BLOG vom: 17.08.2006
Zu rührselig? Johanna Spyri und die Welt der Bergler
Autor: Emil Baschnonga
Ich bin dieser Dichterin, Verfasserin der weltweit bekannten Heidi-Geschichten, auf dem Flohmarkt in Wimbledon GB erst letzte Woche wieder begegnet, als ich unter einem achtlos ausgebreiteten Bücherstapel, den Titel „Aus den Schweizer Bergen“ auflas, eine ganz nett illustrierte Ausgabe mit dem heimeligen Untertitel „Drei Geschichten für Kinder und solche, die Kinder lieb haben“.
Johanna Spyri wurde 1827 als Tochter eines Doktors (Mädchenname: Johanna Louise Heusser) in Hirzel (Kanton Zürich) geboren. Ihre Mutter beeinflusste Johannas eher pietätisch eingefärbten Glauben. Sie studierte Sprachen und Klavier und lebte in Zürich (Stadelhofen, Hirschengraben und Zeltweg). Sie starb 1901 und ist in Sihlfeld begraben.
Heidi ist in der Umgebung von Chur (Graubünden) angesiedelt, wo Johanna Spyri viele ihrer Sommerferien verbracht hatte. Auch mir ist diese Gegend aus der Kinderzeit wohlvertraut, wie ich dort mit meiner Botanisierbüchse und dem „Hegi“ (Nachschlagwerk der Alpenflora) Bergblumen für mein Herbarium sammelte.
Und um Blumen geht es auch in ihrer 1. Geschichte „In Hinterwald“. Der verwilderte und verwahrloste Waisenbube Michael, kurz Chel genannt, kannte keine Liebe und galt unter den Hinterwäldern als der „allerärgste Lump und Taugenichts“ weit und breit.
Als eines Tages das „Blaumeisli“, die Lieblingsgeiss und der Stolz des Bergbauern Wächter, mit verletztem Bein gefunden wurde, musste Chel als Sündenbock hinhalten. „Er habe des Wächters Blaumeise lahm gemacht“, berichtete der Unter-Metzler der jungen Lehrerin Franziska.
Ohne viel mehr über die Geschichte zu verraten, und darüber, wie es kam, dass „Blaumeisli“ eine besonders würzige Milch lieferte, gedieh Chel unter der Obhut von Franziska, die seine Ersatzmutter wurde. Er zeigte ihr sein Versteck unterhalb eines Felsenvorsprungs, wo er Blumen malte und niemand etwas zu Leide tat.
Diese Geschichte hat in mir Erinnerungen erweckt, denn auch meine Mutter kannte die Eigenarten der Blumen so gut wie Chel, und sie hat sie in ihren Aquarellen glänzend dargestellt.
Als ich als junger Bursche einige Johanna-Spyri-Bücher anblätterte, legte ich sie bald zur Seite, weil sie mir als zu „fromm“ und „rührselig“ schienen. Unter Freunden ist wohlmeinende Kritik gewiss statthaft, auch jene, die Conrad Ferdinand Meyer ihr angedeihen liess. Ob er ihre Schriften ebenfalls als zu „fromm“ empfunden habe, bleibe dahingestellt.
Ein bisschen von Johanna Spyri muss an mir haften geblieben sein als ich schon in London lebte und als „Heimweh-Schweizer“ ein Bündner Berggeschichtlein geschrieben hatte (siehe unter Glanzpunkte 21: Der Dorfpfarrer). Ich habe als Kind noch die schöneren und sonnigeren Seiten der harten Welt der Bergbauern als „Ferienkind“ miterlebt, und wundere mich heute, ob sie sich noch in einigen Winkeln unserer herrlichen Berge erhalten hat, so wie Johanna Spyri sie so einzigartig herzergreifend geschildert hat. Sie sehen: Ich leiste hier Abbitte für das Wort „rührselig“.
Ich bin jetzt darauf gespannt, was mir Johanna Spyri in ihrer 2. Geschichte „Die Elfe von Intra“ erzählen wird.
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