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8. Ausgabe www.textatelier.com 02. 10. 2003

Sprachtabus

Ich weiss nicht, ob es je eine Zeit gegeben hat, in der man reden durfte, wie einem der Schnabel gewachsen ist, oder schreiben, wie es einem gerade aus der Feder fliesst. Wahrscheinlich nicht. Sprachtabus gab es in allen Gesellschaften und in allen geschichtlichen Perioden. In der letzten Zeit wurden unter dem Diktat des so genannten Antirassismus und der Gleichstellung der Geschlechter derart viele Vorschriften auch der lächerlichen Art erlassen, dass viele Leute lieber den Mund halten, um nicht in die Fänge der Sittenpolizei, die sich mit der Political Correctness befasst, zu geraten. "Darüber spricht man nicht", sagten Eltern früher manchmal bei ihren hilflosen Versuchen zur Sexualerziehung. Die Rücksicht auf Gefühle und Wertvorstellungen, die eine bestimmte Zeit mit all ihren Irrungen und Wirrungen prägen, hat oft kuriose Auswirkungen.

Wieso denn sollen die Menschen zur Verschleierung und damit zur Verlogenheit erzogen werden und ihren Gefühlen nicht den freien Lauf lassen dürfen? Auch die Bildung von Euphemismen (beschönigenden Ausdrücken wie Operation für Krieg, Spende für Schmiergeld, Gesundheitskosten für Krankheitskosten, Kunstfehler für Ärztepfusch, Seniorenresidenz für Altersheim) gehören in dieses Kapitel. Die Aktionen selbst sind in der Regel nicht tabuisiert, sondern nur die sprachlichen Zeichen.

Wenn jemand zum Beispiel (in den geistigen Fussstapfen etwa von Henry Morton Stanley wandelnd) sinngemäss von sich geben würde, alle Neger seien faul, dann würde das ja nicht heissen, dass die Menschen mit dunkler Haut tatsächlich faul seien. Sondern ich würde meine eigene Gesinnung verraten, die ziemlich genau derjenigen der kolonialen weisshäutigen Truppen entspricht, die im 19. Jahrhundert in Afrika einmarschierten, die Zwangsarbeit einführten, plünderten, was es zu plündern gab, soziale Zusammenhänge zerstörten und für eine andersartige Kultur nicht das geringste Verständnis hatten. Afrika diente einfach als Rohstofflager (auch für die Beschaffung von Leibeigenen, von Sklaven). Mit anderen Worten: Wer dumm daherredet, entblösst seine eigene Geisteshaltung in einer Gesellschaft, die zum kritischen Denken erzogen worden ist. Somit besteht eigentlich kein Grund, ihn mit juristischen Repressionen abzuhalten, den eigenen Charakter und das eigene Weltbild blosszulegen.

Je geistig unterentwickelter eine Gesellschaft ist, desto grösser ist wahrscheinlich das Bedürfnis, sprachregelnd und -tabuisierend einzugreifen. In der "Badischen Zeitung" vom Donnerstag, 5. Juni 2003, hat Eva Schweitzer das Böse aus der Sicht der US-Sprachpolizei beschrieben: "Bloss nicht diskriminieren." Sie bezog sich dabei auf Diane Ravitch, eine frühere Mitarbeiterin der US-Schulbehörde, welche nach einer dreijährigen Forschung das Buch "The Language Police" ("Die Sprachpolizei") veröffentlicht hat. Ihre Forschungsresultate zeigen auf, was an Stumpfsinn herauskommt, wenn dem Druck von Linken und Rechten, von religiösen Fanatikern, Feministinnen und Vertretern ethnischer Minderheiten nachgegeben wird, immer im Bestreben, es jedem recht zu machen.

So wurde aus einem US-Schulbuch eine Geschichte über einen Schneesturm gestrichen; denn manche Schüler leben in südlicheren Gegenden, wo es nie schneit, und diese könnten sich diskriminiert fühlen... Die Erwähnung von Delphinen diskriminiert Kinder, die nicht am Meer leben. Ein Text über tierisches Leben in einem verrottenden Baumstumpf musste aus dem Buch entfernt werden; denn der Stumpf wurde mit einem Mietshaus verglichen. Und das verletzt die Gefühle von Kindern, die in Sozialwohnungen leben. Waisen darf es ebenfalls nicht geben, denn das könnte Kinder verängstigen.

Schulbücher dürfen allerdings auch keine positiven Klischees verbreiten. Das heisst: Keine Schwarzen, die gute Sportler sind, keine fleissigen Chinesen, keine Männer, die als Klempner arbeiten, keine Hausfrauen, keine irischen Polizisten, keine schwachen Alten. "Ich habe einmal erlebt, dass ein Text über einen blinden Mann, der den Mount Everest bestiegen hatte, gestrichen wurde", erinnert sich Ravitch. "Die Begründung war: Es werde das Stereotyp verbreitet, Blinde seien behindert."

Und Dinosaurier? Sie sind zwar nicht behindert, nur ausgestorben, dürfen aber dennoch in einem rechtschaffenen Schulbuch nicht vorkommen. Denn ihre Erwähnung könnte die Gefühle der religiösen Rechten verletzen, die glauben, Gott habe die Erde in 6 Tagen und zudem vor etwa 5000 Jahren erschaffen. Wahrscheinlich wird aus dem gleichen Grund der ganze Geologie-Unterricht illusorisch. Eva Schweitzer: "Nazis heissen demnächst wahrscheinlich 'ethisch herausgeforderte Kaukasier arischer Herkunft'". Nur keine Diskriminierung.

Unser Textatelier-Autor Heinz Scholz macht mich freundlicherweise immer wieder auf entsprechende Kuriositäten aufmerksam [1]. Ich habe nach der Lektüre dieses Artikels einen kurzen Leserbrief an die "Badische Zeitung"(www.badische-zeitung.de) geschrieben, die sich immer wieder auf geistreiche Art mit Sprachdummheiten befasst:
"Frage: Darf man in den USA noch 'Bush'sagen? Die ehrenwerten Büsche der Natur könnten sich zu Recht sehr beleidigt fühlen."

Der Brief wurde am 7. Juni 2003 prompt abgedruckt.

Es kann ja kein Fehler sein, sich für das Ansehen von Pflanzen einzusetzen. Und zwar im Klartext.

Walter Hess


Schwarzer Mann, Negerküsse und Dicke

Während meiner Tätigkeit in einem grossen pharmazeutischen Unternehmen hatten wir des öfteren Werkstudenten zu Gast. So kam eines Tages ein sehr wissbegieriger und höflicher Ghanaer zur Betreuung unter meine Fittiche. Irgendwie kamen wir auf deutsche Sprachregelungen und Sprichwörter zu sprechen. Er regte sich furchtbar auf, wenn im deutschen Sprachgebrauch vom "schwarzen Mann" gesprochen wurde. Er fühlte sich diskriminiert. Auch Erklärungen meinerseits, der schwarze Mann bedeute hier "Schornsteinfeger" oder "Kinderschreck" und dass diese dunkle Gestalt auch ein Weisser sein könne, fruchteten nichts. Auch der Hinweis auf diverse Wörterbücher, die den "schwarzen Mann" aufführen, konnten ihn nicht besänftigen. Würde die amerikanische Sprachpolizei auch bei uns wüten, dann wäre dieser Ausspruch schon längst von der Bildfläche verschwunden.

Im weiteren Verlauf der Gespräche musste ich mich sehr zurückhalten und die Worte, die aus meinem Mund sprudelten, genau abwägen, damit ich nichts Falsches sagte. Ein Kollege meinte, man dürfe auf keinen Fall von einem Neger sprechen, dies würde eine abwertende Bedeutung haben, da früher die afrikanischen Sklaven als Neger bezeichnet wurden. Ich solle doch lieber nach deutschen Wörterbüchern vorgehen und "dunkelhäutiger, kraushaariger Bewohner des grössten Teils von Afrika" sagen. Auf die Frage, ob man auch "Kaffer" sagen darf, meinte der Ghanaer, dies solle man bleiben lassen. Kaffer bedeutet nämlich umgangssprachlich laut Duden "dummer, blöder Kerl" (hebräisch-jiddisch), ist aber auch eine Bezeichnung für einen Angehörigen eines Bantustammes in Südafrika. Auch das Wort "Kanake", das als abwertende Bezeichnung für einen ausländischen Mitarbeiter gebräuchlich ist, dürfte laut "Sprachpolizei" nicht mehr verwendet werden. Wohl die wenigsten wissen, dass Kanake auch ein eingeborener Bewohner der Südseeinseln ist und das hawaiitische "kanaka" nichts anderes als "Mensch" bedeutet. Wer also über einen Zeitgenossen so richtig herziehen möchte, kann dann mit ruhigem Gewissen sagen: "Dieser Mensch!"

Hersteller von Neger- oder Mohrenküssen mussten vor Jahren auf Grund von Beschwerden den schokoladenüberzogenen Schaumkörper in "Schokoküsse" oder "Dickmanns" umbenennen. Ob dies notwendig war, bleibe dahingestellt. Ich sehe in den alten Bezeichnungen keinerlei Abwertung einer Menschengruppe. Im Gegenteil, wir sahen in unserer Kinder- und Jugendzeit im "schaumigen, süssen Kuss" etwas Positives.

Auch von Autoren müssen Sprachtabus beachtet werden. Als ich vor etlichen Jahren über das Abnehmen einen Artikel in einer Zeitschrift publizierte, regte sich eine Leserin über die Ausdrücke "Dicke", "Fettsüchtige" und "Fettleibige" auf. Ich solle doch gefälligst in Zukunft von "Übergewichtigen" sprechen und bitte keine diskriminierenden Äusserungen über diese Menschen machen. Sie sah bereits in der ausführlichen Beschreibung der negativen Auswirkungen des Dickseins eine Diskriminierung!

Oder ein anderer Fall: Als ich in einer Arbeit über Schwerhörige von einer Behinderung sprach, meinte eine Leserin, ich solle doch künftig nicht von einer solchen sprechen, da sie sich nicht behindert fühle und mittels eines Hörgerätes Sachen höre, die Normalhörige in Erstaunen versetze.

Heinz Scholz

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[1] Zu dieser Betrachtung "Sprachtabus", die ich Heinz Scholz im Voraus zum Gegenlesen unterbreitet hatte, schrieb dieser sprachbegabte deutsche Wissenschaftsautor: "Herzlichen Dank für die Übermittlung der Arbeit 'Sprachtabus'. Die Abhandlung ist wiederum sehr gelungen und amüsant zu lesen. Als Autor muss man solche Sprachtabus tatsächlich beachten, auch wenn sie oft an den Haaren herbeigezogen sind. Wir können ja nicht immer mit angezogener Handbremse schreiben. Dann wären ja die Sprachmöglichkeiten eingeschränkt. Auch mit Witzen muss man sehr vorsichtig sein. Als ich in den 60er-Jahren einer österreichischen Gesundheitszeitung einen Witz bzw. eine amüsante Anekdote über Klemens Wenzel Fürst von Metternich (1773-1859) anbot, war die Redaktion so beleidigt, dass ich als Autor für sie erledigt war. Sie meinten, über Metternich mache man keine Witze, er wäre eine hoch geachtete Person gewesen."

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