Textatelier
BLOG vom: 15.10.2014

Imaginäre Spielräume. Grenzen der Gesamteindrücke

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
 
„Ein Partisan der Sachlichkeit hält seine Kritik in Zucht.“
(EB)
 
„Was ist Ihr Gesamteindruck?” Der Kluge beantwortet diese oft gestellte Frage äussert selten oder ausweichend, besonders wenn sie sich auf Personen bezieht. Ein Gesamturteil zersplittert in viele Komponenten: Aussehen, Auftreten, Benehmen, Fähigkeiten, Intellekt, Charakter, Geschmack, Humor, Gemüt, Temperament usw. Diese Kriterien lassen sich nicht in Gesamteindrücke stanzen.
 
Gesamteindrücke verallgemeinern und unterstreichen, wie immer wieder feststellbar, mehr die Schwächen als Stärken einer Person. Kritik ist leicht und seicht – und ist zwangsläufig nur wohlbegründet vertretbar. Otto von Bismarck hat ein treffendes Zitat geprägt: „Ich bin dankbar für die schärfste Kritik, wenn sie nur sachlich bleibt”. Selbst dann ist höchste Vorsicht geboten, denn wir sind das Produkt aus eigener Lebenserfahrung entwickelten An- und Einsichten. Ein Partisan der Sachlichkeit hält seine Kritik in Zucht.
 
Ein Gemälde kann gewiss einen Gesamteindruck vermitteln. Der Kenner sieht in einem Bild allerdings wesentliche Einzelkomponenten (wie die Perspektive, die Farbkomposition unter anderen Gesichtspunkten). Sein Auge ist durch Anschauung echter Kunstwerke vom Rundgang durch Museen geschult, bestenfalls durch das Studium vertieft. Er lässt sich nicht von Kunstkritik-Küssen irreführen, die jede Modeerscheinung hochhissen (z. B. die Tracey-Emin-Sensationshascherei). Dabei seien dekorative Bilder und Objekte ausgeklammert, die sich vorzüglich an Zimmerwänden entlang einfügen oder auf Möbel als Zierrat prunken.
 
Ein gelungenes Gemälde erweckt und belebt die Imagination des Betrachters. Die Landschaften von William Turner erschliessen diesen imaginären Spielraum, so gut wie u. a. auch die Werke der Impressionisten. Ein geschult gefühlsbezogenes Verhältnis zur Kunst schert sich nicht um den Gesamteindruck; ihre Wurzeln sind verzweigt und reichen in die Tiefe des persönlichen Empfindens.
 
So gesellen sich zur Sachlichkeit in der Kritik die gefühlsbezogenen (und schwer definierbaren) Kunstwerte.
 
Die Literatur ist mein Steckenpferd. Die Bücher meiner Lieblingsautoren reihen sich griffbereit in meiner Bibliothek. Die Neugier treibt mich, mehr über ihr Leben zu erfahren. Seriös verfasste Biographien sind Ausgangspunkte, worunter besonders autobiographische Hinweise. Auch Aphorismen vermitteln mir einen verlässlichen Leitfaden zur Gedankenwelt der Autoren, wie zum Beispiel jene von Marie von Ebner-Eschenbach.
 
Genial begabte Künstler seien oft von stürmischen inneren Konflikten heimgesucht worden, verbunden mit Wutanfällen, wenn sie in ihrer Arbeit gestört werden. Sie können auch durch extrem exzentrisches Gehabe auffallen. HALT! Das sind schwer nachweisbare Ausnahmen, die sich nicht verallgemeinern lassen.
 
Eines steht für mich fest: Die Werke des Künstlers sprechen für sich selbst. Psychologische Analysen sind überflüssig.
 
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