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BLOG vom 25.03.2018


Verschaffen Bauwerke zu Recht Nachruhm?

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/D

Was tun Menschen, um auch nach ihrem Tod nicht so schnell vergessen zu werden? Wodurch zementieren sie ihren Nachruf?

Was bleibt? Selten die Körper der Menschen. Manchmal ihre Gedanken, niedergelegt in schriftlichen Zeugnissen. Es werden Philosophien und Religionen begründet, es gibt unvergessene Gedichte und Romane, es gibt unsterbliche Musik, es gibt Erfindungen, die, -nicht immer in positiver Weise-, zur Fortentwicklung der Menschen dienen und dem Erfinder Nachruf verschaffen.

Am Sichbarsten aber sind Bauwerke aller Art, vor allem aber steinerne.
Wohin pilgern die Menschen aus aller Welt? Was wollen Sie mit eigenen Augen sehen, manchmal ersteigen, bewundern? Womit verbinden sie vergangene Jahrhunderte? Einige Beispiele: die Akropolis, das Taj Mahal, Burgen und Schlösser, Pyramiden, Kirchen und Tempel, die Große Mauer, Ruinen von Städten, um nur einige zu nennen.

Von Menschen erbaut!

Bertolt Brecht (1898-1956): Fragen eines lesenden Arbeiters (verfasst 1935)

                                   Wer baute das siebentorige Theben?
                                   In den Büchern stehen die Namen von Königen.
                                   Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
                                   Und das mehrmals zerstörte Babylon -
                                   Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
                                   Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
                                   Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war
                                   Die Maurer? Das grosse Rom
                                   Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
                                   Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
                                   Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
                                   Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
                                   Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

                                   Der junge Alexander eroberte Indien.
                                   Er allein?
                                   Cäsar schlug die Gallier.
                                   Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
                                   Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
                                   Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
                                   Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
                                   Siegte ausser ihm?

                                   Jede Seite ein Sieg.
                                   Wer kochte den Siegesschmaus?
                                   Alle zehn Jahre ein grosser Mann.
                                   Wer bezahlte die Spesen?

                                   So viele Berichte.
                                   So viele Fragen.

Der Dichter wollte damit den Unzähligen, den Unbenannten, den Unbekannten ein Denkmal setzen, nicht nur ihnen, auch denen, die bei oder durch ihre Arbeit, wegen ihrer Abhängigkeit zu Tode kamen.

Nicht die Bauherren legten Hand an, das waren die Menschen aus dem gemeinen Volk oder oft genug auch Sklaven, die mühevoll in Schwerstarbeit das Baumaterial aus dem Fels schlugen, die es zum ausgewählten Bauplatz beförderten. Ohne die Arbeit von Sklaven, von Gefangenen, von abhängigen Frondienste-Leistenden und Lohnarbeitern würde es viele dieser Bauwerke nicht geben.

Wer von den Touristen denkt schon angesichts des Denkmals an sie? Wer denkt an die unsäglichen Strapazen, an die unmenschliche Quälerei?

Und wer wird im Angesicht des Bauwerks benannt: Ramses II.in Ägypten, Perikles in Athen, die Kaiser der Ming Dynastie. Oft werden auch die Architekten oder Ingenieure, Fachleute, die die Baupläne erstellten und die mit dem Bauherren abgestimmt werden mussten, erwähnt. Sie arbeiteten also immer unter einem Herrscher, unter dem mächtigen Auftraggeber. Und sein Name steht an erster Stelle. Wer kann noch nachvollziehen, unter welchen Umständen beispielsweise die Königsschlösser des bayrischen Königs entstanden sind? Es wird immer nur von König Ludwig II. gesprochen!

Nicht wenige Bauwerke sind auch auf Kosten der Bevölkerung entstanden, die mit hohen Steuern belegt wurden, um die Ewigkeitsideen des Herrschers zu finanzieren.
Redet jemand darüber?

Kultur-Erbe darf nie nur am jeweiligen Bauherren und Herrscher festgelegt werden. Geschichte krankt oft daran, dass nur sie genannt werden. Er wollte sich ein Denkmal setzen, er wollte über seinen Tod hinweg nicht in Vergessenheit geraten.
Vergessen wir nicht die, die ihm zu diesem Ruhm verholfen haben!

Ähnlich verhält es sich mit den Menschen, die die geschichtliche Entwicklung verändert haben, nicht selten auch in negativer Weise, was oft genug vergessen wird! Wie viele Menschen hat Napoleon durch seine Grossmachtpläne in den Tod geschickt? Von Hitler, Stalin, Mao Tse Tung und Pol Pot ganz zu schweigen. Ihre Namen kennen wir, aber was wissen wir über die unzähligen Opfer und ihre Familien?

Die Namen und Taten der Herrscher kennen wir, aber viele davon sind es nicht wert, Nachruhm erlangt zu haben! An sie sollte mit Abscheu gedacht werden!
An ihren Taten sollten sie gemessen werden!

 


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