Textatelier
BLOG vom: 04.03.2024

Ein bärenstarkes Museum in Gersbach

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim

 


Ältester Kinderwagen von 1828
 

In der Serie „Historie im Hinterzimmer“ wurden im Regio-Teil der „Badischen Zeitung“ (BZ) 2023 einige Museen der Region vorgestellt. Ich wurde als freier Mitarbeiter der BZ gebeten einige Museen zu beschreiben. Das letzte der vier Museen (3 sind am Schluss als Blogs aufgeführt) führte mich nach Schopfheim-Gersbach. Was ich dort im Bärenmuseum sah, verschlug mir der Atem. Carola Sutter hat durch ihre Sammelleidenschaft ein beeindruckendes, ungewöhnliches Museum mit vielen Bären (Teddys), Kinder- und Puppenwagen geschaffen. Das Museum ist ein echtes Schatzkästlein und für junge und junggebliebene Besucher eine wahre Freude.

Carola Sutter, die liebevoll „Bärenmutter“ genannt wird, hat in ihrem 350 Jahre alten Schwarzwald Ständerhaus (es ist ein Kulturdenkmal) das Bärenmuseum eingerichtet. Hier haben die kuscheligen Tiere ein passendes Ambiente und Zuhause gefunden. Das Museum ist ein Erlebnis für die ganze Familie, aber auch für Sammler und Liebhaber. Ältere Besucher werden sich an ihre Jugend erinnern. Manche Jugendliche geben ihre Bärchen in Pension, um diese bei einem späteren Besuch wiederzusehen.

 


Bäen in allen Größen
 

Wie alles begann

Carola Sutter hat nicht nur das Innere des prächtigen Hauses, sondern auch an der Hausfront eindrucksvoll geschmückt. So zeigt die agile und freundliche Frau ihr Talent als Designerin. Sie führte Christian Wirth und mich durch drei der mit Teddys und anderen Gegenständen gefüllten Räume.

Carola Sutter entdeckte vor 30 Jahren ihre Sammelleidenschaft. Als die Kinder aus dem Haus waren, wollte sie die Stofftiere verschenken. Es kam jedoch anders. Bei der Sortierung fiel ihr ein aller Steiff-Teddy, den sie anlässlich der Taufe bekam, in die Hände. Sie platzierte den Teddy in einen alten Kinderwagen und stellte ihn ins Wohnzimmer. Das Arrangement gefiel ihr so gut, dass sie auf Flohmärkten und privaten Haushalten so manchen Designerbären, alte Puppen- und Kinderwagen erwarb. Sie suchte sogar im Dorf nach dem ersten alten Kinderwagen, den sie dann fand und restaurierte. Die Kinder und Puppenwagen wurden ihre 2. Leidenschaft. Im Laufe der Zeit kamen viele Wägelchen und Teddys aus Deutschland, Holland, USA und Neuseeland zusammen.

Auf die Frage, wieviel Bären sie in den drei Zimmern hat, sagte sie: „Das hat mich früher auch interessiert. Aber bei 500 Exemplaren habe ich aufgehört zu zählen.“

 


Feuerwehrbär
 

Knopf im Ohr

Da sie auch Steiff-Teddys in ihrer Sammlung hat, berichtete sie über die Herkunft dieser Bärchen. Die Erfinderin war Margarete Steiff, die 1880 zunächst Filz-Elefanten mit ihrer Nähmaschine herstellte, erst später kamen Bärchen dazu. Das Geschäft auf Jahrmärkten verlief zunächst mühsam. Dann kam die Idee von Ihren Neffen, doch die Produkte 1903 auf der Leipziger Messe anzubieten. Als Steiff-Neffe Richard am Ende der Messe schon einpacken wollte, kam plötzlich ein amerikanischer Einkäufer und orderte 3000 Stück der Bärenbabys. Es entstand eine regelrechte Teddy-Bären-Hysterie. Schon 1903 verliessen 12 000 Teddys die „Bärenfabrik“ in Giengen.

 


Bärenmutter Carola Sutter
 

Ein 80 kg schwerer Bär
Carola Sutter hat über ihre Teddys traurige und amüsante Geschichten zu berichten. Den Gästen erzählt sie gerne interessante Episoden aus dem Bärenleben. Lustige Geschichten begeistern besonders Kinder.

Besonders erfreut war sie, als eine 85-Jährige aus Altlußheim einen damals 80 Jahre alten Teddy ihr vermachte. In einem Brief schrieb die Betagte: „Ich bin froh, dass mein Bär nicht auf den Sperrmüll gelandet ist, sondern ein neues Zuhause gefunden hat.“

Der größte Bär im Museum ist 1,80 m groß und wiegt 80 kg. Der Sigikid-Teddy erfreute die Kinder in einer Mannheimer Kinderklinik. Aus hygienischen Gründen musste er entfernt werden und kam dann nach Gersbach.

Wer durch die drei Zimmer schreitet, wird über die Anzahl der Bären überrascht ein. Die Bären haben Logenplätzen auf Ofenbänken, Regalen über den Kachelöfen, in Wandschränkchen und Tischkörbchen. Vor dem Bärenkoloss steht ein Feuerwehrbär mit Originaluniform. Dieser wurde von befreundeten Feuerwehrmännern gestiftet. An den Füssen dieses Bärs sind US-Bären mit Holzsohlen zu sehen. Damit aber noch nicht genug, auch in den liebevoll restaurierten Kinder- und Puppenwagen sind Teddys und Puppen zu sehen. Beeindruckend sind auch die vielen Korbwägelchen von früher. Der älteste Kinderwagen stammt von 1828. Eine weitere Besonderheit steht in einem Raum: Eine 80 Jahre alte Hebammentasche, die von der letzten Hebamme aus Gersbach benutzt wurde.

Carola Sutter betreut auch ältere Menschen. Sie ist immer erfreut, wenn sie Gegenstände aus dem alten Hausrat angeboten bekommt. „Wir leben leider in einer Wegwerfgesellschaft. Es ist mein Anliegen, einige dieser alten Gegenstände zu retten, bevor sie in den Müll landen“, bemerkte Carola Sutter.

Bären-Museum, Schopfheim-Gersbach, Rauschbachstraße 9, Anmeldungen zu Führungen bei Carola Sutter, telefonisch unter
 +49 (0) 7620/285. Der Eintritt ist frei, Spenden kommen der Kinderkrebshilfe zu Gute.

 

Blogs über Museen in der Region
https://www.textatelier.com/index.php?id=996&blognr=6599&autor=Scholz%20Heinz (Kutschenmuseum in Wiechs ist ein Schmuckstück)
https://blogatelier.ch/index.php?id=996&blognr=5083&autor=Scholz%20Heinz (Im Dorfmuseum Eichen: Zeitreise zu Ankefass und Düchel, vom 26.4.2014)
https://www.textatelier.com/index.php?id=996&blognr=3512
(Gasthausmuseum: Flaschenstaub und schwingender Boden, Blog vom 15.09.2010)

 

 

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