BLOG vom: 14.07.2013
Der Krähenhorst und der Taubenkot in Wimbledon GB
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Das wuchtige viktorianische Gebäude in nächster Nähe unseres kleinen Hauses in Wimbledon GB heisst Krähenhorst. Dort hockt allabendlich, seit anfangs Juli 2013, der Krähenkaiser auf dem obersten Zweiglein der Riesentanne und kräht, Aufmerksamkeit heischend. Flugs kommt seine Lieblingstochter und setzt sich, wie es ihr bekommt, auf ein Zweiglein unter ihrem Vater. Dann kommt sein Sohn zugeflogen und versucht rüpelhaft, den Kaiser vom Sitz zu verjagen. Das gelingt ihm nicht, und er muss sich mit einem Nebenzweig begnügen.
Tagsüber wird die Krähenbrut bei der Fernsehantenne neben dem Kamin mit Landefläche auf dem Dach des Hauses gegenüber noch immer von ihrer Mutter geatzt. Sie krähen und zwitschern ums Futter, was die Nachbarin erbost. Sie klatscht in die Hände – wirkungslos. Die Krähen, Jung und Alt, wissen sich ausserhalb ihrer Reichweite und verhöhnen sie, stimmgewaltig krähend.
Dieses Spektakel stimmt mich vergnügt. Die Krähenwelt ist noch heil. Scharenweise sind sie aus dem Wimbledon Common auf die andere Seite der Strasse ausgewandert, genauer: ausgeflogen. Diese Emigranten wissen, dass die Lebensbedingungen in den Gärten auf der anderen Strassenseite besser sind. Die Rasen werden gemäht und regelmässig gewässert. Die Beete sind gesäubert. Das Essen liegt ihnen vor dem Schnabel.
*
Auf meiner Fernsehantenne verbringt eine Waldtaube ein Schlummerstündchen, entweder spätabends oder frühmorgens. Sie hinterlässt ihre Kotkleckse auf den Patiofliesen. Tagtäglich muss ich diesen Taubendreck mit heissem Wasser auflösen und dann mit dem Gartenschlauch wegspritzen. Ihr behagt die Freilufttoilette. Dort kann sie kein Fuchs erwischen.
Der Nachbar uns gegenüber hat einen riesigen Raubvogel auf dem Flachdach montiert. Ausserdem hat er dort stacheliges Gewebe verankert. Das Zimmer darunter vermietet der Nachbar jeweils während der Tennismeisterschaften vermutlich jedes Jahr an die gleiche Mieterin. Aus dem Dach ist ein Taubenschlag geworden. Wohl 60 Stadttauben scharen sich dicht gedrängt auf dem Dach, gurren viel und fliegen wohl alle Viertelstunden vernehmlich flügelschlagend einige Runden ums Haus. Die Mieterin kann diesen Verkehr nicht ausstehen.
Die Tauben haben rasch erkannt, dass dieser künstliche Raubvogel ihnen nichts anhaben kann. Immer sitzt diese oder jene Taube auf seinem Kopf. Das stachelige Netz meiden sie. Die schräge Dachfläche, auch jene unter dem vermieteten Zimmer, haben die Tauben für sich beschlagnahmt. Dort gurren sie und gesellen sich zum gemeinsamen Rundflug.
Auch dieses Spektakel stimmt mich vergnügt – ausser wenn sie meine Salate fressen wollen. Mit einem Netz habe ich die Salate abgedeckt. Sie sollen sich mit dem Klee begnügen, jetzt, nachdem sie im Frühling viele Knospen genossen haben.
Diese Geschichte nimmt ihren Fortgang, sobald die Trauben bei uns reifen. Die Krähen, Tauben und Singvögel kriegen gewiss ihren Teil – und es bleibt genug für uns übrig.
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