Textatelier
BLOG vom: 20.04.2005

Benedictus und das Glaubensbekenntnis ab Stange

Autor: Emil Baschnonga

Jetzt, wo die Katholiken mit Joseph Ratzinger als Benedikt XVI. ihren neuen Papst erhalten haben, bin ich froh für all die Frommen, die ihr Glaubensbekenntnis erneuert hatten. Gut lebt, wer es lieb hat und ernst nimmt. Auch ich hatte dieses Bekenntnis einst als Kind abgelegt, doch es schon vor langem gleich wieder abgelegt wie einen Anzug, in dem man sich eingeengt fühlt. Ich brauchte und brauche ein massgeschneidertes Glaubensbekenntnis statt eines ab Stange.

Heute Mittwoch, in aller Herrgottsfrühe, habe ich im Hermann-Hesse-Bändchen „Lektüre für Minuten“ geschnuppert.

Hierzu sage ich Amen: „Unsterblichkeit? Keinen Rappen gebe ich darum! Wir wollen hübsch sterblich bleiben!“ 

Die Unsterblichkeit bis zu einem gewissen Grad findet sich in seinem Satz: „Bleibend ist nur das Sinnbild, nicht das Abbild.“ Damit meinte der Dichter Romanfiguren, die nicht veraltern und weiterleben, sei es der „Grüne Heinrich“ von Gottfried Keller, der „Taugenichts“ von Jospeh von Eichendorff, die vielen einprägsamen Gestalten, welche die Welt von Charles Dickens bevölkern oder, einige Oktaven höher gegriffen: Odysseus, Hamlet und Don Quichotte. Hesse hat ebenfalls viele Sinnbilder hinterlassen. Der Gläubige hat recht, auch Jesus gehört zu ihnen.

Wie lobe ich da meinen ehemaligen Deutschlehrer: Ab Wochenmitte hingen erwartungsvoll meine Augen an ihm. Wird er die Grammatik endlich weglegen und uns aus „Odysseus“ vorlesen? Alle meine Klassenkameraden waren ebenfalls ganz dafür. Fast mit einem Knall legte er schliesslich die Grammatik weg, las uns vor und zog mich in den Bannstrahl der Abenteuer.

Bleibe dahingestellt, ob es die heutigen Kinder im Disneyland besser haben als jene damals in der Welt von Dickens mit „David Copperfield“ und „Oliver Twist“. Dem kann ich bloss ein weiteres Hesse-Zitat hinzufügen: „Die Natur hat zehntausend Farben, und wir haben uns in den Kopf gesetzt, die Skala auf 20 zu reduzieren.“ 

Auch glaube ich, dass man nur von dem, was man wirklich glaubt, an andere abgeben kann. Meine Lust am Lesen hat auch meine Söhne gepackt und beide ins Literaturstudium geleitet. Einer von ihnen hat sogar eine tiefsinnige Abhandlung über Dickens geschrieben.

Ein bisschen weniger Katechismus damals, die Grammatik der Religion, wer weiss, hätte mich beim besagten Anzug ab Stange gehalten (was ich innerlich jedoch bezweifle).

Zum Glaubensbekenntnis gehören auch unerreichbare Ziele. Zu diesen kämpfe ich mich nach wie vor durch und werde sie wohl zuletzt nur teilweise erreichen, bestenfalls annähernd. Dazu noch ein letzter Beitrag von Hesse: „Wo wir etwas finden, das wie Musik ist, da müssen wir verbleiben; es gibt im Leben gar nichts andres zu Erstrebendes als das Gefühl für Musik, das Gefühl des Mitschwingens und rhythmischen Lebens, der harmonischen Berechtigung zum Dasein.“ 

Hier bin ich am Ende meiner „Sonntagspredigt“.

Benedictus!

 

 

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