Textatelier
BLOG vom: 16.03.2023

Hier grausen sich viele: Insekten in Lebensmitteln

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim

 


Heuschrecke aus dem Schwarzwald
 

Im Januar 2023 wurde ein weiteres Insekt als neuartiges Lebensmittel zugelassen. Es ist der Buffalowurm/Gereideschimmelkäfer.

Insektenprodukte gelten als alternative Proteinquelle zu Fleisch oder Fisch. Insgesamt sind von der Europäischen Union (EU) vier Insekten zugelassen. Es sind die Folgenden:

Mehlkäfer (Tenebrio molitor; seit Juni 2021), im Larvenstadium getrocknet.

Wanderheuschrecke (Locusta migratoria; seit November 2021), gefroren, getrocknet, pulverförmig.

Hausgrille (Acheta domesticus; seit Februar 2022), gefroren, getrocknet, pulverförmig, teilweise entfettetes Pulver).

Buffalowurm/Getreideschimmelkäfer (Alphitobius diaperinus; seit Januar 2023), gefroren, pastenartig, getrocknet, pulverisiert.

Laut Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) gelten ähnliche Zulassungen. Unter www.blv.admin.ch sind die Themen „Insekten als Novel Food“, „Herstellung“ und „Verarbeitung und Import“ aufgeführt.

Insektenbestandteile sollen in Burger-Patties, Snackriegel, Mehl, Saucen, Eis verwendet werden.

„Es ist ein Graus“
sagte angewidert ein Bekannter von mir. Eine kleine Umfrage ergab, dass die meisten Lebensmittel mit Insektenprodukten ablehnen. Nur eine einzige hatte was Positives zu melden. Frau A. S. schrieb mir dies: „Ich habe Insekten noch nie gegessen, sie sollen viele Proteine haben. Kommt sicher auch auf die Zubereitung an, ich würde es auf alle Fälle testen.“

SVP-Nationalrat Franz Grüter spricht von einer Verbrauchertäuschung, wenn die Insekten-Zutaten nur in lateinischer Sprache auf die Waren gedruckt werden. „Ich finde, Insekten zu essen, persönlich grusig, aber wenn es denn schon erlaubt sein soll, dann will ich wissen, dass ich Insekten esse.“

Verbraucher, die Insekten ablehnen, werden sich wundern, dass schon 2017 Lebensmittel mit Insektenbestandteilen im Handel waren. In einem Marktcheck der Verbraucherzentralen zeigte sich 2020, dass im Supermarkt 32 Produkte identifiziert wurden. Ob hier die Kennzeichnung schon in deutscher Sprache vorhanden war, bezweifle ich. Oft sind die Inhaltstoffe in besonders kleiner Schrift auf der Rückseite eines Produktes aufgedruckt. Die Schrift kann man dann nur mit der Lupe identifizieren.

Ich kann mir vorstellen, dass Verbraucher Insektenprodukte meiden, wenn sie den Hinweis lesen. Vorsorglich hat schon eine Bäckerei in Wehr (Baden) an der Eingangstür darauf hingewiesen, dass sie kein Insektenmehl verwendet. Auf der anderen Seite wird sogar für Insektenzubereitungen geworben. Auf der Regio-Messe in Lörrach (vom 18.-26. März 2023) wird in einem Werbeblatt ein Insekteneis so vorgestellt: „Der Aussteller stellt live vor Ort ein frisches naturreines Speiseeis mit den gewählten Zutaten der Gäste her. Insbesondere das neue Insekteneis (hergestellt nach EU-Richtlinien) erfreut sich eines grossen Zuspruchs in der Bevölkerung.“ Da ich Insekten in Gerichten ablehne, werde ich mich zusammenreissen und vom Eis kosten. Hier überwiegt die Neugier. Eine Nachbarin sagte: „Ich esse alles, aber keine Insekten.“ Sie sagte, wenn ich das Insekteneis esse, ist mir Beifall von ihr gewiss.

Wann erfolgt die Zulassung?
„In der EU müssen Hersteller für jedes Insekt, das auf den Markt gelangen soll, eine Zulassung im Rahmen der `Novel-Food-Verordnung` beantragen… Im Rahmen der Prüfung findet eine ausführliche wissenschaftliche Bewertung statt. Diese wird von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) durchgeführt. Auch die anderen EU-Staaten erhalten den Vorschlag der EU-Kommission und stimmen zur Zulassung eines Insekts ab, bevor die Kommission diese endgültig beschließen kann“, schreibt die Bundesregierung.

Eindeutige Kennzeichnung
Lebensmittel, die Insekten enthalten, müssen in der Zutatenliste klar und verständlich gekennzeichnet werden. Dabei müssen der lateinische und der deutsche Name genannt werden. Unverständliche Bezeichnungen sind nicht mehr erlaubt. Zusätzlich muss in der Zutatenliste erwähnt werden, ob das Insekt als Pulver oder Paste eingesetzt wurde.

2 Milliarden essen Insekten
Es wird immer bei solchen Zulassungen darauf hingewiesen, dass etwa 2 Milliarden Menschen Insekten in ihren Speiseplan haben. Sie gelten als Delikatesse, wie beispielsweise Wespenlarven in Japan, geröstete Heuschrecken in Nigeria, Thailand und Vietnam oder gekochte Ameisenlarven mit Knoblauch in Mexiko. So sieht man in Filmdokus, wie die Menschen in asiatischen Speiselokalen mit Freude und Wonne Insekten und Teile von Tieren verzehren.

Bei uns werden Insekten schon längere Zeit in der Tierfütterung zur Deckung des Proteinbedarfs eingesetzt.

Die meisten Insekten stammen aus industriellen Produktionssystemen, besonders aus Kanada. In solchen Systemen können täglich bis zu 250 Tonnen Insekten produziert werden.

Vorteile für Mensch und Umwelt
Insekten sind eine gute Proteinquelle mit B-Vitaminen, Mineralstoffen, Ballaststoffe und mehrfach ungesättigte Fettsäuren. Es muss jedoch das Allergierisiko für empfindliche Menschen beachtet werden. Diese Erkenntnis berücksichtigt auch die EU-Kommission bei ihren Zulassungen. Es muss dann der Zusatz „Verzehr bei Menschen mit einer bekannten Allergie gegen Krebstiere sowie Hausstaubmilben können allergische Reaktionen auslösen.“

Insekten sind im Vergleich zu Fleisch klimafreundlicher. Sie benötigen weniger Platz und Wasser als Rinder, Schweine und Hühner und verursachen weniger Treibhausgase. Punkto Nachhaltigkeit gewinnen Insekten (essbarer Anteil ist mit 80 % deutlich höher als z.B. beim Rind mit 40 %).

Lebensmittelüberwachung
Bei meinen Recherchen kam die Frage auf, ob Insekten mit bestimmten Keimen und Giftstoffen behaftet sind.

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hat entsprechende Lebensmittel unter die Lupe genommen. Insgesamt waren alle Proben unauffällig. Mykotoxine oder toxische Elemente wurden nicht nachgewiesen. Die Kennzeichnung war in Ordnung. Anlass zu regelmässigen Prüfungen sieht das LGL jedoch im mikrobiologischen Bereich. Bei 17 und 10 % der Insekten-Proben wurden bei 2 Bakterienarten erhöhte Mengen nachgewiesen (Infos unter www.bzfe.de/lebensmittel/trendlebensmittel/insekten/).

 

Internet
www.bundesregierung.de (Insekten als Lebensmittel)
www.bzfe.de (Essbare Insekten)
https://germany.reoresebtatuib,ec.europe.eu (Insekten in Lebensmitteln: die Fakten)
www.blv.admin.ch (Insekten als Lebensmittel)
www.20min.ch (Grusig – wer Insekten isst, soll das wissen müssen)
www.bzfe.de/lebensmittel/trendlebensmittel/insekten/ (Essbare Insekten, Anhang: Speiseisekten im Fokus der amtlichen Lebensmittelüberwachung)

 

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