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BLOG vom: 2021-04-08

Hans Küng – Warum die katholische Kirche nicht zu „retten“ ist

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Aesch/LU

 


Prof. Hans Küng mit Bruder Gerold Zenoni bei Besuch im Kloster Einsiedeln
 

Um Hans Küng ist es schon seit einigen Jahren bedenklich ruhig geworden. Die Parkinsonsche Krankheit und andere Altersbeschwerden setzten ihm auf eine Weise zu, dass sich seine Stimme kaum mehr vernehmen liess. Auch nicht zur Zeit von Corona, wo ihm, dem Repräsentanten des „Weltethos“, jenseits von Panik und Verharmlosung ein Wort der Besinnung zuzutrauen gewesen wäre. Genauso wie zum Beispiel zur Frage des „C“ bei einst grossen Volksparteien in Deutschland und in der Schweiz. Das Gegenteil eines Fundamentalisten, war ihm, und zwar gerade ihm, das weitere Ernstgenommenwerden christlicher Stimmen im vielfach dissonanten Konzert der globalen Debatten ein Anliegen wie nur wenigen.

Auf interkonfessionellen Ausgleich bedacht, über Jahrzehnte ein sogenannter Kirchenkritiker, war für ihn das Profil „Christ sein“ (Buchtitel) ein langfristiges Programm für das, was er in einem wesentlichen Teil seines Vermächtnisses „Weltethos“ nennen sollte. Auf der Suche nach heute noch praktikablen Normen jenseits nur einer abgeschliffenen Zivilreligion des Politisch-Korrekten.

Für Küng bedeutete in diesem Sinn „Ökumene“ das Wiederaufleben der religiösen Profile auf dem Prüfstand einer neu zu artikulierenden Werthaftigkeit. Was ohne Selbstkritiik der konfessionellen und ideologischen Lager nicht zu schaffen ist. In diesem Sinn schonte er seine eigene Denomination, den ihn von Kindheit an prägenden, noch als Volkskirche erlebten Katholizismus am wenigsten. „Ist der überhaupt noch katholisch?“, habe auch ich mich zu einer Zeit gefragt, da ich auf den Papstbesuch in der Schweiz (1984) Hoffnungen setzte. Damals erhoben jedoch Universitätsrektor Ivo Meyer (1938 – 2011) ähnlich wie „Teufelskritiker“ Herbert Haag (1915 – 2001) als Theologen Stimmen des Einspruchs, nicht zufällig mit dem nicht immer angenehmen Eifer alttestamentlicher Propheten. Dies zu einer Zeit, da in der Schweiz das Ende der Klerikerkirche – Kardinal Koch hin oder her -  absehbar wurde. Meine eigene Desillusionierung über den als Gegner des Kommunismus und Anprangerer einer „Kultur des Todes“ mich beeindruckenden Papstes Johannes Paul II. erfolgte aus Anlass seiner vom Jesuitenpater Henrici vorbereiteten Predigt auf Flüeli Ranft, wo in Verkehrung der Aussage des Landesheiligen aus dem „bösesten Recht“ (immerhin besser als Gewalt) das *beste Recht“ gemacht wurde. Dies zur Rechtfertigung einer durch das Kirchenrecht (CIC) disziplinierten Kirche: von der klerikalen Organisation bis hin zu den Regelungen, die Ehe betreffend, welche das römische und germanische patriarchale Vaterrecht durch kirchliche Machtübernahme in Sachen Ehe ersetzte, welche in der Schweiz 1875 durch die von den katholischen Kantonen damals noch abgelehnte Zivilehe teilweise domestiziert wurde. Spanien, Italien, Portugal und Griechenland mussten auf diese Errungenschaften noch hundert Jahre und mehr warten!

Die einschlägigen Konflikte, nicht zuletzt Ehe und Familie betreffend, sind nicht neu; bedürften im Prinzip einer konsequenten und absoluten Trennung von Kirche und Staat. Für letzteres, nach amerikanischem und französischem Vorbild, war der von Tübingen aus Weltgeltung erlangende Hans Küng nie zu gewinnen. Im Grunde hielt er, für die Schweiz genau so wie für die Weltkirche, an den Eigenrechten einer staatlich mitgeregelten Bischofskirche fest. Damit repräsentierte er eine uralte, das Papsttum relativierende Tradition. Für ihn galt es jedoch, dabei nur nicht die Nerven zu verlieren; vielmehr statt Kirchenaustritt oder Schisma (Abspaltung in der Art der Alt- oder Christkatholiken, eigenwillige Frauenweihe usw.) mit langem Atem innerkirchliche Opposition aufrechtzuerhalten.

Dies blieb über Jahrzehnte der Rote Faden von Küngs innerkirchlichen Mahnungen. Von einem „Rebellen“ kann dabei nicht die Rede sein.  Dass er diese Rolle nicht spielen wollte, zeigt die im Vergleich zu anderen Dissidenten luxuriöse Reaktion des Landes Baden-Württemberg bzw. der Universität Tübingen bei Küngs formellem Entzug der Lehrerlaubnis (1979) als Professor für Dogmatik: Postwendend erhielt er sein eigenes Institut mit weltweit einzigartiger Lehrfreiheit. Damit waren Forschungsmöglichkeiten für seine Mitarbeiter verbunden, so den Schweizer Theologen Urs Baumann und zumal den auf Literatur und global orientierte Religionswissenschaft spezialisierten Karl-Josef Kuschel. Hans Küng selber wurde in der Innerschweiz über das Ehrenbürgerrecht seiner Heimatstadt Sursee hinaus wie sein einstiger Lateinlehrer Josef Vital Kopp (1906 – 1966) und dem Küng an Rang ebenbürtigen mehr schöngeistigen Theologen Hans Urs von Balthasar (1905 – 1988) mit dem Innerschweizer Kulturpreis ausgezeichnet.

Wer Hans Küng im Raum Sursee noch persönlich kennenlernen durfte, z.B. im Rahmen des Rotary-Clubs, lernte ihn als höchst geistvollen und auch dem katholischen Humor nicht abgeneigten Causeur kennen mit dem nun mal katholisch-mittelständischem Hintergrund eines kleinstädtischen Verkaufsbetriebes. Sursee blieb auch insofern Küngs „Heimatbahnhof“, als er in seiner Autobiographie „Erkämpfte Freiheit“ (2007) im Gegensatz zu seiner Rom gegenüber praktizierten scharfen Kritik keinen Gebrauch machte, auch nicht im Hinblick auf die eigene, noch wenig problematische religiöse Sozialisation in den Dreissigerjahren. Er war nun mal kein Kuno Raeber, der 1992 an AIDS verstorbene literarische Repräsentant einer auch sexuell zu interpretierenden Revolution. Auch will dem Abkömmling des Schuhhauses Küng in seiner Jugend der Antisemitismus in Sursee nicht aufgefallen sein. Ganz im Gegensatz zu Josef Vital Kopps „Der sechste Tag“ mit Beromünster als der wohl profiliertesten Darstellung des katholischen Antisemitismus in der Schweizer Literatur. Derselbe Kopp, der sich auch auf einzigartige Weise über Teilhard de Chardin mit einer christlichen Deutung der Evolutionstheorie auseinandergesetzt hat.

Demgegenüber bleibt Hans Küng als einer der bedeutenden katholischen Theologen aus der Epoche des 2. Vatikanischen Konzils und Initiant des Gedankens eines „Welt-Ethos“ von der internationalen Beachtung her wohl ohne Wenn und Aber der bedeutendste Luzerner der letzten 100 Jahre. Mit seinen Büchern gab er kritischen Katholiken seiner und der folgenden zwei bis drei Generationen Anregungen. Die Wirkungen gingen über die Konfessions- und Religionsgrenzen hinaus. Als Illusion zu bezeichnen scheint mir aber Küngs fixe Idee, die katholische Kirche „retten“ zu wollen. Dies hat bis jetzt noch kein Theologe geschafft., So wie einst der Landesheilige Bruder Klaus die Schweiz weder retten wollte noch gemäss dem Zeugnis der Quellen tatsächlich gerettet hat. Die Grösse der Heiligen und der epochemachenden Mystiker scheint nachgerade darin zu liegen, dass sie diese Retterei von Kirche, Vaterland und Wirtschaftssystem via Rechthabenwollen hinter sich gelassen haben. Hans Küng bleibt indes ein Zeuge für ein System, das im Gegensatz zu jederzeit möglichen religiösen und spirituellen Berührungen als Massenfaktor ausgedient hat. Dies schliesst mutige Zeugnisse gegen den Zeitgeist nicht aus, wie zum Beispiel die Opposition für „Christlich“ statt „Mitte“ bei einigen Kantonalsektionen einer schweizerischen Partei andeutet. Hans Küng zumindest hat gegenüber der globalisierten Gesellschaft die Option „christlich“ als für ihn unverzichtbaren Bestandteil eines „Weltethos“ nicht preisgegeben.

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