Textatelier
BLOG vom: 11.03.2009

Erinnerungen an Mile, meinen flämischen Grossvater

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Warum überkommen mich, nach so langer Zeit, Erinnerungen an meinen Grossvater? Ist es, weil wir in unserer schnelllebigen Zeit unsere Ahnen vergessen? Immerhin sind Erinnerungen Fundgruben, die man aufsuchen kann, wie ich es heute in Gedichtform tue. 
Mile, mein Grossvater
Mein Grossvater war klein, pfiffig und vif.
Verwitwet seit vielen Jahren, lebte er allein
In einem Häuschen an der Lavendelstraat.
Sein Schopf dunkler Haare war ohne Grau.
Er war ein passionierter Pfeifenraucher.
 
Er nahm mich als Knirps mit ins Estaminé(1).
Ich trank Limonade und er sein Rodenbach(2).
Mile, erzähle uns etwas! Er stopfte die Pfeife.
Wenig verstand ich vom flämischen Dialekt.
Ins Gelächter ringsum ihn stimmte ich ein.
 
Am Sonntag bürstete er seinen alten Anzug.
Zur Garbonade im Rathauskeller gingen wir.
Das ist mein Kerl, stellte er mich allseits vor:
Aus Zwitserland und schildert viel in Kohle
Het Rabot, St-Baafskathedraal, Giebelhäuser.
 
Stolz war er auf Gent, hart van Vlaanderen
Erzählte mir vom grote Keizer Karel V.
Wir schlenderten der Graslei entlang,
Bestiegen dann das Grafenkasteel,
Guckten tief in die Verliesse mit Ketten.
 
In seiner Küche tickte die alte Wanduhr
Der Vlamse Stove erwärmte das Haus.
Die „lampe belge“ erinnert mich an ihn.
Er legte die Pfeife zur Seite und schlief ein.
Mit der Kohle, zeichnete ich meinen Mile.
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1) Estaminé: aus dem Spanischen abgeleitet, bezeichnet eine Kneipe. Ein Überbleibsel aus der spanischen Kolonialzeit in den Niederlanden.
 
2) Ein nach wie vor bekanntes belgisches Bier.
 
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