Der Hirschkäfer, ein Hirsch in Sachen Lebenskunst
Autor: Emil Baschnonga
Gestern bin ich ihm erstmals dieses Jahr am Morgen in meinem Garten begegnet – einem Männchen mit wuchtigem Hirschgeweih. Es stelzte gewichtig mit seinen 6 langgliederigen Beinen wie im Takt und stetig auf dem Gartenweg voran, als sei es ein Tambourmajor.
In einem feuchten Winkel meines Gartens liegen vermodernde Baumstrünke gestapelt. Dort begann sein Leben als Engerling. Nach 5 oder mehr Jahren wird der Hirschkäfer endlich mühselig flügge . . . Als Erwachsener lebt er bestenfalls nur 4 bis 6 Wochen und wird bis zu 8 cm lang. Dieser rare Sonderling fliegt schwerfällig senkrecht, ohne sein „Fahrgestell“ einzuziehen, und schwirrt und brummt dabei so laut wie 10 träge Hummeln auf einmal.
Bis es soweit ist, kommt es unweigerlich zu Pannen. Kaum hebt er ab, setzt sein Motor aus. Also nochmals und noch einmal. Die Flügel werden unter seinen schwarzbraunen Flügelhauben erneut zum nächsten Startversuch gefaltet.
Endlich gelingt ihm der Aufflug. Beinahe wäre sein Ausflug wieder gescheitert. Er prallte gegen die abfallende Glaswand über dem Hauseingang und rutschte tief. Nun fing sich der Hirsch im letzten Augenblick auf und verlor sich in einer nahen Baumkrone.
Ein Hirsch? In einer Beziehung gewiss: denn er überlässt es den Weibchen, ihm mit ihren bescheidenen Beisszangen den Honig zu erschliessen – den Baumsaft. Sein Geweih dient einzig dazu, im Turnier mit einem anderen Männchen zu siegen, sie vom Baum zu stossen, weg von der Tränke. Ach, wie lebenswahr!
Übrigens essen Hirschkäfer nichts, sondern sie saufen den süssen Eichensaft – mit Alkoholgehalt . . .Torkeln sie deshalb so halb besoffen in der Luft umher, diese „Binge-Trinker“ (exzessive Rauschtrinker)?
Die Vögel haben es auf seinen Unterleib abgesehen: ein fetter Brocken. Zum Glück schwärmen die Hirschkäfer am liebsten spätabends. Dennoch finde ich anderntags im Rasen etliche Hirschgeweihe mit verkürztem Oberteil. Sie sterben grausam, langsam sich auszappelnd.
Heute Abend verspricht es sehr warm zu werden. Ich werde nach diesen Schwärmern Ausschau halten. Gewiss werden 4 bis 6 dieser inzwischen selten gewordenen und geschützten Riesenkäfer umherschwirren, ausgerechnet in meinem Garten in Wimbledon. Wer in der Schweiz einen Hirschkäfer sichtet, sollte dies dem Naturhistorischen Museum in Basel melden.
Der Hirschkäfer wurde schon von der Literatur der Antike aufgegriffen: von Sophokles, Aristophanes und Ovid. Er wurde auf Altartafeln sowie in Gebetbüchern verewigt und in Kinderbüchern abgebildet. Er ist auch ein beliebter Schmuckgegenstand.
Warum ihm nicht am Ende ein Kurzmärchen andichten?
Nach der Hochzeitsnacht fiel der keineswegs nüchterne Hirschkäfer vom Baum. Mit seinem Geweih spiesste er unterwegs ein Blatt auf und segelte damit zur sanften Landung auf den Rasen, denn seine Flügel konnten ihn nicht mehr tragen. Vom Blatt gedeckt, schlief er seinen Rausch aus. Kein Vogel konnte ihm etwas antun.
Dieser Hirschkäfer ist fürwahr ein Lebenskünstler.
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