Wer wird zum Standbild auf Sockel gehoben?
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Es gibt viele Säulenheilige, worunter Johannes Nepomuk, der Denkmalschutz geniesst. Dieser Schutzpatron wacht und beschützt uns auf alten Brücken, damit wir Ströme heil überqueren. Er steht auch, unter anderen Standbildern, auf der Prager Karlsbrücke wachsam auf seinem Sockel verewigt.
In alten Friedhöfen herrschen die Engel als Kultfiguren und wachen über die Verstorbenen, damit sie zuletzt auferstehen und in den Himmel gelangen.
Zu meinen auf den Sockel gehobenen Freundeskreis gehört der Bund der Dichter, Denker, Maler und Komponisten. Ich treffe sie immer wieder: Mozart in Salzburg, Shakespeare in Stratford-upon-Avon, Schopenhauer in Frankfurt. Ihre Leistungen sichern uns weiterhin viele glückliche und besinnliche Stunden. Ihre Werke sind zeitlos und eine Quelle der Inspiration für ihre Nachfolger. Sie und ihresgleichen wirken abseits der Sensationshascherei. Sie sollten unsere Vorbilder sein. In unserer schnelllebigen Zeit bleibt immer weniger Zeit für sie übrig. “Quality time” hat immer weniger Platz in unserem Leben.
Im schroffen Gegensatz streife ich hier sehr fragmentarisch die Despoten, Eroberer und Revolutionäre. Napoleon steht weiterhin auf seinem Sockel und wird verherrlicht. Andere wurden vom Sockel gestürzt und gehenkt wie Saddam. Die im Krieg Gefallenen kriegen bestenfalls ihre Kriegsdenkmäler. Die hart von Kriegen betroffene Zivilbevölkerung wird kaum von den Medien beachtet.
Wieweit wird die Geschichte verfälscht? Und die alte Geschichte wiederholt sich ad absurdum. Neue Kriege werden angezettelt. Wann wird Tony Blair, der Grossbritannien im engen Verbund mit den USA den Krieg im Irak angezettelt hat, auf den Sockel gestellt? Gandhi (unterstützt von Nehru) und Mandela haben auf friedlichem Weg viel mehr erreicht als Generäle in blutigen Schlachten. Sie und andere Friedenskämpfer wie King (Martin Luther) und der Urwalddoktor Albert Schweizer haben ihren Sockel verdient! Sie gehören zu den wahren Helden.
Es wäre ein gewaltiger Fortschritt, gäbe es zu diesem Thema ein Meisterwerk*, das die Verdienste der wahren Sockelhelden erfasste. Wer immer ein solches Meisterwerk vollbringt, ist auf keinen Sockel angewiesen – der Nobelpreis würde vollends genügen.
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