Textatelier
BLOG vom: 18.05.2016

Zum Lob der Schrullen

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Zuerst ein Zitat vom schrulligen Künstler Salvador Dali: “Jeder sollte Schrullen haben. Schrullen sind ein hervorragender Schutz gegen Vermassung”.

Dem füge ich ein eigenes Zitat bei: “Er nährte seine Schrullen wie ein Salatkopf Schnecken”.

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Ein anderes Wort für Schrullen sind Marotten. Sie sichern einen gewissen eigenwilligen Freiraum im Leben. Das ist bekömmlich und baut Stress ab. Eine Vorstufe sind Kinderflausen. Auch sie wollen ein bisschen Freiheit erzwängen. Solche Flausen werden von Erwachsenen zu oft abgewürgt. Das ist schade, weil es den späteren Freiheitsdrang beeinträchtigt.

Ich stelle immer wieder fest, dass sich ältere Leute oft schrullig benehmen. Mademoiselle Dionis in Paris ergötze mich und Lily mit ihren Schrullen. Ihre Ansichten wichen von der Norm ab, und sie nahm gerne Politiker und die “haute société” aufs Korn. Alleinstehend und hausgebunden, erlabte sie sich am Fernseher, dem sich viel ätzende Kritik im Selbstgespräch abgewann. Als wir uns verabschiedeten, sagte sie: ”Kinderchen, hoffentlich erwache ich nach dieser Nacht!” Wir beschwichtigten ihre Todesangst und verwiesen auf die Süssspeisen, die wir ihr gebracht hatten. “Diese werde ich keinesfalls dem Tod hinterlassen”, schmunzelte sie. Sie ist hochbetagt gestorben. Ihre Schrullen haben vermutlich ihr Leben beachtlich verlängert. Oder vielleicht auch, weil sie ein Fräulein geblieben ist.

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Meine eigenen Schrullen und einstige Flausen sickern dann und wann in meinen Kurzgeschichten durch. Das enthebt mich der Pflicht, sie hier zu nennen.

England war einst voller schrulliger Typen, und ich beobachtete amüsiert ihr schrulliges Gebaren. Züchtet Schrullen, empfehle ich, und rettet euch vor der Vermassung, mit Hinweis auf das erste Zitat von Salvador Dali.

 


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