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     17. August 2018, 23:06 Uhr
 


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Die Darsteller der Liebesnovelle „Emma – Das Fest am Rhein”

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London

Ehe gelegentlich einige weitere Auszüge aus dieser „altmodischen Liebesnovelle“ von Stapel gelassen werden, sollen hier die Hauptfiguren der Novelle, mitsamt den Mitspielern, einer kurzen Betrachtung unterzogen werden. Im Teil „Der schönste Tango seines Lebens“ (bereits publiziert) sind die Akzente für den Weiterverlauf der Geschichte gesetzt.

Untereinander
Was dachten die Burschen von den Mädchen untereinander und umgekehrt, die Mädchen von den Burschen? Ein klärender Einschub ist angebracht.

Es war wohl das erste Mal, dass sich die Burschen mit Mädchen im losen Verbund enger kameradschaftlich zusammentaten. Auch ahnten sie, dass dieser zwangsläufig vorübergehender Natur war, denn selbst zwischen ihnen werden sich die Wege nach dem Sommer trennen, weil jeder seinen eigenen einschlägt.

Beim „Barfi” (Barfüsserplatz), dem Treffpunkt in der Stadtmitte von Basel, trafen sie sich, wie so oft zuvor. Bei einem Bier überkam sie die Lust, die Mädchen durchzuhecheln. Zuerst wurde Emma vorgeknöpft. Felix, der grosse Frauenkenner, müsse wohl einen Korb von der Emma eingesteckt haben, mutmasste Kurt.

„Keineswegs“, protestierte Felix beinahe vehement, in seinem Stolz getroffen, „sie ist einfach zu stark religiös angehaucht für meinen Geschmack. Obendrein sind für sie Männer bloss Randfiguren.“ So anziehend Emma auch ist, wurde sie als schwerer Fall eingestuft und selbst für einen oberflächlichen Flirt als ungeeignet befunden. Armin schwieg sich aus.

Ganz anders das Eichhörnchen. „Das lässt sich ungleich leichter haschen, nicht wahr?“, blieb Kurt auf Felix’ Fersen. Als putzig, niedlich und aufgeschlossen eingeschätzt, lasse sich mit Arlette mehr anfangen, war das Verdikt.

„Und nun zur Köchin! Sie hat gleich 2 von uns aufs Korn genommen, Armin und Kurt. „In der Not frisst der Teufel Fliegen“, entgegnete Kurt. Armin bezeichnete sie als eine herzensgute Seele. Damit war Vreni abgetan.

„Warum so herzlos dreinfahren?“ wandte Markus ein.

„Du hast gross reden“, bot nun Markus Angriffsfläche, „du hast dich ja gar gewaltig angestrengt, um bei Claudia am Ball zu bleiben – doch offensichtlich umsonst...“, grinste Felix hämisch.

Allein Armin blieb verschont, und seine heimliche Liebe für Emma blieb eben heimlich und vorderhand unentdeckt.

Noch waren keine Kontakte fürs nächste Treffen angebahnt. Taktisch beschlossen sie, dem Verlauf der Dinge zu harren. Bald wird Irene aus den Ferien zurück sein und wohl für neuen Auftrieb sorgen.

Es entspricht dem weiblichen Wesen, Beziehungen zum anderen Geschlecht eingehender unter die Lupe zu nehmen, besonders da diese Neuland für die jungen Geschöpfe waren – ein Experimentierfeld par excellence. Diesmal, unter sich im Gartenschwimmbad, waren sie ein bisschen enttäuscht, dass keiner der Burschen aufkreuzte.

„Am besten lassen wir sie etwas schmoren, sonst glauben sie, wir rennen ihnen nach“, begann Arlette und fügte hinzu: „Sie sind doch alle noch ziemlich ungehobelt.“

„Immerhin haben wir ihnen etwas Schliff gegeben“, steuerte Emma lächelnd bei. „Zweifellos“, unterstützte sie Claudia, „beim Zvieri in deinem Garten benahmen sie sich beinahe wie es sich gehört.“

„Wer von ihnen hat es euch am meisten angetan?“ fragte Arlette listig.

„Die Fragestellerin antworte zuerst“, warf Vreni die Frage zurück. „Also, Hand aufs Herz, kommt Armin zuerst, gefolgt von Felix oder Markus. Kurt überlasse ich Vreni zur weiteren Nachbehandlung.“

Claudia bevorzugte Markus, „denn Felix sei nicht zu trauen“, meinte sie.

„Rück heraus“, forderten sie Emma auf, Farbe zu bekennen. „Wir wetten, dass der ‚Perser’ dich nicht ganz gleichgültig gelassen hat.“

„Wollt ihr mich kollektiv erpressen? Also denn, der ‚Perser’ hat ein gewisses Etwas und kommt nicht von der Mühle nebenan.“ Wiederum pflichtete ihr Claudia bei: „Er trägt erst noch einen quasi rätoromanischen Namen – Caluori. Zwar ist dieser Familienzweig schon vor mehreren Generationen in die deutsche Schweiz abgewandert ... Ich fand ihn ziemlich zurückhaltend. Ich glaube, er äussert sich höchst ungern über sich selbst.“ Ein verbrämtes Schmunzeln huschte über Emmas Lippen, denn diesbezüglich hatte sie einen anderen Eindruck von ihm gewonnen.

Hier hakte Vreni ein: „Er ist ganz gewiegt im Ausfragen.“

“Wie meinst du das?“ fragte Emma.

„Ich glaube, du fesselst ihn. So ganz nebenbei wollte er wissen, was es mit der ‚Nonne’ auf sich habe. Ich nehme an, dass ich richtig gehandelt habe, indem ich ihm klaren Wein einschenkte. Schwer zu sagen, ob er sich das hinter die Ohren geschrieben hat ...“

Diese freimütige Offenbarung machte Emma etwas stutzig. Arlette anerbot bereitwillig, Armin ihrem Verführungsversuch auszusetzen.

„Das ist dir natürlich vollkommen freigestellt, zumal du dich dazu nicht zwingen brauchst; aber letzten Endes ist das alles für mich recht belanglos“, entwand sich Emma dem Ränkespiel ihrer Gefährtinnen.

Ähnlicher, wenngleich weniger eingehender Behandlung, liessen sie den übrigen Burschen angedeihen, die jedoch hier angesichts der sich anbahnenden Liebesgeschichte zwischen Armin und Emma beiseitegeschoben wird. Bleibe es daher und vorderhand als offene Frage dahingestellt, ob Claudias Vorliebe für Markus in die gleiche Richtung wies.

(Hier schiebt sich der Auftritt ein: „Der schönste Tango seines Lebens“), gefolgt von:

Hochsommer-Abglanz
Wochen waren verstrichen seit dem letzten Treffen am Rheinfest. An jenem Abend war Irene auf der Rückfahrt von Birsfelden spätnachts auf der nassen Strasse verunglückt. Bei übersetztem Tempo schlitterte das Auto gegen die Abschrankung. Der Fahrer wurde schwer verletzt ins Stadtspital eingeliefert; Irene kam relativ glimpflich davon mit Schulterbruch, Prellungen und Zahnschaden. Dies erfuhr Armin von Emma. Verschiedentlich trafen sie sich seit jenem glückseligen Abend zu einem Konzert oder Kinobesuch.

Armin war recht niedergedrückt, als sie ihm mitteilte, dass sie demnächst an einem intensiven zweimonatigen Kurs im Missionshaus teilnehmen werde und auch dort einquartiert sein werde. Folglich sei ihre Freizeit stark eingeschränkt, bemerkte sie. Musste er dies als ein gewisses „Abstandnehmen“ ihrerseits auslegen? Sein Herz stockte allein schon beim Gedanken, dass sie dort neue Bekanntschaften schliessen und sich an Leute anschliessen könnte, deren Interessensbereiche enger mit ihren übereinstimmten.

Dies bewog Armin, 2 Monate in London zu verbringen. Im Herbst würde er sein Diplom in der Tasche haben, und er war entschlossen, eine Stelle in London zu finden, vorübergehend vielleicht, um alsdann sein Studium fortzusetzen. „2 Monate verfliegen im Nu“, sagte sie, und ihre Stimme klang warm und tröstend.

Armin traf sie nochmals am Vorabend seines Abflugs nach London. Eine Welle der Wehmut umbrandete sein Gemüt. Sich ihr gegenüber offenbarend, erinnerte er sich dankbar seiner ersten Begegnung mit ihr im Gartenschwimmbad und ganz besonders als Gast in ihrem Hause.

„Hier“, reichte er ihr einen Umschlag, „da ich dir nicht auf der Geige vorspielen wollte, solltest du wenigstens eine Auswahl meiner Aphorismen haben.“

Sie hielt den Umschlag mit beiden Händen und dankte ihm. Zum Abschied reichte er ihr die Hand, und um ihn zu erleichtern, fragte er sie im gezwungen spasshaften Anlauf: „Wo willst du meinen Abschiedskuss haben – Stirne oder Lippen?“ Wortlos deutete sie gegen ihren Mund.

„Ich bete zum Lieben Herrgott, dass dieser nicht der letzte sein wird! Ich werde dir von England aus schreiben“, versprach er ihr nachwinkend.

Aufstiege und Abstiege:
Armins Aufenthalt in London

Armin fand ein Zimmer unweit des ‚Brompton Oratory’ in South Kensington. Bedeutungsvoll war für ihn, dass er vom Fenster aus das Kreuz auf der Kuppel erblicken konnte – ein schweres Kreuz zwar, so fern von Emma. Wiewohl er als Kind die Metropole verlassen hatte, fand er sich bald wieder in seiner Geburtsstadt zurecht. Er klopfte die Occasions-Buchhandlungen ab und deckte sich reichlich mit Lesefutter ein.

London war im Umbruch. Viele der einst vernachlässigten Quartiere sind zu wünschenswerten ‚post codes’ aufgewertet worden, worunter auch Clapham Junction.

Dort lebte Stefan, der eben seine Klavierprüfung im ‚Royal College of Music’ bestanden hatte, ausgerechnet mit einer Perserin zusammen, im viktorianischen Eckhaus seiner Mutter, die ihrerseits griechischer Abstammung war. Stets willkommen, kam Armin ausserdem in den Genuss ihrer Kochkunst und brauchte nicht zu darben. Dank Stefan erweiterte sich allmählich Armins Bekanntenkreis.

Es entging Stefan nicht, dass seinen Freund etwas auf dem Herzen drückte. Nach und nach rückte Armin mit der Sprache heraus. Dies erleichterte ihn zeitweilig, obwohl er gerne auf Stefans wohlgemeinte Ratschläge verzichtet hätte.

Schon in der Schweiz hatte er seine Stellensuche in Gang gebracht. Er bewarb sich um ein Praktikum beim ‚Tea Council’, ‚The International Coffee Organisation’ und vielen Beratungsfirmen. Nach einem Dutzend vergeblicher Anläufe wurde er schliesslich fündig, und zwar in einer amerikanischen Beratungsfirma in Genf. Der Eintrittstermin wurde auf Ende Oktober angesetzt, mit zweimonatiger Probezeit.

Die Zeit der Trennung von Emma zerschmolz tatsächlich im Nu. Hundert Mal hatte er jeden ihrer Briefe gelesen. Sie hatte sich für einige Semester Theologie in der Calvin-Stadt Genf eingeschrieben und plante, dort anschliessend ihr Medizinstudium aufzunehmen. Der Kurs im Missionshaus war eine praktische Einführung in die Sozialarbeit. In Ruth Hubacher hatte sie ihr Vorbild gefunden, eine der ersten Schweizerinnen, die zur evangelischen Pfarrerin promoviert wurde und ausserdem in aller Welt herumgereist war. Sie beschrieb sie als stattliche Dame mit knackigem Humor, offenem Weltsinn und jeder Dogmatik abhold. Ihre Mitschüler kamen auf der beruflichen Entscheidungssuche zumeist aus der Schweiz oder aus dem benachbarten Deutschland und Frankreich. Über sich selbst und ihre Empfindungen äusserte sich Emma spärlich. Wäre sie nicht so einfühlsam in seine Londoner Eindrücke eingegangen, wäre Armin ernstlich besorgt gewesen.

Ihr Lob seiner Aphorismen freute ihn. Hin und wieder flocht sie eines in ihren Briefen mit ihrer Anmerkung ein, die mehr über sie aussagten als jede Gefühlsduselei. Zu seinem Aphorismus ‚Ideale heissen die Aufstösse der Seele – und sind meistens kurzfristig, wie die des Magens’ schrieb sie: ‚Wie wahr und deshalb wichtig, sie zu pflegen damit sie weiter wachsen und Knospen treiben’. Oder zu seinem Ausspruch ‚Des Zweiflers Fragezeichen sind des Gläubigen Ausrufezeichen’, fragte sie: „Gibt es eine Mischform der beiden Zeichen? Ich glaube ja – der Gedankenstrich.“ Als letztes Beispiel zitierte sie ‚Die Hürde wird im Anlauf genommen – nicht unbedingt im ersten’ und verband es mit einem ähnlichen ‚Erschwerende Umstände sind oft der beste Weg zur Erleichterung’ , hinzufügend, ‚so sind uns Prüfungen auferlegt, worauf Armin ihr schrieb: „Prüfungen auf dem Weg zueinander ... ob wir sie bestehen?“ Eine bange Frage, die Armin sehr beschäftigte.

Hier hatte Emma endlich ihrerseits das gelobte ‚uns’ benutzt. Seiner Antwort fügte Armin spontan und inständig hinzu: „Von allen Zielen, die wir verfolgen, teilen wir hoffentlich eines – unser innerstes Liebesziel. Und frage mich nicht, liebe Emma, wie ich es mit einem Wort nenne!“

Nun war es an Emma, bange zu werden, denn dieses gemeinsame Liebesziel stimmte nicht mit ihrem Lebensziel überein.

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