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8. Ausgabe www.textatelier.com 02. 10. 2003

Sprachtabus

Ich weiss nicht, ob es je eine Zeit gegeben hat, in der man reden durfte, wie einem der Schnabel gewachsen ist, oder schreiben, wie es einem gerade aus der Feder fliesst. Wahrscheinlich nicht. Sprachtabus gab es in allen Gesellschaften und in allen geschichtlichen Perioden. In der letzten Zeit wurden unter dem Diktat des so genannten Antirassismus und der Gleichstellung der Geschlechter derart viele Vorschriften auch der lächerlichen Art erlassen, dass viele Leute lieber den Mund halten, um nicht in die Fänge der Sittenpolizei, die sich mit der Political Correctness befasst, zu geraten. "Darüber spricht man nicht", sagten Eltern früher manchmal bei ihren hilflosen Versuchen zur Sexualerziehung. Die Rücksicht auf Gefühle und Wertvorstellungen, die eine bestimmte Zeit mit all ihren Irrungen und Wirrungen prägen, hat oft kuriose Auswirkungen.

Wieso denn sollen die Menschen zur Verschleierung und damit zur Verlogenheit erzogen werden und ihren Gefühlen nicht den freien Lauf lassen dürfen? Auch die Bildung von Euphemismen (beschönigenden Ausdrücken wie Operation für Krieg, Spende für Schmiergeld, Gesundheitskosten für Krankheitskosten, Kunstfehler für Ärztepfusch, Seniorenresidenz für Altersheim) gehören in dieses Kapitel. Die Aktionen selbst sind in der Regel nicht tabuisiert, sondern nur die sprachlichen Zeichen.

Wenn jemand zum Beispiel (in den geistigen Fussstapfen etwa von Henry Morton Stanley wandelnd) sinngemäss von sich geben würde, alle Neger seien faul, dann würde das ja nicht heissen, dass die Menschen mit dunkler Haut tatsächlich faul seien. Sondern ich würde meine eigene Gesinnung verraten, die ziemlich genau derjenigen der kolonialen weisshäutigen Truppen entspricht, die im 19. Jahrhundert in Afrika einmarschierten, die Zwangsarbeit einführten, plünderten, was es zu plündern gab, soziale Zusammenhänge zerstörten und für eine andersartige Kultur nicht das geringste Verständnis hatten. Afrika diente einfach als Rohstofflager (auch für die Beschaffung von Leibeigenen, von Sklaven). Mit anderen Worten: Wer dumm daherredet, entblösst seine eigene Geisteshaltung in einer Gesellschaft, die zum kritischen Denken erzogen worden ist. Somit besteht eigentlich kein Grund, ihn mit juristischen Repressionen abzuhalten, den eigenen Charakter und das eigene Weltbild blosszulegen.

Je geistig unterentwickelter eine Gesellschaft ist, desto grösser ist wahrscheinlich das Bedürfnis, sprachregelnd und -tabuisierend einzugreifen. In der "Badischen Zeitung" vom Donnerstag, 5. Juni 2003, hat Eva Schweitzer das Böse aus der Sicht der US-Sprachpolizei beschrieben: "Bloss nicht diskriminieren." Sie bezog sich dabei auf Diane Ravitch, eine frühere Mitarbeiterin der US-Schulbehörde, welche nach einer dreijährigen Forschung das Buch "The Language Police" ("Die Sprachpolizei") veröffentlicht hat. Ihre Forschungsresultate zeigen auf, was an Stumpfsinn herauskommt, wenn dem Druck von Linken und Rechten, von religiösen Fanatikern, Feministinnen und Vertretern ethnischer Minderheiten nachgegeben wird, immer im Bestreben, es jedem recht zu machen.

So wurde aus einem US-Schulbuch eine Geschichte über einen Schneesturm gestrichen; denn manche Schüler leben in südlicheren Gegenden, wo es nie schneit, und diese könnten sich diskriminiert fühlen... Die Erwähnung von Delphinen diskriminiert Kinder, die nicht am Meer leben. Ein Text über tierisches Leben in einem verrottenden Baumstumpf musste aus dem Buch entfernt werden; denn der Stumpf wurde mit einem Mietshaus verglichen. Und das verletzt die Gefühle von Kindern, die in Sozialwohnungen leben. Waisen darf es ebenfalls nicht geben, denn das könnte Kinder verängstigen.

Schulbücher dürfen allerdings auch keine positiven Klischees verbreiten. Das heisst: Keine Schwarzen, die gute Sportler sind, keine fleissigen Chinesen, keine Männer, die als Klempner arbeiten, keine Hausfrauen, keine irischen Polizisten, keine schwachen Alten. "Ich habe einmal erlebt, dass ein Text über einen blinden Mann, der den Mount Everest bestiegen hatte, gestrichen wurde", erinnert sich Ravitch. "Die Begründung war: Es werde das Stereotyp verbreitet, Blinde seien behindert."

Und Dinosaurier? Sie sind zwar nicht behindert, nur ausgestorben, dürfen aber dennoch in einem rechtschaffenen Schulbuch nicht vorkommen. Denn ihre Erwähnung könnte die Gefühle der religiösen Rechten verletzen, die glauben, Gott habe die Erde in 6 Tagen und zudem vor etwa 5000 Jahren erschaffen. Wahrscheinlich wird aus dem gleichen Grund der ganze Geologie-Unterricht illusorisch. Eva Schweitzer: "Nazis heissen demnächst wahrscheinlich 'ethisch herausgeforderte Kaukasier arischer Herkunft'". Nur keine Diskriminierung.

Unser Textatelier-Autor Heinz Scholz macht mich freundlicherweise immer wieder auf entsprechende Kuriositäten aufmerksam [1]. Ich habe nach der Lektüre dieses Artikels einen kurzen Leserbrief an die "Badische Zeitung"(www.badische-zeitung.de) geschrieben, die sich immer wieder auf geistreiche Art mit Sprachdummheiten befasst:
"Frage: Darf man in den USA noch 'Bush'sagen? Die ehrenwerten Büsche der Natur könnten sich zu Recht sehr beleidigt fühlen."

Der Brief wurde am 7. Juni 2003 prompt abgedruckt.

Es kann ja kein Fehler sein, sich für das Ansehen von Pflanzen einzusetzen. Und zwar im Klartext.

Walter Hess


Schwarzer Mann, Negerküsse und Dicke

Während meiner Tätigkeit in einem grossen pharmazeutischen Unternehmen hatten wir des öfteren Werkstudenten zu Gast. So kam eines Tages ein sehr wissbegieriger und höflicher Ghanaer zur Betreuung unter meine Fittiche. Irgendwie kamen wir auf deutsche Sprachregelungen und Sprichwörter zu sprechen. Er regte sich furchtbar auf, wenn im deutschen Sprachgebrauch vom "schwarzen Mann" gesprochen wurde. Er fühlte sich diskriminiert. Auch Erklärungen meinerseits, der schwarze Mann bedeute hier "Schornsteinfeger" oder "Kinderschreck" und dass diese dunkle Gestalt auch ein Weisser sein könne, fruchteten nichts. Auch der Hinweis auf diverse Wörterbücher, die den "schwarzen Mann" aufführen, konnten ihn nicht besänftigen. Würde die amerikanische Sprachpolizei auch bei uns wüten, dann wäre dieser Ausspruch schon längst von der Bildfläche verschwunden.

Im weiteren Verlauf der Gespräche musste ich mich sehr zurückhalten und die Worte, die aus meinem Mund sprudelten, genau abwägen, damit ich nichts Falsches sagte. Ein Kollege meinte, man dürfe auf keinen Fall von einem Neger sprechen, dies würde eine abwertende Bedeutung haben, da früher die afrikanischen Sklaven als Neger bezeichnet wurden. Ich solle doch lieber nach deutschen Wörterbüchern vorgehen und "dunkelhäutiger, kraushaariger Bewohner des grössten Teils von Afrika" sagen. Auf die Frage, ob man auch "Kaffer" sagen darf, meinte der Ghanaer, dies solle man bleiben lassen. Kaffer bedeutet nämlich umgangssprachlich laut Duden "dummer, blöder Kerl" (hebräisch-jiddisch), ist aber auch eine Bezeichnung für einen Angehörigen eines Bantustammes in Südafrika. Auch das Wort "Kanake", das als abwertende Bezeichnung für einen ausländischen Mitarbeiter gebräuchlich ist, dürfte laut "Sprachpolizei" nicht mehr verwendet werden. Wohl die wenigsten wissen, dass Kanake auch ein eingeborener Bewohner der Südseeinseln ist und das hawaiitische "kanaka" nichts anderes als "Mensch" bedeutet. Wer also über einen Zeitgenossen so richtig herziehen möchte, kann dann mit ruhigem Gewissen sagen: "Dieser Mensch!"

Hersteller von Neger- oder Mohrenküssen mussten vor Jahren auf Grund von Beschwerden den schokoladenüberzogenen Schaumkörper in "Schokoküsse" oder "Dickmanns" umbenennen. Ob dies notwendig war, bleibe dahingestellt. Ich sehe in den alten Bezeichnungen keinerlei Abwertung einer Menschengruppe. Im Gegenteil, wir sahen in unserer Kinder- und Jugendzeit im "schaumigen, süssen Kuss" etwas Positives.

Auch von Autoren müssen Sprachtabus beachtet werden. Als ich vor etlichen Jahren über das Abnehmen einen Artikel in einer Zeitschrift publizierte, regte sich eine Leserin über die Ausdrücke "Dicke", "Fettsüchtige" und "Fettleibige" auf. Ich solle doch gefälligst in Zukunft von "Übergewichtigen" sprechen und bitte keine diskriminierenden Äusserungen über diese Menschen machen. Sie sah bereits in der ausführlichen Beschreibung der negativen Auswirkungen des Dickseins eine Diskriminierung!

Oder ein anderer Fall: Als ich in einer Arbeit über Schwerhörige von einer Behinderung sprach, meinte eine Leserin, ich solle doch künftig nicht von einer solchen sprechen, da sie sich nicht behindert fühle und mittels eines Hörgerätes Sachen höre, die Normalhörige in Erstaunen versetze.

Heinz Scholz

___________
[1] Zu dieser Betrachtung "Sprachtabus", die ich Heinz Scholz im Voraus zum Gegenlesen unterbreitet hatte, schrieb dieser sprachbegabte deutsche Wissenschaftsautor: "Herzlichen Dank für die Übermittlung der Arbeit 'Sprachtabus'. Die Abhandlung ist wiederum sehr gelungen und amüsant zu lesen. Als Autor muss man solche Sprachtabus tatsächlich beachten, auch wenn sie oft an den Haaren herbeigezogen sind. Wir können ja nicht immer mit angezogener Handbremse schreiben. Dann wären ja die Sprachmöglichkeiten eingeschränkt. Auch mit Witzen muss man sehr vorsichtig sein. Als ich in den 60er-Jahren einer österreichischen Gesundheitszeitung einen Witz bzw. eine amüsante Anekdote über Klemens Wenzel Fürst von Metternich (1773-1859) anbot, war die Redaktion so beleidigt, dass ich als Autor für sie erledigt war. Sie meinten, über Metternich mache man keine Witze, er wäre eine hoch geachtete Person gewesen."

* * *


Was ich weiss, macht mir/mich heiss

"Wissen ist Macht", heisst es, oder im lateinischen Originalton: "Scientia potentia est." Schliesslich muss man sein Wissen auch gebührend verkaufen, hinüberbringen, wie man heute sagt (Quelle im vorliegenden Fall: handelsübliches Zitate-Lexikon).

Kinder haben eine angeborene Neugier, wie unser Einstiegsfoto zeigt und beweist. Sie sind zu lernen gezwungen, wobei selbstredend besonders verlockend ist, was aus irgendwelchen Gründen verhüllt wird. Das Thema, auf die Duftebene umgebogen, ist auch in der Literatur anzutreffen, etwa im Roman "Fräulein Stark" von Thomas Hürlimann: Ein 13-jähriger Knabe verbringt einen Sommer bei seinem Onkel, bevor er in eine strenge Klosterschule eintreten muss. Der Onkel ist Prälat und Monsignore. Er leitet als Bibliothekar die im ganzen Abendland berühmte Stiftsbibliothek von St. Gallen (Schweiz). Seine Haushälterin, das katechismusfromme Fräulein Stark, des Lesens und Schreibens nicht sattelfest kundig und damit die Ergebnisse der Pisa-Studie vorwegnehmend, übt mit eisernem Zepter die Oberaufsicht über den Buben aus. Dafür reicht die Bildung noch alleweil.

Der Knabe wird sogleich in den Bibliotheksdienst integriert; heute würde man von Kinderarbeit sprechen. Seine Karriere beginnt er als Pantoffelministrant am Eingang dieser Bücherarche, die alles versammelt, von Aristoteles bis Zyste. Beim Eingang zu diesen heiligen Hallen müssen es sich die Besucher gefallen lassen, ihre Schuhe in Pantoffeln zu stecken, bevor sie das berühmte barocke Parkett betreten dürfen. Während der Ausübung seines Amtes, vor den Füssen der Besucherinnen kniend und ihnen die passenden Pantoffeln überziehend, merkt der wissbegierige und vorlaute Knabe, dass er über eine ausgezeichnete Nase verfügt, über einen eigentlichen Riecher. Dieser ergreift von ihm immer mehr Besitz, und er setzt seine Phantasie, seinen Eros in Gang. Der vorwitzige Naseweis erzählt uns im Roman von diesem denkwürdigen Sommer und damit von seinen in ihm erwachenden Begehrlichkeiten. Aus einer etwas tiefer angelegten Perspektive erlebt der Leser die wehmütig herbeigesehnte, unbekannte Welt, in der es so manches zu entdecken und zu erfahren gilt.

Wissbegierde ist eine fundamentale Eigenschaft, auch aus Gründen der Überlebenstechnik. Das Wissen ist eine Grundlage für richtige beziehungsweise zweckmässige Entscheidungen. Man kennt das etwa von den (illegalen) Insidergeschäften an der Börse. Denn je mehr Fakten und Randbedingungen sowie Zusammenhänge bekannt sind, umso kleiner ist die Gefahr, dass diese Lateiner-Weisheit bestätigt wird: "Errare humanum est" ("Irren ist menschlich").

*

Das Wissen kann, wie alles auf dieser Erde, mit legalen Mitteln erworben werden, zum Beispiel durch die schulische Bildung, durch Lesen, durch eigene Beobachtungen und Erfahrungen. Es kann aber auch zusammengestohlen werden, im grösseren Stil durch Spionage, Hackeraktionen im Computerbereich, Abhören von Telefonen und Kontrolle der elektronischen Kommunikation, wie das die USA möglichst umfassend und weltumspannend tut.

Eine Vorahnung von solchen kriminellen Aktionen hatte der am 25. Juni 1903 geborene und am 21. Januar 1950 an Tuberkulose verstorbene George Orwell, der sich ebenso auf Fragen der Landwirtschaft und des Gemüsebaus verstand und seine entsprechenden Kenntnisse im Roman "Animal Farm"("Die Farm der Tiere"), eine ausgeweitete Fabel, verwertete. Dort stellte er fest, alle Wesen seien gleich, nicht ohne beizufügen zu vergessen, manche seien gleicher als die anderen. Gäbe es diese ungleich gleicheren nicht, wäre der totale Überwachungsstaat obsolet, denn dann würde ja die Überwachung eines einzelnen Individuums vollumfänglich genügen, um verlässliche Rückschlüsse auf die übrigen Seinesgleichen ziehen zu können. Und dann hätte auch der Roman "Nineteen eighty-four" (deutsch: "1984") nicht geschrieben werden können. Er schöpfte aus der eigenen Erfahrung, hatte er doch in seinen Notizbüchern eine Liste von Personen angelegt, die er der Sympathie mit dem Kommunismus verdächtigte, und er spielte diese Liste der britischen Regierung zu. In weiser Vorausahnung beschwor er das "Big Brother"-Gespenst herauf und gab damit ungewollt den Titel für dümmliche TV-Serien, die von den tatsächlich über uns hereingebrochenen Überwachungen nicht nur ablenken, sondern die Überwachung als solche zum voyeuristischen Vergnügen für unbedarfte Schlüssellochgucker hochstilisieren. Man darf jetzt zusehen, wenn sich fremde Menschen duschen.

Die totale Überwachung
Der Terrorismusvorwand, der laufend durch ernste Warnungen aus Geheimdienstkreisen geschürt wird, scheint die Einrichtung von verschärften Kontrollen in allen Lebenslagen zu rechtfertigen. Denn sozusagen jeder Mann und jede Frau wird als potenzieller Terrorist betrachtet, es sei denn, es gelinge der verdächtigten Person, das Gegenteil zu beweisen. Und so werden bald einmal alle Bewegungen der Menschen filmisch festgehalten, der Datenverkehr wird überwacht und bald einmal wird jeder Fussabdruck, den ein Mensch hinterlässt, aufgezeichnet. Selbst die Einkaufsgewohnheiten werden auf Franken und Rappen, Euro und Cent genau von den Registrierkassen registriert; denn die Grossverteiler haben sich ebenfalls das Datensammelhobby zugelegt. Das Bild wird immer schärfer; vermehrte Pixel lassen immer deutlichere Konturen erkennen, wie man aus der modernen Digitalfotografie weiss.

Der eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür befürchtet aus guten Gründen, dass der Kampf der USA gegen den Terrorismus "langsam zur Gefahr für unseren Rechtsstaat wird". Im Zuge der Terrorismusbekämpfung seien Gesetze erlassen worden, die dem Datenschutz diametral entgegenstünden; die Bush-Administration suche unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung nach Hegemonie auf allen Ebenen, stellte Thür in einem Rückblick Mitte 2003 fest. Als jüngstes Beispiel nannte er die Vorschrift der USA, dass alle Fluggesellschaften Personendaten ihrer Passagiere von der Religion über Essgewohnheiten bis hin zur Kreditkartennummer herausgeben müssen. Mangels eines Abkommens sei die Fluggesellschaft Swiss gezwungen, solche Daten unter Umständen in Verletzung nationalen Rechts weiterzugeben. Dieses Vorgehen sei kein Einzelfall, schrieb Thür im Vorwort seines Jahresberichts. Das an sich fortschrittliche Schweizer Datenschutzgesetz werde laufend durch die USA ausser Kraft gesetzt, ausgerechnet durch ein Land also, das sich beim Datenpersonenschutz "auf dem Niveau eines Entwicklungslandes" bewege.

Die Computertechnik erleichtert das Speichern und das Suchen enorm. Und aus ganz verschiedenen Datenfragmenten lässt sich dann ein recht zuverlässiges Bild vom Denken und Handeln jeder Person gewinnen, die man bei ihren Schwächen packen, verführen und damit nach Belieben leiten kann. Da aber auch Irrende und Irre Daten auszuwerten pflegen, besteht die Gefahr, dass Fehlinterpretationen einzelnen unschuldigen Individuen, die zufällig in einen bestimmten Raster passen, zum Verhängnis werden.

Macht und Machtmissbrauch
Wenn Wissen Macht ist, dann ermöglicht es auch den Machtmissbrauch, was in diesen Zeiten der allmählich legalisierten Präventivkriege (auf Verdacht hin) ungemütlicher wird als es sich Orwell in seinen kühnsten Vorhersagen ausmalen konnte; denn das kann sich auch auf den kriminalistischen Alltag ausweiten. Wenn nicht nur Täter bestraft werden, sondern sogar potenzielle Täter auf Verdacht hin ausgeschaltet und im Prinzip abgeschlachtet werden können, ist der Willkür Tür und Tor geöffnet. Völkerrechtlich stehen diese Tore bereits sperrangelweit offen. Jetzt gilt das Recht des Stärkeren, des Stärksten, dessen Kraft auch zum Teil aus der Informationssammeltätigkeit besteht. Das von den Vereinten Nationen grundsätzlich verhängte Gewaltverbot weicht einer neuen Form von Privatjustiz, die sich aus den Machtinteressen oder materiellen Begehrlichkeiten des Mächtigen ableiten. Das Recht wird anarchisch, und das gesammelte Wissen wird u. a. missbraucht, um Einfluss und Kontrollen über Rohstoffe, Transportrouten usf. zu gewinnen.

Das Motto "Wissen ist Macht" hat unter den neuen Prämissen eine üble Schlagseite bekommen, was eine desinformierte und desorientierte Gesellschaft leider nicht wahrnimmt. Und die Erziehung der Menschen zu kritischen (auch zu selbstkritischen Wesen) wird tunlichst unterbunden, weil denkende Staatsbürger die Mächtigen bei ihrer Machtausübung behindern würden; von einigen Ausnahmen abgesehen, halten sogar die Geistesgrössen ihre Meinung zurück, um nicht in Ungnade zu fallen. Widerspenstige werden mit wirtschaftlichen Strafaktionen gezähmt. Wer dem auf billige Lügen aufgebauten Angriff auf den Irak kritisch oder gar ablehnend gegenüberstand, dem wurde im Rahmen der Handelsbeziehungen die Rechnung aus den USA schon präsentiert. Wer die Vernichtungsfeldzüge und Raubzüge anprangert, wird zu so etwas wie ein Verräter an einer herzensguten Sache gestempelt und muss dafür büssen. Er lebt fortan gefährlich. In Orwell-Manier könnte man bereits von Zuständen wie in den ehemals kommunistischen Machtapparaten schreiben, zum Beispiel unter dem Titel "2014", würde aber ebenfalls Gefahr laufen, eher früher als später von der Realität hoffnungslos überholt zu werden.

Der Blick unter den Rock
Das interessierte Knäblein auf unserem Bild, das wissen möchte, wie es unter dem Rockzipfel weitergeht, verhält sich artgerecht und ist sympathisch. Und auch der Blick unter den Schottenrock ist zu begründen. Denn es ist immer wichtig, Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt wo möglich durch eigene Anschauung zu überprüfen. Da spielt einerseits eine gesunde Portion Wissensdurst und anderseits Skepsis mit. Solche angeborenen Verhaltensweisen werden den Menschen schon in jungen Jahren ausgetrieben, damit sie den auf illegalem Wissen ausgebauten Machtmissbrauch ungestört verüben können. Die Kriminalität, die für die Gesellschaftsentwicklung ins Gewicht fällt, verüben nicht die handwerklich agierenden Einbrecher oder die Trickbetrüger, denen gewiss niemand mit einer ausgesprochenen Sympathie begegnet und die heutzutage zur DNS-Probe geladen werden, sondern jene, die sich selber ein universelles Polizeirecht zusprechen, das auf keiner gesetzlichen Grundlage beruht, und die den selbsternannten Richter spielen, ohne irgendwelche völkerrechtlichen oder gesetzlichen Grundlagen zu beachten und zu befolgen.

Wir müssen lernen, auch in solchen Fällen genauer hin und unter Deckmäntel aller Art zu schauen. Und nötigenfalls rebellieren. Jedenfalls so lange das noch erlaubt ist.

Walter Hess

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Fundstücke aus der Leserpost

Platz für Ungewöhnliches

Ihren Rundbrief Nr. 7 finde ich wieder exzellent. Eine gute Idee sind die "Fundstücke aus der Leserpost". Hier können Sie ungewöhnliche Dinge publizieren.

Zu den publizierten Sars-Bildern fällt mir noch etwas ein. Als die Mundschutz-Masken ausgingen, halfen sich einige Burschen so: Sie verwendeten Schalen von Büstenhaltern. Damit fuhren sie mit ihren Fahrrädern herum. Im Fernsehen sah dies wirklich ulkig aus.

In der Publikation der Badischen Zeitung (www.badische-zeitung.de) vom 28. Juni 2003 ("Ein Klassiker kehrt wieder") wurde über das Auftauchen von Mohammed Said al-Sahaf berichtet. Ein Amerika-Korrespondent meinte, nun könne die amerikanische Regierung ihn anstellen und seine Fähigkeiten dort einsetzen. Inzwischen gibt es unter www.welovetheiraquiinformationminister.com nähere Informationen. Die Betreiber wollen "den Schatz dieser unsterblicher Zitate" hüten und die irakische Kultfigur auch künftig begleiten.

Der ehemalige irakische Informationsminister, der in blumenreicher und amüsanter Sprache als Kriegsberichterstatter fungierte und unvergessliche Zitate in die Mikrofone sprudelte, wie beispielsweise "Ich spreche besser Englisch als der Schurke im Weissen Haus" oder "Gott wird ihre Mägen in der Hölle braten". Als die ersten Amerikaner in Bagdad einmarschierten, versicherte er mit "dreifacher Garantie, dass keine amerikanischen Soldaten in Bagdad sind. Die Ungläubigen lügen wieder einmal. Was sie zu sehen glauben, sind Szenen aus einem Hollywood-Film".

In einem Interview nach dem Krieg äusserte Said al-Sahaf, er habe als "kleiner Angestellter" lediglich Informationen weitergegeben. "Informationen", fügt er hinzu, "aus wirklich authentischen Quellen". Er verkündete ferner, er werde ein Buch über den Krieg schreiben. Anhänger dieser Kultfigur werden dann sicherlich den Lesestoff mit Vergnügen verschlingen.

Wer allerdings noch faustdickere Lügen schätzt, muss sich schon der Lügensammlung aus dem Pentagon zuwenden, insbesondere der berühmten Kriegslüge, auf welcher die Bombardierungen und der Einmarsch beruhte: Saddam habe noch heute Massenvernichtungswaffen. Von den seinerzeitigen Lieferungen aus den USA und anderen Ländern war gerade nichts mehr zu finden.

Heinz Scholz

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Naturkunde mit Stil

Ihr Biber-Aufsatz im Rundbrief Nr. 6 ist flüssig geschrieben und mit unaufdringlichem Humor gewürzt. Die Beobachtung etwa, dass ein Wald erst dann Kosten verursacht, wenn er von einem Förster während seiner Arbeitszeit betreten wird, hat mich zunächst verblüfft, dann sehr erheitert und zuletzt sogar noch zum Nachdenken angeregt.

Ganz hervorragend ist es Ihnen gelungen, Naturkunde mit einem für das Textatelier zentralen Anliegen zu verbinden – dem Stil. Diese Kombination ist so gekonnt "eingefädelt", dass sie in keiner Weise weit hergeholt oder gar plump wirkt, wie man das ansonsten so häufig beobachtet. Kurz: Ich habe viel gelernt – nicht nur (aber auch) über Biber und Biberstein. Der Aufsatz bezeugt nicht zuletzt Ihre Verbundenheit mit der Wohngemeinde.

Nur den Satz über die Bestrafung des Biberschänders hätte ich anders formuliert: Man könnte beispielsweise den Übeltäter zum Verzehr eines Fisches mitsamt den darin enthaltenen, gefährlichen Gräten zwingen!

Dr. Manfred Meyer, Eisenia OÜ, P.k. 17, Kaiu, 79301 Rapla mk. Eesti, Estland

Leserpost

Dichter-Ersatz

Es den anderen sagen –
ein Gedicht vortragen!

Aber was machen,
wenn die anderen lachen?

Nicht jeder kann ein Dichter sein,
dafür gibt es den Hess von Biberstein.

Beatrice Meister, Mittlerbergstrasse 2 B, CH-8918 Unterlunkhofen


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