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BLOG vom 20.08.2020


Kritische Notiz zur Corona-Wirklichkeit*

Autor: Wernfried Hübschmann, Lyriker, Essayist, Hausen i. W.

*oder: Einsamer nie als im August (Gottfried Benn)

Die aktuelle Lage konfrontiert uns mit dem eigenen Wirklichkeitsbegriff. 
Anders als in der platonischen Zweiwelten-Lehre und anders als in der mittelalterlichen Mystik, die das Unerklärliche erst recht als das Anbetungswürdige sieht, befinden wir uns in der fortgeschrittenen Neuzeit in dem Dilemma, dass die Abweichungen von der erwünschten Realität entweder für Nicht-Realität (Lüge, fake news) oder für neurotische Fragwürdigkeiten erklärt werden, von denen die Glaubwürdigkeit des Sprechers/der Sprecherin untergraben wird. Freud hat an dieser Misslichkeit nicht geringen Anteil. Seine Seelenlehre begnügt sich nicht mit der Plausibilisierung von Erwartungslücken, Überraschungen und Abweichungen zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die es einfach in einem vor-modernen Sinne als „gott-gegeben“ hinzunehmen gelte, sondern bewertet sie als neurotisch oder psychotisch und schlägt damit erst die Schneise, auf der ein späterer Modellierungs- und Optimierungswahn erst auf die Hauptstraße der Zivilisation einwandern konnte. Die Zweiwelten-Lehre des Altertums schnurrt zusammen auf den Gegensatz zwischen Liebe und Tod, Eros und Thanatos. Die Tatsache, dass die westliche Konsum-Moderne sich furchtsam von Thanatos und umso stürmischer dem Eros in die Arme geworfen hat, erfüllt den Tatbestand, den wir seit Freud als „Verdrängung“ zu benennen gewohnt sind.
Anders gesagt: Die aktuelle Repräsentation von Thanatos heißt „Corona“.

Es fällt uns Heutigen schwer, das Phänomen „Corona“ als einen Teil der uns umgebenden „Natur" zu verstehen. Wir wollen es buchstäblich nicht „glauben“, weil wir überhaupt nicht mehr GLAUBEN wollen. Der Versuch, das Entstehen des Virus in einem chinesischen Labor in Wuhan oder sonstwo auf der Welt in irgendeiner abstrakten Petrischale zu verorten, zeigt die Hilflosigkeit gegenüber dem Auftauchen dieser Krankheit, vergleichbar nur mit dem Aufkommen von AIDS, das zunächst nur der Homosexuellen-Kommunität zugeordnet wurde. Der Sachverhalt zeigt, gleichsam spiegelverkehrt, die Lehre aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Nur dass hier der Kaiser nachweislich bestens gekleidet ist. Das Virus, das ihn befallen hat, die mentale „Krankheit“ (zum Tode?), ist ein unsichtbares Phantom und die Nackheit entspricht der Rat- und Orientierungslosigkeit gegenüber einem Ereignis, das sich für den Einzelnen nicht verifizieren und/oder falsifizieren lässt, sondern Projektionsfläche bietet für die persönlichen Gründe und Abgründe, Ängste und Nöte und also für das eigene Verständnis von Sein und In-der-Welt-Sein. 

Weite Teile der Bevölkerung reagieren ebenso, als ginge es um ein Phantom, das dann entweder ins Reich der Erfindung (Nicht-Realität) oder der Störung (Krankheit, Gefahr) verlegt wird und mithin als „zu bekämpfen“ abgetan wird. Auch die verschwörungstheoretischen Argumentationsarchitekturen sind Teil eines magischen „Abwehrzaubers“, der etwas erklären will, was möglicherweise nicht erklärt werden kann, weil es naturhaft ist. Und selbst, wenn die Argumentationen eine hohe Plausibilität erbringen, sie lösen die alltagsweltlichen Fragen nicht in Luft auf. Auch Verschwörungstheorien (im engeren Sinne des Wortes) sind eine Maske zum Schutz vor der Wirklichkeit und stehen einer sachlichen Investigation qua Polarisierung und Vereinfachung eher als Hindernis entgegen.

Dass es einen dritten Weg in der Corona-Wirklichkeit geben könnte zwischen Über- und Untertreibung, wird kaum für möglich gehalten und daher auch nicht be- und gedacht. Das angstneurotische Verhalten zeigt nicht eine berechtigte Sorge oder Furcht vor einer “Seuche“ oder Pandemie, also eine rationale Überlegung etwa im Angesicht der Risiken des Autoverkehrs, der Wahrscheinlichkeit, sich im Gebirge beim Skifahren ein Bein zu brechen oder beim Äpfelpflücken von der Leiter zu fallen, sondern spiegelt, je nach Lebensverhältnissen und Reflexions- bzw. Resilienzniveau, das eigene Verhältnis zum Tod bzw. das Verhältnis zum eigenen Tod. Der Tod selbst (der im philosophischen Sinne eben kein „Phänomen“ mehr genannt werden kann!) ist der Kern des Themas, dem die aktuelle Debatte mehr oder weniger elegant ausweicht.

Im Mittelalter wurde die schwarze Pest ikonographisch als Gerippe dargestellt, als reitender Tod mit Hippe und Stundenglas. Das memento mori war die leicht zu entschlüsselnde Bild-Botschaft, von der Kirche als Totentanz-Motiv dankbar aufgenommen und verstärkt zum Zwecke der moralischen Disziplinierung der Bevölkerung. Die Tatsache, dass das Corona-Virus (wie alle Viren, und davon gibt es sehr viele!) im Alltag vollkommen unsichtbar ist, verschärft freilich die Lage. Denn wir sind gezwungen, diese - entschieden NICHT erwünscht - Realität als real anzunehmen, obwohl es keinen Evidenz-Beweis geben kann, es sei denn als Ausbruch der Krankheit mit ihrer Symptomatik. Gibt es einen „Beweis“ dafür, dass wir sterben werden? Bestenfalls einen Indizienbeweis, weil alle anderen vor uns ebenfalls gestorben sind. Dennoch retten wir uns in den unrealistischen Optimismus, dieses Ereignis, das wir fürchten wie nichts sonst, könne uns verschonen oder mindestens in einer weit entfernten Zukunft liegen. Daher ist das Gegenstück zum philosophischen memento mori das hektisch wiederholte carpe diem.

Was bedeutet das Gesagte für die praktische Wirklichkeit des Lebens?
Konsequent wäre es doch, durch Corona geläutert, sofort mit dem Rauchen aufzuhören, sich gesund zu ernähren, sich sozial zu engagieren, die eigenen künstlerischen Potenziale in die Welt zu bringen und sich politisch zu engagieren, um die real gefährdete Welt als verantwortliches Individuum ein kleines Stück zu retten oder zu ihrer Erhaltung beizutragen. In diese Welt gehören nicht nur zahllose theoretische Risiken, sondern mindestes ebenso viele Gefahren, denen wir täglich ausgesetzt sind. Wir sollten also alles tun, was unser körperliches und geistiges Immunsystem stärkt. Das galt auch schon vor Corona und gilt nur erst recht. Und wir werden nicht daran vorbeikommen, uns mit der Endlichkeit unserer Existenz zu beschäftigen. So wie jedes theoretische „Problem“ nicht auf derjenigen Ebene X, auf der es entsteht, gelöst werden kann, sondern stets nur von einer Meta-Ebene aus (X + 1), so gilt auch, dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nur vom Ende her anschauen lässt. In dieser Perspektive sieht auch Corona mit seiner unfassbaren Medienpräsenz plötzlich anders aus, nämlich als das, was es ist: ein memento mori.

Der größtmögliche Unterschied besteht zwischen „Reflex“ und „Reflexion“.
Das Corona-Virus ist weder ein apokalyptischer Reiter noch die boshafte Erfindung von Doktor Frankenstein & Kollegen.
Wir gesunden nicht an dem Reflex der Abwehr, des Kampfes, der Verneinung oder des Hasses.
Sondern an der Frage, wozu wir JA sagen können. Wenn wir JA zum Sterbenmüssen sagen können, gewinnt das Lebendürfen sofort eine andere Qualität.
Schützen wir uns also dort, wo es sinnvolle Prävention ist. Bleibt alle gesund!!!
Und schützen wir uns dadurch, dass wir unsere Ängste transformieren in die Tat.

Ein Virus ist ein Virus ist ein Virus. Das ist die Mikroversion.
Und es ist ein Politikum, gewiss. Das ist die Makroversion.

 

*

 

Wernfried Hübschmann

Vom Übergang
                 für Ulrike Greiner-Jakobs
Alles ist Gehen.
Wir bewegen, wir werden bewegt.
wie Früchte in Körbe gelegt,
die am Wegrand stehen.

Alles ist Bleiben.
Wir fliehen noch immer – wovor?
Wir stehen allein vor dem Tor
im Blättertreiben.

Wir wohnen zugleich
auf dem Berg und im Tal.
Entscheidenmüssen ist Qual,
arm sind wir und reich.

Wir haben die Wahl.

 

 


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