Textatelier
BLOG vom: 05.01.2021

Was uns Albrecht Goes, Kurt Marti und andere «Pfarrer»-Dichter zu sagen haben

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU

 

Zu den Autoren, die man als «Pfarrer-Dichter» eher unterschätzt hat, gehörten zur Zeit des 3. Reiches der evangelische Geistliche Albrecht Goes (1908 – 2000) und in der Schweiz der zum Beispiel zu den Pionieren der Mundartdichtung gehörende Hebelpreisträger Kurt Marti, dessen 100. Geburtstag am 31. Januar fällig wird. Ich hatte das Vergnügen beziehungsweise die Ehre, noch mit beiden persönlich bekannt zu sein. Albrecht Goes, auch als Seelsorger eine bemerkenswert unabhängige Stimme auch noch in Deutschlands schwerster Zeit, lernte ich im Freiburger Kaufhaus anlässlich einer Veranstaltung zu Ehren seines Weggefährten Reinhold Schneider (1903 – 1958 (als Sitznachbar) zu einem denkwürdigen, wenn auch kurzen Austausch kennen: Der Referent, Pfarrer und Schriftsteller Walter Nigg, betonte in seiner Laudatio auf Reinhold Schneider («Allein den Betern kann es noch gelingen»), als wäre jener Autor schon fast der einzige gewesen, der zur Zeit des 3. Reiches Mut gezeigt hätte. Dabei realisierte er nicht, dass mit Albrecht Goes ein Zeitzeuge von zumindest ähnlicher Bedeutung in der Hörerschaft sass. Dabei war Pfarrer Goes das Gegenteil von einem, der sich nach dem Krieg als Held des Widerstandes aufspielte. Für ihn war und blieb es wichtig, dass es zu jener kritischen Zeit noch ein anderes Deutschland gab, das er gewiss nicht als einziger repräsentierte. Kurt Marti, der noch 1938 zur Maturareise freiwillig nach Deutschland gereist war, wiederholte wie Max Frisch und Erwin Jaeckle gleich nach Kriegsende diese Reise unter ganz anderen Auspizien abermals, was nicht mit Abbitte, sondern mit Aufmerksamkeit für eine neue Generation von Opfern (die man nicht einfach pauschal mit Tätern gleichsetzten konnte) zu registrieren war. Kurt Mart blieb auch deswegen zeitlebens ein «Fan» des später umstrittenen Gross-Lyrikers Stefan George, weil dieser für die Brüder Stauffenberg, von denen einer Hitler-Attentäter wurde, ein wichtiger Wegweiser war. Was Kurt Marti betrifft, so werde ich denselben demnächst auf der Seite www.infosperber.ch würdigen dürfen; einer empfehlenswerten hoch professionell gemachten Website tüchtiger meist ehemaliger, das heisst «emeritierter» Journalisten. Was ich dort geschrieben habe, muss und soll hier nicht wiederholt werden.
Hingegen möchte ich die Leserschaft unserer geschätzten Textatelier-Seite hiermit mit einem Gedicht von Albrecht Goes zum Neuen Jahr begrüssen, welches eine der schönsten noch erhältlichen Anthologien deutscher Dichtung einleitet: 2005 bei Orell Füssli durch meinen Weggefährten Albert von Schirnding herausgegeben, der auch seinerzeit in München beim 75. Geburtstag des Literaturförderers Friedrich Denk, auch Kritiker der Orthographiereform, anwesend war. Das bei Orell Füssli immer noch für weniger als 30 Franken erhältliche wunderschöne Buch, vergleichbar mit Rudolf Bochrardts berühmtem «Ewigen Vorrat deutscher Poesie», trägt den Titel «Der ewige Brunnen». Es wird eröffnet durch ein Gedicht von Albrecht Goes, von dem ich zur Begrüssung in diesen nicht leichten Zeiten die letzte Strophe für unsere Leserschaft zitieren möchte:

"Geh kühnen Schritt, tu tapferen Tritt,
gross ist die Welt und dein.
Wir werden nach dem letzten Schritt
wieder beisammen sein."

Ich empfinde dieses Gedicht als einen schönen Gruss eines verstorbenen väterlichen Freundes, an dessen Seite ich seinerzeit in Freiburg i. B. eine unvergessliche denkwürdige Stunde erleben durfte. Auch für das Neue Jahr 2021 ist nicht so sehr Panik als vielmehr Besinnung angesagt.

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