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BLOG vom 08.04.2018


Gedanken zum Frühling

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/D


Der Frühling folgt auf den Winter. Er ist zwar früh im Jahr, aber nicht die erste Jahreszeit.

Wie man unschwer feststellen kann, sind die Jahreszeiten in der deutschen Sprache maskulin.
Da kann man schon ins Grübeln kommen. Auch wenn ich erkenne, dass es die Monatsnamen, die Tage der Woche, gar die Niederschläge und der Sturm auch sind, finde ich keine Erklärung dazu.

Früh im Jahr ist der Frühling, wie der Morgen früh sein kann. Wer mag den Tagesbeginn schon?
Herausgerissen aus dem Schlaf, aus süssen Träumen, aus dem Bett, hinein in den Tagesablauf.

Nicht umsonst bezeichnet man mit Frühchen die Babys, die aus der warmen Gebärmutter gedrängt worden sind, bevor sie dazu bereit waren.

Ursprünglich war das Suffix -ling eine Verkleinerungsform, wie sie heute noch bei bestimmten Tier- und Pflanzennamen zu finden sind (Engerling, Sperling, Frischling, Nestling, Setzling) und war nicht negativ konnotiert.

Mit -ling aus Adjektiven gebildete Wörter hatten im Prinzip von Anfang an einen negativen Beiklang (der Fremdling, -vor dem man sich möglicherweise schützen musste-, der Neuling,-der noch keinen Durchblick hat-, der Rohling, der Wüstling und der Feigling). Interessant, wie das Sufix aus positiver Bedeutung negative Substantive macht, etwa in Süssling und Schönling.

Und was ist mit dem Frühling? Etymologisch stammen früh, vor, vorder, fremd und fromm aus der gleichen Wurzel: althochdeutsch fruoji und mittelhochdeutsch vrüeje.

Christlich gesehen scheint die Bezeichnung angebracht zu sein, denn die wichtigsten Festtage, Karfreitag und Ostern, werden im Frühling gefeiert, ja wenn da nicht der Begriff Lenz wäre, der vom Frühling ab dem 15. Jahrhundert verdrängt worden ist, und Lenz weist auf Länge hin, denn die Tage werden wieder länger und die Nächte kürzer.

So ist Frühling im Niederländischen lente, das uns zurück zu Lenz führt, im Französichen printemps, die erste Zeit und im Englischen spring, ein Wort, das auf das Spriessen der Pflanzen in der Natur hinweist.

Ist das nicht eine gelungene Überleitung zur Dichtung? Da fallen mir besonders zwei Gedichte ein,
im Faust von J.W.v.Goethe:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick.
Im Tale grünet Hoffnungs-Glück;
der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Und das andere: Er ist’s von Eduard Mörike:

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süsse, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
-Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab’ ich vernommen.

So unterschiedlich beide Gedichte sind, sie machen die Bezeichnungen für unsere Jahreszeiten menschlich. Da hat der Frühling einen ‘holden, belebenden Blick’ und der Winter ist alt und schwach und zieht sich zurück. Da kann der Frühling ein blaues Band durch die Lüfte flattern lassen und Harfe spielen.

Ich mache einen Spaziergang durch Wald und Flur und suche das blaue Band und den holden belebenden Blick. Weder das eine, noch das andere offenbart sich mir. Habe ich zu wenig Phantasie? frage ich mich.

Ich sehe das erste Grün, die ersten Blumen und Knospen. Ich lausche den Vögeln. Und ich freue mich auf wärmere Tage, auf dass die Sonnenstrahlen gewaltiger werden und auf den Beginn des wiederkehrenden Jahresmärchens, wie Goethe es in ‘Die Wahlverwandtschaften’ ausdrückt:

So wiederholt sich denn abermals das Jahresmärchen von vorn.
Wir sind nun wieder, Gott sei Dank!, an seinem artigsten Kapitel.
Veilchen und Maiblumen sind wie Überschriften und Vignetten dazu.
Es macht uns immer einen angenehmen Eindruck,
wenn wir sie in dem Buche des Lebens wieder aufschlagen.

Der Jahresablauf, ein Märchen, eingeteilt in Buchkapitel! Metaphern allerorten!

Quellen
www.sprachlog.de/2012/12/01/fluechtlinge-und-gefluechtete
J.W.v.Goethe, Die Wahlverwandtschaften, Teil 2, Kap. 9, Aus Ottiliens Tagebuch
Johann Wolfgang Goethe, Frühling, hrsg. von Mathias Mayer und Gisela Barth, Insel Verlag, Berlin, 2018

 


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