren Verlauf. Der Sommelier schenkte uns den Wein nach. Die Sterne glitzerten schon, als wir uns erhoben. Adonis winkte mir augenzwinkernd zu. Diskret schubste die Dame ihre Kreditkarte unter die Serviette. “Bonne nuit!”

Ich bin Adonis während meines kurzen Aufenthalts in Nizza verschiedentlich begegnet. Jedes Mal hatte er eine andere Dame im Schlepptau. “Morgen geht es zurück nach Paris”, erfuhr ich. “Die Saison hat begonnen. Man hat dann mehr Abwechslung”, fügte er hinzu.

Der Zufall wollte es, dass wir beide zur gleichen Zeit das Hotel verliessen. Ich hatte mein Taxi zum Flughafen bestellt. Eine Limousine fuhr vor und der Chauffeur versorgte dienstbereit Andonis' Gepäck und half ihm zu seinem Sitz im Auto. Ob er dem Chauffeur das Trinkgeld schuldig blieb? Der Junggeselle Andonis lebt aus der Tasche der Luxusweibchen und geniesst erst noch Logis und Kost, wo immer er aufblitzt.

So gibt es allerlei Kostgänger in dieser Welt in kleiner und grosser Masche. Auch in der Natur gibt es viele Schmarotzer. Ich brauche jetzt einen Digestif …

 


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